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Zwei Familien, die sich gefunden haben

Anna Meier* hat gerade verschiedene Packungen mit Getreide aus der Küche geholt: Haferkleie, Buchweizen und Dinkel. Gemeinsam mit Nina* versucht sie, das deutsche Wort für ein ukrainisches Getreidegericht herauszufinden. Es gelingt ihnen nicht restlos – aber man sieht beiden an, dass ihnen das Fachsimpeln über die Sprache Freude macht. Sie sprechen Französisch miteinander, eine Sprache, die die Familie Meier* gut beherrscht und Nina* an der Universität studiert hat. Die Ukrainerin wohnt mit ihrem Mann Igor* und den beiden Kindern seit Anfang März im obersten Stock des Hauses der Meiers* in Hagendorn (ZG). Ihren Nachnamen möchten die Geflüchteten lieber nicht in der «Schweizer Gemeinde» lesen. Aber sie erzählen von ihrer Reise in die Schweiz und dem Zusammenleben mit der Gastfamilie. Dass Nina* und Igor* in Hagendorn gelandet sind, ist reiner Zufall. Als Russland die Ukraine angriff, weilte Igor* für seine Arbeit im Ausland. Nina* und die Kinder reisten bald aus dem ostukrainischen Charkiw zu ihm, und über Umwege gelangten sie nach Norditalien zu Verwandten. Dort konnten sie jedoch nicht bleiben. Sie meldeten sich im nahe gelegenen Chiasso im Bundesasylzentrum an. Danach ging alles schnell. Nur gerade drei Tage war die Familie im Zentrum in Chiasso, bis sie an die Gastfamilie vermittelt worden war und zu ihr zog. Den Schutzstatus S erhielt sie innerhalb weniger Tage; die Kinder konnten bereits nach weniger als einer Woche im Kanton Zug zur Schule gehen. «Am Freitagmorgen haben wir das Formular in der Schule abgegeben, am Dienstag konnten die Kinder zur Schule gehen», erinnert sich Anna Meier*. Mittlerweile haben Nina* und Igor* Arbeit gefunden, über Freunde der Meiers*. Sie betreuen geflüchtete ukrainische Kinder mit Beeinträchtigungen an einer Schule in der Nähe. Nina* hat bereits in der Ukraine als Lehrerin für Kinder mit Beeinträchtigungen gearbeitet. «Ich bin sehr froh, dass wir arbeiten können», sagt sie. Für die Familie Meier* war rasch klar, dass sie sich als Gastfamilie zur Verfügung stellen möchte. «Der Krieg hat uns sehr bewegt», erzählt Anna Meier*. «Wir haben uns gesagt: Warum nicht, wir haben den Platz, um Geflüchtete aufzunehmen.» Die Meiers* haben zuvor bereits im Ausland gelebt, haben Erfahrungen mit WGs und gern Leute um sich. Die Familie registrierte sich bei Campax, einer Organisation, die mit der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zusammenarbeitet. Rund drei Wochen dauerte es, bis der Bescheid kam, dass eine passende Familie gefunden wurde. «Diese Zeit war gut, so konnten wir uns vorbereiten», sagt Anna Meier*. «Unsere Tochter hat mir gerade heute gesagt, dass sie es cool findet, andere Leute zu Hause zu haben», sagt Peter Meier*. Es passt auch, weil die Kinder von Nina* und Igor* im selben Alter sind wie die Kinder der Meiers* – während des Besuchs der «Schweizer Gemeinde» bemalen die beiden Töchter zusammen Vasen. Und auch die Eltern verstehen sich gut. «Nach dem ersten Abend habe ich zu meinem Mann gesagt: Das ist eine Familie genau wie wir, nur dass sie in Charkiw gelebt hat und wir hier. Es ist wirklich ein Glücksfall.» Ein Glücksfall war für die beiden Familien auch der Kontakt mit den Behörden. «Es ging alles sehr schnell und war relativ unkompliziert», sagt Anna Meier*. Die Familien erhielten nach wenigen Tagen Besuch von der Caritas Luzern, die im Kanton Zug Gastfamilien betreut. «In unserem Fall gibt es keine Probleme, aber es ist sicher gut, eine Ansprechperson ausserhalb der Familie zu haben, falls es zu Unstimmigkeiten kommen sollte.» Jetzt ergeben sich für die Familien aber neue Fragen. Wie ist es zum Beispiel mit den Versicherungen, jetzt wo Nina* und Igor* Arbeit gefunden haben? «Die Gemeinde Cham hat uns eben gerade eine konkrete Ansprechperson zugeteilt, und wir hoffen, dass sie uns dabei unterstützen kann», sagt Anna Meier*. Die beiden Familien schlossen im Vorfeld einen Vertrag zum Zusammenleben ab. Zu Konflikten kam es bisher aber kaum. «Wir sind Erwachsene und können miteinander sprechen», sagt Nina*. Anna Meier* fügt hinzu: «Wir lassen einander auch einfach machen.» Das sei wichtig, denn die Gewohnheiten sind teils doch anders. Gerade beim Essen, wie Nina* mit einem Lachen sagt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben nicht viel für Schweizer Birchermüesli und Konfibrot zum Frühstück übrig. Bei ihnen isst man salzig am Morgen: zum Beispiel Reis oder Spaghetti. Anna Meier* hat angefangen, Ukrainisch zu lernen, um besser mit der Familie kommunizieren zu können. Bis sie nach einigen Wochen gemerkt hat: Nina* und Igor* sprechen gar nicht Ukrainisch, sondern Russisch miteinander. So wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Osten des Landes. Beide sprechen aber ebenfalls Ukrainisch – und Anna Meier* verfolgt ihre Sprachstudien vorerst weiter. Trotz der guten Zeit, welche die Familien miteinander verbringen: Nina* und Igor* möchten so bald wie möglich wieder nach Hause. «Wir haben eine Katze und einen Hund, aber die mussten wir bei meinen Eltern lassen, es wäre sonst zu kompliziert geworden», sagt Nina*. Und sie erinnert sich daran, dass sie noch zwei Christbäume in der Wohnung stehen hat. Sie lässt sie immer gerne lange stehen und wollte mit deren Entsorgung warten, bis Igor* aus dem Ausland zurückgekehrt war. Doch dann brach der Krieg aus. «Ich weiss wirklich nicht, in welchem Zustand wir unsere Wohnung antreffen werden, wenn wir zurückkommen», sagt sie. Nina* hält auch an ihrem Psychologiestudium fest. Wegen der Covid-Pandemie hat sie dieses bereits online begonnen und kann nun von der Schweiz aus damit weiterfahren. Die Professoren sind noch immer in Charkiw. «Manchmal höre ich bei einer Vorlesung Explosionen im Hintergrund», sagt sie. «Die Professoren sagen uns, wir sollen dranbleiben, wenn die Internetverbindung unterbricht. Sie haben ein Notfall-Wifi eingerichtet.» Sie fügt an: «Unsere Professoren sind die wahren Helden.» Sie ist überzeugt: Mit dem Krieg gibt es in der Ukraine einen grossen Bedarf an Psychologinnen und Psychologen. «Wir haben Projekte für die Zukunft. Aber momentan nehmen wir jeden Tag so, wie er kommt. Wir müssen uns immer wieder neu anpassen.» *Die Namen wurden auf Wunsch der Beteiligten nach der Veröffentlichung des Artikels anonymisiert. (17.12.2024) Nadja Sutter

Strassenbegleitgrün: Welche Mähmaschinen sind ökologisch?

