
Siedlungsraum und Biodiversität neu denken: das Beispiel Ziefen
Wirkung durch Zusammenarbeit – unter diesem Motto stand die Fachtagung Natur und Landschaft des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) vom 18. März in Bern. Thematisiert wurde die Biodiversität im Siedlungsraum anhand mehrerer Praxisbeispiele. Darunter Ziefen (BL): Der Ort hat sein Zentrum unter Einbezug ökologischer und sozialer Aspekte neu gestaltet.
Ziefen (BL) ist ein Strasse-Bach-Zeilendorf und seit einiger Zeit im nationalen Inventar der geschützten Dorfkerne aufgeführt. Ein Betonwerk in Reigoldswil und der Pendlerverkehr eines benachbarten Pharmaunternehmens sorgen in Ziefen für viel Verkehr und Unmut. Hinzu kommt die Hochwasserproblematik im Zusammenhang mit der Hinteren Frenke, die mancherorts parallel zur Strasse durch das 1757-Seelen-Dorf verläuft. Als der Kanton 2021 sein Projekt zur Sanierung der Hauptstrasse ankündigte, nutzte dies die Gemeinde als Anlass, das Vorhaben grösser zu denken – zugunsten des Hochwasserschutzes sowie einer Zentrumsgestaltung mit sicheren Fussgängerwegen. Pascal Gysin, Landschaftsarchitekt und Inhaber der pg landschaften GmbH in Sissach (BL), wurde von der Gemeinde Ziefen mit der Co-Projektbegleitung wie auch mit einem Gestaltungsmandat für das Ortsbild beauftragt. An der Bafu-Fachtagung stellte der Planer das Projekt näher vor.
Dorfmitte neu denken
«Das Strassenbauprojekt war die Initialzündung für weitere Vorhaben, die einen wesentlichen Einfluss auf das Zentrum von Ziefen haben werden. Wir nutzten diese Chance, um beim Kanton auf die Bedürfnisse der Gemeinde aufmerksam zu machen», erklärte Pascal Gysin. Neben dem Strassenbauprojekt und dem Hochwasserschutz ergab sich die Option eines Wohnbauprojekts für mehrere Generationen auf dem gemeindeeigenen Grundstück beim Werkhof, ebenfalls in der Dorfmitte gelegen. «Für die Gemeinde stand fest, dass die Dorfmitte neu gedacht werden muss», betonte Pascal Gysin. Eine Unterschriftenaktion, die mehr Verkehrssicherheit sowie einen besseren Hochwasserschutz forderte, bekräftigte diesen Ansatz. Drei Architekturbüros wurden daraufhin mit der Ausarbeitung eines Gestaltungs- und Planungskonzepts für das Zentrum von Ziefen beauftragt.
Auf Augenhöhe
Somit entwickelte sich die geplante Sanierung der Hauptstrasse laut Pascal Gysin zu einem integralen Projekt für eine neue Zentrumsgestaltung. Das selbstbewusste und fordernde Auftreten bis auf Regierungsratsebene habe sich gelohnt. Der Kanton erkannte offenbar die Notwendigkeit eines integralen Vorgehens. Für das weitere Vorgehen sassen alle beteiligten Stakeholder an einem Tisch: das kantonale Tiefbau- und Raumplanungsamt, der Heimatschutz und die Gemeinde. «Eine Gesprächs- und Planungskultur auf Augenhöhe war für uns der Schlüssel zum Erfolg», stellte Pascal Gysin rückblickend fest.
«Eine Gesprächs- und Planungskultur auf Augenhöhe war für uns der Schlüssel zum Erfolg.»
Jede Fläche wurde neu verhandelt
Der vier Jahre dauernde Diskussions- und Planungsprozess brachte eine Lösung hervor, bei der jede Fläche neu verhandelt wurde. So wird die Hauptstrasse nicht durchgehend verbreitert, sondern nur dort, wo es für das Ortsbild sinnvoll ist. Auf die Verlegung der Bushaltestelle im Dorfzentrum wird aufgrund des Widerstandes aus der Bevölkerung verzichtet. Die dafür aus Sicherheitsgründen zusätzlich gewünschten Fussgängerstreifen lassen sich nicht realisieren.
Um die Hochwasserproblematik zu entschärfen und den Bachlauf als neue Grünzone in die Ortsbildgestaltung zu integrieren, soll der Bach an verschiedenen Orten verbreitert und renaturiert werden; ausserdem sollen die zahlreichen Brücken hochwassertauglich gemacht werden. «Dank dieses integralen Vorgehens wird Ziefen einen neuen Ort der Begegnung in der Ortsmitte erhalten», ergänzte Pascal Gysin. Aktuell sei das Vorprojekt für das Strassenbauvorhaben in Vorbereitung. Das Büro des Landschaftsarchitekten beschäftigt sich derzeit mit der Hochwasserproblematik von Ziefen. «Alleine, ohne den Einbezug aller Beteiligten, hätten wir dieses Ziel nicht erreicht», ist Pascal Gysin überzeugt.
Vom Strassen- zum Stadtraum
«Eine gute Zusammenarbeit ist selten der schnellste Weg, aber meist der nachhaltigste», sagte Carlo Scapozza, Vizedirektor Bafu, an der Tagung, bei der das Beispiel von Ziefen vorgestellt wurde. In seiner Begrüssungsrede plädierte er bei allen Projekten für einen integralen Ansatz zugunsten der Biodiversität. Wie eine Strategie für eine zukunftsfähige Stadt, die sich bis 2035 das Ziel netto null gesetzt hat, mit über 120 Beteiligten umgesetzt wird, erläuterte Christine Bai, Leiterin Grundlagen und Strategie im Tiefbauamt Zürich, in ihrem Referat. Michael Bont, Ingenieur der Grunder AG in Basel, forderte einen frühzeitigen Einbezug der Biodiversität in die Projektplanung.