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Energie-Regionen: Drei Wege zur lokalen Energiewende

Energie-Regionen gibt es in der ganzen Schweiz – von den Tälern der italienischen Schweiz über die Hochebenen des Berner Juras bis hin zu urban geprägten Räumen. Seit mehr als zehn Jahren entwickeln sie interkommunale Projekte, um erneuerbare Energien zu fördern, Synergien zu nutzen und die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden zu stärken. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Ansätze sein können – und wie ähnlich die Zielsetzungen sind. Mit seinen Projekten setzt die Tessiner Energie-Region Vedeggio Valley gezielt auch auf die Nutzung vorhandener Infrastrukturen zur Energiegewinnung. Im Rahmen von Machbarkeitsstudien wurde untersucht, wie sich bestehende Gefälle sowie der Überschussdruck in den Trinkwassernetzen zur Stromproduktion nutzen lassen. Die Analysen zeigen, dass mehrere Mikroturbinen technisch realisierbar und wirtschaftlich interessant sind, sofern Anpassungen an den bestehenden Anlagen vorgenommen werden. Damit schafft die Region eine konkrete Grundlage, um die geplanten Anlagen schrittweise umzusetzen und lokal erneuerbare Energie zu produzieren. Die Analysen haben ein machbares Potenzial von 243 MWh pro Jahr identifiziert. Eine der anfänglichen Herausforderungen bestand darin, das technisch-wirtschaftliche Potenzial einer Lösung aufzuzeigen, die im Vergleich zu grossen Wasserkraftwerken in der Regel wenig Beachtung findet. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Integration neuer Komponenten in bestehende Infrastrukturen einen hohen Abstimmungsbedarf erfordert. Gerade darin liegt jedoch ein zentraler Mehrwert des Projekts: Es macht sichtbar, wie bestehende Systeme doppelt genutzt werden können – für die Wasserversorgung und die Energieproduktion. Auch wenn von der Leistung her nicht mit grossen Wasserkraftwerken vergleichbar, trägt diese Nutzung des Stromproduktionpotenzials der Wasserversorgung lokal dennoch zusätzlich zur Versorgungssicherheit im Winter bei. In der Region Grand Chasseral im Berner Jura steht die Nutzung von Biomasse im Fokus. Das Projekt analysierte das Potenzial landwirtschaftlicher Ressourcen wie Mist, Gülle und organischer Reststoffe und bewertete deren energetische Nutzung. Gleichzeitig wurde der Austausch zwischen Landwirtschaft, Gemeinden und weiteren Akteuren aktiv gefördert. Eine anfängliche Herausforderung bestand darin, unterschiedliche Interessen, logistische Anforderungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zusammenzubringen. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur die Verfügbarkeit der Ressourcen entscheidend ist, sondern auch die Organisation der Wertschöpfungskette. Das Projekt zeigt, dass ein solides Potenzial vorhanden ist und das Interesse innerhalb der Landwirtschaft wächst. Besonders wertvoll ist die gestärkte Zusammenarbeit: Sie bildet die Grundlage, um konkrete Biogaslösungen weiterzuentwickeln und regional umzusetzen. Das theoretische Potenzial der Biomasse in der Region liegt dabei bei 38,6 GWh. Die Energie-Region RET Sursee-Mittelland in Luzern verfolgt einen datenbasierten Ansatz zur Förderung der Solarenergie. Ein kontinuierliches Monitoring der Photovoltaikanlagen schafft Transparenz und ermöglicht systematische Vergleiche zwischen den Gemeinden sowie mit regionalen Zielwerten. Mit der Auszeichnung «RET-Sonnenkönigin» entsteht zudem ein spielerischer Wettbewerb, der die Gemeinden zum weiteren Ausbau von PV-Anlagen motiviert. Zusätzlich wurden Potenziale für weitere PV-Flächen (Top-20-Dächer) sowie Möglichkeiten für gemeinsame Eigenverbrauchsmodelle, etwa für virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (vZEV) oder lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), identifiziert. Damit wird der Solarausbau nicht nur sichtbar, sondern auch steuerbar, und der Erfolg ist messbar: Seit Projektbeginn wurden in der Region 499 neue PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 18 908 kW gemeldet. Insgesamt umfasst der Regionsperimeter heute 2800 Anlagen mit einer installierten Leistung von 102 991 kW. Zu Beginn bestand eine zentrale Herausforderung darin, den Solarausbau über alle Gemeinden hinweg vergleichbar zu machen und die dafür notwendigen Daten konsistent aufzubereiten. Gleichzeitig zeigte sich, dass Daten allein noch keine Wirkung entfalten – sie müssen aktiv kommuniziert und genutzt werden. Mit dem aufgebauten Monitoring steht heute ein Instrument zur Verfügung, das Transparenz schafft, den Austausch fördert und Gemeinden gezielt bei der Planung unterstützt. Damit wird der Solarausbau nicht nur sichtbar, sondern steuerbar. Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Wege sein können und wie wichtig es ist, vorhandene Stärken gezielt zu nutzen: Wasser im Vedeggio Valley, Biomasse im Gebiet Grand Chasseral und Sonne in der Region Sursee. Zusammengenommen leisten diese Projekte einen beachtlichen Beitrag: Die erschlossenen Potenziale entsprechen einer erneuerbaren Stromproduktion für rund 8600 Haushalte. David Müller, Sarah Dujoncquoy, Stefano Mazzacarro