Das Strassenbegleitgrün, also Wiesen und Böschungen entlang von Strassen, sind unproduktive Flächen. Sie müssen aber trotzdem regelmässig gemäht werden, um die Sicherheit auf den Strassen zu gewährleisten. Gerade entlang von Hauptstrassen und Autobahnen muss das schnell gehen und wirtschaftlich sein, denn die betroffenen Abschnitte sollten nicht zu lange gesperrt werden, um den Verkehr nicht zu beeinträchtigen. Das hat Folgen für die Biodiversität. Am einfachsten und schnellsten geht das Mähen nämlich mit Schlegelmulchern, die das Mähgut zerhäckseln. Darunter leidet die Insektenwelt – und das liegen gebliebene Schnittgut sorgt für einen zu nährstoffreichen Boden, welcher der Biodiversität ebenfalls schadet. Aus der Landwirtschaft wisse man, welche Art zu mähen die Biodiversität fördert, sagt Lukas Bollack. Er betreut beim Umweltbüro Nateco eine Studie zu biodiversitätsfreundlichen Mähmaschinen, an der auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) beteiligt ist. «Balkenmäher sind insektenfreundlicher als Schlegelmulcher», so Bollack. Und: Ideal wäre es, das Schnittgut ein paar Tage liegen zu lassen, damit die Pflanzen versamen können, und dann abzuführen, um eine Nährstoffübersättigung des Bodens zu verhindern. Ist dies nicht möglich, so ist es besser, das Schnittgut direkt abzuführen, als es liegen zu lassen. Die Technik hat bereits reagiert: Maschinenhersteller bringen zum Beispiel Abstreifvorrichtungen an, die nicht nur die Samen von Pflanzen auf dem Boden verteilen, sondern auch Insekten animieren sollen, zu fliehen, bevor das Mähen beginnt. Auch verfügen die Maschinen der neusten Generation über eine weniger starke Sogwirkung sowie Vorrichtungen, mit denen das Schnittgut direkt aufgenommen und abtransportiert werden kann. Diese Innovationen gehen auf eine Initiative aus Bayern zurück, wie Ralf Sander vom deutschen Maschinenhersteller Mulag erklärt. Seit 2019 gelten dort nach der Annahme eines Volksbegehrens besonders strenge Regeln zum Schutz der Biodiversität – auch für das Mähen von Strassenbegleitgrün. Das Strassenbauamt lud Maschinenhersteller und Biologen zu einem runden Tisch ein, um gemeinsam Lösungen zu finden. Im Anschluss entwickelte Mulag Maschinen mit den oben beschriebenen Anpassungen. Auch Schweizer Hersteller wie die Urs Schmid AG oder die N.U.P. bieten mittlerweile Ökomähköpfe an. Doch was nützen diese Massnahmen effektiv? Ab wann gilt eine Mähmaschine als biodiversitätsfreundlich? Forschung dazu gibt es noch kaum. Antworten sucht die Studie, an der Lukas Bollack beteiligt ist und die vom Bundesamt für Strassen (Astra) sowie seinen deutschen und österreichischen Pendants in Auftrag gegeben wurde. Im Sommer 2023 wurden Feldversuche durchgeführt, die derzeit ausgewertet werden. Mit ersten Resultaten rechnet Bollack 2026. «Es hat sich als ziemlich schwierig erwiesen, eine standardisierte Messung durchzuführen», sagt Bollack. Denn je nach Grünfläche und Tageszeit variiert die Anzahl Insekten darin sehr stark. Zum Schluss behalf sich die Forschergruppe mit Insektenattrappen aus Wachs. Obwohl das Forschungsprojekt noch nicht abgeschlossen ist, kann Lukas Bollack Gemeinden, die bei der Grünflächenpflege die Biodiversität schützen wollen, einige Tipps geben: «Balkenmäher sind besser als rotierende Messer, und es hilft, das Gras nicht ganz kurz abzuschneiden», sagt er. Aber es komme nicht nur auf die Maschine an: «Auch der Mähzeitpunkt hat einen Einfluss.» Wichtig sei es überdies, Altgrasinseln stehen zu lassen, wohin die Insekten flüchten könnten. Interessierte Gemeinden können sich von kantonalen Fachstellen oder Ökobüros beraten lassen. «Balkenmäher sind insektenfreundlicher als Schlegelmulcher, und es hilft, das Gras nicht ganz kurz abzuschneiden.» Lukas Bollack, Projektleiter Nateco Die Schweizer Politik ist bereits auf das Thema aufmerksam geworden. Der Bund hat dem Astra und den Bahnunternehmen die Vorgabe gemacht, dass sie 20 Prozent ihrer Fläche zur Biodiversitätsförderung nutzen müssen. Und im Kanton Zürich darf entlang der Kantonsstrassen nur noch mit Balkenmähern gearbeitet werden. Die Nachfrage nach schonenderen Mähmaschinen ist da, weiss Ralf Sander von Mulag: Er hat bisher fünf Grünpflegeköpfe der neusten Generation in die Schweiz verkauft. Anfragen kamen bisher aus den Kantonen Aargau, Baselland, Graubünden und Wallis. Ralf Sander ist überzeugt, dass sich in diesem Bereich in Zukunft noch viel tun wird, sobald Erkenntnisse der erwähnten Studie, aber auch von anderen Forschergruppen vorliegen. Und: «Das Feedback unserer Kunden fliesst direkt in die Weiterentwicklung der Geräte mit ein.» Nadja Sutter

«Die Arbeit für die Gemeinden in Bundesbern ist ein grosses Privileg»

