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Aus einer Industriebrache entsteht ein neues Quartier

Die Attisholz Cellulose AG war einst einer der grössten Arbeitgeber der Region Solothurn: 1881 gegründet, beschäftigte die Fabrik in ihrer Blütezeit bis zu 1000 Angestellte. «Als der Betrieb 2008 eingestellt wurde, war dies ein grosser Schlag für die Gemeinde und die Region», erinnert sich Sandra Morstein, Gemeindepräsidentin der Standortgemeinde Riedholz (SO). Rund 400 Angestellte verloren ihre Arbeit. Für den Kanton Solothurn und die Gemeinde war klar: Diese grösste Industriebrache des Kantons ist von strategischer Bedeutung. 2016 wurde das Nordareal an das Immobilienunternehmen Halter AG verkauft, das die rund 500 000 Quadratmeter grosse Brache bis 2045 in ein neues Quartier mit rund 1400 Wohnungen und mehr als 1000 Arbeitsplätzen verwandeln will. Bereits 2018 öffnete die Halter AG einen Teil des Attisholz-Areals für die Bevölkerung. Zahlreiche Zwischennutzungen verleihen ihm jetzt Farbe: Street-Art-Kunst, zwei Bistros, ein Spielplatz, eine grosse Eventhalle und eine Outdoorarena sowie weitere Räumlichkeiten, die gemietet werden können. Rund 400 Veranstaltungen finden pro Jahr statt. Dazu brauchte es einiges an Arbeit. «Bis 2016 war das Gelände unberührt. Alle Maschinen und Wertstoffe waren verkauft worden, zurück blieben die leeren Industriehallen», erzählt Sandra Morstein. Yanis Hofstetter, Projektleiter Entwicklung bei der Halter AG, ergänzt: «Wir wollten bewusste Interventionen tätigen, um das Areal nach mehr als 100 Jahren hinter verschlossenen Türen schrittweise für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und somit ein erstes Lebensgefühl entstehen zu lassen.» Die Bevölkerung von Riedholz schätze das neue Kultur- und Restaurationsangebot an der Aare, sagt die Gemeindepräsidentin Sandra Morstein. In einer kleinen Gemeinde von knapp 2300 Einwohnerinnen und Einwohnern sei eine solche Infrastruktur nicht selbstverständlich. «Gleichzeitig erhöht die Zugänglichkeit die Akzeptanz für die weitere Entwicklung des Areals. Die Bevölkerung kann sehen, was entsteht.» Als die Teilrevision des Leitbilds 2017 der Gemeindeversammlung vorgelegt wurde, wurde es einstimmig angenommen. Bei der öffentlichen Auflage gab es gerade einmal drei Einsprachen, die in Verhandlungen gelöst werden konnten. «Die kontinuierliche Information und der Einbezug der Bevölkerung waren im Planungsprozess zentral.» «Die kontinuierliche Information und der Einbezug der Bevölkerung waren im Planungsprozess zentral.» Sandra Morstein, Gemeindepräsidentin Riedholz (SO) Dass das Attisholz-Areal bisher eine Erfolgsgeschichte ist, schreiben Morstein und Hofstetter auch der guten Zusammenarbeit zwischen der Halter AG, der Gemeinde und dem Kanton zu. «Wir tauschen uns regelmässig aus, kennen uns und setzen uns alle für eine optimale Entwicklung des Areals ein», sagt Yanis Hofstetter. Sandra Morstein ergänzt: «Wir haben uns am Anfang schon gefragt: Kommt das gut, eine so kleine Gemeinde und ein so grosser Investor?» Die Bedenken seien aber unbegründet gewesen, weil die Gemeinde Planungs- und Bewilligungsbehörde ist und die Zusammenarbeit von Anfang an sehr partnerschaftlich und transparent gewesen sei. Bereits zu Beginn wurden klare Rahmenbedingungen geschaffen. In einer Entwicklungsvereinbarung wurde festgehalten, welche Partei für die Planung, Erstellung und Übernahme der Infrastrukturanlagen wie Strassen und öffentliche Plätze zuständig ist, und auch der Planungsprozess zur Integration der Gemeindeanlagen wie Schule und Kita wurde festgelegt. «Dies gibt Sicherheit für alle Seiten», sagt Yanis Hofstetter. «Eine Frage für uns war zu Beginn, ob das Projekt für die Gemeinde tragbar ist», sagt Sandra Morstein. Die Gemeinde habe durch die Umzonung des Areals in eine Wohn- und Mischzone aber eine erhebliche Mehrwertabgabe erhalten. Diese ist zweckgebunden für die Entwicklung des Areals und wird zum Beispiel für den Bau von Schulinfrastruktur eingesetzt. «Die Entwicklungsvereinbarung gibt Sicherheit für alle Seiten.» Yanis Hofstetter, Projektleiter Entwicklung, Halter AG Ein Planungshorizont von mehr als 20 Jahren – das ist eine lange Zeit. Das Projekt ist in sieben bis acht Etappen aufgeteilt. «Das gibt uns die Flexibilität, Anpassungen vorzunehmen und zukunftsorientierte Denkansätze anzuwenden», sagt Yanis Hofstetter. «Die Gemeinde kann so entsprechend planen und schrittweise mitwachsen», ergänzt Sandra Morstein. 2025 sollen die Bauarbeiten für die ersten 280 Wohnungen beginnen, und 2027 werden die ersten Bewohnerinnen und Bewohner in das Attisholz-Areal einziehen. Nadja Sutter

