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«In der Gemeinde kann man früh Verantwortung tragen»

Ich bin erst seit Kurzem dabei und habe erst eine Abstimmung erlebt. Ich finde die Aufgabe sehr spannend, weil man einen Blick hinter die Kulissen wirft und auch politische Tendenzen feststellen kann. Ich finde es auch schön, zu sehen, wie viele Menschen noch persönlich im Stimmbüro vorbeikommen, um ihre Stimme abzugeben. Ich bin schon seit jungen Jahren an Politik interessiert; Umweltthemen und die Masseneinwanderungsinitiative haben in mir die Lust geweckt, mich zu engagieren. Vor einiger Zeit bin ich der Ortspartei der Mitte beigetreten. Die Partei hat mich für den vakanten Posten im Urnenbüro vorgeschlagen. Ich finde das einen guten Einstieg in die Politik, weil die Aufgaben im Urnenbüro einen guten Einblick geben, aber nicht so aufwendig sind. Ich finde es wichtig und spannend. Denn auf Gemeindeebene kann man schon früh viel Verantwortung übernehmen. Doch die Gemeinde hat Mühe, genügend Leute zu finden. Gerade Jüngere ziehen oft für die Ausbildung weg, was ein Engagement schwierig macht. Ich studiere derzeit unter der Woche an der Hotelfachschule in Passugg und merke selbst, dass dies mein Engagement komplizierter macht. Tatsächlich sind Familienmitglieder von mir in der Mitte aktiv, aber für mich war nicht automatisch klar, dass ich derselben Partei beitreten möchte. Ich habe die Parteien bereits im Jugendparlament kennengelernt und anschliessend einen Smartspider ausgefüllt. Der hat mir FDP, Grüne und Die Mitte vorgeschlagen. Ich habe bei allen drei Ortsparteien vorbeigeschaut und bei der Mitte hat es am besten gepasst. Nach meiner ersten Teilnahme beim Jugendparlament Luzern war ich so begeistert, dass ich mehr tun wollte. Ich bewarb mich für den Vorstand des Jugendparlaments Luzern, wurde gewählt und durfte die Veranstaltung seither mehrmals organisieren. Diese Erfahrung hat mir geholfen, als ich mich entschieden habe, auch bei der eidgenössischen Jugendsession in der Organisation mitzuhelfen. Ich finde es sehr spannend und eindrücklich, wie Jugendliche aus der ganzen Schweiz verschiedene Themen diskutieren. Die Jugendsession ist eine gute Plattform, um den Politbetrieb kennenzulernen und sich unbeschwert zu Themen äussern zu können; sich quasi als Politiker ausprobieren zu können. Es ist Übungsfeld und Kaderschmiede für zukünftige Politikerinnen und Politiker. Ich bin überzeugt, dass ich ohne Jugendsession nicht in der Ortspartei und im Urnenbüro engagiert wäre. Nadja Sutter

«Die tiefere Temperatur ist Gewöhnungssache»

