Christian Jott Jenny war es wichtig, als Gemeindepräsident von St. Moritz für eine gewisse Aufbruchstimmung zu sorgen.

Christian Jott Jenny: «Vermutlich hat mich der Wahnsinn geküsst …»

31.08.2026
9 | 2026

Man darf ihn – ohne zu übertreiben – als ziemlich bunten Vogel in der kommunalpolitischen Szene der Schweiz bezeichnen. Nach zwei Amtsperioden tritt Christian Jott Jenny von seinem Posten als Gemeindepräsident von St. Moritz (GR) ab. Wir haben uns mit dem Musiker und Kulturunternehmer über seine Erfahrungen als Quereinsteiger unterhalten.

Christian Jott Jenny, wann wurden Sie zum Gemeindepräsidenten von St. Moritz gewählt?

Ich wurde am 7. Oktober 2018 um 11.38 Uhr im zweiten Wahlgang zum Gemeindepräsidenten gewählt.

Was hat Sie bewogen, sich als Kandidat für dieses Amt aufstellen zu lassen?

Vermutlich hat mich der Wahnsinn geküsst … Nein, im Ernst: Der Wunsch nach Veränderungen hier oben war im Volk deutlich spürbar. Es wollten sich aber keine echten Eingeborenen zur Wahl stellen – also musste ein fremder «Fötzel» her. Dieser war ich. Aber so fremd war ich ja gar nicht …

Welche Beziehung hatten Sie damals zu St. Moritz?

Ich habe vor über 20 Jahren das «Festival da Jazz» gegründet und aufgebaut. Unterdessen gilt das Festival als grösster Sommerevent in Graubünden. Es bespielt das Engadin in einer Zeit, die damals noch nicht so als «Hochsaison» klang. Dies gab mir das nötige Vertrauen im Volk – und umgekehrt. Sie wussten, dass ich ein Macher bin.

Wie haben Sie den Quereinstieg in den Gemeindealltag erlebt?

Es war etwa gleich schlimm für mich wie die vier Jahre bis zur Matura, notabene mit ähnlichen Figuren im «Lehrerzimmer»: diejenigen die einem gutgesinnt und stets da waren, und die anderen, die einen immer rausschmeissen wollten. Glücklicherweise hat sich das mit der zweiten Amtsperiode deutlich verbessert. Konkret: Die Widersacher im Kabinett wurden vom Volk abgewählt.

Was war neu oder unerwartet für Sie?

Dass letztendlich trotzdem alles etwas anders ist, als man es sich so vorstellt. Glücklicherweise weiss man nicht, was auf einen zukommt. Sonst würde sich wohl niemand mehr für so eine Aufgabe zur Verfügung stellen!

Mit welchen Ideen und Plänen sind Sie damals gestartet?

Mit Ideen und Visionen! Aber der Dorfarzt hat mir bald einmal gesagt, dass man mit Visionen lieber einen Psychiater aufsuchen sollte. Spass beiseite! Ich lernte bald: Wenn man nicht fähig ist, seine Ideen und Visionen in anständige Anträge zu verwandeln, ist man in der Realpolitik schnell einmal verloren.

Was war besonders herausfordernd für Sie?

Das ständige Misstrauen gegenüber mir als «fremdem Fötzel» – was ja irgendwie auch logisch war – , interne Machtkämpfe und die diversen, andersartigen Erwartungen an das Amt und an mich.

Was haben Sie dank des Amts als Gemeindepräsident alles gelernt?

Es war die allerbeste und schönste zweite Ausbildung in meinem Leben. Näher kommt man wohl nicht an die Menschen in all ihren Facetten ran. Ich bin enorm dankbar und demütig, dass das Volk mir für acht Jahre diese Möglichkeit gegeben hat. Es war mir eine Ehre, dieser Gemeinde dienen zu dürfen.

«Ich bin enorm dankbar und demütig, dass das Volk mir für acht Jahre diese Möglichkeit gegeben hat.»

Christian Jott Jenny, abtretender Gemeindepräsident von St. Moritz (GR)

Sie stehen auch als Musiker auf der Bühne und wirken als Festivaldirektor. Wie bringt man all diese Aufgaben und das Amt als Gemeindepräsident unter einen Hut?

Das kann und konnte ich schon immer. Man muss sich im Moment einfach fokussieren können. Als «Super-ADHSler» kann ich das sehr gut (lacht).

Was war Ihnen als Gemeindepräsident stets wichtig?

Eine gute Stimmung in die Gemeinde zu bringen, eine Stimmung im Sinne von: «Ja, wir können das!» Ich wollte für Aufbruchstimmung sorgen. Wichtig war mir auch, zuzuhören – den einfachen Bürgerinnen und Bürgern mit ihren Sorgen, aber auch dem Multimilliardär. Und dann vermittelte ich zwischen den Fronten. Hier ging es mir darum, Verständnis zwischen den beiden Polen St. Moritz als einfaches Dorf und dem Welt-Brand St. Moritz herzustellen. 

Auf welche Projekte, die Sie in Ihrer Amtszeit als Gemeindepräsident realisiert haben, sind Sie besonders stolz?

Wir haben Dreiviertel der grossen Abstimmungen durchgebracht und gewonnen. Aber vor allem spricht man heute in der Schweiz wieder mit einem Lächeln über unsere Gemeinde. Vielleicht konnte ich St. Moritz ein etwas selbstironisches «Ich» zurückgeben. Das würde mich sehr freuen.

Wo steht die Gemeinde St. Moritz heute?

Sie steht finanziell und auch imagetechnisch so gut wie selten da.

Was sind Ihre persönlichen Zukunftspläne?

Ich werde täglich danach gefragt: Was machen Sie ab dem 1. Januar 2027? Die Antwort lautet jeweils: «Dasselbe wie bis anhin auf dem Amt: nichts!»

Zur Person

Christian Jott Jenny (47) studierte Gesang an der Zürcher Hochschule für Musik und Theater und gründete seine erste Jazzband. Im Jahr 2000 zieht es Jenny nach Berlin, wo er sich an der Hochschule für Musik «Hans Eisler» zum klassischen Tenor ausbilden lässt. Von Erich Honecker wird Jenny zum ersten Staatssänger ernannt und erhält eine goldene Ehrenmedaille der DDR. Zurück in der Schweiz, zimmert Jenny weiter an seiner Laufbahn. Seine Produktionsfirma «Amt für Ideen» produziert diverse Bühnenstücke und ähnliche Produktionen. 2007 gründet Jenny das «Festival da Jazz St. Moritz». 2018 kandidiert Jenny fürs Amt des Gemeindepräsidenten von St. Moritz und wird gewählt. Daneben findet er in seiner Freizeit und abends noch Platz für das eine oder andere Konzert.

Fabrice Müller
Freier Mitarbeiter