Die Gemeindevertretung im National- und Ständerat

12 Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten sitzen im Nationalrat, 40 Mitglieder des National- und Ständerats sind derzeit aktiv in einer kommunalen Exekutive oder Legislative tätig, und gesamthaft bringen 146 Parlamentarierinnen und Parlamentarier kommunale Erfahrung mit. Das entspricht rund 60 Prozent aller Mitglieder des National- und Ständerats, wie die Auswertung des Schweizerischen Gemeindeverbands zeigt. Die SVP stellt mit 15 Nationalrätinnen und Nationalräten die meisten aktiven Gemeindepolitiker auf Bundesebene. Darauf folgt die Mitte mit 10, die SP mit 6, die FDP mit 4 und die GLP mit 3. Je einen Nationalrat, der auch aktiv in einer Gemeinde ist, stellen Lega und MCG. Von den Grünen Bundesparlamentarierinnen und Bundesparlamentariern ist derzeit niemand gleichzeitig in einer Gemeinde aktiv. Auffällig: Von den Abgeordneten aus der Romandie und dem Tessin verfügen besonders viele über Erfahrung auf der kommunalen Ebene. 78 Prozent der französischsprachigen Abgeordneten sind oder waren auf Gemeindeebene aktiv und sogar 90 Prozent der italienischsprachigen. Hingegen bringen von den deutschsprachigen nur 51 Prozent kommunale Erfahrung mit. Von den Mitgliedern der beiden Räte, die gleichzeitig aktiv in einer Gemeinde politisieren, sind 75 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen. Ein Blick auf die Kantone zeigt, dass jene Kantone, die am meisten Nationalräte stellen, auch am meisten Politisierende mit Gemeindeerfahrung stellen: nämlich die Kantone Zürich (20), Waadt (20) und Bern (16). Die meisten aktiven Gemeindepolitiker kommen ebenfalls aus Zürich und Bern. Der Kanton Solothurn ist der einzige Kanton, dessen Ständeräte auch auf kommunaler Ebene politisieren: Beide sitzen im Gemeinderat der Stadt Solothurn. Nadja Sutter

«Ich wünsche mir mehr Konsens»

Der Wahlkampf für die eidgenössischen Wahlen am 22. Oktober war für Barbara Schaffner nervenaufreibend. Die GLP-Nationalrätin und Gemeindepräsidentin von Otelfingen (ZH) hat zwar schon einige Wahlkämpfe hinter sich, sass sie doch auch bereits im Zürcher Kantonsparlament. Doch: «In die vorherigen Wahlkämpfe bin ich jeweils recht locker gestartet – ich hatte Ambitionen, aber nicht besonders viel zu verlieren.» Das war dieses Mal, als es um nichts weniger als die Wiederwahl in den Nationalrat ging, doch anders. Die Erleichterung war gross, als am Sonntagabend feststand, dass Barbara Schaffner auch in der nächsten Legislatur unter der Bundeshauskuppel sitzen würde. Doch zur Freude über ihre Wiederwahl kam auch eine grosse Enttäuschung über die Sitzverluste ihrer Partei, der GLP. «Das ist für eine kleine Fraktion wie die unsere schon hart», sagt sie. Derzeit sitzen noch zehn GLP-Politiker im Nationalrat gegenüber 16 in der letzten Legislatur. «Das bedeutet mehr Arbeit für die verbliebenen Ratsmitglieder und wird in der nächsten Legislatur eine andere Herausforderung und Arbeitsbelastung.» Trotzdem: Ihr Amt als Gemeindepräsidentin von Otelfingen möchte Barbara Schaffner weiterhin ausüben. «Ich habe in der vergangenen Legislatur gesehen, dass ich die beiden Ämter gut unter einen Hut bringe.» Beruflich hat sie hingegen zurückgesteckt und ist derzeit fast eine Vollzeitpolitikerin. Sie schätzt den Austausch mit der Bevölkerung in der Gemeinde, wo es um ganz konkrete Anliegen geht, zum Beispiel den Verkehr auf der Durchgangsstrasse. «Die Arbeit auf Gemeindestufe ist sehr befriedigend.» Ihre Erfahrungen aus der Gemeinde nimmt sie auch mit nach Bern. Zum Beispiel wenn es darum geht, die Dienstzeit in den Zivilschutzorganisationen zu kürzen: «Ich sehe auf Gemeindeebene, dass wir dadurch weniger Personal haben und uns neu organisieren müssen. Diese Sichtweise kann ich in Bern einbringen.» Ein weiteres grosses Dossier sind die erneuerbaren Energien und die Raumplanung. Barbara Schaffner ist Physikerin und hat Energietechnik studiert und möchte sich in der nächsten Legislatur vor allem bei Energiethemen einbringen. Die Frage des Einbezugs der Gemeinden sieht sie differenziert: «Ein Mitspracherecht für die Gemeinden und die Bevölkerung ist bei grossen Energieprojekten zentral – nur so können sie innert vernünftiger Frist umgesetzt werden.» Ein Vetorecht für Gemeinden lehnt sie aber ab, wenn es um Projekte von übergeordnetem Interesse geht. Für die nächste Legislatur wünscht sich Barbara Schaffner mehr Konsens im Rat. «Angesichts der Polarisierung ist das vielleicht ein frommer Wunsch», sagt sie. «Andererseits könnten die erstarkten Pole zunehmend von der politischen Mitte profitieren, um Kompromisse zu schmieden.» Nadja Sutter

