Unter Druck – aber nicht ohne Handlungsoptionen

03.08.2026
7-8 | 2026

Steigende Aufgabenlast, knappe finanzielle Mittel und fehlende Fachkräfte: Schweizer Gemeinden stehen unter mehrfachem Druck. Eine aktuelle Umfrage von PwC unter 382 Gemeinden zeigt, wo die Belastung am grössten ist und wie Gemeinden darauf reagieren. Die Ergebnisse: Nicht die finanzielle Lage, sondern der organisatorische Druck belastet sie am stärksten.

Wie geht es den Schweizer Gemeinden wirklich? PwC wollte es genauer wissen und befragte im Frühling 382 Gemeinden – von grossen Städten bis zu kleinen Landgemeinden – zu ihrer finanziellen Lage, ihren organisatorischen Herausforderungen und der Verfügbarkeit von Fachkräften. Gemeinden aus 25 Kantonen sowie aus drei Sprachregionen (DE, FR, IT) nahmen teil. Geantwortet haben mehrheitlich Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

Organisationsdruck wiegt schwerer als Finanzdruck

Das deutlichste Ergebnis der Umfrage: Neun von zehn Gemeinden belastet vor allem der organisatorische Druck – mehr noch als der Finanzdruck. 89 Prozent melden organisatorische Belastungen, 83 Prozent finanzielle. Dabei ist IT/Cybersicherheit die grösste Einzelherausforderung – fast zwei Drittel aller Gemeinden sind davon betroffen. Danach folgen Personalthemen: Abhängigkeit von Schlüsselpersonen, Fachkräfte- und Personalmangel sowie hohe Fluktuation. «Wenn eine Schlüsselperson geht, geht oft das gesamte Wissen mit», beschreibt eine Gemeindeschreiberin aus der Deutschschweiz die Situation. Dies gilt insbesondere für grössere Gemeinden: Ab 5000 Einwohnenden melden über 80 Prozent der Befragten einen hohen oder mittleren organisatorischen Druck, bei Gemeinden unter 5000 sind es rund 60 Prozent.

Fachkräftemangel trifft die Verwaltung

55 Prozent der Gemeinden spüren den Fachkräftemangel bereits. Überraschend ist, wo er am stärksten zuschlägt: nicht in der Pflege oder Bildung, sondern in der Verwaltung selbst. In den Bereichen Bau und Planung sowie Finanzen ist es am schwierigsten, Stellen zu besetzen. Kaderstellen bleiben besonders lange vakant – jede vierte über sechs Monate. Zwischen den Regionen zeigen sich signifikante Unterschiede. Während im Kanton Zürich 82 Prozent der Gemeinden Fachkräftemangel melden, sind es im Kanton Waadt nur 28 Prozent.

Die Ursachen für den Fachkräftemangel sind grundlegender Natur. Zu den häufigsten Gründen zählen demografische Veränderungen und fehlende Expertise, während Flexibilität, Arbeitsmodelle und Arbeitsort am wenigsten genannt werden. Auch lösen höhere Löhne das Problem nur teilweise, da die Vergütung nur an vierter Stelle steht. Dieser Mangel wirkt sich auf die Servicequalität aus; die Gemeinden stufen sie mit 2,85 von 5 Punkten ein – mit spürbaren Folgen für die Bevölkerung.

Gemeinden reagieren teilweise reaktiv

Viele Gemeinden reagieren bereits, jedoch sind gut die Hälfte aller ergriffenen Massnahmen reaktiv. So werden Projekte verschoben, Überstunden geleistet oder Mitarbeitende ausserhalb ihres Kompetenzbereichs eingesetzt. Strukturelle Lösungen wie interkommunale Zusammenarbeit oder Digitalisierung bleiben vorerst noch die Ausnahme. Dabei liegt genau hier ein wichtiger Hebel, wie Philipp Roth, Leiter öffentlicher Sektor bei PwC, betont: «Der Druck ist da. Gemeinden, die Kräfte bündeln, erhöhen ihre Flexibilität und stärken ihre Gestaltungsmöglichkeiten.»

Grössere Gemeinden ergreifen zwar mehr Massnahmen, doch der Anteil reaktiver Massnahmen liegt bei grossen Gemeinden bei 59 Prozent gegenüber 50 Prozent bei kleinen. Wer mehr Ressourcen hat, tut mehr vom Gleichen, statt die Ursachen anzugehen. Dabei gibt es durchaus Ansätze, die funktionieren. «Viele Gemeinden haben bereits Aufgabengebiete ausgelagert oder gebündelt: gemeinsame IT, Notariat, Betreibungsamt, Archivdienstleistungen», berichtet ein Umfrageteilnehmer aus dem Kanton Zug.

Kleine Gemeinden setzen häufiger auf Nachbarschaftshilfe: Interkommunale Zusammenarbeit ist die einzige Massnahme, die bei kleinen Gemeinden öfter vorkommt als bei grossen. Vereinzelt bieten grössere Gemeinden ihre Verwaltungsleistungen sogar aktiv kleineren Nachbargemeinden an. Ein Modell, das Schule machen könnte.

«Der Druck ist da. Gemeinden, die Kräfte bündeln, erhöhen ihre Flexibilität und stärken ihre Gestaltungsmöglichkeiten.»

Philipp Roth, Leiter öffentlicher Sektor bei PwC

Stillstand ist keine Option

Die Umfrage zeigt: Die Herausforderungen der Gemeinden sind keine Einzelprobleme, sondern sie überlagern sich. Finanzdruck, organisatorische Belastung und Fachkräftemangel treffen oft dieselben Gemeinden gleichzeitig. Wer finanziell stabil dasteht, ist keineswegs vor organisatorischem Druck geschützt, und der Druck dürfte eher zu- als abnehmen. Demografische Verschiebungen sind die Hauptursache des Fachkräftemangels und wirken langfristig, während die Erwartungen der Bevölkerung an schnelle, digitale Dienstleistungen weiter steigen.

Gemeinden, die jetzt in regionale Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden und Partnern, in Digitalisierung, gezieltes Outtasking und Wissensmanagement/-transfer investieren, verschaffen sich einen Vorsprung – wer abwartet, riskiert einen strukturellen Standortnachteil. Die Umfrageergebnisse können als Standortbestimmung dienen und als Anstoss, den Austausch unter Gemeinden zu intensivieren.