Schwebende Lichtringe: Seit 2022 stellen moderne LED-Leuchten das historische Dorfzentrum von Richterswil ins richtige Licht. Die Lichtfarbe wird je nach Tageszeit angepasst.

Richterswil: moderne Beleuchtung für historischen Dorfkern

14.04.2026
4 | 2026

Im Zentrum von Richterswil (ZH) sorgen seit Kurzem ringförmige LED-Leuchten für das richtige Licht. Ihre Lichtfarbe lässt sich anpassen, sodass sie je nach Tageszeit eher kaltes oder eher warmes Licht abgeben. Wie sich welche Lichtfarbe auf die Menschen auswirkt, wurde im Rahmen einer Studie untersucht – mit überraschenden Erkenntnissen.

Die Zürcher Gemeinde Richterswil liegt am südlichen Zürichseeufer direkt an der Grenze zum Kanton Schwyz. Sie ist bekannt für die gut erhaltenen Fachwerkhäuser im historischen Dorfkern und weitere Objekte mit hohem baukulturellem Wert. Um die Aufenthaltsqualität im Dorfkern zu verbessern, wurde 2022 die Beleuchtung erneuert. Dazu entwickelte die Gemeinde in Zusammenarbeit mit externen Fachleuten ein neues Beleuchtungskonzept für das historische Zentrum.

Von weiss zu warm

Neu schweben ringförmige Spezialleuchten über den Gassen des Dorfzentrums. Durch die LED-Technik ist es möglich, die Lichtfarbe und die Helligkeit zu verändern und beispielsweise auf die Tageszeit sowie die örtlichen Begebenheiten abzustimmen. In Richterswil wird am frühen Abend mit einem weissen, hellen Licht beleuchtet. Nach 22 Uhr wechselt die Beleuchtung zu einem sanfteren, warmen Licht mit tieferer Farbtemperatur. Am Sonntagabend ist das Dorfzentrum permanent in warmes Licht getaucht.

Im Projekt waren einige Hürden zu meistern, erklärt der zuständige Gemeinderat Christian Stalder. Die Koordination der Schnittstellen zwischen Planung und Installation sei Neuland gewesen für die Gemeinde. «Und weil wir keine Standardleuchte wählten, war die Implementierung ins öffentliche Beleuchtungsnetz und dessen Steuerung komplexer», ergänzt er. Zudem musste die Gemeinde die Verankerungen an den teilweise sehr alten Häusern im Dorfkern überprüfen und teilweise verstärken.

Experiment zur Lichtfarbe

Die Einführung des neuen Lichtkonzepts wurde von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) wissenschaftlich begleitet. Die Leitfrage der Studie lautete, wie sich die unterschiedlichen Lichtfarben der Strassenbeleuchtung auf die Menschen vor Ort auswirken. Dazu wurden drei verschiedene Abschnitte des Dorfkerns von Richterswil mit jeweils einer anderen Lichtfarbe beleuchtet: mit warmem, kerzenähnlichem Licht mit 2700 Kelvin, mit weissem Licht mit 4000 Kelvin und mit kaltweissem Licht mit 6500 Kelvin, das dem Tageslicht entspricht. Die Helligkeit wurde überall gleich eingestellt.

Freiwillige Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden zufällig einem der drei Abschnitte zugewiesen, wo sie 20 Minuten auf einer Bank sitzen mussten, ohne dabei zu sprechen oder auf das Handy zu schauen. Davor und danach gaben sie eine Speichelprobe ab und erteilten Auskunft über das empfundene Stresslevel. Der Speichel wurde auf das Hormon Cortisol untersucht, dessen Konzentration Rückschlüsse auf das Stresslevel des Körpers ermöglichte.

Die Resultate der Studie mit insgesamt 77 Teilnehmenden waren widersprüchlich: Die meisten Teilnehmenden äusserten eine Präferenz für warme Lichtfarben, die Messung des Cortisolspiegels zeigte jedoch eine stärkere Stressreduktion bei kaltweissem Licht. Das könnte sich gemäss den Forschenden dadurch erklären lassen, dass das kaltweisse Licht dem Tageslicht ähnelt und sich der Mensch bei Tag grundsätzlich sicherer fühlt als bei Nacht.

Abwägen zwischen Ansprüchen

Der Unterschied zwischen der geäusserten Wahrnehmung und der Reaktion des Körpers weist darauf hin, dass bei der Planung der öffentlichen Beleuchtung Kompromisse nötig sind. «Das ist unsere tägliche Aufgabe als Lichtplanende», bestätigt Jörg Haller, Lichtexperte von EKZ und Mitautor der Untersuchung. Es sei immer ein Abwägen zwischen unterschiedlichen Anforderungen nötig, etwa punkto Gestaltung, Ansprüchen der Nutzenden, Technologiesicherheit sowie Energieeffizienz. «Zudem soll die Umwelt vor unnötigen Lichtimmissionen geschützt werden.» Grundsätzlich setzt man in der öffentlichen Beleuchtung hierzulande vor allem auf warme Lichtfarben. Sie seien in der Bevölkerung gut akzeptiert und wiesen gegenüber kälteren Lichtfarben auch etwas günstigere Eigenschaften für die Umwelt auf, erläutert Haller – beispielsweise wird bei warmen Lichtfarben weniger Licht Richtung Himmel reflektiert.

«Vor allem das warme Licht kommt gut an.»

Christian Stalder, Gemeinderat Richterswil (ZH)

Neues Konzept kommt an

In Richterswil waren seit der Inbetriebnahme der neuen Beleuchtung lediglich kleinere Justierungen nötig. So wurden zum Beispiel die Beleuchtungszeiten optimiert und die Leuchtstärken des weissen und des warmen Lichts angepasst. Grundlegende Änderungen waren aber nicht nötig, denn das Feedback der Bevölkerung war durchaus positiv. «Vor allem das warme Licht kommt gut an», sagt Christian Stalder. Die neue Beleuchtung sei ein klares Upgrade für den historischen Dorfkern von Richterswil. «Wir würden das Projekt wieder so umsetzen.»

Lichtqualität im öffentlichen Raum

Die Interessengemeinschaft IG Strassenlicht, eine Vereinigung von Strassenbeleuchtungsfachleuten, hat kürzlich einen Ratgeber zur Lichtqualität im öffentlichen Raum publiziert. Das Dokument zeigt, welche Faktoren für die Qualität der Strassenbeleuchtung entscheidend sind. Gemeindebehörden und Beleuchtungsbetreiber erfahren aufgrund von konkreten Empfehlungen und guten Beispielen aus der Praxis, wie sie diese Aspekte bei der Planung berücksichtigen können.

Remo Bürgi
im Auftrag der IG Strassenlicht