In die Zukunft investieren

Die heutige Jugend ist arbeitsscheu und empfindlich – diese Kritik hört man allenthalben. Doch ebenso bekannt ist, dass sich bereits Sokrates vor mehr als 2000 Jahren über die Jugend beschwert hat. Einen Gegenpol zu dieser Aussage bildet Sarina Casanova. Mit 20 Jahren ist sie Präsidentin der Jugendkommission von Ilanz/Glion (GR) und setzt sich politisch für die Jugend ein. Denn: Die Jugend ist die Zukunft – und sie wird von den politischen Entscheiden von heute betroffen sein. Umso wichtiger also, dass sie mitreden kann. Das haben zum Glück bereits viele Gemeinden der Schweiz erkannt. Jugendkommissionen, Jugendparlamente oder Mitwirkungsprozesse mit Kindern und Jugendlichen finden in immer mehr Gemeinden statt. Daraus geht nicht selten hervor, dass sich die Jugend Infrastruktur wie Skateparks oder Pumptracks in ihrer Gemeinde wünscht. Ob sich ein Pumptrack für Gemeinden lohnt und wie ein guter Spielplatz aussieht – diesen Fragen gehen wir in der aktuellen Ausgabe nach. Für die ganz Kleinen bauen immer mehr Gemeinden ihr Betreuungsangebot aus, zum Beispiel im Kanton Schwyz, wo es ab diesem Jahr Unterstützung gibt für Eltern, deren Kinder eine Kita besuchen. In den Kitas sollen die Kinder möglichst gut betreut werden. Unsere Beispiele aus Marly (FR) und Biel (BE) zeigen, wie Gemeinden eine gesunde und nachhaltige Verpflegung sicherstellen. Denn im Bereich der Nachhaltigkeit ist es zentral, dass Gemeinden als gutes Beispiel vorangehen. Übrigens: Auch die Schweizer Gemeinde wird nachhaltiger. Ab März erscheint sie in einem neuen Layout und auf umweltfreundlicherem Papier gedruckt. Nun wünsche ich Ihnen eine gute Lektüre! Nadja Sutter

Ein Spielplatz mit grosser Ausstrahlung

Der Hochnebel hängt über dem Sarnersee, es ist bitterkalt an diesem Wintertag. Doch das hält zwei Familien nicht davon ab, auf dem Spielplatz «Kapitän Zinsli» in Sarnen (OW) direkt am See zu verweilen. Dick eingepackt schaufeln zwei kleine Kinder fleissig Sand vom Boden auf ein hölzernes Spielgerät. Etwas weiter weg steht Wisi Kathriner in seinem orangen Overall und schmunzelt. Die Aktion der beiden Kinder wird ihm später Arbeit bescheren. Zweimal die Woche ist der Teamleiter des Teams Grün des Werkdienstes von Sarnen einige Stunden lang mit dem Unterhalt des Spielplatzes beschäftigt. Er schüttet die Löcher, welche die Kinder im Sand gegraben haben, wieder zu, schneidet Sträucher, mäht in den warmen Monaten die Wiese und überprüft regelmässig die ganze Infrastruktur. Gerade das Überprüfen ist momentan nötig. Der Spielplatz wurde 2012 erstellt und besteht vor allem aus Holz. Die hölzernen Geräte und auch der Holzzaun um den Platz stehen seit zwölf Jahren ungeschützt in der Witterung, und das sieht man ihnen an. Ein Spielschiff und einzelne Sitzbänke sowie Pfosten musste die Gemeinde bereits ersetzen. «Wenn man einen schönen, naturnahen Spielplatz haben will, muss man Zeit und Geld für den Unterhalt investieren», sagt Wisi Kathriner. Der «Kapitän Zinsli»-Spielplatz wurde 2012 anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums der Obwaldner Kantonalbank (OKB) erstellt. «Die OKB wollte der Bevölkerung zum Jubiläum etwas zurückgeben», sagt Alex Mathis, Geschäftsführer der Gemeinde Sarnen. «Sie beschloss deshalb den Bau des Spielplatzes, der einen älteren, kleineren Spielplatz an der gleichen Stelle ersetzte.» Von der Bank stammt auch der Name: «Zinsli» ist ihr Maskottchen der Angebote für Kinder. Die OKB finanzierte die Spielgeräte, der Werkdienst der Gemeinde übernahm die Arbeiten und kümmert sich seither um den Unterhalt. Rund eine halbe Million Franken kostete der Spielplatz. Die Arbeiten dauerten rund drei Monate und wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Iris Spielwelten realisiert. Wisi Kathriner war bereits beim Bau des Spielplatzes mit dabei. «Hinter dem Spielplatz steckt ein pädagogisches Konzept, wir haben nicht einfach zufällig Spielgeräte hingestellt», erinnert er sich. Der Spielplatz sollte naturnah sein und den Kindern vielfältige Möglichkeiten zum Entdecken bieten. Dabei wurde hauptsächlich auf natürliche Materialien gesetzt: Holz, Hanfseile, Steine, Sand. Der Sand dient einerseits als Fallschutz, andererseits lädt er die Kinder zum Gestalten ein. «Wir haben bewusst Sand und nicht Holzschnitzel gewählt, denn die Holzschnitzel vermodern mit der Zeit, und der ganze Platz wird schmutzig.» Die Kinder können zahlreiche der Klettergerüste, Schaukeln und Rutschen gemeinsam erkunden. Dazwischen laden Sitzgelegenheiten zum Ausruhen ein. Verschiedene Bäume und Sträucher sorgen im Sommer für Schatten, bieten aber auch Verstecke für die Kinder. Ein besonderes Highlight für die Kinder ist das Wasserspiel: Dort können sie das Wasser stauen, durch Kanäle fliessen lassen und sogar mit einer Winde heraufpumpen. Das Wasser läuft von April bis Mitte Oktober und wird in den kalten Monaten abgestellt. «Die Eltern, die den Spielplatz gut kennen, bringen meist gleich Ersatzkleider mit, weil sie wissen, dass die Kinder sowieso nass werden», sagt Wisi Kathriner und schmunzelt. Für die Gemeinde Sarnen ist der Spielplatz zu einem wahren Publikumsmagneten geworden. «Nicht nur Familien aus Sarnen, sondern aus der ganzen Region kommen hierher», sagt Geschäftsführer Alex Mathis. «Im Sommer ist hier unglaublich viel los.» Dazu trägt auch die schöne Lage bei: Der Spielplatz liegt direkt am See; daneben liegen eine Pétanquebahn sowie Fussballplätze, die Badi ist in Gehdistanz. Trotz der hohen Besucherfrequenz hat die Gemeinde keine Probleme mit Vandalismus auf dem Spielplatz. Wisi Kathriner sagt dazu: «Am See hat es Platz und Infrastruktur für alle Altersgruppen. Es wird akzeptiert, dass diese Anlage für die Kinder da ist.» Nadja Sutter