Wandel, Entwicklung und Kontinuität. Wandel wegen der Wechsel im Vorstand und in der Direktion; Entwicklung wegen der Verstärkung der Geschäftsstelle durch zwei neue Mitarbeitende sowie Kontinuität, weil ich als langjährige Politikverantwortliche die gute Arbeit meiner Vorgänger nun als Direktorin weiterführe. Ich empfinde es als grosses Privileg, mich für die kommunale Ebene in Bundesbern zu engagieren. Mich fasziniert die Vielfalt der Aufgaben der Gemeinden. Diese sind an der Front, und ich bin überzeugt, dass ihre Rolle im Staat sehr zentral ist. Umso wichtiger, dass sie mit dem SGV eine kompetente Anlaufstelle in Bundesbern haben. Der SGV pflegt als anerkannter Partner einen engen Austausch mit Bundesbehörden und diskutiert in zahlreichen Gremien mit. Ich möchte die Position des SGV durch unsere politische Arbeit festigen und sowohl den Kontakt zu den Gemeinden als auch zum nationalen Parlament intensivieren. Mit drei Nationalratsmitgliedern im Vorstand und unserem Präsidenten, Ständerat Mathias Zopfi, sind wir sehr gut aufgestellt. Zudem ist es mir wichtig, Partnerschaften mit den kantonalen Direktorenkonferenzen und nationalen Verbänden wie auch mit Fachhochschulen und Bundesämtern weiterzuführen und neu aufzubauen – für eine breit abgestützte Politik und um attraktive Angebote für die Gemeinden zu entwickeln. «Ich möchte die Position des SGV durch unsere politische Arbeit festigen und sowohl den Kontakt zu den Gemeinden als auch zum nationalen Parlament intensivieren.» Claudia Kratochvil, Direktorin Schweizerischer Gemeindeverband Der SGV befürwortet den Ausbau der erneuerbaren Energien und auch eine Beschleunigung der Verfahren – doch die Standortgemeinden müssen in die Entscheide miteinbezogen werden. Unser Einsatz hat sich gelohnt: Die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerats hat sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass bei Energieprojekten die Zustimmung der Standortgemeinde vorliegen muss. Der SGV will den grossen Einsatz der Gemeinderätinnen und Gemeinderäte in der Schweiz sichtbar machen. Dank ihres Engagements bleibt die Politik bürgernah, das verdient Wertschätzung. Dazu bieten wir die Zertifizierung der Führungskompetenzen von Behördenmitgliedern an, die ihnen im Berufsleben nach dem politischen Amt Türen öffnen kann. Wichtig ist es, bereits die Jugend über die Rolle unserer Gemeinden zu informieren. Wir tun das unter anderem mit einem eigens entwickelten Pixi-Büchlein für Schulen, das wir kürzlich neu aufgelegt haben. Zudem unterstützen wir Forschung im Bereich Milizarbeit wie die praxisnahen Projekte «Promo35» und «PromoFemina» der Fachhochschule Graubünden. Diese liegt mir sehr am Herzen. Die Frauen stellen ein grosses ungenutztes Potenzial dar. Das zeigen die Zahlen, die der SGV 2024 erhoben hat: Nur 19 Prozent aller Gemeindepräsidien sind in Frauenhand. Für die nationale und kantonale Politik ist die Frauenförderung auf der Kommunalebene zentral, denn die meisten Personen steigen auf der Gemeindeebene in die Politik ein. Der SGV fördert die Vernetzung der Frauen in der Kommunalpolitik, zum Beispiel mit der internationalen Bürgermeisterinnenkonferenz, die wir dieses Jahr in Schaffhausen organisiert haben. «Frauenförderung auf der Kommunalebene ist zentral, denn die meisten Personen steigen hier in die Politik ein.» Claudia Kratochvil, Direktorin Schweizerischer Gemeindeverband Die geplanten Sparmassnahmen des Bundes werden uns stark beschäftigen. So soll im Asylbereich die Integrationspauschale gekürzt werden, was eine kaum stemmbare Lastenverschiebung hin zu Kantonen und Gemeinden bedeutet. Zur postalischen Grundversorgung erwartet der SGV zeitnah eine politische Diskussion im Parlament unter Einbezug der Gemeinden. Wir erarbeiten derzeit mit Partnern ein Vorgehensmodell, wie sich Gemeinden und Kantone organisieren können, um ihre digitalen Dienstleistungen auf einem gemeinsamen Serviceportal anbieten zu können. 2025 folgt die Begleitung der Gemeinden in der Umsetzung. Zudem haben wir spannende Anlässe geplant, wie die Gesundheitsförderungskonferenz, unsere GV im Kanton Genf oder die Föderalismuskonferenz. Ich freue mich auf die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des Artikels 50 in der Bundesverfassung. Dieser sogenannte Gemeindeartikel verpflichtet den Bund, bei der Gesetzgebung auf die Interessen der Gemeinden Rücksicht zu nehmen. Nadja Sutter