Dass sich in Amriswil (TG) energietechnisch etwas tut, zeigt sich an diesem verhangenen Wintertag rasch. Der Weg vom Bahnhof zum stattlichen Stadthaus führt durchgehend durch eine Tempo-30-Zone. Reste einer Weihnachtsbeleuchtung finden sich nicht, dafür bunte Kartonsterne an den Strassenlaternen. Vor dem Stadthaus prangen drei Flaggen, die auf die Auszeichnung Energiestadt Gold hinweisen; ein Label, das Amriswil erst Anfang Januar entgegennehmen durfte. «Unsere Bemühungen in den verschiedensten Bereichen haben dazu geführt, dass wir die Auszeichnung erhalten haben», sagt Sandra Reinhart. Es reiche nicht, sich nur in einzelnen Bereichen zu engagieren – als Energiestadt brauche es ein umfassendes Engagement, von Beschaffungen über die Grünraumplanung bis hin zur Kommunikation. Das zeigt sich in Amriswil auch bei den Energiesparmassnahmen, welche die 14 000-Einwohner-Gemeinde im Thurgau diesen Winter ergriffen hat. «Wir waren früh informiert und wussten, dass da etwas kommt. Als Energiestadt war es für uns selbstverständlich, etwas zu unternehmen. Sonst sind wir nicht glaubwürdig.» Die Weihnachtsbeleuchtung ersetzte Amriswil durch die bunten, von lokalen Kulturschaffenden gestalteten Kartonsterne. Ein Weihnachtsbaum im Stadtzentrum wurde aufgestellt und geschmückt, aber nicht mit Lichtern. Die Strassenbeleuchtung wird in Übereinstimmung mit den Empfehlungen des Kantons früher ausgeschaltet, nämlich um 23 Uhr. Zudem beschloss die Stadt, zusätzliche Solarpanels auf den Dächern der gemeindeeigenen Gebäude anzubringen. In den Gebäuden senkte Amriswil die Raumtemperatur. «Wir haben keine Einheitstemperatur vorgegeben, sondern haben bei den einzelnen Gebäuden geschaut, was sinnvoll ist», erklärt Sandra Reinhart. In Räumen, die gar nicht gebraucht werden, wurde die Temperatur naturgemäss stärker gesenkt als dort, wo gearbeitet wird. Und in den Gängen und Toiletten ist es kühler als in den Büroräumen. Dort gilt die Maximaltemperatur von 20 Grad. «Uns war es wichtig, dass wir trotz tieferen Temperaturen noch ein angenehmes Arbeitsklima haben.» Mit 20 Grad sei das gegeben. «Klar, es ist etwas kühler, aber mit einem warmen Pulli ist es angenehm.» Sie habe keine Kenntnis von negativen Rückmeldungen. «Am Anfang gab es den einen oder anderen Witz», sagt sie schmunzelnd. Aber: «Grundsätzlich wurde die Regelung sehr gut akzeptiert. Wir haben uns daran gewöhnt.» Die Schulen in Amriswil haben ihre eigenen Regeln erlassen, aber auch dort wurden die Raumtemperaturen gesenkt – laut Sandra Reinhart lief es auch dort ohne grossen Aufschrei. Eine Massnahme also, über die im Vorfeld viel diskutiert wurde, die aber schliesslich ganz unspektakulär verlief? Das könne man so sagen, bestätigt Sandra Reinhart. Auch die technische Umsetzung sei keine grosse Sache gewesen. Nur im Stadthaus, einem älteren Gebäude, sei es etwas komplizierter gewesen. «Unsere Hauswarte hatten das aber rasch im Griff.» Über die anderen Massnahmen der Stadt Amriswil sei deutlich mehr diskutiert worden, so zum Beispiel über die fehlende Weihnachtsbeleuchtung oder die frühere Abschaltung der Strassenlampen. «Dabei gab es zunächst ein technisches Problem, und die Lampen gingen bereits um 21 Uhr aus – das hat dann für Unmut gesorgt.» Das Problem sei aber schnell behoben gewesen. Ist es denkbar, dass die Raumtemperatur in den Amriswiler Gemeindegebäuden auch in den nächsten Wintern tiefer bleibt? «Ich kann mir das vorstellen. Die tiefere Temperatur ist Gewöhnungssache», sagt Sandra Reinhart. Sie betont aber, dass der Stadtrat darüber noch nicht diskutiert hat. Dass die Weihnachtsbeleuchtung dauerhaft ausfällt, kann sie sich jedoch eher nicht vorstellen. «Ich denke, dass wir sie in Jahren, in denen keine Strommangellage droht, wieder regulär aufhängen.» Wie viel Energie und Geld Amriswil mit den Temperatursenkungen gespart hat, lässt sich nicht beziffern. «Das ist sehr schwierig zu sagen, weil es stark mit der Temperatur zusammenhängt. Wir hatten einen milden Herbst, dann einen Kälteeinbruch, und über den Jahreswechsel war es wieder sehr warm», so Reinhart. Vergleiche mit anderen Jahren seien daher schwierig. «Wenn wir einen Beitrag leisten, ist es wichtig, darüber zu informieren und zu erklären, warum das Engagement wichtig ist.» Sandra Reinhart, Stadträtin Amriswil (TG) «Die konkreten Zahlen sind weniger relevant, als dass wir ein gutes Vorbild sind», findet Sandra Reinhart. Gerade deshalb sei auch die Kommunikation wichtig. Die Stadt hat ein klares Kommunikationskonzept, berichtet in ihrer Publikation «Info Amriswil» regelmässig über ihre Bemühungen und hat auch Empfehlungen für die Bürgerinnen und Bürger publiziert. «Wenn wir einen Beitrag leisten, ist es wichtig, darüber zu informieren und zu erklären, warum das Engagement wichtig ist.» Aus diesem Grund sei Amriswil auch der Energiespar-Alliance beigetreten (siehe Kasten). Angesichts der aktuellen Situation mit dem Krieg in der Ukraine, der drohenden Strommangellage, aber auch des Klimawandels findet sie es wichtig, dass die Gemeinden als Vorbilder vorangehen. Für die Stadt Amriswil, die seit zwölf Jahren das Label Energiestadt trägt, ist dies selbstverständlich. Und Sandra Reinhart hofft, dass dieses Engagement auch die Bürgerinnen und Bürger inspiriert. «Jeder kleine Beitrag hilft.» Nadja Sutter

«Der Stromnetzverkauf hat uns stark beschäftigt»

«Zwei grosse Themen haben uns in Hallau im vergangenen Jahr beschäftigt: die Suche nach einem Nachfolger für unseren langjährigen Gemeindeschreiber und der Verkauf unseres Stromnetzes. Die Gemeinde Hallau war bezüglich Energie bisher ein Sonderfall im Kanton Schaffhausen, weil wir unser eigenes Stromnetz betrieben haben. Wir haben uns aber entschieden, dieses per 1. Januar 2023 an das Elektrizitätswerk Kanton Schaffhausen (EKS) zu verkaufen. Die Anforderungen an den Betrieb eines Stromnetzes haben in den letzten Jahren zugenommen und sind insbesondere für eine Milizbehörde zunehmend komplizierter, aufwendiger und anspruchsvoller geworden. Wir mussten daher teuer die Dienstleistungen von externen Fachleuten einkaufen. Der Verkauf des Stromnetzes hat die Gemeinde in den letzten Jahren stark beschäftigt und war eine emotionale Angelegenheit für die Bevölkerung. Als eine deutliche Mehrheit an der Gemeindeversammlung vom 18. August für den Verkauf stimmte, war dies ein historischer Moment – für mich auch verbunden mit Erleichterung. Per Ende Jahr geht unser Gemeindeschreiber nach 37 Jahren Arbeit für die Gemeinde in Pension. Damit geht eine geballte Ladung Wissen verloren – wir nannten ihn jeweils scherzhaft das ‹Gemeindelexikon›. Ein solcher Wechsel birgt aber auch Chancen, und uns im Gemeinderat war klar, dass wir ihn sorgfältig und durchdacht angehen müssen. Wir haben uns entschieden, unsere Verwaltung nach dem Geschäftsleitermodell auszurichten, sodass die Gemeinderäte mittelfristig von der operativen Verantwortung entlastet werden. Dies verändert auch das Stellenprofil des Gemeindeschreibers. Der Fachkräftemangel hat es uns nicht leicht gemacht, jemanden für die Nachfolge zu finden. Dennoch konnte am 1. September der neue Verwaltungsleiter seine Stelle antreten. Er ist ein Quereinsteiger mit Führungserfahrung, und uns ist bewusst, dass wir genügend Zeit in die Einarbeitung investieren müssen. Die globalen Krisen haben wir natürlich auch in Hallau gespürt. Der Ukrainekrieg betrifft uns und macht uns betroffen. Einige Hallauerinnen und Hallauer haben ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, wodurch in kürzester Zeit 14 Flüchtlingskinder – von Kindergarten bis Oberstufe – eingeschult wurden. Die Integration der Flüchtlingskinder stellte eine besondere Herausforderung dar. Durch die grossen Klassen mit vielen Schülerinnen und Schülern mit speziellen Bedürfnissen waren die Lehrpersonen sehr gefordert. Aber das gesamte Team, von der Schulleitung bis zu den Schulkindern, hat das sehr gut gemeistert. «Wir alle waren sehr erleichtert über die Aufhebung der Coronamassnahmen. Dadurch konnte das ‹Räbhüslifest› in den Rebbergen endlich wieder durchgeführt werden.» Nadja Hallauer, Gemeindepräsidentin von Hallau Das Jahr war aber auch geprägt von Freude: Wir alle waren sehr erleichtert über die Aufhebung der Coronamassnahmen. Dadurch konnte das ‹Räbhüslifest› in den Rebbergen endlich wieder durchgeführt werden. Und auch das Hallauer Herbstfest haben wir erstmals nach einer Pause wieder mit einem Umzug gefeiert. Das waren sehr schöne Momente. Für mich persönlich ein Highlight war zudem das Treffen der Gemeindepräsidentinnen auf Einladung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Bern. Den Austausch mit Kolleginnen aus der ganzen Schweiz empfand ich als sehr bereichernd.» Nadja Sutter