4 Fragen zu Wünnewil-Flamatt (FR)

Gemeindepräsident Andreas Freiburghaus: Wir haben ein spezielles Wahrzeichen: die Autobahnbrücke, die sich seit 50 Jahren über das Dorf Flamatt (FR) spannt. Beim Bau wurde die Brücke damals sehr kontrovers diskutiert; heute ist sie akzeptiert. 2022 haben wir die Sanierung des Musikhauses abgeschlossen. Das denkmalgeschützte Gebäude war bis Mitte der 1990er-Jahre das Gemeindehaus und wurde danach zwischengenutzt. Nun haben wir es für 452 000 Franken saniert. Darin findet nun Musikunterricht des Konservatoriums Freiburg sowie der Pfarreimusik statt. Mit den Finanzen wird es in den nächsten Jahren eng. Die Steuereinnahmen stagnieren, aber die Ansprüche der Bevölkerung steigen. Es kann sein, dass wir die Steuern anpassen müssen, um die Ansprüche zu erfüllen. Wünnewil-Flamatt hat ein sehr gutes öV-Angebot mit drei Bahnhaltstellen. Unsere Lage in der Mitte zwischen Bern und Freiburg ist attraktiv. Zudem haben wir eine zeitgemässe, gut unterhaltene Infrastruktur: Sportplätze, Festsäle, aber auch ein gut ausgebautes Angebot für familienexterne Betreuung. «Unsere Gemeinde ist sehr ländlich in Wünnewil, jedoch sehr vorstädtisch in Flamatt.» Andreas Freiburghaus, Gemeindepräsident von Wünnewil-Flamatt (FR) Andreas Freiburghaus ist seit 2016 Gemeindepräsident von Wünnewil-Flamatt und in dieser Funktion zu 50 Prozent angestellt. Bis 2017 hat er einen Landwirtschaftsbetrieb geführt. Er sitzt seit 2021 für die FDP im Freiburger Grossen Rat. Zudem präsidiert er das Gesundheitsnetz Sense, arbeitet im landwirtschaftlichen Treuhandwesen und ist für die kantonale Behörde für Grundstückverkehr tätig. Für das nächste Gemeindeporträt hat er Romanshorn (TG) ausgewählt. Informationen: www.wuennewil-flamatt.ch Nadja Sutter

Arealentwicklung: «Gemeinden brauchen eine klare Vorstellung»