Aesch fördert seine Führungskräfte

Im Schloss von Aesch (BL) herrscht gute Stimmung an diesem sonnigen Wintervormittag. Das stattliche Gebäude mit seinen hohen weissen Wänden beherbergt die Gemeindeverwaltung von Aesch, einer rasant wachsenden 11 000-Seelen-Gemeinde in der Agglomeration Basel. Gerade ist Mario Müller-Rottmann aus St. Gallen im Schloss zu Besuch und wird herzlich begrüsst: von Gemeindepräsidentin Eveline Sprecher, Verwaltungsleiter Roman Cueni, und wenig später auch von Alessia Kirchhofer, der Teamleiterin Human Resources. Mario Müller-Rottmann hat mit den dreien und 22 weiteren Führungskräften der Gemeinde vor Kurzem eine Führungsausbildung durchgeführt. «Es war wirklich super, schön, dich noch einmal zu sehen», sagt Alessia Kirchhofer zu Mario Müller-Rottmann. Mario Müller-Rottmann ist heute hier, um gemeinsam mit Roman Cueni von der Führungsausbildung zu erzählen. Der Verwaltungsleiter von Aesch holt erst einmal aus: Als er vor rund fünf Jahren bei der Gemeinde zu arbeiten begann, erhielt er bald eine grosse Aufgabe. Der Gemeinderat hatte sich gerade gesamterneuert, und unter der neuen Gemeindepräsidentin Eveline Sprecher sollte eine neue Strategie und Vision für die Gemeinde erarbeitet werden. «Wir überprüften und überarbeiteten in diesem Zuge auch die gesamte Organisation der Gemeindeverwaltung. Wir definierten Prozesse und organisierten die Ressorts ausgehend von diesen Prozessen neu», erklärt Roman Cueni, der vorher in der Privatwirtschaft gearbeitet hatte. Reorganisation, Transformation – für die Mitarbeitenden ist das nicht immer einfach. «Uns war es sehr wichtig, transparent zu informieren und das Personal miteinzubeziehen», sagt der Verwaltungsleiter. So gab es unter anderem eine grosse Umfrage zur Personalzufriedenheit. Im Zuge der neuen Strategie definierte die Gemeinde auch neue Führungsgrundsätze. «Wir entwickelten diese gemeinsam in Workshops», erklärt Roman Cueni. «Wir wollten nicht einfach von oben Grundsätze vorgeben, sondern alle Führungskräfte der Gemeinde sollten sich damit identifizieren können.» Zielorientierung und Verantwortung, Vorbild und Vertrauen, Teamarbeit und Erfolg, Fehlerkultur und Lernen: So lauten die gemeinsam definierten Führungsgrundsätze. Anschliessend startete die Führungsausbildung für sämtliche Angestellten der Gemeinde, die ein Team führten, insgesamt 25 Personen – von der Gemeindepräsidentin und dem Verwaltungsleiter bis hin zum Gruppenleiter Werkhof. Freiwillig war die Ausbildung nicht, was zu Beginn auch für Unmut sorgte, wie Roman Cueni sagt. «Der Gruppenleiter vom Werkhof gab zu bedenken, dass er gar keinen Arbeitsplatz mit Laptop habe, an dem er für die Ausbildung lernen könne.» Die Gemeinde richtete ihm dann einen entsprechenden Arbeitsplatz ein – und am Schluss war der besagte Gruppenleiter sogar der, der die Unterrichtsmaterialien am schnellsten durchgearbeitet hatte. Mario Müller-Rottmann, der mit seiner Firma Percoms AG solche und ähnliche Weiterbildungen anbietet, führte die Gemeinde durch den Kurs. Dieser ist hybrid aufgebaut, wie Müller-Rottmann erklärt: Einen Teil erledigten die Teilnehmenden online im Selbststudium; der andere Teil bestand aus gemeinsamen Workshops und Praxistrainings. «Dort übten die Teilnehmenden zum Beispiel mit Rollenspielen, schwierige Gespräche zu führen», führt er weiter aus. Ein weiterer Bestandteil des Kurses waren mehrere Coachingsitzungen mit einem externen Coach. «Das Coaching wurde sehr intensiv genutzt und war beliebt, weil die Teilnehmenden konkrete Situationen aus ihrem Berufsalltag mit einem externen Profi spiegeln konnten», sagt Roman Cueni. «Mit einer guten Führungskultur stärken wir die ganze Verwaltung.» Roman Cueni, Verwaltungsleiter Gemeinde Aesch (BL) Der Verwaltungsleiter und Mario Müller-Rottmann arbeiten auch weiterhin zusammen: Neue Führungskräfte, die ihre Arbeit in Aesch beginnen, können den Onlinekurs im Selbststudium ebenfalls absolvieren. Und jedes Jahr ist ein halbtägiger «Refresher-Kurs» geplant, an dem alle Führungskräfte zusammenkommen und ein Thema vertiefen. Roman Cueni ist überzeugt, dass sich die Investition in ihre Führungskräfte für die Gemeinde lohnt. «Mit einer guten Führungskultur stärken wir die ganze Verwaltung, sorgen für eine angenehme Arbeitsatmosphäre und wirken dem Fachkräftemangel entgegen.» Er glaubt, dass viele Gemeinden noch Potenzial bei der Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden haben. «Die öffentliche Verwaltung darf hier durchaus Instrumente aus der Privatwirtschaft anwenden. Diese können auch zum Erfolg einer Gemeinde beitragen.» Nadja Sutter

Gemeinderanking: Mümliswil-Ramiswil schlägt zurück

Etwas enttäuscht war der Gemeinderat vom Mümliswil-Ramiswil (SO) ja schon, als das diesjährige Gemeinderanking der «Handelszeitung» Mitte September publik wurde. Mümliswil-Ramiswil lag nämlich nicht mehr auf dem letzten Platz wie in den Jahren zuvor, sondern auf Rang 935 von 954. «Wir wissen nicht, woran das liegt», sagt Vizegemeindepräsident Rolf Jeggli. «Entweder sind wir besser geworden oder die anderen Gemeinden viel schlechter», witzelt sein Gemeinderatskollege Beat Siegrist. Die «Handelszeitung» erstellt jedes Jahr ein Ranking aller Schweizer Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern, was knapp 1000 Gemeinden entspricht. Kriterien sind unter anderem die Immobilienpreise, die Höhe der Steuern, die Sicherheit und die Lage der Gemeinden, das Angebot an Schulen, Betreuungseinrichtungen sowie Einkaufsmöglichkeiten. Meggen (LU) führt das Gemeinderanking 2024 an. Auf den vorderen Plätzen finden sich vornehmlich Gemeinden aus der Innerschweiz und dem Kanton Zürich mit Seeanstoss. Schlusslicht ist 2024 Val-de-Travers im Neuenburger Jura. Das Gemeinderanking ist in Mümliswil-Ramiswil in den letzten Jahren zu einer Art Running Gag geworden. «Klar war es etwas deprimierend, als wir das erste Mal Schlusslicht waren», sagt Vizegemeindepräsident Jeggli. Mittlerweile nehme man die Sache aber mit Humor. Und immerhin: Die Gemeinde erhielt viel mediale Aufmerksamkeit, von einem Porträt im nationalen Fernsehen bis hin zu einer TikTok-Kampagne. Die flächenmässig grösste Gemeinde des Kantons Solothurn hat trotz der schlechten Bewertung einiges zu bieten. Sie liegt hinter zwei Juraketten in einem eigenen Tal, aus dem der Scheltenpass und der Passwang hinausführen – diese sind bei Töff- und Velofahrerinnen und -fahrern beliebt. Und auch der Bevölkerung gefällt es ganz gut da. Das zeigt eine Umfrage, welche die Gemeinde dieses Jahr zusammen mit einem professionellen Institut durchgeführt hat. «Wir wollten wissen, was eigentlich die Einwohnerinnen und Einwohner selbst über unsere Gemeinde denken», sagt Gemeinderat Beat Siegrist. «Ihre Meinung zählt schliesslich, für sie setzen wir uns ein», fügt Rolf Jeggli hinzu. Von den knapp 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern antworteten mehr als 500 quer durch alle Altersschichten, was einem sehr guten Rücklauf entspricht. Die Bevölkerung lobte dabei vor allem das Freizeit- und Kulturangebot. In der Gemeinde sind mehr als 50 Vereine aktiv, die immer wieder grössere Feste organisieren, an denen alle mit anpacken – wie zuletzt etwa beim kantonalen Musikfest. «Wenn hier in der Region ein grösserer Anlass stattfinden soll, heisst es: Machen wir es in Mümliswil, die können das», sagt Beat Siegrist. Das Hallenbad und die eigene Primarschule dürften ein Grund sein, weshalb die Einwohnerinnen und Einwohner die Gemeinde als familienfreundlich empfinden. Die Bevölkerung lobt auch die Gemeindeverwaltung. Rolf Jeggli sagt dazu: «Die Verwaltung ist sehr flexibel und nimmt auch einmal Anliegen ausserhalb der Öffnungszeiten entgegen. Diese Nähe schätzen die Menschen hier sehr.» «Wir wollten wissen, was eigentlich die Einwohnerinnen und Einwohner selbst über unsere Gemeinde denken.» Beat Siegrist, Gemeinderat Mümliswil-Ramiswil Trotzdem gab es auch einige Kritikpunkte: Etwa dass das Einkaufs- und Dienstleistungsangebot zu wünschen übrig lasse. Der Gemeinderat erklärt sich dies damit, dass in den letzten Jahren gleich mehrere Läden geschlossen haben und die Post ihre eigene Filiale aufgab. Dennoch gibt es noch einen Supermarkt und ein paar weitere Läden in der Gemeinde. Auch den Bereich Leben im Alter und Mobilität bewerten die Mümliswilerinnen und Mümliswiler nicht besonders gut, ebenso wie die wirtschaftliche Attraktivität – was mit den eher hohen Steuern zusammenhängen könnte. Einige Anliegen der Bevölkerung hat die Gemeinde bereits seit Längerem auf dem Schirm, und eine Verbesserung ist bereits geplant. So soll in der Nähe des Dorfkerns eine neue Überbauung mit Wohnungen entstehen, die insbesondere für die ältere Bevölkerung attraktiv sein werden. Allerdings sind aufgrund der Befragung nun keine konkreten Projekte entstanden. Aber, so Rolf Jeggli und Beat Siegrist, der Gemeinderat werde bei seiner Arbeit und in seinen Entscheiden künftig die Rückmeldungen der Bevölkerung miteinbeziehen. Was die beiden betonen: Die grosse Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner denkt nicht darüber nach umzuziehen. «Das spricht dafür, dass es diesen Menschen hier gut gefällt», sagt Beat Siegrist. Tatsächlich dürfte für eine Familie mit begrenztem Budget, die ein ruhiges Haus im Grünen sucht, Mümliswil-Ramiswil die bessere Wahl sein als das teure Meggen. Gemeinderanking hin oder her. Nadja Sutter