«Die Vorbildwirkung der Gemeinden ist zentral»

Patrick Kutschera: Zunächst einmal: Die Lage ist nicht entspannt, aber weniger angespannt als befürchtet. Den grössten Beitrag dazu hat sicherlich der warme Winter geleistet. Die Einsparungen beim Strom haben rund fünf bis acht Prozent betragen, beim Gas waren es etwas mehr. In Zahlen ist das schwierig auszudrücken. Sicherlich trägt jede Massnahme zu den Sparbemühungen bei. Viel wichtiger als die eingesparten Kilowattstunden bei Gemeinden und Städten ist jedoch ihre Vorbildwirkung. Diese ist zentral. Wir haben viele Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern erhalten, die fragten, weshalb sie Energie sparen sollten, wenn die Gemeinde die Weihnachtsbeleuchtung doch aufhängt oder ein Gebäude die ganze Nacht beleuchtet. Die vielen Gemeinden, die sichtbare Massnahmen ergriffen haben, haben ein wichtiges Zeichen gesetzt. Wir wissen alle, dass die Weihnachtsbeleuchtung nur einen kleinen Teil des Energieverbrauchs einer Gemeinde ausmacht. Aber sie ist ein sehr emotionales, weil sichtbares Thema. Manche Menschen störten sich daran, dass sie in Zeiten einer möglichen Strommangellage trotzdem aufgehängt wurde, andere störten sich daran, dass es keine Beleuchtung gab. Viele Gemeinden haben hier sehr gute Lösungen gefunden, indem sie zum Beispiel die Dauer der Beleuchtung reduzierten, auf eine Beleuchtung wechselten, die weniger Energie verbraucht, oder auf Weihnachtsschmuck ganz ohne Stromverbrauch setzten. Die Bilanz ist sehr positiv. Die Gründungsmitglieder, darunter der Schweizerische Gemeindeverband (SGV), waren sehr schnell an Bord, und wir sind rasch gewachsen. Anfang Februar zählten wir rund 370 Mitglieder, darunter Gemeinden und Städte, alle Kantone sowie Verbände und Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Jeden Tag kommen neue Mitglieder dazu. Die Alliance ist wichtig, weil sie den Energiesparbemühungen Glaubwürdigkeit verleiht. Diese ist höher, wenn auch die Privatwirtschaft, Behörden und Verbände die Bemühungen stützen und nicht nur der Bund. Zudem haben die Mitglieder die Reichweite der Kampagne erhöht. Wir würden uns sehr freuen, wenn noch mehr Gemeinden Mitglied würden, weil sie diese wichtige Vorbildfunktion haben. Sie müssen aufführen, welche Energiesparmassnahmen sie planen oder umgesetzt haben – das ist alles. Die Mitgliedschaft kostet nichts. Die Gemeinden können im Gegenteil profitieren, zum Beispiel vom monatlichen Austausch zur Lage und zu guten Beispielen sowie vom positiven Image. In der Alliance sind sehr viele gute Ideen zusammengekommen. Exemplarisch drei Beispiele: Collombey-Muraz (VS) hat neben den Energiesparmassnahmen einen «Nachhaltigkeits-Botschafter» ernannt, der die verschiedenen Abteilungen unterstützt und das Thema Nachhaltigkeit immer wieder in Diskussionen einbringt. Bregaglia (GR) hat seine Strassenbeleuchtung durch dimmbare LEDs ersetzt. Horw (LU) wollte die Beleuchtung auf Gemeindeboden eigentlich bis 2030 ersetzen, hat das Projekt aber kurzerhand vorgezogen und das Budget dafür gesprochen. Die Gemeinde wird nun früher von tieferen Energiekosten profitieren. Der Vorteil freiwilliger Massnahmen ist, dass die Gemeinden sie dort umsetzen können, wo sie ihnen am meisten bringen – denn die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. «Der Vorteil freiwilliger Massnahmen ist, dass die Gemeinden sie dort umsetzen können, wo sie ihnen am meisten bringen – denn die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich.» Patrick Kutschera, Geschäftsführer Energie Schweiz Das Label gibt klar formulierte Ziele vor und ist deshalb für Gemeinden und Städte eine hilfreiche Struktur, um den Status zu erheben sowie Massnahmen zu planen und umzusetzen. Zudem ist es eine Bestätigung für den geleisteten Effort. Auch hier zählt wieder die Vorbildwirkung: In den meisten Städten und Gemeinden weist ein Schild am Ortseingang auf die Auszeichnung hin, oder das Label wird prominent auf der Homepage erwähnt. Wir werden im März Bilanz ziehen und die Kommunikationsmassnahmen vorerst herunterfahren. Wir denken aber bereits an den nächsten Winter. Denn die Lage bleibt angespannt, und der Winter 2023/2024 wird möglicherweise nicht so mild wie der vergangene, zudem wird das russische Gas fehlen, mit dem letztes Jahr die europäischen Speicher gefüllt wurden. Die Einsparungen sind auch im Sommer relevant, denn dann werden die Gasspeicher und die Speicherseen gefüllt. Für den nächsten Winter haben wir nun eine längere Vorlaufzeit und können auch technische Anpassungen vornehmen, um den Stromverbrauch zu reduzieren. So sind wir nicht allein auf Massnahmen angewiesen, die vom Verhalten der Menschen abhängen. Im Herbst werden wir bei Bedarf die Kommunikationsmassnahmen wieder hochfahren. Auf jeden Fall. Wir wollen den Austausch innerhalb der Energiespar-Alliance weiter pflegen, um uns optimal auf den nächsten Winter vorzubereiten, und sie wird weiter wachsen, zum Beispiel mit zusätzlichen Gemeinden, die sich hoffentlich anmelden. In diesem Rahmen ein grosses Dankeschön an das Engagement des Gemeindeverbandes und der Gemeinden. Sie sind ein wichtiges Puzzleteil für uns, weil sie so nahe an der Bevölkerung sind. Informationen: Wichtige Informationen zum Energiesparen für Gemeinden auf der Homepage des SGV: www.chgemeinden.ch Winter-Energiespar-Initiative des Bundes: www.nicht-verschwenden.ch Energiespar-Alliance: https://alliance2022-23.ch/ Nadja Sutter

