Die Bäume spenden Schatten vor dem Schulhauseingang.

Hier wächst Zukunft: Innenentwicklung als Chance für Klimaanpassung

15.06.2026
6 | 2026

Agglomerationsgemeinden befassen sich bisher meist kaum damit, wie sie den Siedlungsraum nach innen verdichten und gleichzeitig der Hitzebelastung entgegenwirken können. Windisch (AG) beteiligte sich als Pilotgemeinde an der Erstellung eines kantonalen Leitfadens. Nun kann die Gemeinde über eigene Projekte berichten.

In Zusammenarbeit mit vier Pilotgemeinden erarbeitete der Kanton Aargau 2021 den digitalen Leitfaden «Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung». Er zeigt, wie Gemeinden das Thema aktiv umsetzen können. Da Windisch (AG) mehrere Standorte auf dem Gemeindegebiet identifizieren konnte, die wegen ihres hohen Versiegelungsanteils im Sommer als heiss empfunden werden, beteiligte man sich am Pilotprozess. «Wir wollten Erfahrungen sammeln und von anderen Kommunen lernen, solange die Situation vor Ort noch nicht so extrem ist», berichtet Roland Schneider, Leiter der Abteilung Planung und Bau, Windisch.

Grüne Oasen bieten

2023 ging die Gemeinde mit gutem Beispiel voran und wertete zwei eigene Flächen auf. Vor dem Gemeindehaus stanzte sie vier Bodenquadrate aus dem Hartbelag und bepflanzte sie mit Bäumen, Stauden und Kletterrosen. So kann Regenwasser versickern, der Platz erwärmt sich weniger und bleibt dennoch barrierefrei begehbar.

Den nahen Brunnenplatz, eine zuvor versiegelte Fläche von 200 Quadratmetern, gestaltete die Gemeinde neu mit Pflanzen und einem sickerfähigen Kiesbelag. «Unsere Gemeinde schätzt diese grünen Oasen, die auch in Zukunft eine hohe Aufenthaltsqualität bieten werden», so der Abteilungsleiter.

Zusammenhängende Freiflächen schaffen

Beim Neubau der Schulanlage Dohlenzelg achtete die Gemeinde darauf, eine grosse zusammenhängende Freifläche zu schaffen. Zwei bepflanzte Retentionsmulden, in die sauberes Niederschlagswasser eingeleitet wird, dienen als Freiluftlabore. Zudem reduzieren sie den Oberflächenabfluss und verbessern das Mikroklima. Steinbänke unter einem Baumdach bieten zusätzlichen Unterrichtsraum. Rund 80 Bäume bilden einen parkartigen Zugang zum Schulgebäude und spenden künftig Schatten. Um die Bäume zu schützen und Wärmeinseln zu vermeiden, stehen sie in einer Kiesfläche. Nur für die Wege wurde Sickerasphalt eingesetzt. «Auch wenn dies höhere Unterhaltskosten verursacht, da mehr Schmutz in die Innenräume gelangt», kommentiert Roland Schneider. 

Bei privaten Bauprojekten kann die Gemeinde beispielsweise im Rahmen von Gestaltungsplänen Einfluss nehmen. «Die in unserer Bau- und Nutzungsverordnung festgelegte Grünflächenziffer von 0,4 Prozent in der Wohnzone 2 ist ambitioniert, besonders bei Innenentwicklungsprojekten mit hohem Ausnutzungsdruck. Aber sie hilft, die Hitzebelastung im Siedlungsraum zu reduzieren», erklärt der Abteilungsleiter.

«Grünflächenziffern von 0,4 Prozent sind ambitioniert, helfen aber, die Hitzebelastung zu reduzieren.»

Roland Schneider, Leiter der Abteilung Planung und Bau, Windisch (AG)

Bei der Planung der Überbauung «Sonne» mit zwei bis zu fünfgeschossigen Mehrfamilienhäusern wurden frühzeitig ein Landschaftsarchitekt hinzugezogen und eine Mikrosimulation durchgeführt, um Kaltluftströme zu untersuchen. Die Gebäude wurden dann so angeordnet, dass die Luft weiterhin zirkulieren kann und der Strassenlärm nicht verstärkt wird. Weiter entstand ein grüner Hof mit wasserdurchlässigem Mergelbelag und fünf Schatten spendenden Grossbäumen. Für die Fassaden wählte die Bauherrschaft Materialien mit einer geringen Wärmeabsorption, und die Flachdächer sind unterhalb der Photovoltaikanlagen begrünt. Zum Grundstück gehören auch fünf Bäume entlang der Kantonsstrasse. Sie stehen in einer durchgehenden Grünrabatte und haben dadurch einen grossen Wurzelraum zur Verfügung. Dies wirkt sich positiv auf ihre Wasserversorgung sowie die Umgebungstemperaturen aus.

Synergieeffekte betonen

Die nach dem Pilotprozess in Windisch umgesetzten Projekte dienen der Bevölkerung als Anschauungsobjekte. Sie machen sicht- und erlebbar, wohin sich die Gemeinde mit ihrem 2024 erstellten Klimakonzept entwickeln möchte. «Denn der Gemeinderat bewilligt die Mittel für Hitze mindernde Massnahmen nur, wenn die Bevölkerung auch deren Nutzen sieht», hält der Leiter Planung und Bau fest. Schwierig sei dabei, dass dieser meist nicht sofort messbar sei, sondern sich – wie etwa beim Pflanzen von Bäumen – erst in 20 Jahren zeige. «Darum ist es wichtig, zu betonen, dass sich eine klimabewusste Freiraumgestaltung auch positiv auf Naturschutz, Regenwasserbewirtschaftung, Energieplanung und Ortsbild auswirkt», resümiert Roland Schneider. Allfällige Zielkonflikte, etwa mit dem Lärmschutz, der Barrierefreiheit oder den Unterhaltskosten, gilt es, frühzeitig zu erkennen. Das ermögliche integrierte und kosteneffiziente Lösungen.

Leitfaden «Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung»

Anhand von Praxisbeispielen zeigt der digitale Leitfaden «Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung» des Kantons Aargau (ag.ch/klimawandel-siedlung), welche Vorgaben Gemeinden in den raumplanerischen Instrumenten verankern und was sie in Bauprojekten sowie im Betrieb umsetzen können. Hilfreich sind auch die online verfügbaren Klimakarten (ag.ch/klimakarten).

Yvonne Kiefer-Glomme
Freie Mitarbeiterin