Erdbebensicherheit: Auch kleine Anpassungen können viel bewirken

Erdbeben haben ein enormes Schadenspotenzial und können ganze Regionen lahmlegen. Und das nicht nur im Ausland. Auch die Schweiz ist ein Erdbebenland. Beben mit einer Magnitude von bis zu 7 sind in der Schweiz möglich, sagt Sven Heunert, Fachexperte für Erdbeben beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Im kollektiven Gedächtnis ist das letzte grosse Beben von Siders 1946 nicht mehr besonders präsent. Die Naturgefahr Erdbeben ist selten – wenn sie aber eintritt, ist das Schadenspotenzial in der dicht bebauten Schweiz enorm. Das Strassen- und Schienennetz, die Strom- und Wasserversorgung – all das würde bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen, zusätzlich zu den zahlreichen beschädigten Gebäuden. Im Berggebiet kommt die Gefahr durch vom Beben ausgelöste Felsstürze, Hangrutschungen oder Lawinen hinzu. Sven Heunert erklärt: «Wenn in der Stadt Bern das Mattequartier überschwemmt wird, ist das schlimm. Die Feuerwehr ist aber an ihrem Stützpunkt nicht betroffen und kann sofort ausrücken und unterstützen.» Anders bei einem schweren Erdbeben: «Da muss man davon ausgehen, dass auch das Feuerwehrdepot in Mitleidenschaft gezogen wird und die Angehörigen der Feuerwehr vielleicht selbst in einer Notlage sind. Abgesehen davon, dass das Mobilfunknetz wahrscheinlich nicht mehr funktioniert.» Solche Szenarien machen Angst. Umso mehr, weil sich Erdbeben nicht voraussagen lassen und jederzeit eintreffen können. Dennoch nimmt die Erdbebensicherheit im öffentlichen Diskurs keinen grossen Raum ein, und auch in den Gemeinden haben andere Themen einen höheren Stellenwert. Sven Heunert weiss das aus eigener Erfahrung, präsidiert der Bauingenieur doch seit 2016 die bernische Gemeinde Thierachern. «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten.» Sven Heunert, Fachexperte Erdbeben Bafu, Gemeinderatspräsident Thierachern (BE) «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten», betont er. Als Beispiel nennt er das anstehende Sanierungsprojekt einer Schule in Thierachern: «Ich habe angeregt, im Rahmen der Sanierung die Erdbebensicherheit anzuschauen und wo nötig Massnahmen zu ergreifen.» Wenn im Rahmen einer Sanierung sowieso eine Baustelle eröffnet werde, liessen sich viele Synergien nutzen. Umso mehr, wenn die Überprüfung auf Erdbebensicherheit bereits ganz zu Beginn im Projekt mitgedacht werde. Daneben gibt es kostengünstige und einfache Massnahmen, die jede Gemeinde rasch umsetzen kann, wie zum Beispiel Regale in den Schulen an der Wand zu befestigen oder Notstromaggregate vor dem Kippen zu sichern. Für Neubauten wie auch für bestehende Bauten sind in der Schweiz die SIA-Baunormen einzuhalten, die auch Anforderungen an die Erdbebensicherheit festlegen. In diesem Zusammenhang muss ein Gebäude oder eine Anlage in eine der drei sogenannten Bauwerksklassen eingeteilt werden, die von der Bedeutung des Bauwerks abhängen und schliesslich den Standard vorgeben. Hier gelte es Bauherrschaften und Planende noch stärker zu sensibilisieren, sagt Sven Heunert. Den Gemeinden kommt zusätzlich eine wichtige Rolle in der Krisenbewältigung zu. «Bund, Kantone und Gemeinden haben grundsätzlich ein erprobtes Krisenmanagement und sind mit den Führungsstäben gut aufgestellt», hält Sven Heunert fest. In der Vorbereitung sollten Gemeinden auch da gewisse erdbebenspezifische Szenarien durchspielen und Massnahmen entsprechend anpassen. Fragen, die sich die Führungsstäbe der Gemeinden stellen sollten, sind zum Beispiel: Welche Rettungsrouten definieren wir? Wo ist der Notfalltreffpunkt für die Bevölkerung? Wie gehen wir mit einem länger andauernden Stromausfall oder Unterbruch des Trinkwassernetzes um? «Man muss sich bewusst sein, dass ein heftiges Erdbeben eine Krise auslösen kann, die mehrere Monate andauert», sagt der Experte. Darum mache es Sinn, die Notfallplanung in verschiedene Phasen aufzuteilen: Eine Frühphase, in der akute Notstände gelindert werden, eine Übergangsphase und eine Regenerationsphase, in der der Wiederaufbau ins Auge gefasst wird. Wer aber soll den Wiederaufbau finanzieren? Erdbebenschäden sind bei den obligatorischen Gebäudeversicherungen ausgeschlossen. Der Bund hat eine Vorlage für die Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben ausgearbeitet. Diese sieht vor, dass im Falle eines Erdbebens alle Gebäudebesitzenden maximal 0,7 Prozent der Gebäudeversicherungssumme abgeben. Dieser Betrag von maximal 22 Milliarden Franken soll für den Wiederaufbau eingesetzt werden. Auch die Gemeinden müssten als Gebäudeeigentümerinnen diesen Betrag abgeben – würden im Schadensfall aber auch profitieren und müssten den Wiederaufbau nicht aus der eigenen Kasse berappen. Der Bundesrat hat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) beauftragt, bis Ende 2024 unter Berücksichtigung der Vernehmlassungsergebnisse eine Botschaft zur Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben zu erarbeiten. Diese wird anschliessend im Parlament behandelt. Nadja Sutter

