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Biodiversität am Waldrand hält den Wald lebendig

Jean-Pierre Kaeslin strebt mit grossen Schritten in den hellen Wald, vorbei an den Strünken frisch geschlagener Bäume. Neben einem kleinen Spross geht er in die Hocke, zieht den feinen Stamm mit den hellgrünen Blättchen zu sich und nickt anerkennend: «Was Burtigny hier macht, ist vorbildlich.» Das Lob gilt dem Projekt, das Förster Kaeslin im Auftrag der kleinen Waadtländer Gemeinde Burtigny umsetzt. 1,4 Kilometer Waldrand werden geschaffen, die 30 Meter tief in den Wald hineinreichen. «Schaffen» heisst in diesem Fall vor allem, der Natur freien Raum zu geben, ihr durch gezieltes Ausdünnen der Bäume Platz zu lassen, damit sich Büsche und Sträucher in verschiedenen Breiten und Höhen entwickeln können. In diesem naturbelassenen Gürtel werden sich Pflanzen und Tiere – Vögel, Säuger und Insekten – ausbreiten, was in einer Monokultur von Bäumen nie der Fall wäre. Ernst Zürcher, Forstingenieur der ETH Zürich und Autor*, der Burtigny auf dem Weg zur nachhaltigen Waldwirtschaft und zu mehr Biodiversität als Berater begleitet, spricht von einer schützenden Hülle, die den Wald vor dem Austrocknen bewahrt und damit auch eine wichtige Rolle für das Grundwasser spielt. Burtigny liegt 750 Meter oberhalb des Lac Léman auf einer Anhöhe, und der Wind fährt am Tag unseres Besuchs im April gerade mit einer Heftigkeit in die Bäume, als wolle er bestätigen, welche Bedeutung der Waldrand bei Hitze und Trockenheit hat. Zürcher spricht von einem sensiblen Organ: «Am Waldrand ist die Biodiversität am höchsten. Ist diese Hülle intakt, bleibt auch der Wald lebendig.» Ein bisschen wird der Natur in Burtigny nachgeholfen, indem Bäumchen gepflanzt, Samen ausgestreut oder Eicheln in kleinen Behältern im Wald verteilt werden – als Naschfutter für die Tiere, die so auf natürliche Art bei der Ausbreitung der Eiche helfen. «Wir wollen Eichenbäume haben im Wald. Sie sind weniger anfällig auf Trockenheit als die Rottannen, die aufrecht verdorren», sagt Valérie Jeanrenaud. Die Gemeindepräsidentin von Burtigny ist treibende Kraft hinter dem Projekt «Nachhaltige Waldwirtschaft», und sie redet sich rasch in Begeisterung, wenn sie vom Potenzial eines gesunden, gemischten Walds spricht: vom Erholungsfaktor für Spaziergängerinnen und Spaziergänger, von der Energie, die von den Bäumen auf die Menschen übergeht, von der Idee, deren heilende Kraft für therapeutische Spaziergänge zu nutzen, und davon, dass sie die Betriebsleitungen der beiden Kliniken in der Region für diese Idee gewinnen möchte. Gleichzeitig ist der Wald für die Gemeinde auch eine Einnahmequelle als Lieferant von Holz zum Bauen und zum Heizen, immerhin erstreckt er sich über mehr als ein Drittel des Gemeindegebiets. Nun ja, nach Abzug der Kosten für die Bewirtschaftung und Pflege des Walds bleibt ein Defizit übrig, es ist die leidige Sache mit dem Holzpreis, die neben Burtigny manch eine Schweizer Gemeinde kennt. Ernst Zürcher bedauert, dass Schweizer Holz nicht mehr Wert schafft als die Konkurrenz aus europäischen Ländern, die ihre Wälder «teilweise völlig unökologisch bewirtschaften». Ökologisch gerecht wäre seiner Meinung nach ohnehin, eine Abgabe auf das Trinkwasser zu erheben und dem «Konto Wald» zuzuschlagen. «Schliesslich ist der Wald ein Wasserfilter.» Wie auch immer: Valérie Jeanrenaud hat gar nicht erst versucht, das Thema