Ein neuer Platz für Fahrende in Wittinsburg

Rund ein Dutzend moderne Wohnwagen stehen an diesem regnerischen Tag auf dem Durchgangsplatz «Holchen» in Wittinsburg. Die Jenische Marina Birchler hat eben am Automaten ein Ticket für ihren Stellplatz gelöst. Jetzt installiert sie mit ihrem Mann das Vorzelt vor ihrem Wohnmobil. Ihnen gefalle der neu sanierte Platz unmittelbar an der Kantonsstrasse sehr gut, sagen die beiden. Seit der Neueröffnung im Herbst 2021 sind sie nun schon das zweite Mal hier. «Er ist schön gemacht, sehr sauber, hat Dusche und WC, und die Leute sind freundlich», sagt Marina Birchler. Im Sommer sei es mit dem Wald gleich nebenan schön schattig. «Auch die Anmeldung ist mit dem Automaten ganz unkompliziert, so müssen wir nicht extra auf die Gemeindeverwaltung.» Die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher sagt, die Fahrenden seien in der Gemeinde gut akzeptiert. «Der Durchgangsplatz wird seit 1993 vom Kanton betrieben», erklärt sie. Die kleine Gemeinde mit rund 430 Einwohnerinnen und Einwohnern hat zu wenig Ressourcen, um den Platz selbst zu betreiben. Dennoch hat die Gemeindepräsidentin immer wieder Kontakt zu den Fahrenden. Liegt ein Durchgangsplatz in einer Gemeinde, könnten zum Beispiel Fragen zur Beschulung der Kinder oder Sozialhilfe aufkommen. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei sehr gut, sagt Caroline Zürcher. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Aus der Bevölkerung seien die Reaktionen positiv gewesen. «Die meisten waren froh, dass der Platz saniert wird. Auf dem alten Platz herrschten teils menschenunwürdige Zustände.» So seien die sanitären Anlagen sehr schmutzig gewesen. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Caroline Zürcher, Gemeindepräsidentin Wittinsburg (BL) Ganz anders jetzt bei der Besichtigung mit Jonas Wirth und Brigitte Reinhard vom Hochbauamt des Kantons Basel-Landschaft. Jonas Wirth ist Projektleiter der Sanierung, Brigitte Reinhard ist für den Betrieb des Platzes zuständig. Sie zeigt die WCs und Duschen im Sanitärcontainer: Die weissen Fliesen sind sauber, und der Container ist geheizt. Auf einer grösseren überdachten Fläche gleich neben dem Container können die Benutzerinnen und Benutzer verschiedene Arbeiten verrichten. Einmal pro Woche werden die Anlagen geputzt, ein Sicherheitsdienst kontrolliert regelmässig die Anmeldungen und die Bezahlung der Standgebühren. «Wir haben die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende und über diese die Fahrenden selbst in die Konzipierung des Platzes miteinbezogen», sagt Jonas Wirth. Das war wichtig für gewisse Details: Zum Beispiel liegt der Eingang zum WC auf der von den Wohnwagen abgewandten Seite des Containers. «Die Fahrenden möchten nicht von ihren Vorzelten direkt in die WCs sehen.» Brigitte Reinhard und Jonas Wirth sagen, dass der Platz auf Wunsch der Jenischen und Sinti bewusst einfach gehalten sei. Es gibt nicht mehr Infrastruktur als nötig und auch keine Markierungen am Boden für die Wohnwagen. Die Nutzerinnen und Nutzer organisieren sich selbst rund um die zehn Plätze mit Strom- und Wasseranschluss. «Der Platz ist für uns ein gelungenes Beispiel», sagt Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Einerseits sei die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Kanton sehr gut gewesen, andererseits sei die Infrastruktur vorbildhaft. Positiv sei auch, dass der Platz auch im Winter offen sei, dies im Gegensatz zu anderen Durchgangsplätzen. Im Landrat, dem Parlament des Kantons Baselland, war die Sanierung unbestritten. Die budgetierte Summe von 1,21 Millionen Franken für die Sanierung kam mit einer grossen Mehrheit durch. «Die Situation vorher war unkontrolliert, jetzt haben wir hier einen geordneten Betrieb», sagt Jonas Wirth. In der kantonalen Gesetzgebung ist seit 2014 vorgeschrieben, dass es Durchgangs- und Standplätze für Fahrende braucht. Sie sind als nationale Minderheit anerkannt und haben als solche ein Anrecht auf Lebensraum. Derzeit gibt es zwei gesicherte Durchgangsplätze im Kanton Baselland; neben jenem in Wittinsburg noch einen in Liestal. Wie gut der Platz in Wittinsburg genutzt wird, können Jonas Wirth und Brigitte Reinhard noch nicht abschliessend sagen, dafür fehlen derzeit noch verlässliche Zahlen. Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher beobachtet, dass er immer öfter gut belegt ist. «Das ist schön, dafür ist er schliesslich da.» Und die Jenischen und Sinti freuen sich, dass ein traditionsreicher Platz erhalten wird. Denn wie die Jenische Marina Birchler sagt, hätten bereits ihre Grosseltern hier gehalten – lange bevor der Kanton 1993 einen offiziellen Platz einrichtete. Nadja Sutter

