Fanni Dahinden, Leiterin der Fachstelle für Vereine Vitamin B.

«Vereine gehören zur DNA der Schweiz»

12.08.2026
7-8 | 2026

Gemeinden profitieren von einem aktiven Vereinsleben – und Vereine profitieren von einer gut aufgestellten Gemeinde. Damit das so bleibt, braucht es Engagement auf beiden Seiten. Denn die Vereinslandschaft in der Schweiz ist zwar nach wie vor lebendig, aber im Wandel. Im Gespräch erklärt Fanni Dahinden von der Vereinsfachstelle Vitamin B, was Gemeinden für eine gute Zusammenarbeit mit den Vereinen tun können.

Fanni Dahinden, oft wird von einem Vereinssterben in der Schweiz gesprochen. Gibt es das tatsächlich?

Genaue Angaben zur Zahl der Vereine in der Schweiz gibt es nicht, da diese nicht zentral erfasst werden. Studien zeigen aber, dass die Zahl der Vereine sowie das freiwillige Engagement in den letzten Jahren stabil geblieben sind. In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für die Rechtsform Verein so attraktiv, dass viele Vereine gegründet werden. Das heisst aber nicht, dass es nicht Verschiebungen gibt: Vereine fusionieren, und andere, deren Angebot nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, lösen sich auf. Während manche Vereine florieren, haben andere Mühe, sich zu finanzieren oder genügend Freiwillige zu finden.

Welche Bedeutung hat das freiwillige Engagement für die Schweiz?

Eine sehr grosse. Der letztjährige Freiwilligen-Monitor hat gezeigt, dass sich in der Schweiz rund fünf Millionen Menschen, die über 15 Jahre alt sind, freiwillig engagieren und dabei 590 Millionen freiwillige Arbeitsstunden leisten. Würde man diese Arbeit mit einem Stundenansatz von 50 Franken bezahlen, entspräche das einer Summe von 30 Milliarden Franken – also einem Drittel des Bundesbudgets. Vereine gehören zur DNA der Schweiz: Von der Geburt in einem vereinsgeführten Geburtshaus bis zur im Verein organisierten Sterbebegleitung begleiten sie uns unser ganzes Leben lang.

Welche Rolle spielen Vereine für die Gemeinden?

Sie sind zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigen, dass freiwillig engagierte Menschen auch eher in der Politik aktiv werden. Vereine stärken somit nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die demokratischen Institutionen. Und da sie sehr nahe an den Menschen sind, können sie den Gemeinden Befindlichkeiten in der Bevölkerung aufzeigen.

Gibt es Unterschiede in der Vereinslandschaft auf dem Land und in der Stadt?

Ich kann nicht für alle Gemeinden sprechen. Wir beobachten aber, dass die Zusammenarbeit zwischen grossen Städten und ihren Vereinen eher formalisiert ist, während man sich auf dem Land kennt und die Wege kürzer sind. In den Agglomerationen sind die Leute sehr mobil, und die Städte mit ihrem grossen Angebot sind nah – da ist es für die Vereine herausfordernd, an die Leute zu gelangen, und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen.

Wie können Gemeinden Vereine konkret unterstützen?

Wertschätzung zu zeigen, ist zentral. Dies kann zum Beispiel mit einem jährlichen Anlass für die Vereine oder einer Preisverleihung geschehen. Aber auch finanzielle Unterstützung ist wichtig, ebenso die Bereitstellung von Infrastruktur für die Vereine. Auch in der Kommunikation können Gemeinden helfen, beispielsweise indem sie Vereinen Sichtbarkeit in der Gemeindezeitung, auf der Website oder in den Aushangkästen verleihen.

Und wie können Vereine Gemeinden unterstützen?

Sie können entlasten und ergänzen, indem sie Leistungen anbieten, die nicht im Aufgabenkatalog einer Gemeinde enthalten sind oder die die Gemeinde selbst nicht übernehmen kann. In solchen Fällen hat sich eine einfache, gemeinsam aufgesetzte Leistungsvereinbarung bewährt. Sie gibt sowohl der Gemeinde als auch dem Verein Sicherheit.

«Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten.»

Fanni Dahinden, Leiterin der Fachstelle Vitamin B

Wo sehen Sie Konfliktpotenzial bei der Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Vereinen?

Vereine und Gemeinden haben teilweise sehr unterschiedliche Abläufe und dadurch auch eine andere Sprache. Das kann zu Missverständnissen führen. Auch abrupte Wechsel können zu Konflikten führen, wenn zum Beispiel eine langjährige Ansprechperson bei der Gemeinde weggeht und jemand Neues kommt. Oder wenn Reglemente geändert werden, ohne dass die Vereine sich vorgängig einbringen konnten und ihr Aufwand dadurch grösser wird.

Welche Faktoren tragen zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Vereinen bei?

Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit gegenseitiger Wertschätzung hilft, ebenso wie klare Strukturen, Transparenz und feste Ansprechpersonen: Sowohl die Gemeinde als auch Vereine sollten wissen, wer wofür zuständig ist und wen sie bei Anliegen kontaktieren können. Gemeinden können zudem koordinieren und die Vereine untereinander vernetzen. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass die Musikgesellschaft und der Turnverein am gleichen Wochenende ein grosses Fest organisieren.

Was braucht es in Zukunft für ein gutes Zusammenleben von Vereinen und Gemeinden?

Ich wünschte mir, dass es in jeder Gemeinde ein Ressort für «gesellschaftlichen Zusammenhalt» gibt, das Vereine unterstützt und inspiriert. Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten: der zunehmenden Polarisierung, Individualisierung und Einsamkeit.

Vitamin B

Vitamin B ist eine Fachstelle für Vereine, die Informationen, Ressourcen und Weiterbildungen für Vereine anbietet. Fanni Dahinden leitet diese Fachstelle. Auf der Website von Vitamin B sind auch zahlreiche gute Beispiele für die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Vereinen aufgelistet.

Nadja Sutter
«Schweizer Gemeinde»
Chefredaktorin