Die Stadt Kriens (LU) hat Kinder und Jugendliche in einem Planungsworkshop an der Ausarbeitung der Ortsplanungsrevision mitwirken lassen.

Wenn Kinder die Stadt von morgen planen

03.09.2026
9 | 2026

Kinder und Jugendliche werden bei Planungs- und Bauvorhaben in der Schweiz noch selten systematisch beteiligt. Eine Studie von Unicef Schweiz und Liechtenstein und der ZHAW beleuchtet, wo Gemeinden heute stehen, welche Hürden bestehen und was erfolgreiche Mitwirkung braucht. Wie sich diese Erkenntnisse in die Praxis übertragen lassen, zeigt die Stadt Kriens (LU) bei ihrer Ortsplanungsrevision.

Kinder und Jugendliche nutzen Strassen, Plätze, Schulareale und Quartiere täglich. Dabei nehmen sie Qualitäten und Hindernisse wahr, die Erwachsenen leicht entgehen: Sie wissen, wo sie sich gerne aufhalten, welche Wege unsicher wirken und welche Orte zum Spielen, Treffen oder Verweilen einladen. Trotzdem wird ihre Perspektive bei Planungs- und Bauvorhaben oft zu wenig berücksichtigt.

Sie einzubeziehen, ist nicht nur ein Gewinn für die Planung. Gemäss Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche das Recht, in allen sie betreffenden Angelegenheiten angehört zu werden. Eine neue Studie von Unicef Schweiz und Liechtenstein und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW untersucht, wie Gemeinden und Kantone diesen Anspruch bei Planungs- und Bauvorhaben umsetzen.

Partizipation ist noch keine Routine

Die Studie zeigt eine deutliche Lücke: Gut 80 Prozent der antwortenden Gemeinden haben die Bevölkerung in den vergangenen fünf Jahren bei Planungs- und Bauvorhaben einbezogen. Spezifische Verfahren für Kinder und Jugendliche führten hingegen nur 75 von 172 Gemeinden durch – rund 44 Prozent.

Wo junge Menschen beteiligt werden, geht es meist um konkrete Alltagsräume wie Freiflächen, Spielplätze oder Schul- und Sportanlagen. Bei strategischen Planungen sowie Quartier- und Arealentwicklungen geschieht dies deutlich seltener. Innerhalb der Verfahren konzentriert sich die Mitwirkung vor allem auf Bedarfsanalyse und Ideenentwicklung.

Formelle Verfahren in Planung und Bau und die alltägliche Partizipation in Schulen, Jugendarbeit oder Quartieren werden häufig getrennt organisiert. Wie sich beide Bereiche verbinden lassen, zeigt Kriens (LU) bei der Revision seiner Ortsplanung. Die Anliegen der jungen Bevölkerung sollten ins «Räumliche Entwicklungskonzept» (REK) und damit in die langfristige räumliche Entwicklung der Stadt einfliessen.

Vom Unterricht ins Entwicklungskonzept

Im Rahmen der Ortsplanungsrevision 2023 sammelten Kinder im Unterricht Ideen für das Kriens der Zukunft. Jugendliche konnten sich zusätzlich an einer Online-Umfrage beteiligen. Im «Ideenbüro» präsentierten Kindergarten- und Primarschulkinder ihre Vorschläge.

Delegierte aus den Klassen sowie Jugendliche priorisierten die Ideen und entwickelten daraus Prototypen für öffentliche Räume und Gebäude. Diese übergaben sie dem Vorsteher des Bau- und Umweltdepartements und dem Planungsteam. So wurden ihre Vorstellungen für die Fachplanung greifbar.

An einer Ergebniskonferenz erläuterten die Planungsverantwortlichen, wie die Anliegen im «Räumlichen Entwicklungskonzept» berücksichtigt wurden. Zudem entwickelten und priorisierten die jungen Beteiligten Ideen für Sofortmassnahmen. Eine davon wurde an der Abschlussveranstaltung direkt umgesetzt und im Stadtraum sichtbar gemacht: So konnten die Kinder die Baumstützen für Jungbäume bemalen, und diese wurden bei der Pflanzung von neuen Jungbäumen beim Sportplatz Kleinfeld verwendet

Damit schloss Kriens eine Lücke, die sich in vielen Verfahren zeigt: Nur rund die Hälfte der Gemeinden mit entsprechender Erfahrung informiert Kinder und Jugendliche direkt über den weiteren Verlauf.

Das Projekt wurde von der Stadtplanung und der Kinder- und Jugendanimation initiiert und gemeinsam mit der Fachstelle SpielRaum durchgeführt. Vertreterinnen und Vertreter der Volksschule, der Dienststelle Soziales und Gesellschaft (DISG) Kanton Luzern und von Zeitraumplanungen fungierten dabei als Echogruppe. So verband Kriens das formelle Planungsverfahren mit bestehenden Zugängen zu Kindern und Jugendlichen. Eine klare Rollenverteilung unterstützte die Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Im Rahmen der Mitwirkung zu den planungsrechtlichen Unterlagen sollen die Kinder und Jugendlichen wiederum mitwirken können. Die Erkenntnisse aus der ersten Mitwirkung fliessen dabei wesentlich in die Konzeptionierung mit ein, mit dem Ziel, den Anliegen der Kinder und Jugendlichen im gesamten Ortsplanungsrevisionsprozess Gehör zu verschaffen.

Beteiligung braucht Verbindlichkeit

Das Beispiel Kriens zeigt, dass Kinder- und Jugendpartizipation auch bei komplexen Planungsprozessen möglich ist. Dafür braucht es einen klaren Auftrag, definierte Zuständigkeiten, genügend Zeit und altersgerechte Zugänge. Wichtig ist zudem eine verlässliche Rückmeldung, welche Vorschläge umgesetzt werden können. Auch kleinere Gemeinden müssen dafür keine eigene Fachstelle schaffen. Die Nutzung bestehender Strukturen wie Schule oder Jugendarbeit kann viel bewirken. So wird Beteiligung mit der Zeit zu einem festen Bestandteil der kommunalen Planung.

Studie: Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Planungs- und Bauvorhaben (2026)

Die Studie von Unicef Schweiz und Liechtenstein und der ZHAW basiert auf 172 vollständig ausgefüllten Fragebögen aus Gemeinden, 16 aus Kantonen sowie vertiefenden Gesprächen mit Vertretenden aus zehn Gemeinden. 75 der 172 Gemeinden hatten in den vergangenen fünf Jahren spezifische Mitwirkungsverfahren für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Die Studie benennt Erfolgsfaktoren und formuliert Empfehlungen für die kommunale und kantonale Praxis.

Alissa Brenn
Unicef Schweiz und Liechtenstein