
Was Gemeinden effizient macht: ein Blick hinter die Zahlen
Wie effizient setzt Ihre Gemeinde die finanziellen Mittel ein? Und wo steht sie im Vergleich zu anderen? Das erste schweizweite Gemeinde-Benchmarking vergleicht den effizienten Mitteleinsatz, verständlich aufbereitet und verwendbar in Politik und Verwaltung. Das Benchmarking hilft, Leistungen realistisch einzuordnen, Unterschiede zu analysieren und von anderen Gemeinden zu lernen.
Schweizer Gemeinden stehen zunehmend unter Druck: Die Erwartungen der Bevölkerung an Leistungen, Servicequalität und Transparenz steigen, während die finanziellen Spielräume begrenzt bleiben. Gleichzeitig werden politische Vorhaben immer stärker aus einer Finanzsicht hinterfragt. Hier setzt das Forschungsprojekt «Effizienz-Benchmarking» der Universität Bern an. Ziel ist es, den Finanzhaushalt und die Effizienz zentraler Aufgabenbereiche systematisch und vergleichbar darzustellen, um Bevölkerung, Politik und Verwaltung eine Orientierungshilfe zu geben. Adrian Ritz, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Direktor des Kompetenzzentrums für Public Management der Universität Bern, sagt dazu: «Effizienz ist kein Selbstzweck, sie hilft Gemeinden, ihre Leistungen realistisch einzuordnen.»
Für das Benchmarking werden öffentlich verfügbare Daten von Bund, Kantonen und Gemeinden zusammengeführt, bereinigt und jährlich aktualisiert. Die Resultate werden auf einer webbasierten Plattform veröffentlicht, auf der jede Gemeinde entlang ihrer Effizienzwerte im Stil einer «Story» porträtiert wird. Im Vordergrund steht der Vergleich: Wie steht eine Gemeinde im Vergleich zu strukturell ähnlichen Gemeinden da, und wie haben sich die Werte über die Zeit entwickelt?
«Effizienz ist kein Selbstzweck, sie hilft Gemeinden, ihre Leistungen realistisch einzuordnen.»
Vier ausgabenintensive Aufgabenfelder
Inhaltlich konzentriert sich das Benchmarking auf vier besonders ausgabenintensive Bereiche: Allgemeine Verwaltung, Bildung, Infrastruktur und Soziales. In allen Bereichen werden die Kosten der Aufgaben stets ins Verhältnis zu Leistungs- oder Strukturindikatoren gerückt. Zum Beispiel wird der Aufwand für die obligatorische Schule inklusive Schulverwaltung der Anzahl Schülerinnen und Schüler und der durchschnittlichen Klassengrösse gegenübergestellt. Entscheidend ist somit nicht nur, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern wofür und unter welchen Rahmenbedingungen.
Ein Tool für die Praxis?
Wie das Instrument in der Praxis funktioniert, zeigt beispielsweise ein Blick auf die Gemeinde Oppligen (BE). Die Effizienz von Oppligen wird nicht isoliert beurteilt, sondern mit strukturell vergleichbaren Gemeinden verglichen. Der Effizienz-Score im Bereich Allgemeine Verwaltung von Oppligen liegt im Jahr 2023 optimal bei 100 Prozent. Damit liegt die Gemeinde deutlich über dem Durchschnitt aller Gemeinden, der bei 67 Prozent liegt. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung: Im Vorjahr lag Oppligen noch bei 70 Prozent. Peter Schmid, Gemeindepräsident von Oppligen, sagt dazu: «Wir haben viel in die Optimierung der Abläufe und insbesondere in die Digitalisierung unserer Prozesse investiert. Als sogenannter Digitalisierungserfolg resultiert ein vergleichsweise tiefer Verwaltungsaufwand.»
Anders präsentiert sich das Bild im Bereich Bildung. Hier erreicht Oppligen 2023 einen Effizienz-Score von 58 Prozent, während der Durchschnitt aller Gemeinden bei 74 Prozent liegt. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig einen unsorgfältigen Umgang mit öffentlichen Mitteln. Der Gemeindepräsident dazu: «Die Gemeinde Oppligen ist Teil einer Schulverbandsgemeinde, die in einen Ersatzneubau eines Schulhauses investiert hat. Die Annuität dieser Investition wird nach Schülerzahlen an die Verbandsgemeinden verrechnet, weshalb sich die Kosten in diesem Bereich entsprechend erhöht haben.» Gemeinden können sich bewusst für ein höheres Leistungsniveau entscheiden, etwa durch kleinere Klassen oder zusätzliche Angebote. Solche qualitativen Aspekte lassen sich nur begrenzt in Effizienzindikatoren abbilden.
Eine Einschränkung zeigt sich im Aufgabenbereich Soziales. Im Kanton Bern ist der Sozialdienst in Sozialregionen organisiert, weshalb Kosten und Leistungen nicht eindeutig einzelnen Gemeinden zugeordnet werden können. Für Oppligen ist in diesem Bereich deshalb kein belastbarer Effizienzvergleich möglich. Trotz des Anspruchs eines möglichst flächendeckenden Benchmarkings gibt es noch «Datenlücken», die sich in den kommenden Jahren schliessen lassen sollten.
Übersicht finanzielle Gesundheit
Ergänzend zur Effizienzanalyse werden auch Kennzahlen zur Steuerbelastung und zum Finanzhaushalt ausgewiesen. Oppligen weist eine unter dem kantonalen Median liegende Steuerbelastung auf. Der Finanzhaushalt präsentiert sich insgesamt stabil, mit einer soliden Eigenkapitalbasis und günstigen Verschuldungskennzahlen, während die Investitionstätigkeit eher zurückhaltend ausfällt. Auf kompakte Art erhält jede Gemeinde einen aktuellen Überblick über ihre finanzielle Gesundheit.
Keine Rangliste, sondern Lerninstrument
Das Benchmarking liefert keine politischen Bewertungen, sondern eine sachliche Grundlage zur Hinterfragung jahrelanger Praktiken. Gerade für Gemeinderatsmitglieder, Finanzverantwortliche oder Verwaltungen bietet das Instrument einen Mehrwert, aber auch die Bevölkerung kann damit ihrer Gemeinde an der Versammlung auf den Zahn fühlen.
Das Wichtigste zum Projekt
Das Gemeinde-Benchmarking wird vom Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern betrieben. Es basiert auf öffentlich zugänglichen Daten, wird jährlich aktualisiert und deckt derzeit vier zentrale Aufgabenbereiche ab. Das Angebot ist kostenlos zugänglich und richtet sich an Bürgerinnen und Bürger, Politik und Verwaltung.
Mehr Informationen: http://www.gemeindeeffizienz.ch/