Ruth Nieffer: Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die individuellen Lebensentwürfe, die es heute gibt. Eine klare Ursache ist schwer auszumachen. Frauen stecken tendenziell beruflich eher zurück und sind im Haushalt und in der Kinderbetreuung immer noch stärker eingebunden. Wenn die Kinder dann grösser werden, stellt sich oft die Frage: Wieder voll in den Beruf einsteigen oder ein Milizamt übernehmen? Viele Frauen entscheiden sich für den Beruf. Manche ganz einfach aus finanziellen Gründen. Andere, weil sie vielleicht nicht so gerne in der Öffentlichkeit stehen. Das hängt auch mit unserer Sozialisation im Kindesalter zusammen: Mädchen sollen brav und nett sein, Buben dürfen auch mal frech sein und sind Anführer. Manchen Frauen behagt es nicht, wenn sie fast überfallartig für ein Amt angefragt werden. Sie möchten sich Zeit nehmen für diese Entscheidung und sicher sein, dass sie den Rückhalt ihrer Familie haben. Hinzu kommt, dass viele Menschen denken, dass man einer Partei angehören muss, um in die Gemeindebehörden gewählt zu werden. Das kann abschreckend wirken. Studien zeigen allerdings, dass die Bedeutung der Parteien auf Gemeindeebene abgenommen hat. Entscheidend für eine Wahl ist vielmehr das Netzwerk innerhalb der Gemeinde. Viele Frauen engagieren sich in Schulbehörden, dort beträgt der Anteil um 50 Prozent oder noch mehr. Wir beobachten, dass das klassische Rollenbild auch in der Gemeindepolitik spielt. Frauen übernehmen besonders oft die Ressorts Bildung und Soziales, und seltener Finanzen, Bau und Infrastruktur. Die Frage ist, ob sie das von sich aus tun, weil ihnen diese Themen näher sind, oder ob sie in diese Ressorts gedrängt werden. Das lässt sich nur schwer klären. Studien deuten übrigens darauf hin, dass Frauen sich nicht weniger in der Politik engagieren als Männer, sondern anders. Frauen setzen sich zum Beispiel für vegetarische Ernährung, gegen Foodwaste oder für soziale Anliegen ein – aber eben nicht in den traditionellen Formaten, sondern in unverbindlicheren Netzwerken. Das ist eine gute Frage. Sie zu beantworten ist schwierig, weil wir sie nicht explizit untersucht haben. Grundsätzlich müssten die Gemeinden daran interessiert sein, dass die gesamte Bevölkerung in den Behörden repräsentiert ist. Tatsächlich kommt es stark auf die aktuelle Besetzung des Gemeinderats an, ob ein Problembewusstsein vorhanden ist. Das kann sich auch plötzlich ändern. Die Aufgaben und den Zeitaufwand für ein Milizamt transparent zu machen, hilft sehr viel. Denn viele Frauen fragen sich, ob sie das überhaupt können, so ein Amt übernehmen. Wenn sie wissen, was auf sie zukommt, sind sie eher dazu bereit. Auch ein Unterstützungsangebot für neue Gemeinderätinnen und Gemeinderäte innerhalb der Behörde kann helfen. Wichtig ist: Nicht nur die Neuen müssen sich den Spielregeln innerhalb der Behörde anpassen, sondern die Spielregeln müssen auch verhandelbar sein. «Wenn die Frauen wissen, was auf sie zukommt, sind sie eher bereit, ein Amt zu übernehmen.» Ruth Nieffer, Dozentin FHGR Solche Projekte zeigen den Menschen, dass sie etwas bewegen können in ihrer Gemeinde. Idealerweise sind es kleinere Projekte mit einem klar vorgegebenen Rahmen, die bestimmte Gesellschaftsgruppen ansprechen – zum Beispiel das Aufstellen und Bepflanzen von Hochbeeten auf dem Dorfplatz. Das schweisst nicht nur die Bevölkerung der Gemeinde zusammen, sondern schafft auch positive Erlebnisse: Wir können gemeinsam etwas ändern, wenn wir das wollen. Bei manchen weckt das die Lust, mehr zu tun. Statistisch gesehen ist kein eindeutiger Zusammenhang erkennbar, respektive ist er je nach Gemeindeamt unterschiedlich. In kleineren Gemeinden kommt es oft kaum zu einem Wahlkampf, weil nur gerade so viele Personen kandidieren, wie es Ämter gibt. Manchen Frauen könnte das behagen, weil sie sich keinem Konkurrenzkampf stellen müssen. In grösseren Gemeinden gehört es in der Regel zum Selbstverständnis von Politik und Parteien, dass sich Frauen engagieren, und die Bedingungen im Amt sind fortschrittlich. Auch das kommt Frauen entgegen. Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass sich in den letzten Jahren der Frauenanteil in der Politik auf Bundesebene ungefähr bei 40 Prozent eingependelt hat, auf Kantons- und Gemeindeebene bei rund 30 Prozent. Für die nationale und die kantonale Politik wäre es wünschenswert, wenn mehr Frauen in den Gemeinden aktiv wären. Denn viele steigen so ein und bewerben sich später für ein Amt im Kantonsparlament oder sogar im National- und Ständerat. Informationen: promofemina.fhgr.ch Nadja Sutter