Tatsächlich gibt es Gemeinden, welche die Arealentwicklung gezielt betreiben, und andere, die hier weniger aktiv sind. Nebst dem Know-how benötigt die Gemeinde ein klares Zielbild. Letztlich geht es bei der Arealentwicklung darum, das Gesicht der Zukunft zu gestalten. Die Gebäude, die wir heute planen und bauen, werden für die nächsten 50, 100, ja vielleicht 150 Jahre das Siedlungsbild prägen. Als Planungsbehörde kann man zwar viel lenken, ist die Gemeinde aber Grundeigentümerin, so hält sie die Fäden in der eigenen Hand. Als ich 2009 das Amt des Gemeindepräsidenten übernahm, hatte ich als Betriebsökonom zwar einen breiten Hintergrund, aber keine Erfahrung mit Arealentwicklung. Zum Glück konnte ich für die fachliche Unterstützung auf mein kompetentes Team und Experten zählen. Ich fand das Thema spannend und habe viel Zeit im Sinne von Learning by Doing investiert. Das und ein politischer Konsens, dass eine Entwicklung gewollt ist, waren die Grundvoraussetzungen für die Projekte im Oberdorf und Unterdorf von Steffisburg. Als ich mein Amt antrat, gab es sowohl im Ober- als auch im Unterdorf Bauland, das vor einer möglichen Entwicklung stand. Ich sah das als Chance, hier etwas für das Dorf bewegen zu können. Gleichzeitig war mir bewusst: Wenn zunächst das Unterdorf entwickelt werden würde, so würde Gewerbe und ganz allgemein Leben angezogen – auf Kosten des Oberdorfs. Uns war wichtig, ein Gleichgewicht zwischen beiden Ortsteilen zu schaffen, damit alle profitieren. Gemeinden müssen eine klare Vorstellung davon haben, was sie wollen. Sie sollten sich genau überlegen: Was ist das Beste für meine Gemeinde? Und die Planung danach ausrichten. Gemeindeverantwortliche können als Planungsbehörde durchaus selbstbewusst auftreten. Sinnvoll ist es, mit den relevanten Anspruchsgruppen (Grundeigentümer, Gemeinde und Ankernutzenden) eine Auslegeordnung zu machen und ein gemeinsames Zielbild verbindlich zu definieren. «Gemeindeverantwortliche können als Planungsbehörde durchaus selbstbewusst auftreten.» Jürg Marti, ehemaliger Gemeindepräsident von Steffisburg (BE) und Vorstandsmitglied SGV Sie sind zentral. In meiner Zeit als Gemeindepräsident habe ich gelernt, die Bevölkerung früh abzuholen und möglichst transparent zu informieren. Als Gemeinde sollte man sich genau überlegen, wen man wann wie informiert. Eher schlechte Erfahrungen habe ich damit gemacht, einzelne Gruppen, wie die Nachbarschaft, exklusiv zu informieren. Die Gefahr, dass Informationen dann doch an die Öffentlichkeit gelangen und in einem anderen Kontext als gewünscht, ist hoch. Mit Informationsveranstaltungen und partizipativen Prozessen erreicht man nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Steffisburg hat mehr als 16 000 Einwohnende, an Informationsveranstaltungen kommen jeweils zwischen 50 und 100 Personen. Reklamationen, dass nicht genug informiert wurde, sind da kaum zu vermeiden, auch wenn man als Gemeinde das Gefühl hat, dass man umfassend informiert hat. Besonders wenn die Bauarbeiten beginnen und abschätzbar wird, wie gross die Gebäude werden, gibt es oft kritische Stimmen. Entscheidend ist, dass die Gemeinde genau weiss, was sie will. Je präziser die Bestellung eines Projektes ist, desto besser. Es lohnt sich, Zeit in Machbarkeitsstudien zu investieren, um herauszufinden, was realisiert werden soll und kann. Gleichzeitig gilt es, die Stakeholder im Auge zu behalten: Wer ist involviert, wer entscheidet was, wer hat welche Interessen? Wenn lokales Gewerbe involviert ist, gilt es zudem die genauen Vorstellungen sowie die finanziellen Möglichkeiten realistisch zu prüfen. Nadja Sutter