«Auf der Gemeinde habe ich fürs Leben gelernt»

Als Leonie Koch zum Interviewtermin im Gemeinderatszimmer in Hasle (LU) erscheint, ist es für sie ein Heimkommen. Im vergangenen Sommer hat sie hier, auf der Gemeindeverwaltung Hasle, ihre Lehre als kaufmännische Angestellte mit Berufsmatura erfolgreich abgeschlossen. Ihre drei Lehrjahre waren eine Zeit, auf die sie sehr gerne zurückblickt, wie im Gespräch rasch deutlich wird. «Ich bin während der Lehre erwachsen geworden und habe auf der Gemeinde fürs Leben gelernt», resümiert sie. Dabei war sich Leonie Koch am Ende ihrer Schulzeit gar nicht so sicher, wo der weitere Weg hinführen soll. «Ich habe mir einerseits überlegt, die Kantonsschule zu besuchen und nachher die Ausbildung zur Lehrerin zu machen», sagt sie. «Andererseits hat mich auch eine Lehre angesprochen.» Leonie Koch schnupperte in der Folge in verschiedenen Berufen: auf der Gemeinde, bei Banken, aber auch in einer Bäckerei. «Bei der Gemeindeverwaltung hat es mir am meisten Spass gemacht, und so fiel der Entscheid. Zum Glück entschied sich dann auch die Gemeinde für mich als Lernende», sagt sie mit einem Lachen. Die Gemeinde dürfte dies nicht bereut haben, hat Gemeindeschreiber Marco Studer doch nur lobende Worte für seine ehemalige Lernende: «Leonie ist sehr ehrgeizig und hat ihre Aufgaben stets sehr gewissenhaft erledigt.» Der jungen Frau ihrerseits gefiel die Abwechslung auf der Verwaltung der Gemeinde mit rund 1700 Einwohnerinnen und Einwohnern besonders gut. Sie hatte Einblick in die verschiedenen Abteilungen und war unter anderem beim Steueramt, auf der Einwohnerkontrolle, im Bau- und Finanzamt, hat Aufgaben für den Gemeinderat erledigt und war auch für eine kurze Zeit auf dem Zivilstandsamt in Wolhusen. Natürlich arbeitete sie auch am Gemeindeschalter, nahm Anrufe entgegen und beantwortete Mails und hatte so engen Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. «Das hat mir wahnsinnig gefallen. Dabei habe ich gelernt, mit Menschen in den verschiedensten Situationen umzugehen und auch zu schlichten. Denn nicht alle Menschen, die zum Gemeindeschalter kommen, sind zufrieden, das war nicht immer einfach.» Zu lernen, damit umzugehen, helfe auch im Privatleben, findet Leonie Koch. «Ich habe gelernt, mit Menschen in den verschiedensten Situationen umzugehen und auch zu schlichten.» Leonie Koch, ehemalige Lernende Gemeinde Hasle (LU) Sie hat es geschätzt, für die Gemeinschaft zu arbeiten. «Ich bin in Hasle aufgewachsen und wohne immer noch hier. Indirekt habe ich mit meiner Arbeit etwas gemacht, das allen hier dient.» Und nicht zuletzt habe sie ganz praktische Dinge gelernt, die ihr im weiteren Leben helfen. «Ich weiss zum Beispiel ziemlich genau, wie man eine Steuererklärung ausfüllt.» Sie schmunzelt und fügt an: «Jetzt helfe ich Freundinnen und Freunden dabei, sie auszufüllen.» Gab es denn etwas, das ihr an der Lehre nicht gefallen hat? Leonie Koch überlegt lange. «Nein, ich bin immer gerne arbeiten gegangen.» Schliesslich fügt sie an: «Ich habe parallel zur Lehre die Berufsmatur absolviert. Das war zeitweise schon sehr intensiv, ich musste mich durchbeissen. Aber es hat sich gelohnt.» Sie sei in der strengen Zeit sehr froh über die Unterstützung aus dem Team gewesen, insbesondere über die von Gemeindeschreiber Marco Studer. «Ich durfte zwischendurch Aufgaben für die Schule während der Arbeitszeit erledigen. Das hat wirklich geholfen.» Sie fügt an: «Ich erinnere mich gerne an meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zurück. Ein gutes Team ist etwas vom Wichtigsten bei der Arbeit und kann einen richtig pushen.» Trotz all den guten Erinnerungen zieht es sie vorerst weg von der Gemeinde. Sie beginnt demnächst die Ausbildung zur Primarlehrerin. «Das war immer mein Traum. Ich möchte noch enger mit Menschen zusammenarbeiten.» Sie glaubt, dass ihr die Erfahrungen auf der Gemeinde helfen werden, insbesondere der Umgang mit Menschen in den verschiedensten Situationen. Dennoch: Sie kann sich vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt zur Gemeindeverwaltung zurückzukehren. «Ich bin froh, stehen mir in Zukunft zwei Wege offen.» Was könnten Gemeinden aus ihrer Sicht tun, damit junge Leute auch nach der Lehre bleiben? «Sie müssen die Möglichkeit zur Weiterentwicklung innerhalb der Gemeinde bieten», sagt Leonie Koch bestimmt. «Weiterbildungen und die persönliche Weiterentwicklung sind sehr wichtig für junge Menschen. Man erwartet das auch von unserer Generation.» Mit Weiterbildungsmöglichkeiten könnten Gemeinden verhindern, dass sie Leute verlieren – aber es gebe ihnen auch viel zurück, ist die junge Frau überzeugt. Nadja Sutter