Wo sich Lokalpolitiker aus ganz Europa treffen

Der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats taucht in den Medien eher selten auf. Zu Unrecht, wie Christine Chevalley findet. Denn er leistet wichtige Arbeit auf der Gemeinde- und Regionsebene in ganz Europa. Christine Chevalley ist Gemeindepräsidentin von Veytaux (VD), einer kleinen Gemeinde am Genfersee, auf deren Gebiet das bekannte Schloss Chillon steht. Und sie ist seit 2015 Mitglied der Schweizer Delegation im Kongress und seit Kurzem Vizepräsidentin der Delegation. Zum Europarat, der 1949 im Nachgang des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, gehören verschiedene Organe: die parlamentarische Versammlung, in der nationale Parlamentarierinnen und Parlamentarier aus den Mitgliedsländern sitzen, das Ministerkomitee, in dem die Mitgliedstaaten durch ihre Aussenminister vertreten sind, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und eben der Kongress der Gemeinden und Regionen. Der Kongress feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen: 1994 wurde er ins Leben gerufen, um auch der Ebene der Gemeinden und Regionen Europas eine Stimme zu geben. Er hat eine beratende Funktion. Der Kongress besteht aus zwei Kammern: der Kammer der Gemeinden und der Regionen. Die Schweiz entsendet in jede Kammer jeweils drei Mitglieder; dazu kommen drei Stellvertretende. In der Kammer der Gemeinden sitzen Politikerinnen und Politiker aus Gemeinden und Städten, in jene der Regionen entsendete die Schweiz Mitglieder der Kantonsexekutiven. Die Mitglieder werden von der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK), dem Schweizerischen Städteverband (SSV) und dem Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) nominiert und anschliessend vom Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Auswärtige Angelegenheiten ernannt. Bei der Nomination achten KdK, SSV und SGV auf eine ausgewogene Verteilung der Parteien, aber auch darauf, dass sowohl grössere als auch kleinere Gemeinden vertreten sind. «Wir haben alle die gleichen Probleme, aber teilweise ganz unterschiedliche Ansätze, um sie zu lösen.» Christine Chevalley, Gemeindepräsidentin Veytaux (VD) und Mitglied der Schweizer Delegation am Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates Als Christine Chevalley 2015 für ein Engagement in der Kammer der Gemeinden angefragt wurde, sagte sie sofort zu. «Ich mag neue Herausforderungen.» Seither war sie an fast allen Sessionen des Kongresses, die jeweils im März und Oktober in der französischen Stadt Strassburg stattfinden. «Wir tauschen uns am Kongress zu Themen aus, die alle Gemeinden beschäftigen: Abfall, Wasserversorgung, öffentliche Beleuchtung – aber auch zum Thema Respektierung lokaler Autoritäten», erzählt die Gemeindepräsidentin. Dabei sei ihr bewusst geworden, wie gut die Situation in der Schweiz eigentlich sei: «Ich kann mich als Gemeindepräsidentin frei bewegen und muss keine Angst um mein Leben haben. Das ist in anderen Ländern leider nicht so.» Der Kongress übernimmt neben dem Austausch während der Sessionen weitere Aufgaben. So wacht er über die Umsetzung der Europäischen Charta der kommunalen Selbstverwaltung und beobachtet Kommunal- und Regionalwahlen. Christine Chevalley war vor Kurzem in Andorra in einem Einsatz, um die Umsetzung der Charta zu überprüfen: «Wir wurden sehr herzlich empfangen, und es war sehr spannend, dieses Land kennenzulernen.» Der Kleinstaat in den Pyrenäen zwischen Spanien und Frankreich besteht aus gerade einmal sieben Gemeinden und hat einige Besonderheiten, wie Christine Chevalley erzählt. So erheben die Gemeinden zum Beispiel eine Steuer auf die öffentliche Beleuchtung. Der Präsident der Schweizer Delegation, der jurassische Regierungsrat David Eray, war kürzlich zur Wahlbeobachtung in der Türkei. Dabei geht es darum, zu beobachten, ob die Stimmen richtig gezählt werden und ob die Wahlen im Allgemeinen gut ablaufen. Christine Chevalley schätzt an ihrem Engagement vor allem den Austausch mit Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern aus anderen Ländern Europas. «Wir haben alle die gleichen Probleme», fasst sie zusammen, und fügt an: «Wir haben aber teilweise ganz unterschiedliche Ansätze, um diese zu lösen.» Diese Ansätze zu hören, inspiriere sie auch in ihrem Alltag als Gemeindepräsidentin. «Diese Kontakte bereichern mich sehr.» Und nicht nur international, auch der Austausch innerhalb der Schweizer Delegation mit Gewählten aus allen Landesteilen sei enorm interessant. Von diesem Austausch über die Ländergrenzen hinweg profitierten schliesslich alle Schweizer Gemeinden, ist Christine Chevalley überzeugt. Nadja Sutter