Waldränder, Nachhaltigkeit und Biodiversität vor die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu bringen. Das bäuerlich geprägte Dorf mit seinen 390 Einwohnerinnen und Einwohnern hat wenig Steuereinnahmen ­­– sie habe darum eine klare Absage an Ausgaben dieser Art erwartet, wie Jeanrenaud mit leiser Verlegenheit einräumt. Wie also finanziert man ein Projekt, das insgesamt 84 000 Franken kostet? Mit Stiftungsgeldern: 30 000 Franken kamen von der Stiftung der Luxusuhrenmarke Audemar Piguet, die sich seit 1992 weltweit für die Walderhaltung engagiert. 5000 Franken steuerte die Sophie und Karl Binding Stiftung bei; sie unterstützt Projekte in den Bereichen Umwelt, Soziales und Kultur in der ganzen Schweiz. Da viele Stiftungen Gemeinden nicht als Empfängerinnen berücksichtigen können, ist in Burtigny ausserdem die Gründung eines Vereins geplant. Die Kosten von 84 000 Franken verteilen sich über vier Jahre, von 2021 bis 2024. Sie decken die Forstarbeiten zur Auslichtung, Pflanzung und Pflege der Obstbäume, Koordinationssitzungen, die wissenschaftliche Begleitung und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Valérie Jeanrenaud fand in einem Gemeinderatskollegen einen Mitstreiter, dann lernten sie Ernst Zürcher kennen, der das Fachwissen des Wissenschaftlers beisteuert, später kam der Agroingenieur Dominique Ruggli hinzu. Er pflanzt im Auftrag von Burtigny unweit des Waldrands alte und robuste Sorten von Apfelbäumen, deren Früchte künftigen Spaziergängerinnen und Spaziergängern den Effort versüssen sollen. Am Tag unseres Besuchs im April ist Pflanztag, und die Gemeindepräsidentin, die beruflich eine Agentur für Kulturmanagement leitet, hat daraus ein richtiges Happening gemacht: Das Ereignis wird von einem Videojournalisten festgehalten, und zum Abschluss ziehen Pferde Baumstämme an schweren Ketten aus dem Wald. In Burtigny werde allerdings nicht mit Pferden gearbeitet, wie Förster Jean-Pierre Kaeslin einräumt. Aber er verzichtet auf den Einsatz von Reifenfahrzeugen, die sich in den Boden graben, und er lässt einen Baum erst dann fällen, wenn Kaufinteressierte gefunden sind. «Der Boden für mehr Respekt im Umgang mit dem Wald ist bereitet», sagt Kaeslin und fügt an, vielleicht könne das ein Modell für andere sein. Informationen: *Ernst Zürcher, «Die Bäume und das Unsichtbare. Erstaunliche Erkenntnisse aus der Forschung», AT Verlag 2016. Denise Lachat

Die Grüne Branche hat die Biodiversität im Fokus

Die Grüne Branche hat die Herausforderung schon lange angenommen, was aber häufig noch verkannt wird: Gärtnerinnen und Gärtner setzen sich stark für den Schutz, die Erhaltung und die Förderung unseres Lebensraums ein. So bietet der Gärtnermeisterverband des Kantons Zürich in seinem Bildungszentrum (BZG) in Pfäffikon Lehrgänge zu unterschiedlichsten Themen mit Bezug zur Biodiversität an. Darunter ist auch die Weiterbildung Gewässerwart/in, die seit 2014 in Zusammenarbeit mit der Stiftung Wirtschaft und Ökologie (SWO) durchgeführt wird. Das revidierte Gewässerschutzgesetz (in Kraft seit dem 1. Januar 2011) gilt als eine der wichtigsten Etappen im Gewässerschutz in der Schweiz und schafft die Grundlagen dafür, dass Fliessgewässer und Seeufer wieder naturnaher werden und als artenreiche Lebensräume ihren Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten können. Die Kantone sind zur strategischen Planung und zur Umsetzung von Revitalisierungen