Vom Kurhotel zum Zuhause für rund 120 Asylsuchende

Rund 28 000 Asylgesuche erwartet das Staatssekretariat für Migration (SEM) in diesem Jahr, dazu kommen bis zu rund 23 000 Gesuche für den Schutzstatus S von Geflüchteten aus der Ukraine. All diese Menschen müssen untergebracht werden. Die Appelle des Bundes an Kantone und Gemeinden, Unterbringungsplätze zur Verfügung zu stellen, werden dringlicher. Im Kanton Bern hat die Gemeinde Riggisberg vor einigen Monaten auf den Aufruf des Kantons reagiert. Sie schlug in Absprache mit dessen Besitzer die Nutzung des ehemaligen Hotels Gurnigelbad vor. Anfang Januar 2023 zogen die ersten Flüchtenden ein. Rund 120 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren aus den unterschiedlichsten Ländern leben hier, zumeist junge Männer, viele aus Afghanistan und aus der Türkei. Darunter sind aber auch Familien mit Kindern. Das Rote Kreuz des Kantons Bern betreibt die Unterkunft, die für bis zu 200 Personen Platz bietet. An einem Samstag im September herrscht hier fröhliche Stimmung. Die Bewohnerinnen und Bewohner und das Team öffnen die Türen für Interessierte, und diese erscheinen zahlreich. In kleinen Gruppen werden die Besucherinnen und Besucher durch die Unterkunft geführt. Los geht es in der Küche, aus der laute lateinamerikanische Musik klingt. Rund ein Dutzend Männer und Frauen sind gerade fleissig am Kochen: Sie bereiten für die Besucherinnen und Besucher ein Buffet mit Speisen aus ihren Heimatländern vor. Ein Mann erklärt in einer Mischung aus Spanisch und Deutsch, was Empanadas sind, eine Spezialität aus Venezuela. Die Asylsuchenden kochen in der Unterkunft selbst und kaufen dafür auch selbst ein. Jede und jeder hat zwei abschliessbare Fächer für die Nahrungsmittel; eines davon in grossen Kühlschränken. Für den Tag der offenen Tür hat das Team koordiniert, wer was kocht, erklärt Valentyna Pichler, die Leiterin der Unterkunft. Die Asylsuchenden haben anschliessend selbstständig eingekauft und gekocht – offensichtlich mit grosser Freude, wie die ausgelassene Stimmung in der Küche nahelegt. Auf der geführten Besichtigung dürfen die Besucherinnen und Besucher auch einen Blick in die Schlafräume der Männer werfen. Kajütenbetten mit weisser Bettwäsche stehen dicht beieinander, die Räume erinnern an Mehrbettzimmer in Hostels. Nur dass die Männer hier nicht nur einige Tage, sondern Wochen oder sogar Monate bleiben. Für die Familien gibt es eigene Zimmer; die Frauen sind in einem gesonderten Teil untergebracht. Drei Kinder aus der Asylunterkunft besuchen derzeit die Schule in Riggisberg. Michael Bürki, Gemeindepräsident von Riggisberg, erzählt, dass die Situation für die Gemeinde nicht neu ist. Bereits 2014 bis 2016 gab es in Riggisberg ein Durchgangszentrum für Asylsuchende. «Als klar wurde, dass im Gurnigelbad eine Unterkunft entsteht, konnten wir vieles aus der Schublade nehmen», erzählt er. So organisierte die Gemeinde gleich zu Beginn einen runden Tisch mit allen Akteuren: dem Roten Kreuz, Blaulichtorganisationen, der Kirche, dem Sozialdienst, dem Frauenverein und natürlich dem Kanton Bern. Die Bevölkerung wurde ebenfalls rasch informiert, und auch mit dem Supermarkt in Riggisberg nahm die Gemeinde Kontakt auf, damit dieser günstige Artikel ins Sortiment aufnimmt. «Lieber so als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Michael Bürki, Gemeindepräsident Riggisberg (BE) Besonders am Anfang sei es sehr wichtig gewesen, dass die Gemeinde proaktiv reagiert und sehr offen kommuniziert habe, so Michael Bürki. Das brauche Ressourcen auf der Gemeindeverwaltung. Und klar – nicht alle seien erfreut gewesen. «Die Reaktionen im Dorf waren aber positiver als beim Durchgangszentrum.» Das könnte auch daran liegen, dass im Gurnigelbad viele Bewohnende reelle Chancen haben, in der Schweiz bleiben zu können – was bei den Bewohnenden des früheren Durchgangszentrums anders war. «Das gibt gleich eine ganz andere Stimmung», sagt der Gemeindepräsident. Kritik gab es vor allem am Standort. Das ehemalige Hotel ist zwar wunderschön im Grünen an der Gurnigelpassstrasse gelegen, aber knapp zehn Kilometer von Riggisberg entfernt. Ein Postauto, das die Bewohnerinnen und Bewohner gratis nutzen können, verkehrt mehrmals pro Tag zwischen dem Zentrum und dem Dorf. «Nach der Kritik haben wir die Anzahl der Verbindungen erhöht», sagt Michael Bürki. Abgelegen sei es, das stimme. «Aber lieber so, als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure läuft nun gemäss dem Gemeindepräsidenten reibungslos. «Gerade weil wir am Anfang viel investiert haben.» Jetzt fungiere die Gemeinde vor allem als Relais zwischen den verschiedenen Akteuren und sei Anlaufstelle für punktuelle Fragen. Zentrumsleiterin Valentyna Pichler vom Roten Kreuz bestätigt das: «Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist wirklich sehr gut.» Es gebe einen regelmässigen Austausch. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Der Tag der offenen Tür war denn auch eine gemeinsame Idee des Zentrums und der Gemeinde. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Valentyna Pichler, Leiterin des Asylzentrums Gurnigelbad Valentyna Pichler lobt auch das grosse Engagement der rund 30 Freiwilligen aus Riggisberg und Umgebung, die in der Unterkunft verschiedene Aktivitäten anbieten: «Eine unbezahlbare Leistung.» Viele der Freiwilligen sind an diesem Tag der offenen Tür gekommen. Mittlerweile haben die Asylsuchenden Schüsseln, Platten und Teller voller exotischer Speisen auf einem langen Tisch aufgestellt. Sie erklären den Besucherinnen und Besuchern, was sie gekocht haben, auf Englisch, in gebrochenem Deutsch, mit Händen und Füssen – und einem Strahlen im Gesicht. Nadja Sutter

