In Hergiswil (NW) soll das Energiepotenzial des Vierwaldstättersees genutzt werden.

Wie können Gemeinden thermische Netze organisieren und finanzieren?

06.04.2026
4 | 2026

Die Realisierung von thermischen Netzen ist nicht nur technisch anspruchsvoll. Gerade kleinere und mittlere Gemeinden können an ihre organisatorischen und finanziellen Grenzen stossen, wenn sie eine Projektidee zur Umsetzung bringen möchten. Die am besten geeignete Lösung ist nicht überall gleich. Beispiele aus Wohlen bei Bern und Hergiswil (NW) zeigen, dass für unterschiedliche Situationen verschiedene Ansätze erforderlich sind.

Die konkrete Umsetzung einer Projektidee für ein thermisches Netz stellt Gemeinden vor komplexe Fragestellungen. Sie müssen sich entscheiden, ob sie selbst oder ein anderes Unternehmen das thermische Netz realisieren und betreiben soll. Dabei müssen sie abwägen, ob sie sich finanziell beteiligen und dadurch mehr Mitsprachemöglichkeiten haben möchten.

Auf zwei Wegen zu zwei Verbunden

Dass situationsbedingt verschiedene Lösungen möglich sein können, zeigt die Gemeinde Wohlen bei Bern. Im Gemeindegebiet sind zwei Wärmeverbunde in Betrieb. Der Wärmeverbund Uettligen besteht seit 2019. Als Energieträger werden Holzschnitzel aus lokalem Wald eingesetzt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gründung der Fernwärme Uettligen AG, die den Verbund erfolgreich aufbaute und betrieb. Im Jahr 2024 kam es zum Verkauf an das Energieunternehmen CKW. «Wegen einer Strategieanpassung der Hauptaktionärin und des noch bestehenden Ausbaupotenzials hat die Eigentümerschaft aktiv nach einer Käuferin gesucht», erklärt Gemeindepräsident Bänz Müller die Beweggründe. «Die Gemeinde hat mit dem Verkauf ihre Investition, die für den Aufbau des Verbunds erforderlich war, wieder zurückerhalten.»

«Die Gemeinde hat mit dem Verkauf ihre Investition, die für den Aufbau des Verbunds erforderlich war, wieder zurückerhalten.»

Bänz Müller, Gemeindepräsident Wohlen bei Bern

Seit dem Jahr 2020 versorgt der Wärmeverbund Kappelenring mehrere Quartiere in Hinterkappelen mit Wärme aus dem Wohlensee. Die Energieversorgerin Energie 360° hat das Projekt initiiert, den Verbund realisiert und betreibt ihn bis heute als Alleineigentümerin. Das Engagement der Gemeinde war auch hier zentral. Es betraf in diesem Fall aber vor allem die Unterstützung von Energie 360° bei der Information der Bevölkerung und dem Anschluss gemeindeeigener Liegenschaften. Mitentscheidend war auch, dass die Zentrale auf gemeindeeigenem Boden gebaut wurde. Die Zusammenarbeit hat sich aus Sicht von Bänz Müller bewährt: «Aufgrund des hohen Investitionsbedarfs brauchte es bei diesem komplexen Projekt eine spezialisierte Firma, welche die Finanzierung stemmen konnte und wollte. Mit Energie 360° hatten wir die passende Partnerin an Bord.»    

Durch Verkauf den Ausbau ermöglicht

Die Gemeinde Hergiswil (NW) hat ihren ersten Wärmeverbund bereits 2007 in Betrieb genommen. Eigentümerinnen waren die Gemeinde und das Seniorenzentrum Zwyden. Eine Standortbestimmung nach rund zehn Betriebsjahren zeigte, dass der Betrieb zunehmend anspruchsvoller wurde, auch im Hinblick auf dessen Ausbau und Modernisierung. Die Eigentümerinnen entschieden sich darum, den Verbund an eine professionelle Betreiberin zu übergeben. Damit sollte der wirtschaftliche Weiterbetrieb gewährleistet und die Gemeindeverwaltung entlastet werden.

Für den Verkauf formulierte die Gemeinde klare Bedingungen: Bestehende Kundenverträge mussten vom Käufer übernommen und erfüllt werden, die Beschaffung der Holzschnitzel musste weiterhin bei der Korporation Hergiswil erfolgen, und die Käuferin musste bereit sein, einen weiteren Verbund im Dorfzentrum auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko zu projektieren. Der Verkauf wurde an der Urne im Sommer 2020 genehmigt und im Jahr 2022 abgewickelt. Gekauft hat den Verbund das kantonale Elektrizitätswerk Nidwalden (EWN).

«Die angestrebte Nutzung von Seewasser als Wärmequelle ist ein wirtschaftlicher und ökologischer Gewinn für die ganze Gemeinde.»

Daniel Rogenmoser, Gemeindepräsident Hergiswil (NW)

Die Gemeinde hat mit dem EWN nun eine strategische Zusammenarbeit aufgebaut und setzt sich weiterhin für den Ausbau ein. Aus der Idee eines Wärmeverbunds Dorf wurde inzwischen das Projekt Seewasser-Wärmeverbund Hergiswil. Diese Entwicklung ist im Sinn der Gemeinde, wie auch der Gemeindepräsident Daniel Rogenmoser betont: «Wir freuen uns, dass dieses zukunftsweisende Projekt nun konkret wird. Die angestrebte Nutzung von Seewasser als Wärmequelle ist ein wirtschaftlicher und ökologischer Gewinn für die ganze Gemeinde und alle, die sich hoffentlich dem Wärmeverbund anschliessen werden.» Ziel ist, ab 2028 erste Gebäude mit Wärme aus dem Vierwaldstättersee zu versorgen.

Neuer Leitfaden für Gemeinden

Damit möglichst viele Gemeinden von solchen Erfahrungswerten profitieren können, hat EnergieSchweiz, das Programm für Energieeffizienz und erneuerbare Energien des Bundesamts für Energie, einen neuen Leitfaden zum Thema Organisation und Finanzierung thermischer Netze veröffentlicht. Dieser zeigt auf, welche Fragen zur Organisation und Finanzierung eine Gemeinde klären muss, wenn sie ein thermisches Netz von der Projektidee zur Realisierung bringen will. Er soll den Gemeinden dabei helfen, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Leitfaden «Organisation und Finanzierung thermischer Netze»

Der Leitfaden wurde im Programm «Beschleunigung des Ausbaus thermischer Netze» erarbeitet. Daran beteiligt sind der Schweizerische Gemeindeverband, der Schweizerische Städteverband, die Konferenz Kantonaler Energiedirektoren und mit EnergieSchweiz das Bundesamt für Energie. Sämtliche im Programm entstandenen Hilfsmittel finden sich in der Bibliothek «Planung thermischer Netze».

Daniel Streit
Im Auftrag von EnergieSchweiz