verpflichtet, der Bund stellt finanzielle Unterstützung zur Verfügung, die Gemeinden fungieren je nach Projekt als Bauherrschaft, und hervorragend qualifizierte Unternehmen der Grünen Branche sorgen für die fachlich korrekte Umsetzung und die nachhaltige Pflege. Für sein immer grösser werdendes Angebot sowohl in der Grund- als auch in der Weiterbildung entschied das BZG im Jahr 2018, Gelände einer ganz in der Nähe liegenden, ehemaligen Baumschule zu pachten. Im Verlauf des Umnutzungsänderungsverfahrens forderte das AWEL des Kantons Zürich die Revitalisierung des durch das Areal fliessenden Loorenbachs. So entstand ein Win-Win-Projekt für alle Beteiligten: Kanton, Gemeinde Pfäffikon (ZH) und BZG. Das Gesamtprojekt wurde im vergangenen Jahr abgeschlossen und umfasste die Offenlegung eines rund 265 Meter langen Abschnitts. Dessen Eindolung wies eine ungenügende Abflusskapazität auf und befand sich in einem mangelhaften Zustand. Bei stärkeren Niederschlägen kam es immer wieder zu einem Rückstau auf die angrenzende Kantonsstrasse, was auf dem Areal der Baumschule zu Überschwemmungen führte. Die Revitalisierung war spannend und herausfordernd, galt es doch, ein vollständig neues Bachbett zu erstellen und damit gleichzeitig auch dafür zu sorgen, dass zukünftig anfallende Spitzenabflüsse bei Hochwasser abgeleitet werden können. Gleichzeitig war zu beachten, dass der Bach zwar kein Fischgewässer ist, in ihm aber wirbellose Tiere, Amphibien und Krebse leben, unter anderem der stark gefährdete Steinkrebs. Darauf wurde bei der Ausdolung Rücksicht genommen, zum Beispiel durch die Schaffung von Uferständen mit Unterständen, wo sich Krebse Höhlen graben können, ebenso wie durch die Pflanzung einer standorttypischen Vegetation. Zur Verhinderung einer übermässigen Sohlenerosion wurden 16 abgesetzte Schwellen verbaut. Das Ingenieurbüro Forster & Linsi AG, Pfäffikon, übernahm im Auftrag der Gemeinde die Planung und Gesamtprojektleitung. Für die fachtechnische Begleitung des Projekts sowie den Bereich Gestaltung und Ökologie war der Dozent des BZG, Lothar Schroeder (SWO), verantwortlich. Der Zuschlag für die Umsetzung der Bepflanzung ging an ein Gartenbauunternehmen mit Gewässerwartinnen und -warten, welche die Ausbildung im BZG absolviert hatten. Eine gute Referenz, findet der Geschäftsführer des BZG, Erich Affentranger: «Das Projekt zeigt einmal mehr, dass die Mitarbeitenden der Grünen Branche kompetente Partner sind. Und natürlich auch, dass unsere Weiterbildung anerkannt und qualitativ hochwertig ist.» Lothar Schroeder freut sich, dass der Loorenbach zukünftigen Lehrgängen als nachhaltiges Beispiel dient: «Der Loorenbach ist ein wertvolles Anschauungsobjekt für die Kursteilnehmenden, man sieht den Erfolg der Ausdolung. Bestimmte Pflegemassnahmen können im Rahmen des Kurses direkt vor Ort umgesetzt werden.» Und René Iten, Leiter des Bauamts der Gemeinde Pfäffikon, ist erfreut über das gute Ergebnis der Revitalisierung: «Die Gemeinde schätzt die künftige Partnerschaft mit dem BZG sehr. Wir freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit im Bereich des ökologischen Gewässerunterhalts und hoffen, dass wir damit ein nachhaltiges Projekt schaffen durften.» Infos: Jardin Suisse, Gärtnermeisterverband des Kantons Petra Hausch

Effizientes Wirtschaften setzt auf Kreisläufe