Barrieren abbauen für vulnerable Jugendliche

Kinder und Jugendliche sind psychisch stark belastet: Das zeigte erst kürzlich eine alarmierende Studie von Pro Juventute. Besonders Beratungen wegen Depressionen, Suizidgedanken und Ängsten nehmen zu. Da ist es bezeichnend, dass sich gleich zwei der drei Preisträgerinnen der Auszeichnung «Gesunde Stadt – Gesunde Gemeinde 2023» um die Anliegen der Jugendlichen kümmern: Die Gemeinde Beromünster (LU) hat mehrere Projekte umgesetzt, nachdem sie eine Bedürfnisanalyse mit den Jugendlichen aus der Gemeinde durchgeführt hatte. In der SGV-Mitgliedergemeinde Moutier (BE) läuft bereits seit Längerem ein Projekt zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen, das hier näher vorgestellt werden soll. Dritte Preisträgerin ist die Stadt Genf, die ein Projekt zur Förderung der Bewegung bei älteren Menschen umgesetzt hat (siehe Kasten). Im Zentrum des Projekts in Moutier steht der Jugendraum des «Service de la jeunesse et des actions communautaires» (SeJAC). Dieser ist von Dienstag bis Freitag jeweils nachmittags nach der Schule geöffnet. Die Jugendlichen müssen sich nicht anmelden oder Ähnliches – sie können kommen und gehen, wie sie wollen. Der Jugendraum ist zweckmässig, aber gemütlich eingerichtet: Es gibt mehrere einladende Sofas, einen Tischtennistisch, einen «Töggelikasten» und einen Billardtisch. Was die Jugendlichen dort machen und wie sie den Raum gestalten, entscheiden sie selbst. «Der Jugendraum ist ein dritter Raum neben der Schule und der Familie. In der Schule und in der Familie sind die Jugendlichen in ihren Wahlmöglichkeiten stark eingeschränkt, es gibt viele Regeln. Bei uns gibt es kaum Regeln, und die Jugendlichen können frei wählen, wie sie ihre Zeit verbringen», erklärt Nicolas Mangold. Er ist soziokultureller Animator im Zentrum und damit beteiligt am Projekt «Psychische Gesundheit – Mit einem praxisorientierten Ansatz den Zugang zu Leistungen für alle gewähren». Das Projekt wird von einem multidisziplinären siebenköpfigen Team getragen, das den Erfolg des Ansatzes ausmacht. Dazu gehören neben Nicolas Mangold auch Silvère Ackermann, soziokultureller Animator und Dienstchef, Zélie Zuend, soziokulturelle Animatorin, Qendresa Latifi, Psychologin und soziokulturelle Animatorin, die beiden kommunalen Gesundheitsfachfrauen Maulde Studer und Fátima Marques sowie die Praktikantin Elise Vallat. Entstanden ist diese Konstellation, weil der Kanton Bern vor rund zehn Jahren beschlossen hat, die Pflegefachpersonen an der Schule abzuschaffen. Moutier hat diese anschliessend in die Gemeindestrukturen übernommen, und der SeJAC ist entstanden. Das Team betont, wie wertvoll diese disziplinenübergreifende Kooperation ist. «Sie ermöglicht es uns, den Jugendlichen in vielen verschiedenen Bereichen weiterzuhelfen – und sie nicht einfach an eine weitere Dienststelle weiterzuleiten», erklärt Silvère Ackermann. Das sei wichtig, weil viele der Jugendlichen, die das Zentrum aufsuchen, einen vulnerablen Hintergrund haben. Das heisst, mehrere Probleme kommen bei ihnen zusammen, zum Beispiel instabile Familienverhältnisse und Mühe in der Schule oder im Lehrbetrieb. «Für diese Jugendlichen ist die Schwelle, Unterstützung bei einem Psychologen oder einer Dienststelle zu suchen, sehr hoch», sagt Psychologin Qendresa Latifi. «Es ist noch ein Schritt, den sie unternehmen müssen, noch eine Aufgabe, die sie belastet. Der Jugendraum soll kein Ort des Müssens sein.» Die Jugendlichen fänden dort immer ein offenes Ohr vor. Ob und wie sie die Unterstützung annehmen, entscheiden die Jugendlichen selbst – und genau das ist das Erfolgsrezept. Die psychische Gesundheit sei bei den Jugendlichen immer noch ein grosses Tabu, sagt Silvère Ackermann. Hinzu kommt: «Die Angebote im Bereich psychische Gesundheit sind nicht besonders inklusiv, es braucht einen gewissen Effort, um sie in Anspruch zu nehmen.» Qendresa Latifi beobachtet: «Den ersten Schritt zu machen, ist für die Jugendlichen sehr schwer. Wenn sie sich aber für ein Gespräch entscheiden, erzählen viele sehr offen.» Derzeit kommen rund 50 bis 70 Jugendliche pro Woche in den Jugendraum, was dem Team erlaubt, aktuelle Problemstellungen zu erkennen und anzugehen. Das erfordert aber auch sehr viel Flexibilität. «Wir passen uns den Bedürfnissen an und verändern unsere Methoden immer wieder. Das ist ziemlich anstrengend – aber absolut notwendig», betont Silvère Ackermann. Nicolas Mangold fügt an: «Wir machen keinen Plan mit verschiedenen Aktivitäten. Die Initiative kommt immer von den Jugendlichen.» Das Team entwickle die Aktivitäten mit den Jugendlichen, mit einem Blick auf den soziokulturellen Mehrwert, den diese bieten. Derzeit wolle eine Gruppe fischen gehen: «Wir schauen nun, in welcher Form wir das umsetzen können», so Nicolas Mangold. Die Erfolge des Projekts sind schwierig messbar. «Meist realisieren Jugendliche erst Jahre später, was ihnen der Jugendraum gebracht hat», sagt Qendresa Latifi. Weil das Team die Jugendlichen über einen langen Zeitraum begleite, könne sie auch Verbesserungen sehen, die von aussen nicht unbedingt sichtbar seien – und diese Verbesserungen mit den Jugendlichen reflektieren. Es gibt denn auch keine fixe Altersobergrenze, junge Menschen können auch nach Abschluss der Schule oder gar der Lehre in den Jugendraum kommen. Denn: «Wenn die Unterstützung mit dem Eintritt in die Lehre mit 15 Jahren plötzlich wegfällt, kann das zum Problem werden», so Silvère Ackermann. Der Preis «Gesunde Stadt» ist für das Team eine wichtige Anerkennung. «Er gibt unserem Projekt eine Sichtbarkeit und anerkennt unseren Ansatz auf nationaler Ebene.» Dies sei in Moutier gerade auch im Hinblick auf den Wechsel zum Kanton Jura in den nächsten Jahren zentral. Denn im Gegensatz zu Bern sieht der Kanton Jura den Einsatz von Pflegefachpersonen in den Schulen vor. Für das Team wäre es aber wichtig, dass die Pflegefachpersonen bei ihnen integriert bleiben – denn dieser multidisziplinäre Ansatz ist hier sehr erfolgreich. Nadja Sutter