Aadorf fördert die Biodiversität mit seinem Gartenpreis

Die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum gehört heute zu den grossen Herausforderungen für Gemeinden. Während öffentliche Flächen zunehmend naturnah gestaltet werden, bleibt ein zentraler Hebel oft ungenutzt: die privaten Gärten und Umgebungen. Die Gemeinde Aadorf (TG) hat hierfür einen eigenen Ansatz entwickelt. Mit dem Gartenpreis Aadorf setzt sie bewusst auf Motivation, Sichtbarkeit und Wertschätzung anstatt auf Regulierung. Der Ursprung des Projekts liegt in einer besonderen Ausgangslage: Nach dem Verkauf des Kommunikationsnetzes der AGLA Kabelnetz Genossenschaft stand ein namhafter Betrag für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung. Daraus entstand die Idee, ein Projekt zu realisieren, das langfristig einen Mehrwert für die Bevölkerung und den Lebensraum Garten schafft. Die Gemeinde hat den Gartenpreis als einfaches, aber wirkungsvolles Instrument konzipiert. Ziel ist es, die Qualität der Grünräume im Siedlungsgebiet sichtbar zu machen und gleichzeitig neue Impulse für deren Entwicklung zu setzen. Nach der erfolgreichen Erstvergabe im Jahr 2025 hat die Gemeinde den Gartenpreis Aadorf im Frühjahr 2026 erneut durchgeführt und weiterentwickelt. Im Zentrum des Gartenpreises steht nicht der perfekte Garten, sondern die Idee dahinter. Die Gemeinde sucht Gärten und Umgebungen, die zeigen, wie Biodiversität, Baumbestand, Gestaltung und Nutzung zusammenspielen können. Ob kleiner Vorgarten, Reihenhausgarten oder grosszügige Anlage spielt keine Rolle. Entscheidend sind die Qualität der Flächen, die Gestaltungsidee und der Umgang mit dem Ort und dem Bestand. Die Teilnahme ist niederschwellig organisiert. Interessierte reichen Fotos und eine kurze Beschreibung ein. Die Jury beurteilt die Gärten anschliessend vor Ort. Die Teilnehmenden nehmen diesen persönlichen Austausch als besonders wertvoll wahr. Was den Gartenpreis Aadorf besonders macht, ist der ganzheitliche Ansatz. Biodiversität ist zentral, wird aber immer im Zusammenspiel mit weiteren Aspekten betrachtet, nämlich Gestaltung und Kreativität, Aufenthaltsqualität und Nutzung, Umgang mit Wasser und Boden sowie Pflege und langfristige Entwicklung. Die Bewertung orientiert sich damit am Dreieck Ökologie, Nutzung und Gestaltung. Die wichtigsten Beurteilungskriterien umfassen die folgenden Punkte: Biodiversität und Lebensräume: Vielfalt einheimischer Pflanzen, Baumbestand, strukturreiche Gestaltung sowie Qualität und Quantität der Lebensräume für Flora und Fauna Gestaltung und Idee: Identitätsstiftung, Kreativität und stimmiges Gesamtkonzept, Exposition und auch die Wirkung von ausserhalb Nutzung und Aufenthaltsqualität: Wie gut ist der Garten als Lebens- und Erholungsraum für Menschen gestaltet? Ressourcen und Kreisläufe: Umgang mit Regenwasser, Boden, Versiegelung und Grüngut Pflege und Entwicklung: Nachhaltige Pflege, angepasster Mitteleinsatz und Entwicklungspotenzial Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Faktoren und nicht ein einzelnes Kriterium. Der Gartenpreis entfaltet seine Wirkung nicht über Vorgaben, sondern über Beispiele. Er macht sichtbar, was möglich ist, und zeigt konkrete Lösungen direkt vor der Haustür. Damit spricht er auch Menschen an, die sich bisher wenig mit Biodiversität beschäftigt haben. Die Rückmeldungen zeigen, dass viele Teilnehmende ihren Garten bewusster wahrnehmen und weiterentwickeln. Ein zusätzlicher Effekt soll durch die Öffnung einzelner Gärten für einen Tag entstehen. Begegnungen, Gespräche und Einblicke schaffen eine neue Form von Austausch im Quartier. Der Gartenpreis Aadorf zeigt, dass Gemeinden auch mit einfachen Mitteln eine grosse Wirkung erzielen können. Entscheidend ist weniger die Höhe der Preisgelder als die Kombination aus fachlicher Qualität, lokaler Verankerung und positiver Kommunikation. Das Instrument lässt sich gut auf andere Gemeinden übertragen, insbesondere dort, wo bereits Strategien zu Biodiversität oder Klimaanpassung bestehen. Gerade im dicht genutzten Siedlungsraum kann dieser Ansatz einen wichtigen Beitrag leisten. Denn viele kleine Flächen ergeben zusammen eine grosse Wirkung. Oder anders gesagt: Die Zukunft der Biodiversität entscheidet sich nicht nur im Wald oder in Schutzgebieten, sondern auch direkt vor der Haustür. Stefan Brunner

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