Der Raumplaner, der einmal um die Schweiz wanderte

Heinz Eglis Umrundung der Schweiz entlang der Grenze war die Folge eines Plans B. 2020 hatte der Raumplaner vor, entlang des Pacific Crest Trail in den USA zu wandern. Er hatte trainiert, Ausrüstung gekauft, die Wohnung und seinen Job als Stadtentwickler von Frauenfeld gekündigt – und dann brach kurz vor der Abreise die Coronapandemie aus und durchkreuzte seine Pläne. «Stattdessen wanderte ich im Sommer 2020 ans Mittelmeer», erzählt er vier Jahre später im Garten eines Cafés in Zürich. Die Weitwanderlust hatte ihn gepackt. Vor Weihnachten 2021 dann kam ihm die Idee: «Warum nicht einmal der Schweizer Grenze entlangwandern?» Er machte sich an die Planung der Route, und im März ging es in Balzers im Fürstentum Liechtenstein los. Heinz Egli wanderte im Gegenuhrzeigersinn und ging zunächst das Rheintal abwärts zum Bodensee, dann Richtung Basel und dem Jura entlang nach Genf, schliesslich entlang des Wallis, des Tessins und Graubündens. «Ich nahm mir vor, auf Wegen so nahe wie möglich an der Grenze zu gehen», erzählt Heinz Egli. Wo möglich, ging er auch direkt auf der Grenze. «Besonders an der Nordgrenze der Schweiz war das immer wieder möglich. Dort zieht sich die Grenze oft als Schneise durch den Wald und ist relativ gut begehbar.» An der Südgrenze wiederum, besonders im Wallis, war das freilich nicht möglich. Dort entfernte sich Heinz Egli auf Bergwegen etwas weiter von der Grenze. Unterwegs übernachtete er in Jugendherbergen, im Zelt und in Berghütten. «Die späten Abend- oder frühen Morgenstunden mit dem Zelt auf einem Berg zu verbringen, das ist fantastisch», schwärmt er heute. Auf seiner Tour rund um die Schweiz lernte Heinz Egli die unterschiedlichsten Arten von Grenzen kennen: Zwischen Kreuzlingen und Konstanz markieren am Hafen Kunstwerke die Grenze – um im Wohnquartier dann in unfreundlichen Maschendrahtzaun überzugehen. In Büsingen, der deutschen Enklave bei Schaffhausen, verläuft die Grenze mitten durch eine Gartenwirtschaft. Und im Tessin, wo der Migrationsdruck besonders hoch scheint, sind manche Abschnitte der Grenze mit Betonstelen oder Zäunen befestigt. In den Bergen traf er auf Stacheldrähte aus den Weltkriegen. In den allermeisten Fällen aber ist die Grenze anders spektakulär und verläuft im Grünen, entlang von Bergkämmen oder Gewässern. «Dieses ‹Nichts› finde ich aber ganz spannend», sagt Heinz Egli. «Wenn es nur geradeaus geht, bietet das die Möglichkeit, anderes zu entdecken und in sich zu gehen.» «Als Raumplaner habe ich einen gesamträumlichen Blick auf die Siedlungsstruktur und die Landschaftsentwicklung.» Heinz Egli, Weitwanderer und ehemaliger Stadtentwickler von Frauenfeld (TG) Egal durch welche Landschaft die Grenze verläuft – die Grenzsteine waren Heinz Eglis ständige Begleiter. Auf jedem Stein sind eine Nummer, die Jahreszahl sowie die Länder, die er begrenzt, markiert. Manche sind Hunderte von Jahren alt und deshalb auch nicht mehr ganz up to date: In Schaffhausen fand Heinz Egli zum Beispiel Grenzsteine von 1836, in die nicht «D» für Deutschland, sondern «GB» für Grossherzogtum Baden eingemeisselt war. Die heutige Bundesrepublik Deutschland gab es damals noch nicht. In zahlreichen Gemeinden traf Heinz Egli auf Infotafeln zur Grenze oder sogar auf Grenzwanderwege, etwa im Kanton Genf oder in der Gemeinde Rodersdorf (BL), deren Gemeindegrenze zu über 80 Prozent auch Landesgrenze ist. «Als Raumplaner habe ich einen speziellen Zugang zum Raum», erzählt Heinz Egli. «Ich habe einen gesamträumlichen Blick auf die Siedlungsstruktur und Landschaftsentwicklung. Es ist wie ein Puzzle, das sich zur Schweiz zusammensetzt.» Die Reise bezeichnet er heute als Grenzerfahrung im doppelten Sinn. Nicht nur lernte er die Landesgrenze kennen, sondern kam auch an seine eigenen Grenzen. Zum Beispiel als er entlang des Misox Felsrippen überklettern musste – weglos, nur mit Ketten gesichert. Oder als an der Grenze zwischen Italien und dem Tessin plötzlich ein Weg aufhörte und er sich auf allen vieren durch einen steilen Waldhang kämpfte. Daneben erlebte er zahlreiche Highlights, die meisten davon völlig unerwartet; zum Beispiel die Uina-Schlucht bei Scuol oder die Nacht in Sighignola, mit einem prächtigen Blick auf das Lichtermeer von Lugano. Am 14. Oktober 2022 beendete Heinz Egli seine Umrundung der Schweiz wiederum in Balzers. Und der Pacific Crest Trail? Heinz Egli winkt ab. «Den mache ich wohl eher nicht mehr. Ich habe meinen Hunger nach Weitwanderungen etwas gestillt.» Obwohl – weitere Touren der Via Alpina könnte er sich vorstellen. Nadja Sutter

Was tun, wenn die Fronten blockiert sind?

Die direkte Betroffenheit ist bei lokalpolitischen Themen sehr hoch. Der Schatten eines Neubaus fällt vielleicht in meinen Garten oder Tempo 30 verlangsamt meinen Arbeitsweg. Wir sind alle sehr vielfältig und haben unterschiedliche Sichtweisen dazu, in welchem Umfeld wir leben wollen. Auch die Funktionsweise der direkten Demokratie spielt eine Rolle. Die direkte Demokratie ist aufgrund der Abstimmungen stark auf ein Ja/Nein-Schema ausgerichtet, sie schafft Gewinner und Verlierer. Wenn 49 Prozent einen Entscheid stark ablehnen und sich nicht gehört fühlen, wirkt sich das auf die Lebensqualität der Gemeinde aus. Dabei wollen wir alle Meinungsvielfalt. Konflikte sind ein Zeichen für eine lebendige Demokratie. Die Frage ist, wie wir konstruktiv mit der Konfrontation umgehen können. Pro Futuris veröffentlicht bald eine Studie zur Polarisierung in der Schweiz, die diese Frage genau untersucht. Von Gemeindeverwaltungen hören wir, dass sie oft mit starker Polarisierung in der Bevölkerung konfrontiert sind. Wir beobachten auch, dass die Sensationslust und die Tendenz, in den Medien über negative Themen zu berichten, zu einer Lagerbildung beitragen. Man muss sich bewusst sein: Ein Grossteil der Konflikte entzündet sich nicht am eigentlichen Sachverhalt, sondern an dessen Wahrnehmung. «Konflikte sind ein Zeichen für eine lebendige Demokratie.» Lea Suter, Pro Futuris Stark polarisierende Themen und verhärtete Fronten blockieren das Vorankommen im betroffenen Bereich, was zu Frustration führt. In der Gemeindeverwaltung binden solche Konflikte grosse Ressourcen, die dann andernorts fehlen. Die Konflikte können sich auch auf andere Themen übertragen oder sogar zu einer Reduzierung der politischen Teilhabe führen, wenn das Vertrauen in die Behörden verloren geht. Und nicht zuletzt entsteht eine schlechte Stimmung im Ort. Auch der Ruf der Gemeinde kann leiden. Kurz: Heftige Konflikte können Gemeinden paralysieren und eine Gefahr für sie darstellen. Daten dazu kenne ich keine. Basierend auf den Vorgesprächen zu unserem Dialogprojekt kann ich jedoch sagen: Grössere Gemeinden verfügen in der Regel über mehr personelle Ressourcen und Fachspezialisten, um mit Konflikten umzugehen – was in der Natur der Sache liegt. Gleichzeitig bedeuten mehr Einwohnerinnen und Einwohner auch ein grösseres Konfliktpotenzial. In kleineren Gemeinden kennt man sich und hat mehr Berührungspunkte: Man sieht sich im Turnverein oder beim Elternabend in der Schule. Das kann deeskalierend wirken oder aber die Konfliktklärung erschweren. Wichtig ist es, einen Raum für Begegnung auf Augenhöhe zu schaffen, den betroffenen Menschen wirklich zuzuhören und Verständnis für ihre Meinung aufzubringen, weniger nach der Meinung und mehr nach dem Grund einer Meinung zu fragen. Das hat oft schon einen beeindruckenden Effekt und lässt die Probleme gleich kleiner erscheinen. Im Dialogprozess begegnen sich Befürworter und Gegner in einem Rahmen, der hilft, andere Sichtweisen zu verstehen und Spannungen abzubauen. Zuvor analysieren wir die Situation, schauen uns die Positionen und die Akteure an. Dann legen wir gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung fest, wie ein Dialog stattfinden kann: Wo und mit wem? Der Prozess ermöglicht eine Rückkehr von der Logik der Konfrontation in die Kooperation. Ziel ist es, dass blockierte Geschäfte und Projekte wieder vorankommen. Nadja Sutter