Wenn die Musik das Dorf zusammenbringt

Die rund 6000 Sängerinnen und Sänger im Kanton Freiburg führen eine lange Tradition weiter: Jene des Chorwesens, das im Westschweizer Kanton besonders ausgeprägt ist. In fast jeder Gemeinde gibt es einen Chor, der an Feiertagen auftritt – zum Beispiel am ersten August. «Die Tradition der Chöre in Freiburg reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert», weiss Carl-Alex Ridoré. Er ist Präsident der Freiburger Chorvereinigung und singt selbst in verschiedenen Formationen. Als ehemaliger Oberamtmann des Freiburger Saanebezirks kennt er auch die Welt der Gemeinden gut. Was sind die Gründe, weshalb die Chöre in Freiburg solch eine wichtige Stellung haben? Carl-Alex Ridoré sagt, dass die in Freiburg lange sehr präsente katholische Kirche eine wichtige Rolle gespielt habe. In der Kirche wurde gesungen – aber ebenso in der Schule. Lehrerinnen und Lehrer hatten früher auch immer eine Gesangsausbildung. Einzelne wichtige Persönlichkeiten haben die Freiburger Chorwelt massgeblich geprägt, allen voran Abbé Joseph Bovet (1879–1951), ein Pfarrer, Lehrer und Chordirigent, der das Chorwesen in Freiburg stark förderte. Er war in verschiedenen Teilen des Kantons aktiv, und dirigierte auf dem Land, aber auch in der Stadt Freiburg. Sowieso ist das Chorwesen im Kanton nicht allein eine ländliche Tradition. Auch in den Städten wie Freiburg und Bulle sind über die Jahre sehr viele Chöre entstanden. «Sie waren gerade früher sehr wichtig für die Gesellschaft, weil sie die verschiedensten Alter und Schichten zusammenbrachten.» Und wie ist das heute? Die Zahlen belegen, dass das Chorwesen in Freiburg immer noch sehr aktiv ist: Mehr als 215 Formationen gibt es im ganzen Kanton. Alle vier bis fünf Jahre treffen sich die Sängerinnen und Sänger am grossen Gesangsfest «Tutticanti», und auch daneben gibt es zahlreiche Festivals für Chöre. Dennoch: Die Welt der Chöre ändert sich. Einige Formationen tun sich schwer damit, neue Mitglieder zu finden. «Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten, als früher», gibt Carl-Alex Ridoré zu bedenken. «Chöre waren gerade früher sehr wichtig für die Gesellschaft, weil sie die verschiedensten Alter und Schichten zusammenbrachten.» Carl-Alex Ridoré, Präsident der Freiburger Chorvereinigung Auch die Covid-Pandemie war ein schwerer Schlag für viele Chöre. Monatelang konnten sie weder proben noch auftreten. Einige Sängerinnen und Sänger haben nach dem Ende der Schutzmassnahmen nicht mehr zurück zu den Chören gefunden – teils auch altersbedingt. «Die Pandemie hat manche Entwicklungen beschleunigt», so Ridoré. Darum sei es nun umso wichtiger, den Nachwuchs zu pflegen. «Kinder- und Jugendchöre haben relativ viel Zulauf», sagt der Präsident der Chorvereinigung. Auch Kirchenchöre und gemischte Chöre mit älteren Mitgliedern erfreuten sich an Beliebtheit. «Was fehlt, ist ein Angebot dazwischen, für junge Erwachsene.» Carl-Alex Ridoré beobachtet allerdings, dass immer mehr neue, kleinere Formationen mit vier bis zehn Sängerinnen und Sängern entstehen, die moderne Musik wie Jazz interpretieren. Die Freiburger Chöre werden von verschiedenen Seiten unterstützt. Seit die musikalische Ausbildung in der Schule einen weniger grossen Raum einnimmt, ist das Freiburger Konservatorium eingesprungen. Dank Beiträgen der Loterie Romande kann es Kurse für Jugendliche organisieren. Neu bietet das Konservatorium auch spezifische Ausbildungen für ganze Chöre an und nicht nur für einzelne Sängerinnen und Sänger. «Das Interesse daran ist sehr gross», so Carl-Alex Ridoré. Wie wichtig die Stellung der Chöre in Freiburg ist, zeigt auch die finanzielle Unterstützung des kantonalen Kulturamts. Pfarreien und Gemeinden ihrerseits stellen Chören Räumlichkeiten für Proben und Auftritte zur Verfügung und fördern die Chorkultur auf diese Weise. «Für viele Gemeinden ist der Chor eine wichtige Institution im Dorf; eine, auf die man stolz ist», sagt Carl-Alex Ridoré. So treten die Chöre denn auch oft an Anlässen der Gemeinden auf und sorgen für die musikalische Begleitung. Umgekehrt sei es für die Chöre wichtig, dass sich der Gemeinderat an ihren Konzerten zeige. Das sei eine zentrale ideelle Unterstützung. Die Freiburger Chorvereinigung, die Carl-Alex Ridoré präsidiert, fördert den Austausch zwischen den Chören, aber auch zwischen den Chören und den politischen Behörden sowie dem Bistum. «Während der Covid-Pandemie stellten wir zudem den Informationsfluss zu den Chören sicher», ergänzt Ridoré. Er ist überzeugt, dass die Freiburger Chöre noch lange weitermusizieren werden. Ihm selbst jedenfalls gibt das Singen im Chor vieles: «Singen ist für mich wie atmen. Der eigene Körper ist das Instrument, das ist das Spezielle daran. Und im Chor muss man sich mit den anderen Menschen abstimmen, aufeinander hören. Das macht Spass – und tut gut.» Nadja Sutter

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