Ressourceneffizienz, Recycling und Zero Waste sind aus der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Der zentrale Ansatz, um die Wirtschaft auf eine nachhaltige Bahn zu führen, ist die Kreislaufwirtschaft: «Man muss die Beteiligten der gesamten Wertschöpfungskette einbeziehen und an einen Tisch bringen», sagt Eva Bucherer von Make Furniture Circular (MFC). Das Projekt ist eine Initiative von Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) und Engagement Migros, einem Förderfonds der Migros-Gruppe. Es verfolgt das Ziel, Möbelunternehmen zu einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft zu bewegen. Anhand des Alltagsprodukts Matratze zeigt MFC auf, was in der heutigen Wertschöpfungskette schiefläuft und wo Werkstoffe in Kreisläufe zurückgeführt werden können. Weil die Schlafunterlage kompliziert aufgebaut und verklebt ist, gilt sie als wenig recyclingfähig. Dass die Matratzenproduktion aber keine Materialschlacht sein muss, zeigt etwa das Beispiel des niederländischen Bettenherstellers Royal Auping: Seine Lösung basiert auf einem zerlegbaren Modell, aufgebaut aus einzelnen Bestandteilen, die nach Gebrauch wieder für die Herstellung neuer Matratzen verwendet werden können. Ein echter Kreislauf, denn hier wird das Produkt am Ende seiner Lebenszeit wieder als Rohstoff für ein neues Exemplar derselben Gattung eingesetzt. Ende September 2020 fand bereits das zweite Treffen statt, an dem sich Akteurinnen und Akteure der Schweizer Matratzenindustrie versammelten, um gemeinsam Lösungsansätze zu suchen. MFC ist eines von zahlreichen Projekten, welche die Plattform Circular Economy Switzerland auflistet. Das puzzleartige Zusammensetzen und wieder Auseinandernehmen ist auch die Grundidee der Containergebäude von FAGSI. Das Unternehmen der ALHO-Gruppe aus Wikon (LU) hat sich auf die Vermietung und den Verkauf von FAGSI-Containergebäuden spezialisiert. Bereits zum zweiten Mal wurde die Schulanlage Oescher in Zollikon (ZH) am Zürichsee mit Hilfe dieser originellen Bauweise erweitert. «Eine Besonderheit unserer Gebäude ist, dass man sie problemlos zurückbauen und in ihre einzelnen Einheiten zerlegen kann», erklärt Nico Kreyss, Leiter Vermietung bei der FAGSI. Die Kundschaft nutzt die Containergebäude nur so lange, wie sie sie tatsächlich benötigt. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft nimmt FAGSI die Container dann wieder zurück. Sie werden gereinigt, aufbereitet und an einem anderen Ort erneut eingesetzt. Ein Konzept, das ökologische Produktion mit sozialem Engagement und gemeinnütziger Arbeit verbindet, ist A+B Insieme. Der schweizweite Bring- und Holservice von Strassenbesen mit Nachbestückung in lokalen Behindertenheimen wurde im Sommer 2020 lanciert. Initiator ist die A+B Bürsten-Technik AG aus Wattwil (SG). «Wir testeten das Konzept zuerst mit Institutionen aus der Ostschweiz und aus Bern und stellten ein grosses Interesse fest», sagt Thomas Nüesch, Geschäftsführer und Mitinhaber der Bürstenfabrik. Die steigende Nachfrage nach individuellen und nachhaltigen Strassenbesen sowie die guten Erfahrungen aus den regionalen Tests bildeten dann den Ursprung des Angebots A+B Insieme. Das Prinzip folgt der Logik von runderneuerten Autoreifen: Statt bei fehlendem Profil das ganze Teil zu entsorgen, wird nur ersetzt, was abgenützt ist. Ein Strassenbesen besteht aus einem Bürstenkörper und den Borsten als Besatzmaterial. In der konventionellen Herstellung wird der Leerteller, an dem die Borsten befestigt sind, entsorgt, sobald