Der «Conseil des habitant-e-s» ist offen für alle, unabhängig von Status oder Nationalität.

Jede Stimme zählt: mehr Mitsprache für die Bevölkerung in Thônex

09.08.2026
7-8 | 2026

Was wäre, wenn alle Einwohnerinnen und Einwohner zu den Entscheidungen ihrer Gemeinde beitragen könnten? In Thônex (GE) zeigt der «Conseil des habitant-e-s», wie Mitsprache im Alltag funktionieren kann. Das Angebot richtet sich an alle – auch an Menschen, die sich sonst kaum politisch beteiligen wollen oder können, und bietet die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen und zu kommunalen Entscheidungen beizutragen.

Partizipation stärkt die Lebensqualität und den sozialen Zusammenhalt. Wenn Gemeinden die Perspektiven von Jugendlichen, Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Migrationshintergrund in lokale Projekte einbeziehen, stärkt dies das Zugehörigkeitsgefühl und fördert das psychische und körperliche Wohlbefinden. Bruno da Silva, Mitglied der Exekutive der Genfer Stadt Thônex, blickt auf die Initiative zurück.

Warum wurde der «Conseil des habitant-e-s» gegründet?

Der «Conseil des habitant-e-s» wurde geschaffen, um die Beziehung zur Bevölkerung zu stärken. Er bietet allen ab 15 Jahren einen Raum, sich zu äussern und am Gemeindeleben teilzunehmen – unabhängig von Status oder Nationalität. Wir verfolgen zwei Ziele: Wir wollen die Bedürfnisse vor Ort besser verstehen und die Legitimität des öffentlichen Handelns stärken, indem wir das Feedback der Bevölkerung in unsere Entscheidungen einbeziehen.

Konnten auch bisher wenig beteiligte Zielgruppen erreicht werden?

Das war eine Herausforderung, aber wir konnten die Beteiligung ausweiten. Dafür haben wir unsere Kommunikationskanäle vor Ort diversifiziert und arbeiten mit Quartierzentren, aufsuchender Sozialarbeit und Quartiervereinen zusammen. So erreichten wir Menschen, die dem Gemeindeleben eher fernstehen. Um Hindernisse abzubauen, haben wir verschiedene Massnahmen eingeführt: eine Aufwandsentschädigung für die Teilnehmenden, kostenlose Kinderbetreuung, die Übernahme der Verpflegungskosten, angepasste Zeitpläne und ein Dolmetschangebot. Um eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung zu gewährleisten, haben wir zudem Quoten eingeführt. Diese Massnahmen ermöglichen eine inklusive Beteiligung und zeigen, dass ein echtes Interesse am öffentlichen Leben besteht, wenn die Formate entsprechend angepasst werden.

«Wir haben einen Raum geschaffen, der allen offensteht, um sich zu äussern und am Gemeindeleben teilzunehmen.»

Bruno da Silva, Mitglied der Exekutive von Thônex (GE)

Was geschieht mit den Empfehlungen des «Conseil des habitant-e-s»?

Sie bleiben nicht theoretisch, sondern werden in einen Umsetzungsplan integriert, den die Stadt Thônex steuert. Wir verfolgen die Umsetzung und informieren die Teilnehmenden über den Fortschritt. Einige Massnahmen laufen bereits, insbesondere in den Bereichen Prävention, Jugendarbeit und Kommunikation. Diese bereichsübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Dienststellen und der Exekutive der Stadt gewährleistet eine sorgfältige und glaubwürdige Umsetzung der Empfehlungen.

Inwiefern stärkt das Konzept die Chancengleichheit in der Gemeinde?

Der «Conseil des habitant-e-s» ergänzt bestehende demokratische Verfahren, indem er Menschen, die sich sonst kaum an Wahlprozessen beteiligen, eine Stimme gibt. In Thônex sind wir überzeugt, dass die Bevölkerung die Expertin ihres Alltags ist. So werden eine inklusivere Beteiligung und ein gleichberechtigter Zugang zur öffentlichen Mitsprache möglich.

Welche sind die grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Erwartungen klar abzugrenzen. Entscheidend war, klar zu kommunizieren, welche Aufgaben in die Zuständigkeit der Gemeinde fallen. Bleibt die Frage nach dem Engagement der Behörden. Damit das Projekt nicht als Alibi wahrgenommen wird, müssen sich die Gemeindebehörden verpflichten, die Empfehlungen des «Conseil des habitant-e-s» zu berücksichtigen. Das bedeutet, sie nehmen in Kauf, dass von ihnen vorangetriebene Projekte abgelehnt werden.

Ist geplant, den «Conseil des habitant-e-s» mittel- oder langfristig weiterzuführen?

Ja, die Empfehlungen werden bis 2030 umgesetzt. Die Stadt Thônex möchte diese Dynamik fortsetzen, indem sie ab 2027 alle zwei Jahre ein neues Beteiligungsformat schafft, dessen Ausgestaltung noch festzulegen ist.

Lässt sich dieses Modell auf andere Gemeinden übertragen?

Auf jeden Fall. Es hat sich in den Genfer Gemeinden Vernier und Lancy bewährt und lässt sich auch anderswo umsetzen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einem starken politischen Engagement, klaren Rahmenbedingungen und konkreten Mitteln, um eine inklusive Beteiligung zu gewährleisten.

Chantal und Bernard Allègre, Mitglieder des «Conseil des habitant-e-s», betonen den Nutzen für die Bevölkerung: «Wir haben ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt, und das ist schon wertvoll.» Diese Ansicht teilt auch Élise Dupuis, die betont: «Dadurch fühlt man sich gehört und einbezogen.» Christophe Maisonobe fügt hinzu: «Wir waren an den Entscheidungen beteiligt, das ist eine gute Initiative der Stadt!»

Partizipation stärkt die Gesundheit in den Gemeinden

Für Gesundheitsförderung Schweiz ist der Einbezug der Bevölkerung in die Planung, Umsetzung und Evaluation von Massnahmen wichtig, um die Gesundheit in den Gemeinden zu stärken. Durch ihre besondere Nähe zu den Einwohner*innen kommt der kommunalen Ebene dabei eine wesentliche Rolle zu. Hier finden Sie unsere Leitfäden, Checklisten und Beispiele.

Lara Gross Etter
Gesundheitsförderung Schweiz
Manon Delisle
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