Maria-Doina Wälty im «MoA Träff» im Gemeinschaftszentrum Telli Aarau.

Mobile Altersarbeit in der Schweiz: Nähe schafft Zugang zur Betreuung

02.04.2026
4 | 2026

Viele Gemeinden schaffen Beratungs- und Unterstützungsangebote für ältere Menschen – doch sie werden oft zu wenig oder erst sehr spät genutzt. Mobile Altersarbeit setzt deshalb direkt im Lebensraum älterer Menschen an. Sie werden dort erreicht, wo sie sich im Alltag aufhalten. Das fördert soziale Teilhabe und erleichtert den Zugang zu guter Betreuung im Alter. Ein Praxisbeispiel aus Aarau (AG) zeigt, wie ältere Menschen gezielt zu aktiv mitgestaltenden Schlüsselpersonen werden.

Die 79-Jährige Maria-Doina Wälty engagiert sich im «MoA Träff» der mobilen Altersarbeit Aarau (AG). Was für sie heute ein wichtiger Teil ihres Alltags ist, begann mit Begegnungen an einem Infostand beim Einkaufszentrum in ihrer Nähe. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zunächst auf sich allein gestellt. Durch den Quartiertreff fand sie Anschluss – und engagiert sich inzwischen selbst aktiv. «Ich bin bei den Sitzungen dabei, bringe Ideen ein, stelle Fragen. Das Programm gibt mir eine Aufgabe und Abwechslung. Es macht mich sehr glücklich und dankbar.» Sie macht auch andere ältere Menschen auf das Angebot aufmerksam: «Wenn ich im Bus drei Stationen fahre, spreche ich die Leute darauf an, ob sie den ‹Träff› schon kennen.»

Beratungsstellen reichen nicht mehr

Riccardo Pardini vom Institut Alter der Berner Fachhochschule hat den Ansatz der mobilen Altersarbeit im Auftrag der Paul Schiller Stiftung erstmals systematisch erforscht. Niederschwellige Begegnungsmöglichkeiten, Informationen und Gespräche vor Ort im Dorf oder im Quartier unterstützen ältere Menschen dabei, ihren Bedarf an Betreuung zu erkennen. Sie erleichtern die Triage und den Zugang zu geeigneten, weiterführenden Angeboten. «Konventionelle Beratungsstellen reichen heute in einer stark individualisierten Gesellschaft nicht mehr aus, um ältere Menschen effektiv zu unterstützen», sagt Studienautor Riccardo Pardini. Mobile Altersarbeit verbindet deshalb Sozialraumarbeit, aufsuchende Orientierung und soziokulturelle Ansätze. Sie trägt dazu bei, dass ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben und sozial eingebunden bleiben. Damit wirkt sie auch sozialer Isolation und Vereinsamung entgegen.

Potenzial für die Altersarbeit

«Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination der Sozialraumarbeit mit der aufsuchenden Orientierung und soziokulturellen Ansätzen», sagt Riccardo Pardini. Für Gemeinden eröffnet dieser Ansatz neue Möglichkeiten: Sie können ältere Menschen und ihre Angehörigen frühzeitig erreichen, soziale Teilhabe stärken und den Zugang zu bestehenden Unterstützungsangeboten verbessern – auch wenn Lebenswelt und Mobilitätsradius im Alter kleiner werden. Der partizipative Ansatz sowie die enge und bedürfnisorientierte Zusammenarbeit mit lokal vernetzten älteren Menschen tragen weiter zur Bekanntheit und zum Vertrauensaufbau bei.

«Wenn ich im Bus drei Stationen fahre, spreche ich Leute auf den ‹Träff› an.»

Maria-Doina Wälty, engagierte Seniorin

Für Maria-Doina Wälty macht gerade diese Nähe den Unterschied: «Der regelmässige Austausch mit den Fachpersonen von MoA ist etwas ganz anderes, als zu einer Beratungsstelle zu gehen. Dazu müsste es schon schlimm sein.» Kathrin Fachinger, Teamleiterin der mobilen Altersarbeit Aarau, bestätigt: «Ältere Menschen kommen oft trotz Mehrfachbelastungen erst, wenn es wirklich nicht mehr geht.» Deshalb setzt die Stadt Aarau auf ein «Bring-Prinzip» statt auf eine «Holschuld». Die Aarauer Bevölkerung hat 2024 in einer Abstimmung auf kommunaler Ebene mit 73 Prozent für die Verstetigung der mobilen Altersarbeit gestimmt. Seither wird das Projekt Schritt für Schritt auf weitere Stadtteile ausgeweitet.

Publikation

Die erste systematische Darstellung des Arbeitsfelds macht deutlich, wie viel Wirkung erzielt werden kann, wenn mobile Altersarbeit als Service public in die Altersarbeit aufgenommen wird. Sie bietet konkrete Handlungsansätze für eine effektive Umsetzung. Die unter gutaltern.ch/mobilealtersarbeit veröffentlichte Publikation beinhaltet zudem Fallbeispiele aus bestehenden Projekten.

Noè Freiburghaus
Paul Schiller Stiftung