die Borsten nicht mehr die erforderliche Länge aufweisen. Bei A+B Bürsten-Technik hingegen wird der Leerteller fünf- bis zehnmal wiederverwendet. Das abgenutzte Besatzmaterial wird entfernt und fachgerecht entsorgt. «Dank der Wiederverwendung des Leertellers kann der Kunde im Vergleich zum Einwegbesen beträchtliche Kosten einsparen», sagt Nüesch. So zahle sich die Investition in eine passende Montierplatte für A+B Insieme bereits nach vier Besenwechseln aus. Zudem reisen die Besen für den Transport nur noch maximal 50 Kilometer bis zur nächstgelegenen Institution, welche die Aufbereitung übernimmt. Herkömmliche, gestanzte Einwegbesen haben hingegen oft schon 1000 Kilometer hinter sich, bevor sie eine Schweizer Strasse reinigen. Zudem bleibt nach Gebrauch bei jedem dieser Besen etwa acht Kilogramm untrennbarer Abfall übrig. «Nebenbei unterstützen wir mit unseren Aufträgen mehrere lokale Behindertenwerkstätten in der Schweiz», ergänzt der 52-Jährige. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Heime leisten mit dem Entfernen des gebrauchten Bürstenmaterials und dem Neubestücken der Strassenbesen einen wichtigen Beitrag in der Wertschöpfungskette. Gleichzeitig freuen sie sich ab der sinnvollen Arbeit. Seit Kurzem bietet das innovative Unternehmen aus dem Toggenburg zudem nicht nur konventionelle Kunststoff- und Flachstahlborsten an, sondern auch Bürsten aus nachwachsendem Kunststoff, der gemäss DIN 13432 kompostierbar ist und somit im Abrieb kein Mikroplastik verursacht. Eine andere Strategie, um Abfallberge zu vermeiden und CO 2 -Emissionen zu reduzieren, ist das Upcycling, also die Verarbeitung von Ausrangiertem zu einem höherwertigen Produkt. Wie das geht, zeigt aktuell die SBB im Bahnhof Burgdorf: Die veralteten Münzschliessfächer werden nicht direkt entsorgt und durch digital bedienbare Boxen ersetzt. Vielmehr werden gemeinsam mit der Firma 89Grad einige Komponenten wie Münzzähler und Zwischenkasse entfernt und durch elektronische Bauteile ersetzt. Läuft die Pilotphase zufriedenstellend, könnten die Schliessfachanlagen an 70 weiteren Bahnhöfen folgen. Die Anbindung ans Web ermöglicht zudem, die Schliessfächer in Zukunft für weitere Anwendungen zu nutzen, die mit dem bisherigen physischen Schlüssel nicht möglich waren. Denkbar sind Sharing-Angebote oder die Abholung beziehungsweise Rückgabe von Waren. Das digitale Aufrüsten der Schliessfächer reduziert übrigens die CO 2 -Emissionen im Vergleich zur Entsorgung und Neuanschaffung um vier Fünftel. Stoffkreisläufe zu schliessen und die Nutzungsdauer von Produkten zu erhöhen, ist auch bei Privaten im Trend – und dieser soll noch stärker werden: Myclimate, Ricardo und Circular Economy Switzerland haben den 25. September zum zweiten Mal als schweizweiten Secondhand-Day ausgerufen. Das Motto: Wer Gebrauchtes kauft, verlängert die Nutzungszeit und vermeidet Abfall. Infos: https://circular-economy-switzerland.ch/projekte Sara Meier

Landschaften mit Wirkung auf  Gesundheit und Wohlbefinden