Rezepte gegen den Fachkräftemangel

Früher war der Fall klar: Der Gemeindeschreiber wohnte in der Gemeinde und arbeitete auf der Gemeindeverwaltung bis zu seiner Pensionierung. Das ist heute anders. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind mobil, bilden sich weiter, wechseln die Branche. Das hat Auswirkungen auf die Gemeinden – die Stelleninserate von Gemeindeverwaltungen häufen sich. Sind die Gemeinden so unattraktiv geworden als Arbeitgeberinnen? Nicht unbedingt, sind doch nicht nur sie, sondern branchenübergreifend zahlreiche Unternehmen und Behörden händeringend auf der Suche nach Personal. Dennoch: Wollen die Gemeinden den Fachkräftemangel entschärfen, müssen sie attraktive Arbeitsbedingungen bieten. So klingt es unisono von den Expertinnen und Experten, mit denen wir für diese Ausgabe gesprochen haben. Wir versuchen darin, dem Phänomen auf den Grund zu gehen, und stellen lösungsorientierte Initiativen vor. Wie zum Beispiel das Video des Gemeindeschreiber- und Geschäftsführerverbandes Luzern zusammen mit dem Berufsbildungsnetzwerk Lunited, das für die Lehre bei der Gemeinde wirbt. In diesem Zusammenhang haben wir auch mit einer jungen Lehrabgängerin gesprochen, die das KV auf einer Gemeindeverwaltung absolviert hat, und sie gefragt, was es braucht, damit junge Arbeitskräfte bei den Gemeinden bleiben. Der Fachkräftemangel wird den Schweizerischen Gemeindeverband auch an seiner Generalversammlung beschäftigen, die er dieses Jahr einmal mehr im Rahmen der Messe Suisse Public abhalten wird. Was Sie darüber hinaus an der Suisse Public und ihrer Tochtermesse Suisse Public SMART erwartet, das verraten wir Ihnen in dieser Ausgabe. Nadja Sutter

«Die Nachfrage nach Springern ist riesig»

