Brig-Glis aus der Vogelperspektive. Der Walliser Grosskaufmann und Politiker Kaspar Stockalper verwandelte den Ort im 17. Jahrhundert in einen internationalen Handels- und Verkehrsknotenpunkt.

Geschichte trifft auf Innovation: Wakkerpreis 2026 geht nach Brig-Glis

01.04.2026
4 | 2026

Das Alpenstädtchen Brig-Glis ist seit Kurzem die jüngste Wakkerpreisträgerin. Gemäss dem Schweizer Heimatschutz, der den Preis seit 1972 jährlich verleiht, fördert die Oberwalliser Gemeinde eine «kulturell und sozial bereichernde Nutzung ihres baukulturellen Erbes» und «verbindet damit Tradition und Innovation auf beispielhafte Weise». Doch was bedeutet das konkret? Besuch auf dem Bauamt von Brig-Glis. 

Mit seinen rund 14 000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Brig-Glis die grösste Gemeinde im deutschsprachigen Wallis. Viele kennen das Städtchen als Verkehrsknotenpunkt in Richtung Italien, ins Goms oder in die Aletsch Arena. Architekturfreunden dürfte wiederum vor allem das im 17. Jahrhundert erbaute Stockalperschloss – das grösste Barockschloss der Schweiz – ein Begriff sein. «Doch Brig-Glis hat den Wakkerpreis nicht einfach deshalb erhalten, weil es das Stockalperschloss hat, sondern weil die Gemeinde selbst viel getan hat», stellt Stadtarchitekt Daniel Giezendanner klar.

Den Spagat zwischen Tradition und Zukunft meistern

So hat die Gemeinde im Jahr 2014 ein Leitbild verfasst und darin definiert, wie sich die Altstadt, die Wohn- und Gewerbezonen, aber auch die vorhandenen Grünräume und die dörflichen Ortsteile Gamsen und Brigerbad räumlich weiterentwickeln sollen. Stadtarchitekt Daniel Giezendanner sagt dazu: «Wir wollen einerseits den historischen Stadtkern respektieren, andererseits muss sich Brig-Glis aber auch entwickeln können. Hier gilt es, ein Gleichgewicht zu finden.» Ziel der Gemeinde ist es, ihre kulturelle Identität als Handels- und Verkehrsknotenpunkt zu bewahren; gleichzeitig sollen den historischen Bauten aber auch neue Funktionen zugeführt werden.

«Brig-Glis hat den Wakkerpreis nicht einfach deshalb erhalten, weil es das Stockalperschloss hat.»

Daniel Giezendanner, Stadtarchitekt Brig-Glis

So wurde aus dem Schlösschen Mattini eine moderne Kinder- und Jugendeinrichtung. Das altehrwürdige Kollegium (Gymnasium) wurde nicht nur regelmässig erweitert und ausgebaut – auf dem Areal ist über die Jahrzehnte hinweg ein eigentlicher «Bildungshügel» entstanden, der heute verschiedene Schulen beherbergt. Das militärische Zeughaus wurde zum Kulturzentrum umfunktioniert, und das Marienheim des Ursulinenordens fungiert heute als Flüchtlingsheim und Gästehaus.

Wettbewerb sorgt für Qualität

Klar: Zeitpunkt und Art ihrer Umnutzung lassen sich bei jahrhundertealten Gebäuden nicht einfach von einer Arbeitsgruppe auf dem Reissbrett planen. Dennoch verfolgt die Gemeinde bei ihrer städtebaulichen Entwicklung ein übergeordnetes Konzept und wendet gewisse Prinzipien an, wie Daniel Giezendanner erklärt. So führt die Gemeinde bei Bau- oder Umnutzungsprojekten regelmässig Architekturwettbewerbe durch – auch wenn das nicht vorgeschrieben wäre. Jüngstes Beispiel ist die Sanierung der Strasse durch den Ortsteil Gamsen: Hier hat die Gemeinde einen Wettbewerb für Landschaftsarchitektinnen und ‑architekten ausgeschrieben, wodurch gleich das ganze Ortsbild aufgewertet werden soll, anstatt «nur» eine Strassensanierung durchzuführen. Auch die Transformation der ehemaligen Altstadtkommission in eine neue Gestaltungskommission, die nun nicht mehr nur für den historischen Stadtkern verantwortlich ist, fügt sich in dieses Bild ein.

Grünflächen fürs Klima und für die Bevölkerung

Neben dem vorbildlichen Umgang der Stadtgemeinde mit ihrem baukulturellen Erbe hat die Wakkerpreis-Kommission noch ein zweites Element überzeugt: das Vorgehen in Bezug auf die Klimaadaption, die Grünflächen und damit letztendlich auch auf die Verbesserung der Lebensqualität. Isabell Müller, Leiterin des Bauamts, erklärt: Nach der tragischen Überschwemmung im Jahr 1993 hat Brig-Glis die Altstadt bewusst autofrei und fussgängerfreundlich neu gestaltet. Die Unwetterkatastrophe wurde von der Gemeinde auch als Chance wahrgenommen. Seither wurden neue Baumalleen gepflanzt, die Stadt begrünt, die Natur als Ort der Erholung verstärkt in den Gemeindeperimeter eingebunden.

Davon profitiert nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Natur selbst: Heute pflanzt die Stadtgärtnerei bewusst verschiedene Baumarten, um mehr Pflanzen und Tieren einen Lebensraum zu bieten. Flächen werden gezielt entsiegelt; Teer- durch Sickerbeläge ersetzt. Demnächst ist der Bau eines Wildbienenparks vorgesehen. Es sind viele kleinere Projekte, die aber gesamthaft viel dazu beitragen, dass sich Brig-Glis in Sachen Klimaadaption und Biodiversität positiv entwickelt. «Das sind Herausforderungen, mit denen sich wohl fast jede Gemeinde in der Schweiz befassen muss – im Wallis vielleicht noch ein wenig mehr», sagt Isabell Müller.

«Das sind Herausforderungen, mit denen sich jede Gemeinde befassen muss – im Wallis vielleicht noch ein wenig mehr.»

Isabell Müller, Leiterin Bauamt Brig-Glis

Und was bleibt nun vom Wakkerpreis? Für Isabell Müller und Daniel Giezendanner stellt dieser einerseits eine Anerkennung der bisherigen Leistungen dar. Andererseits erhoffen sich die Leiterin des Bauamts und der Stadtarchitekt durch die Auszeichnung aber auch eine Sensibilisierung der Bevölkerung für unterschiedliche Themen. «Dass man sich bewusst wird: Wir haben diese Werte – denen wollen wir jetzt auch Sorge tragen.»

Über den Wakkerpreis

Jedes Jahr vergibt der Schweizer Heimatschutz den Wakkerpreis an eine politische Gemeinde oder in Ausnahmefällen an Organisationen oder Vereinigungen. Die Auszeichnung würdigt Gemeinden, welche besondere Leistungen in Bezug auf Ortsbild- und Siedlungsentwicklung vorzeigen können, wie es auf der Homepage des Schweizer Heimatschutzes heisst. Hierzu gehöre neben einem respektvollen Umgang mit der historischen Baustubstanz auch das Fördern gestalterischer Qualität, eine vorbildliche Ortsplanung sowie die Rücksicht auf die Umwelt. Das Preisgeld beträgt 20 000 Franken. Die Konferenz der Präsidentinnen und Präsidenten des Schweizer Heimatschutzes entscheidet auf Antrag des Vorstands über die jeweiligen Preisträger.

Fabio Pacozzi
Leiter Kommunikation
Schweizerischer Gemeindeverband