
Innenentwicklung braucht Dialog
Die Fachleute aus den Gemeinden, der Planung und Bauwirtschaft waren sich am Kongress von EspaceSuisse von Ende Juni einig: Die frühe Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure ist entscheidend, um den Wohnungsbau erfolgreich vorwärtszutreiben.
Die Wohnungsknappheit wird seit Monaten so stark, dass zuweilen mit dem Zweihänder auf die Raumplanung oder RPG 1 losgegangen wird. «Der Druck, Wohnungen zu bauen, rechtfertigt keine schnellen Lösungen auf Kosten der Qualität», machte Jean-François Steiert, Präsident von EspaceSuisse und Baudirektor des Kantons Freiburg, gleich zu Beginn des Kongresses klar.
Bilanz «Impuls Innenentwicklung»
Die Beratungstätigkeit von EspaceSuisse in den Gemeinden bestätigt dies. «Es gibt Widerstand gegen die Verdichtung, weil dabei viel Qualität verloren gegangen ist», bilanzierte Alain Beuret vom Team Siedlungsberatung die Erfahrungen aus zehn Jahren «Impuls Innenentwicklung». Als Gegenbeweis, dass es auch anders geht, präsentierte er verschiedene Beispiele von Gemeinden, die sich – der Komplexität zum Trotz – erfolgreich an ihre Innenentwicklung wagten. Insgesamt hat EspaceSuisse in den letzten zehn Jahren knapp 150 Gemeinden in der ganzen Schweiz beraten, vom Dorfgespräch bis zur Stadtanalyse.
Partnerschaftliche Zusammenarbeit
Vertrauen war denn auch ein wichtiges Stichwort im Referat von Cristina Schaffner, Direktorin von Bauenschweiz. «Holen Sie uns früh ins Boot», appellierte sie, «das schafft Vertrauen in den Prozess.» Die Bauwirtschaft sei bereit für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Eine grosse Chance sieht Schaffner insbesondere im sogenannten Zwei-Phasen-Modell für das Baubewilligungsverfahren: Dabei werden bei einem Projekt nicht alle Themen gleichzeitig geklärt, sondern gewisse Fragen früher (Grundsätzliches), andere erst später (zum Beispiel Brandschutz).
Melanie Lienhard hatte als Vorstandsmitglied des Fachverbands Schweizer Raumplaner (FSU) den ehrgeizigen Auftrag aufzuzeigen, was die Planung leisten kann. Sie beschrieb die Raumplanung als gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zwischen den Akteurinnen und Akteuren. Dabei sollten Normen und Vorschriften überprüft werden, aber «wir sollten auch den vorhandenen Spielraum nutzen – nicht ausnutzen, aber stärker nutzen». Das bedinge allerdings Fachkompetenz.
Podium rund um den Dialog
Letzter Teil des Vormittagsprogramms war ein Podiumsgespräch, das auf die Zusammenarbeit und den Dialog fokussierte. Gleich zu Beginn überraschte Thomas Frutiger, Co-Verwaltungsratspräsident der Frutiger Gruppe und Vorstandsmitglied von Entwicklung Schweiz, mit einer Aussage zur Qualität beim Wohnungsbau: «Das ist ein Problem, und das können wir besser.» Die Akteure müssten früh zusammensitzen, das Wirtschaftliche miteinbeziehen und über die einzelne Parzelle hinausdenken. «Qualität ist nicht unbedingt teurer.» Barbara Wittmer, Vorstandsmitglied des SIA, schloss sich dem an: «Wir müssen das Silodenken und Vorurteile überwinden.» Auf die Frage, ob der Bund für eine bessere Qualität in der Innenentwicklung nicht doch Vorschriften machen müsste, verneinte ARE-Direktor Roman Mayer dezidiert, «das ist nicht Aufgabe des Bundes, sondern der Kantone und Gemeinden». Chantal Weidmann Yenny, Gemeindepräsidentin von Savigny VD und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gemeindeverbandes, erinnerte daran, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung sehr unterschiedlich seien, und wünschte sich mehr Spielraum für die Gemeinden.
Sieben Denkanstösse
Am Nachmittag blieb Zeit für die Diskussion in kleinen Gruppen. Den Schluss machten danach Christa Perregaux und Damian Jerjen, stellvertretende Direktorin und Direktor von EspaceSuisse. Sie nahmen die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer mit auf eine Zeitreise. Mit sieben Denkanstössen skizierten sie eine erfolgreiche Innenentwicklung im Jahr 2032.
1. Qualität definieren – bevor gebaut wird
2. Beschleunigung durch Klarheit – nicht durch Abkürzungen
3. Mehr Wohnraum? Ja – aber zuerst im Bestand
4. Regeln überprüfen und entrümpeln – aber nicht blind deregulieren
5. Konflikte strukturieren – nicht aussitzen
6. Innenentwicklung steuern – nicht dem Zufall überlassen
7. Frühe Kooperation ist die günstigste Investition
Innenentwicklung werde gelingen, wenn wir beginnen, gemeinsam zu steuern, so das Fazit des EspaceSuisse-Direktoriums. Die Instrumente seien vorhanden, das Wissen auch. «Was fehlt, ist der gemeinsame Wille, Reibungspunkte anzugehen, Regeln zu überprüfen und früh zusammenzuarbeiten», schloss Damian Jerjen den Kongress und nahm damit die drei wichtigsten Erkenntnisse und Diskussionspunkte gleichermassen nochmals auf.
Kongress «Innenentwicklung braucht Dialog»
EspaceSuisse organisierte den Jahreskongress in Zusammenarbeit mit Bauenschweiz. Er basierte auf den Erkenntnissen des TK-Dialogs der Tripartiten Konferenz. Die TK – die Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden – hat in einem breit abgestützten zentrale Erfolgsfaktoren für eine qualitätsvolle Innenentwicklung identifiziert.