
500 000 Tonnen Abfall: Solothurn saniert seinen «Stadtmist»
In Solothurn läuft derzeit eine der grössten Altlastensanierungen der Schweiz. Im Westen der Stadt wird ein Areal so gross wie 22 Fussballfelder bearbeitet: Der von 1925 bis 1976 dort abgelagerte Siedlungsabfall wird komplett ausgehoben, zum Teil noch vor Ort behandelt und anschliessend wiederverwertet oder entsorgt. Seit dem Start der Sanierung sind zusätzliche Herausforderungen aufgetreten – doch die Arbeiten sind im Zeitplan.
Asche, Glasflaschen, Keramik, Textilien, Grüngut, Plastik, Elektrogeräte: Auf den Feldern im Westen Solothurns findet sich so ziemlich alles, was die Stadtbevölkerung in den Jahren von 1925 bis 1976 loswerden wollte. Damals befand sich dort nämlich die Abfalldeponie der Stadt, genannt «Stadtmist». Nach deren Stilllegung wuchs buchstäblich Gras über das Areal, das mit 16 Hektar so gross ist wie 22 Fussballfelder. Doch darunter gelangten gefährliche Stoffe wie Schwermetalle in den Boden und zusätzlich Ammonium sowie Chemikalien wie CKW, PCB und PAK ins Oberflächenwasser, wie Beat Rüttimann, Gesamtprojektleiter aufseiten des kantonalen Amts für Umwelt, erklärt. Deshalb muss das Gebiet saniert werden.
Totalaushub der Deponie
Bereits in den 1980er-Jahren gab es erste Untersuchungen, es folgten weitere Analysen. «Zwischen Bund und der Bauherrengemeinschaft, bestehend aus Kanton und Stadt Solothurn, bestanden lange unterschiedliche Vorstellungen über die geeignete Art der Sanierung», sagt Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt und Stadtbaumeister der Stadt Solothurn. 2020 schliesslich einigte man sich auf einen Totalaushub der problematischen Gebiete Unterhof, Spitelfeld und Oberer Einschlag. Stadt und Kanton Solothurn bildeten eine Bauherrengemeinschaft, die den Auftrag ausschrieb. Den Zuschlag erhielt ein Totalunternehmen, das von der Planung über die Bauleitung und Laboranalytik bis hin zum Betrieb alle Arbeiten übernimmt.
«Zwischen Bund und der Bauherrengemeinschaft, bestehend aus Kanton und Stadt Solothurn, bestanden lange unterschiedliche Vorstellungen über die geeignete Art der Sanierung.»
2022 startete die Sanierung. Rund 65 Prozent des Materials werden direkt vor Ort in einer grossen Halle behandelt und nach Materialien sortiert: Metall, Holz, Plastik, Glas, mineralische Bestandteile wie Kies oder Sand. Gewisse Metalle und Baustoffe können wiederverwendet werden, anderes landet in der Kehrichtverbrennungsanlage. Aussortiertes, nicht verwertbares Material wird entsprechend seiner Belastung einer Deponie zugeführt.
Radioaktives Material
Doch während die Arbeiten an sich gut vorankommen – von den Arealen Unterhof und Spitelfeld sind bereits je die Hälfte saniert –, liegt ein Teil des Materials noch immer auf einem Zwischenlager auf dem Spitelfeld statt fachgerecht in einer Deponie. Das Problem: Ein Teil des Bodens ist radioaktiv kontaminiert, ein Erbe der Uhrenindustrie in Solothurn. Bis Ende der 1960er-Jahre wurde Radium-226 als Leuchtzifferfarbe für Uhren verwendet, häufig in Heimarbeit. In den Unmengen an Abfällen finden sich kontaminierte Werkzeuge, zum Beispiel Pinsel.