Das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanzierte Forschungsprojekt «Landschaftsleistungen in Bundesinventaren der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN)» will helfen, wahrgenommene und nachgefragte Leistungen von Landschaften zu erkennen und Grundlagen für ihre verstärkte In-Wert-Setzung zu schaffen. Das Projekt untersucht beispielsweise Leistungen, die sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen auswirken, Identifikation und Verbundenheit fördern oder zur Standortattraktivität beitragen (Keller et al. 2019b). Im Austausch mit der Begleitgruppe, zusammengesetzt aus Vertreterinnen und Vertretern kantonaler Fachstellen, Gemeinden, NGOs, Landwirtschaft usw., und den Untersuchungsregionen hatte sich gezeigt, dass ein grosses Bedürfnis danach besteht, anhand konkreter Projekte den Ansatz der Landschaftsleistungen fassbar zu machen. Das Forschungsteam hat deshalb verschiedene Projekte in den Untersuchungsregionen unterstützt und ausgewertet – zwei Beispiele werden in diesem Beitrag gemeinsam vom Forschungsteam und den kantonalen Fachstellenleitern Natur und Landschaft vorgestellt. In Zusammenarbeit mit dem Cycle d’Orientation du Val d’Hérens konnte nur wenige Hundert Meter von den Pyramiden von Euseigne entfernt ein Projekt durchgeführt werden, das alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I des Tals einbezieht. Ziel war es, einen Dialog mit jungen Menschen sowie einen generationenübergreifenden Dialog über die Landschaft anzustossen, in der sie leben: was die Landschaft ihnen bringt, wie sie sich verändert hat und wie sie sich in Zukunft entwickeln könnte. Nach einer Präsentation vor Ort über den Ursprung und die Entwicklung der Pyramiden wurden diesem Projekt mit dem Namen «Impact paysager» zwischen September 2019 und Januar 2020 sechs Halbtage gewidmet. Die Schülerinnen und Schüler verteilten sich auf sechs Themenworkshops (Radio, Escape Room, Erosion und Geologie, Lokale Küche und Handwerkskunst, Nachhaltige Zukunft der Pyramiden, Märchen und Legenden). Bei der Themenauswahl wurden vorherige Überlegungen der Lehrkräfte berücksichtigt, um die Aktivitäten mit dem Westschweizer Lehrplan «Plan d’études romand» (PER) in Einklang zu bringen, insbesondere mit den Prinzipien der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Bei diesen Workshops lernten die Schülerinnen und Schüler die Landschaften ihres Tals kennen, erfuhren, wie diese mit wirtschaftlichen Aktivitäten (Handwerk, Landwirtschaft, Tourismus) in Zusammenhang stehen, und machten sich Gedanken über die Zukunft der Pyramiden von Euseigne. Für die Schule ging es auch darum, interdisziplinäre Fähigkeiten sowie Kooperationen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Tals zu fördern. Im Herbst organisierte das Interdisziplinäre Zentrum für Gebirgsforschung (CIRM) der Universität Lausanne (UNIL) im Rahmen des 20-Jahre-Jubiläums des Europäischen Landschaftsübereinkommens im Val d’Hérens einen «Mois du paysage» (Monat für die Landschaft). Ziel war es, der Bevölkerung über verschiedene Wege zu vermitteln, wie wichtig es ist, qualitativ hochwertige Landschaften zu erhalten, wie sich der Charakter von Gebirgslandschaften verändert und welchen wichtigen Beitrag die Landschaften für die Gesellschaft leisten. In Zusammenarbeit mit den lokalen Akteurinnen und Akteuren und mit Unterstützung der kantonalen Fachstelle für Landschaftsschutz wurden in den fünf Talgemeinden verschiedene Veranstaltungen organisiert. Die Veranstaltungen fanden bei der Bevölkerung regen Anklang, insbesondere die Aktivitäten vor Ort. In diesem Gebiet konnten mit einem Projekt interessierte und engagierte Personen aus Politik, Landwirtschaft sowie Natur- und Landschaftsschutz zu einer Projektgruppe zusammengeführt werden. Diese lokal verankerte Projektgruppe formulierte folgende Ziele