Mit der Post kam der Bundesstaat in die Gemeinden

Poststrasse, Postgasse, Postplatz: Die Post ist in den Schweizer Gemeinden allgegenwärtig. Längst hat nicht mehr jedes Dorf eine Post – doch die Namen haben überdauert. Als 1848 der Schweizerische Bundesstaat entstand, bestand bereits seit Jahrhunderten ein Postsystem. Dieses war aber dezentral geregelt: Um 1840 gab es 17 verschiedene Postverwaltungen auf dem Gebiet der Schweiz, was den Service langsam und teuer machte. Mit dem neuen Bundesstaat sollte sich das ändern, denn in der Bundesverfassung wurde das Postwesen zur Zuständigkeit des Bundes erklärt. 1849 wurde im Bundesgesetz über die Organisation der Postverwaltung die Post in elf Postkreise mit je eigener Direktion eingeteilt. Ihre Aufgaben: der Transport von Briefen und Paketen sowie der Personentransport mit der Postkutsche. Der Personentransport war der wichtigste Betriebszweig der Post. Reisten die Passagiere anfangs noch in Pferdekutschen, nahm die Post 1906 die erste Postautolinie zwischen Bern und Detligen in Betrieb. Die letzte reguläre Postkutsche fuhr bis 1961 in Graubünden auf der Linie Avers–Juf. Die Schweizerische Post hatte dank dem Personentransport, aber auch dank der Poststellen rasch eine grosse Präsenz im neuen Bundesstaat. Gab es um 1850 rund 1500 Poststellen in der ganzen Schweiz, wuchs diese Zahl bis 1912 auf 4000 an. Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte also fast jede Gemeinde der Schweiz über eine oder sogar mehrere Poststellen. Die Bevölkerung musste in der Anfangszeit dank bis zu sechs Zustellungen pro Tag nicht besonders lange auf einen Brief oder ein Paket warten. Bis 1924 gab es sogar noch eine Zustellung am Sonntag. Möglich machten dies die unzähligen Postangestellten: 1850 waren es rund 2800. Die Post war damit eine der grössten Arbeitgeberinnen im Land. Die Post wurde zu einem wichtigen staatsbildenden Element im noch jungen Bundesstaat. Ihre Postkutschen und Poststellen trugen das Schweizer Kreuz in die hintersten Winkel des Landes, und sie war dank ihrer Dienstleistungen ein sehr direkter Berührungspunkt zwischen dem Bundesstaat und den Gemeinden und ihrer Bevölkerung. Das verdeutlichte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen repräsentativen Postbauten im ganzen Land: zum Beispiel mit den Postgebäuden in St. Gallen oder Genf, aber auch in kleineren Orten wie Sarnen oder Schwyz. Die Geschichte der Post ist eng verbunden mit technologischen Innovationen, aber auch dem Wandel der Gesellschaft. Das zeigen besonders die Entwicklungen im 20. und 21. Jahrhundert. Von 1920 bis 1928 wurde die Post schrittweise mit der Telegrafen- und Telefonverwaltung des Bundes zusammengeführt, die PTT entstand. Sie prägte die Schweiz des 20. Jahrhunderts, bis sich 1998 die Wege mit der Gründung der Swisscom wieder trennten. Die Swisscom baut im 21. Jahrhundert die Grundversorgung mit dem Internet aus, was wiederum die Post betrifft: Die Kommunikation verlagert sich in die digitale Welt, es werden immer weniger Briefe verschickt. Der Paketversand nimmt hingegen insbesondere seit der Coronapandemie und dem Boom des Internethandels massiv zu. 2001 plante die Post erstmals einen grösseren Abbau von Poststellen, von 3500 auf 2500. In den Jahren darauf folgten weitere Schliessungen. 2023 gab es noch 769 eigenbetriebene Poststellen in der Schweiz, vor Kurzem kündigte die Post einen weiteren Abbau von 170 Poststellen an. Die Post setzt mehr und mehr auf Partnerschaften mit Dorfläden und punktuell auch Gemeindeverwaltungen, welche die Basisdienstleistungen der Post anbieten. Die Reduktion der Poststellen löste und löst immer noch grossen politischen Widerstand aus. Besonders die peripheren Gebiete fürchten, dass sie abgehängt werden. Das ist auch bei den zuletzt angekündigten Abbauplänen nicht anders: Eine Motion der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen fordert derzeit, dass der Grundversorgungsauftrag der Post auf Gesetzesebene geklärt wird, bevor weitere Abbauschritte vorgenommen werden. Vor dem Hintergrund der Geschichte der Post dürfte dieser Widerstand nicht allein mit den wegfallenden Dienstleistungen zu tun haben. Mit den Poststellen fällt auch die Repräsentation des Bundesstaats in den Gemeinden weg. Was bleibt, sind die Strassennamen: Poststrasse, Postgasse, Postplatz. Quellen: Karl Kronig: «Post», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.1.2011. Online konsultiert am 12.07.2024. Karl Kronig, Bauen für eine Nation. Von Postpalästen, PTT-Bauten und Kunst am Bau, in: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK (Hrsg.), Kunst + Architektur in der Schweiz, Nummer 4/2020 (Zeitschrift). https://www.post.ch/de/ueber-uns/portraet/175-jahre-post/geschichte Nadja Sutter

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