David Ammann: Die Nachfrage nach Springerinnen und Springern ist riesig. In den letzten fünf bis sechs Jahren gab es immer mehr Anfragen; und seit der Pandemie ist deren Zahl durch die Decke gegangen. Im vergangenen Herbst haben wir festgestellt, dass wir leider jede zweite Anfrage ablehnen müssen. Wir können die Nachfrage bei Weitem nicht decken. Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen, wenn Angestellte ausfallen, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, wegen eines Mutterschaftsurlaubs oder unbezahlten Urlaubs. Zum anderen, wenn es Restrukturierungen gibt und eine Überbrückung gesucht wird, bis eine Stelle neu ausgeschrieben werden kann. Immer häufiger jedoch auch, weil Stellen nicht besetzt werden können. Es gibt Gemeinden, die fragen nach einem Abgang gleich nach einem Springer, weil sie bereits wissen, dass es schwierig wird, die Stelle zu besetzen. In Bauverwaltungen, im Finanz- und Sozialbereich ist die Nachfrage besonders gross. In den Bauverwaltungen braucht es sehr spezifische Kenntnisse, gleichzeitig ist die Bautätigkeit in der Schweiz enorm hoch. Und es ist nicht unbedingt ein dankbarer Job: Wenn es um Baubewilligungen geht, muss man Polizist spielen. Im Finanzbereich ist es ähnlich, auch dort braucht es sehr spezifische Kenntnisse, und die Arbeitslast kann hoch sein, wenn zum Beispiel der Abschluss ansteht. Der muss einfach gemacht werden. Im Sozialbereich gibt es eine sehr hohe Fluktuation. Das heisst, viele Fachkräfte wechseln die Stelle häufig. Daher gibt es viele Abgänge, aber es ist auch einfacher, neue Leute oder Springerinnen und Springer zu finden. Die Zahl in unserem Pool ist über die Jahre mit rund 90 stabil geblieben, aber wir können damit die momentane Nachfrage nicht decken. Mir ist es sehr wichtig, zu betonen, dass wir nicht aktiv Springerinnen und Springer rekrutieren. Wir werben den Gemeinden kein Personal ab. Die Personen, die wir beschäftigen, sind meist solche, die aus verschiedenen Gründen keine Festanstellung anstreben und flexibel arbeiten wollen. Mit dem Personalverleih können wir dafür sorgen, dass sie der Branche erhalten bleiben. Und manchmal kommt es auch vor, dass es einer Springerin oder einem Springer so gut gefällt in einer Gemeinde, dass sie oder er dortbleibt. Ich frage mich, ob die Anstellungsbedingungen der öffentlichen Hand mit jenen in der Privatwirtschaft Schritt halten können. Damit meine ich nicht den Lohn – der ist in den meisten Fällen absolut gut. Sondern auch andere Faktoren wie Ferien, Arbeitsumfeld, Flexibilität … Die Pandemie hat durchaus einen Schub gebracht. Es gibt aber auch Verwaltungen, die Homeoffice gleich wieder den Riegel geschoben haben, nachdem die Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie aufgehoben worden waren. Wenn Flexibilität aus Prinzip nicht geht, ist es schwierig, gute Leute zu finden. Einen Generationenwechsel gibt es derzeit tatsächlich. Allerdings bilden viele Gemeinden auch Lehrlinge aus. Diese verlassen die Branche aber oft nach dem Lehrabschluss. Weshalb das so ist, ist mir ein Rätsel, und auch anderen Branchenkennern. Die Arbeit in einer Verwaltung ist sehr sinnhaft, ein Dienst an der Gesellschaft. Vielleicht liegt es am Image – obwohl es viele Imagekampagnen gibt, die das ändern wollen. Es ist sicher wichtig, dass man in diesem Bereich weitere Bemühungen unternimmt. «Ich beobachte, dass jene Gemeinden, die gut organisiert sind und eine gute Kultur pflegen, weniger Probleme haben, Personal zu finden.» David Ammann, stv. Geschäftsführer Federas Politik und Verwaltungskader sind gefordert, an den Rahmenbedingungen zu arbeiten. Es braucht klare und sinnvolle Strukturen, und eine Aufgabentrennung zwischen Politik und Verwaltung. Im Arbeitsalltag braucht es eine gute und gesunde Kultur und flexible Arbeitsbedingungen, die Teilzeit und Homeoffice ermöglichen. Ich beobachte, dass jene Gemeinden, die gut organisiert sind und eine gute Kultur pflegen, weniger Probleme haben, Personal zu finden. Herausfordernd kann es insbesondere für kleinere Gemeinden sein, wo sich die Verantwortung auf wenige Schultern verteilt. Hier ergibt es Sinn, die Strukturen zu überprüfen – und damit meine ich nicht unbedingt Fusionen, sondern die vermehrte Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden. Nadja Sutter

