Aadorf fördert die Biodiversität mit seinem Gartenpreis
Die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum gehört heute zu den grossen Herausforderungen für Gemeinden. Während öffentliche Flächen zunehmend naturnah gestaltet werden, bleibt ein zentraler Hebel oft ungenutzt: die privaten Gärten und Umgebungen. Die Gemeinde Aadorf (TG) hat hierfür einen eigenen Ansatz entwickelt. Mit dem Gartenpreis Aadorf setzt sie bewusst auf Motivation, Sichtbarkeit und Wertschätzung anstatt auf Regulierung. Der Ursprung des Projekts liegt in einer besonderen Ausgangslage: Nach dem Verkauf des Kommunikationsnetzes der AGLA Kabelnetz Genossenschaft stand ein namhafter Betrag für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung. Daraus entstand die Idee, ein Projekt zu realisieren, das langfristig einen Mehrwert für die Bevölkerung und den Lebensraum Garten schafft. Die Gemeinde hat den Gartenpreis als einfaches, aber wirkungsvolles Instrument konzipiert. Ziel ist es, die Qualität der Grünräume im Siedlungsgebiet sichtbar zu machen und gleichzeitig neue Impulse für deren Entwicklung zu setzen. Nach der erfolgreichen Erstvergabe im Jahr 2025 hat die Gemeinde den Gartenpreis Aadorf im Frühjahr 2026 erneut durchgeführt und weiterentwickelt. Im Zentrum des Gartenpreises steht nicht der perfekte Garten, sondern die Idee dahinter. Die Gemeinde sucht Gärten und Umgebungen, die zeigen, wie Biodiversität, Baumbestand, Gestaltung und Nutzung zusammenspielen können. Ob kleiner Vorgarten, Reihenhausgarten oder grosszügige Anlage spielt keine Rolle. Entscheidend sind die Qualität der Flächen, die Gestaltungsidee und der Umgang mit dem Ort und dem Bestand. Die Teilnahme ist niederschwellig organisiert. Interessierte reichen Fotos und eine kurze Beschreibung ein. Die Jury beurteilt die Gärten anschliessend vor Ort. Die Teilnehmenden nehmen diesen persönlichen Austausch als besonders wertvoll wahr. Was den Gartenpreis Aadorf besonders macht, ist der ganzheitliche Ansatz. Biodiversität ist zentral, wird aber immer im Zusammenspiel mit weiteren Aspekten betrachtet, nämlich Gestaltung und Kreativität, Aufenthaltsqualität und Nutzung, Umgang mit Wasser und Boden sowie Pflege und langfristige Entwicklung. Die Bewertung orientiert sich damit am Dreieck Ökologie, Nutzung und Gestaltung. Die wichtigsten Beurteilungskriterien umfassen die folgenden Punkte: Biodiversität und Lebensräume: Vielfalt einheimischer Pflanzen, Baumbestand, strukturreiche Gestaltung sowie Qualität und Quantität der Lebensräume für Flora und Fauna Gestaltung und Idee: Identitätsstiftung, Kreativität und stimmiges Gesamtkonzept, Exposition und auch die Wirkung von ausserhalb Nutzung und Aufenthaltsqualität: Wie gut ist der Garten als Lebens- und Erholungsraum für Menschen gestaltet? Ressourcen und Kreisläufe: Umgang mit Regenwasser, Boden, Versiegelung und Grüngut Pflege und Entwicklung: Nachhaltige Pflege, angepasster Mitteleinsatz und Entwicklungspotenzial Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Faktoren und nicht ein einzelnes Kriterium. Der Gartenpreis entfaltet seine Wirkung nicht über Vorgaben, sondern über Beispiele. Er macht sichtbar, was möglich ist, und zeigt konkrete Lösungen direkt vor der Haustür. Damit spricht er auch Menschen an, die sich bisher wenig mit Biodiversität beschäftigt haben. Die Rückmeldungen zeigen, dass viele Teilnehmende ihren Garten bewusster wahrnehmen und weiterentwickeln. Ein zusätzlicher Effekt soll durch die Öffnung einzelner Gärten für einen Tag entstehen. Begegnungen, Gespräche und Einblicke schaffen eine neue Form von Austausch im Quartier. Der Gartenpreis Aadorf zeigt, dass Gemeinden auch mit einfachen Mitteln eine grosse Wirkung erzielen können. Entscheidend ist weniger die Höhe der Preisgelder als die Kombination aus fachlicher Qualität, lokaler Verankerung und positiver Kommunikation. Das Instrument lässt sich gut auf andere Gemeinden übertragen, insbesondere dort, wo bereits Strategien zu Biodiversität oder Klimaanpassung bestehen. Gerade im dicht genutzten Siedlungsraum kann dieser Ansatz einen wichtigen Beitrag leisten. Denn viele kleine Flächen ergeben zusammen eine grosse Wirkung. Oder anders gesagt: Die Zukunft der Biodiversität entscheidet sich nicht nur im Wald oder in Schutzgebieten, sondern auch direkt vor der Haustür. Stefan Brunner