
Hohe ökologische Vielfalt in einer der grössten Siedlungen der Schweiz
Das Aarauer Telli-Quartier weist eine sehr hohe Bebauungsdichte auf: rund 150 Personen leben hier pro Hektar. Trotzdem zeichnet sich das Quartier durch viele Grünflächen und eine ausgeprägte biologisch diverse Freiraumqualität aus. Sogar ein Biber fühlt sich hier wohl. Wie der Spagat zwischen hoher Bebauungsdichte und Biodiversität gelingt, zeigte eine Exkursion im Rahmen der Vernetzungsplattform Natur 2030.
Der jährlich stattfindende Anlass des Aargauer Departements für Bau, Verkehr und Umwelt widmete sich dieses Jahr dem Thema Innenentwicklung und Biodiversität. Dass eine hohe bauliche Dichte, Natur, Freizeitnutzung und Gartenkultur sich nicht ausschliessen, zeigte eine Begehung des Telli-Quartiers in Aarau nordöstlich des Stadtzentrums an der Auenlandschaft der Aare im Rahmen des Vernetzungsanlasses Natur 2030.
Die vier verschieden langen Wohnzeilen mit 6 oder 8 bis 19 Geschossen fassen 1258 Wohnungen. In ihnen leben derzeit rund zehn Prozent der Aarauer Bevölkerung. Die Wohnzeilen B und C mit 581 Wohnungen gehören der AXA-Versicherung und wurden zwischen 2020 und 2023 energetisch saniert. Im Zuge dieser Sanierung wurde der grosszügige Tellipark wiederhergestellt, denn er hatte unter den Bauarbeiten gelitten. Entlang der sanierten Wohnzeilen wurden Teile der Parklandschaft als Logistikflächen benutzt. Und weil im Zuge der Sanierung die Erdbedeckung der Tiefgarage entfernt werden musste, ging ein Drittel des Baumbestands verloren.
Hohe Zufriedenheit der Bewohnenden dank Partizipation
Den Landschaftsarchitekten Albert Zulauf und Partnern gelang es bei der Gestaltung, den zusammenhängenden Freiraum der Siedlung in die nahe Auenlandschaft der Aare übergehen zu lassen. Dank der Parklandschaft und des Naherholungsgebiets ist die Wohnqualität in der riesigen Siedlung hoch.
Der Wiederherstellung des Parks nahm sich zwischen 2016 und 2023 Müller Illien Landschaftsarchitekten an. Rita Illien, leitende Landschaftsarchitektin und Mitgründerin der Firma, hat den Park nach dem ursprünglichen Konzept wiederhergestellt und stellenweise nach dem heutigen Wissensstand optimiert. Sie führte am Nachmittag der Vernetzungsplattform Natur 2030 durch die Anlage. «Die Arbeit am Tellipark war ungewöhnlich, denn es handelt sich um eine Wiederherstellung des Werks von Zulauf und Partner nach gartendenkmalpflegerischen Prinzipien», sagt sie.
Damit sich die über 2000 Bewohnerinnen und Bewohner der Telli nach wie vor mit dem Quartier identifizieren können, wurden sie in den Planungsprozess zur Parksanierung einbezogen. An Veranstaltungen brachten sie ihr Lokalwissen ein. So wünschten sie sich beispielsweise die Sanierung des Tennisplatzes. Anstelle des Streichelzoos entstand neu der Telli-Treff. Hier finden heute regelmässig Veranstaltungen statt. Wo früher Tiere ihren Auslauf genossen hatten, befinden sich nun Spielelemente, Hochbeete und Sitzmöglichkeiten. Viele, meist Freiwillige, helfen mit, das Quartier auch sozial nachhaltig zu gestalten. Umfragen zeigen, dass die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner hoch ist. Sie leben gerne im Telli-Quartier und identifizieren sich damit – etwa durch die Bezeichnung «Tellianer».
Quartier mit eigenem Biber
«Das wohl wichtigste Kapital der Anlage sind die zahlreichen einheimischen Bäume», sagt Rita Illien an der Führung. Viele der wertvollen alten Bäume mussten wegen der Sanierung der Tiefgarage gefällt werden. Bei der Neubepflanzung wurde auf eine möglichst hohe Artenvielfalt der Jungbäume geachtet, die als Solitäre oder in Gruppen angepflanzt den Tellipark zieren. Die Parklandschaft zählt nach der Sanierung rund 100 Bäume mehr als vorher.
«Das wohl wichtigste Kapital der Anlage sind die zahlreichen einheimischen Bäume.»
«An einzelnen Standorten musste zweimal gepflanzt werden», erinnert sich Rita Illien. Über Nacht habe der Quartierbiber einzelne Jungbäume gleich wieder gefällt. Alle jungen Bäume sind deshalb im unteren Teil mit einem Gitter geschützt. Überhaupt ist der Biber aus dem Sengelbach, der sich umrahmt von einem intakten Baumbestand zwischen zwei Bauzeilen hindurchschlängelt, eine Attraktion.
Da die Topografie ein wichtiges Gestaltungselement ist, wurde viel Zeit in die Modellierung der Hügel investiert. Die geschwungenen Wege sollen sich in der Hügellandschaft verlieren. Diese verbinden die vier Gebäude miteinander und führen vorbei an Nutzungselementen wie aufgewerteten Sitzgruppen, Spielplätzen und Spielzonen, Holzpergolen sowie einem sanierten Wasserbecken. Während früher die gesamte Grünfläche aus Rasen bestand, kommt dieser heute nur noch auf der zentralen Spielwiese vor. Wo immer möglich, wurde mittels Blumenwiesen, Stauden und gliedernden Sträuchern für eine möglichst hohe Biodiversität gesorgt.
Obwohl das Quartier in den 1970er-Jahren entwickelt wurde, könnte es zeitgemässer nicht sein. «Trotz der hohen Bebauungsdichte – in der Telli leben rund 150 Personen pro Hektar – sind über 70 Prozent des 200 000 Quadratmeter grossen Areals Grünflächen», so Rita Illien.
Aargauer Naturpreis
Der Kanton Aargau zeichnet alle zwei Jahre Projekte aus, die sich in besonderer Weise für die Biodiversität und eine naturnahe Entwicklung der Landschaft einsetzen. Mit dem Aargauer Naturpreis werden nicht nur herausragende und innovative Ideen gewürdigt. Der Preis soll auch motivieren, gute Beispiele sichtbar machen und weitere Akteurinnen und Akteure inspirieren. Die Ausschreibung für den Aargauer Naturpreis 2027 zum Thema «Innenverdichtung und Biodiversität» ist bereits beendet. Nach Ablauf der Eingabefrist sind insgesamt 15 Projekte eingereicht worden. Diese werden nun von einer Jury aus renommierten Fachpersonen beurteilt. Die Jury wählt die wirkungsvollsten, innovativsten und übertragbarsten Projekte aus und vergibt den Aargauer Naturpreis 2027 mit einem Preisgeld von 15 000 Franken. Die Preisverleihung findet am 9. April 2027 statt.