Ein grösseres Problem ist aber die diffuse Belastung, wenn zum Beispiel ein ausgeleerter Behälter mit Radium eine grössere Menge an Abfällen kontaminiert hat. «Dieses Material strahlt nur schwach und liegt weit unter den gesetzlichen Grenzwerten, sodass für die Bevölkerung keine Gefahr besteht», betont Beat Rüttimann vom kantonalen Amt für Umwelt. Alle Abfälle werden an zwei Stellen standardmässig auf Radioaktivität überprüft, während ein Strahlenschutzkonzept die Mitarbeitenden schützt. Deponiebetreiber sind dennoch skeptisch, und es ist schwierig, Abnehmer für das kontaminierte Material zu finden.
PFAS als Herausforderung
Eine weitere Herausforderung kam nach dem Start der Arbeiten hinzu: PFAS. Die sogenannten «Ewigkeitschemikalien» können in der Umwelt kaum abgebaut werden und sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus geraten. Auch im «Stadtmist» sind sie vorhanden und bleiben auch nach der Abfallbehandlung im Material nachweisbar – doch weil der Bund noch keine Grenzwerte definiert hat, sind Deponiebetreiber sehr skeptisch bei der Annahme von PFAS-belastetem Material. «Momentan besteht eine grosse Unsicherheit», sagt Beat Rüttimann.
Diese zusätzlichen Herausforderungen sowie die Teuerung und die gestiegenen Energiepreise aufgrund der Weltlage haben die Kosten für die Sanierung in die Höhe getrieben. Ging man zu Beginn von 120 Millionen Franken für das Gesamtprojekt aus, sind es nun rund 200 Millionen Franken. Davon übernimmt der Bund aus dem VASA-Altlastenfonds rund 40 Prozent, der Kanton 35 Prozent und die Stadt und der Kanton als Grundeigentümer 25 Prozent.
Aktive Kommunikation
Aus der Bevölkerung kommt grundsätzlich Unterstützung; die Anwohnerschaft und betroffene Landwirte werden mit einbezogen. «Natürlich ist die Sanierung ein grosses Thema, auch aufgrund der hohen Investitionen», sagt Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt und Stadtbaumeister der Stadt Solothurn. Beat Rüttimann fügt hinzu: «Aufgrund der Verschmutzung ist eine Sanierung des Gebiets gesetzlich erforderlich. Mit dem gewählten Totalaushub können die Altlasten nachhaltig beseitigt werden.» Auf einer eigenen Website dokumentieren Stadt und Kanton den Fortschritt der Sanierung, zusätzlich informiert ein Newsletter. Zudem werden pro Jahr rund 30 Führungen durchgeführt: für Fachpersonen und Firmen, aber auch für Schulen, Verbände und Vereine. «Das Interesse nimmt mit dem Fortschritt der Arbeiten sogar zu», sagt Beat Rüttimann.
«Mit dem gewählten Totalaushub können die Altlasten nachhaltig beseitigt werden.»
Verläuft alles nach Plan, ist der Totalaushub der Deponie bis 2028 abgeschlossen. Der Bereich Unterhof soll zu einem späteren Zeitpunkt überbaut werden, die restlichen Bereiche werden mit unbelastetem Material aufgefüllt und später als Landwirtschaftsland gebraucht.
Zahlen und Fakten
Die ehemalige Abfalldeponie «Stadtmist» im Westen der Stadt Solothurn wurde von 1925 bis 1976 genutzt und umfasst eine Fläche von rund 16 Hektar, was 22 Fussballfeldern entspricht. Die Abfälle wurden bis zu 3,5 Meter hoch getürmt und umfassen ein Gewicht von 500 000 Tonnen. Die Grundeigentümer des Areals sind die Stadt Solothurn (81 Prozent) und der Kanton Solothurn (19 Prozent). Die Art der Abfälle unterscheidet sich je nach Zeitpunkt: Im ältesten Teil der Deponie sind es vor allem Asche, Brandschutt, Metalle, Glas, Keramik und Textilien. Ab den 1960er-Jahren kamen Plastik, Elektrogeräte, Lösungsmittel, Schwermetalle sowie gewerbliche und industrielle Abfälle hinzu.
Weitere Informationen: https://stadtmist.so.ch/