Bewährtes Konzept, neue Formate: Suisse Public 2023

Sechs Jahre – so lange ist es her, seit die letzte Suisse Public stattfinden konnte. Die Ausgaben 2020 und 2021 der grössten Schweizer Fachmesse für den öffentlichen Sektor mussten wegen der Coronapandemie abgesagt werden. Vom 6. bis 9. Juni aber öffnet die Messe erneut ihre Türen auf dem Bernexpo-Gelände und heisst Fachleute und Beschaffungsverantwortliche von Gemeinde-, Kantons- und Bundesbehörden sowie von Grossunternehmen willkommen. «Seit 2017 ist viel passiert», sagt Messeleiter Christoph Lanz im Gespräch mit der «Schweizer Gemeinde». Natürlich bestehe bei einer so langen Pause die Gefahr, dass sich der Markt anders organisiere, weg von den Messen. Christoph Lanz beobachtet aber das Gegenteil: Das Nachholbedürfnis sei gross. «Der Marktplatz, um sich zu treffen und auszutauschen, hat gefehlt. Denn es gibt keinen vergleichbaren Anlass in der Schweiz.» Und so waren bereits Anfang Februar 95 Prozent der Flächen der Messe gebucht. «Der Marktplatz, um sich zu treffen und auszutauschen, hat gefehlt. Denn es gibt keinen vergleichbaren Anlass in der Schweiz.» Christoph Lanz, Messeleiter Suisse Public An der Suisse Public können Interessierte Innovationen vor Ort kennenlernen und unter anderem im grossen Aussenbereich vieles direkt ausprobieren. «Wie leise zum Beispiel ein Kehrichtfahrzeug ist, kann man kaum in einem Video erfahren. Das muss man vor Ort erleben können», sagt Christoph Lanz. Die Messe biete die Möglichkeit für die Aussteller, Vertrauen zu schaffen in ihre neuen Lösungen. Und für die Besucherinnen und Besucher aus den Gemeinden ist es auch Gelegenheit, sich auszutauschen. Unterhaltung darf ebenfalls nicht fehlen: Action gibt es an der «Fire Fit Challenge» im Feuerwehrbereich der Messe, wo sich Angehörige der Feuerwehr in einem sportlichen Wettbewerb messen. Auch im Ausstellerbereich dürfte es vieles zu entdecken geben. Denn der Innovationszyklus wurde durch die coronabedingte Pause nicht gestoppt – im Gegenteil. Die Themen, die im Fokus stehen, und die technischen Lösungen sind andere als vor sechs Jahren. «Das Thema Energie ist momentan sehr brisant, das war in den vergangenen Jahren anders», so Christoph Lanz. Neben der Energiekrise beschäftigen sich die Gemeinden aktuell mit Ladestationen für elektronisch angetriebene Fahrzeuge oder E-Kommunalfahrzeuge. Die Digitalisierung ist ebenfalls Dauerthema und ein Feld, das sich sehr rasch entwickelt. Ihr hat die Suisse Public gleich eine eigene Messe in der Messe gewidmet: die Suisse Public SMART. Diese fand 2021 bereits online und 2022 als Tageskonferenz statt. Im Rahmen ihrer Muttermesse wird sie nun ein Programm während vier Tagen anbieten und smarte Lösungen aus den verschiedensten Bereichen präsentieren. Die Suisse Public SMART ist in zwei Teilbereiche gegliedert: eine Messe und eine Konferenz. Im Messeteil präsentieren Aussteller ihre Produkte an Ständen und auf einer Pitch-Bühne in kurzen Vorträgen. Dies wird ergänzt durch einen sogenannten Solution Park: Er ist gestaltet wie eine Begegnungszone, und die Besucherinnen und Besucher können dort verschiedene Exponate direkt in einem praxisnahen Anwendungskontext erleben. Zum Beispiel smarte Strassenlampen und Parkbänke, an denen das Handy aufgeladen werden kann. Zu viele Details will SMART-Projektleiter Christopher Wehrli noch nicht verraten: «Wir stecken mitten in der Planung.» Eine Etage darüber können Interessierte am Konferenzteil der Suisse Public SMART ihr Wissen rund um smarte Lösungen vertiefen. An allen vier Tagen konzentrieren sich die Inhalte der Vorträge und Podiumsdiskussionen auf einen bestimmten Fokus. Am Dienstag, 6. Juni, geht es um die Arbeit sowie Werkhöfe der Zukunft, am Mittwoch, 7. Juni, um Infrastrukturen der Zukunft und die Mobilitätswende. Am Donnerstag, 8. Juni, stehen E-Government und die digitale Verwaltung im Zentrum und am Freitag, 9. Juni, smarte Lösungen für Blaulichtorganisationen. Der Messeteil der Suisse Public SMART sowie das Konferenzprogramm vom Dienstag, 6. Juni, und Freitag, 9. Juni, ist im Eintritt der Suisse Public inbegriffen. Für den Konferenzteil vom Mittwoch, 7. Juni, und Donnerstag, 8. Juni, braucht es ein separates Konferenzticket. Darin inbegriffen sind neben dem Besuch der Konferenz und der Suisse Public auch ein Mittagessen sowie ein Apéro. «Wir wollen neue Wege aufzeigen, wie die Gemeinden vernetzt und smart ihre Infrastrukturen erneuern können. Dies gilt auch für die Digitalisierung von Verwaltungsdiensten.» Christopher Wehrli, Projektleiter Suisse Public SMART «Wir fokussieren an der SMART bewusst auf pragmatisch umsetzbare Lösungen, die auf Gemeinden zugeschnitten sind», sagt Projektleiter Christopher Wehrli. «Wir wollen neue Wege aufzeigen, wie die Gemeinden vernetzt und smart ihre Infrastrukturen erneuern können. Dies gilt auch für die Digitalisierung von Verwaltungsdiensten.» Das Interesse der Ausstellenden am neuen Format ist gross. «Die Messe wird wahrgenommen und ist bei zahlreichen Akteuren auf dem Radar», so Christopher Wehrli. Auch hier arbeitet die Zeit für das Thema, wie Messeleiter Christoph Lanz bemerkt. Eins ist sicher: Wenn 2026 die nächste Suisse Public stattfindet, werden sich die Innovationen bereits wieder weiterentwickelt haben. Nadja Sutter

«Demokratie ist nicht selbstverständlich»

Carol Schafroth: Demokratie ist wertvoll und nicht selbstverständlich. Dies auch in einem Land wie der Schweiz, wo sie kulturell stark verankert ist. Sie muss gepflegt werden. Der Tag der Demokratie erinnert uns daran, was Demokratie ist und wie gewinnbringend es ist, in einer Demokratie zu leben; unterschiedliche Meinungen zu haben und Lösungen auszuhandeln. Er soll die Menschen motivieren, sich einzubringen. Eine ganz wichtige Aufgabe ist es, aufzuzeigen, dass die Menschen, die gewählt werden, anschliessend über wichtige Themen entscheiden können. Dafür fehlt oft das Verständnis. Zentral ist auch, dass die Menschen darin ausgebildet werden, sich eine Meinung bilden zu können. Ich verstehe Demokratie aber in einem weiteren Sinn, nämlich dahingehend, dass sich die Menschen in der Gesellschaft einbringen. Dies nicht nur bei politischen Geschäften, sondern zum Beispiel auch in der Nachbarschaftshilfe oder bei der Organisation von gesellschaftlichen Anlässen. Nicht jeder und jede ist dafür gemacht, Gemeinderat oder Gemeinderätin zu werden. Aber man kann auch anders zur Demokratie beitragen. «Der Tag der Demokratie erinnert uns daran, wie gewinnbringend es ist, in einer Demokratie zu leben.» Carol Schafroth, Geschäftsführerin Campus für Demokratie Politische Bildung ist im Lehrplan 21 verankert, und es gibt gute Lehrmittel, die Umsetzung ist aber unterschiedlich. Ich erlebe, dass teils ein grosser Respekt vor der politischen Bildung da ist. Es gibt allerdings drei einfache Grundsätze: Junge Menschen sollen nicht indoktriniert werden, aktuelle Debatten sollen aufgegriffen werden, und die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler sollen einbezogen werden. Letzteres bietet gerade für Gemeinden eine grosse Chance. Vieles, was man in einer Gemeinde sieht und erlebt, wurde demokratisch ausgehandelt: zum Beispiel die Renovation eines Spielplatzes oder die Aufhebung von Parkplätzen. Gemeinden sind nahe an der Bevölkerung dran; die Partizipationsmöglichkeiten sind niederschwellig. Am Tag der Demokratie können die Gemeinden das sichtbar machen, zum Beispiel indem sie die Bevölkerung zum Apéro, zu einem Schwatz mit dem Gemeindepräsidenten oder der Gemeindepräsidentin oder zu einem Tag der offenen Tür einladen. Nadja Sutter

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