für das Gebiet: Wertschätzung der Bevölkerung für das ganze BLN-Gebiet steigern (nicht «nur» für das Naturschutzgebiet Hudelmoos); Kulturhistorisches Wissen über Torfabbau und Hochäcker sichern und vermitteln; Besucherlenkung und -information im Gebiet überarbeiten. Zu den drei Zielen wurden verschiedene Projektideen diskutiert, zum Beispiel die Durchführung eines Fotowettbewerbs, die Erstellung einer Dokumentation der kulturhistorischen Nutzung, Porträts lokaler Persönlichkeiten oder die Überarbeitung der Besucherlenkung und -information im Gebiet. Diese Projektideen wurden priorisiert und im April 2019 an einem Informationsanlass lokalen Akteurinnen und Akteuren aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau vorgestellt. Die Diskussionen am Informationsanlass haben gezeigt, dass Befürchtungen bestehen, mit einigen der Projektideen zu viele (neue) Besuchende in das Gebiet zu locken: Die bestehende (Wege, Parkplätze, Grillplätze) bzw. fehlende Infrastruktur (keine WCs im Gebiet) kommt bereits jetzt an schönen Tagen an ihre Grenzen. Gleichzeitig stiess auf Interesse, die Wertschätzung der Bevölkerung für das Gebiet zu steigern, und man war sich weitgehend einig, dass die bestehende Besucherlenkung und -information überarbeitet werden soll. Basierend auf den Rückmeldungen schrieb das Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau im Juni 2019 die Weiterentwicklung der Besucherlenkung und -information «Rund ums Hudelmoos (TG/SG)» aus. Ziel ist es, die Besonderheiten des Gebiets für die lokale Bevölkerung und interessierte Besuchende besser sicht- und lesbar zu machen und damit die Wertschätzung zu erhalten oder gar zu steigern. Erste Vorschläge einer Wegführung im gesamten BLN-Gebiet sowie Mittel und Gestaltung der Besucherinformation wurden im Januar 2020 im Projektteam präsentiert und diskutiert, im Juni 2020 fand ein Mitwirkungsanlass mit den lokalen Akteursgruppen statt. Im Oktober 2020 wurde das finale Konzept für die Besucherlenkung und -information vorgelegt. Dieses wird 2021 umgesetzt. Die Erkenntnisse aus dem Gesamtprojekt werden bis Sommer 2021 ausgewertet und sind laufend auf der Website www.landschaftsleistungen.ch einsehbar, ebenso wie weitere Praxisbeispiele. Folgende Schlüsse können bereits gezogen werden: Der Einbezug lokal verankerter Personen funktioniert oft sehr gut. Es ist wichtig, gut verankerte Schlüsselpersonen zu finden und diese zu unterstützen. Wichtig ist zudem, das Wissen über «Landschaften» in den Regionen zu stärken und zu pflegen. Auch Grundlagen wie regionale Landschaftsziele oder Best-Practice-Beispiele aus anderen Regionen können die lokalen Prozesse unterstützen. Prozesse der In-Wert-Setzung der Landschaft sollten sich an den Schutzzielen orientieren, aber möglichst ergebnisoffen angegangen werden. Die begleiteten Projekte haben gezeigt, dass die hoheitlichen Ziele (z. B. eines BLN) wichtig sind, dass es aber auch Flexibilität und Offenheit für unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse braucht. Im Austausch mit lokalen Akteurinnen und Akteuren sollen konkrete Projektideen gemeinsam entwickelt werden. Es braucht ein klares Signal an die lokalen Personen, dass eine partnerschaftliche Auseinandersetzung über die Landschaftsleistungen gewünscht und gefördert wird. Im Val d’Hérens werden das CIRM und der Dienst für die Vermittlung von Wissenschaft der UNIL 2021 und 2022 ein Projekt durchführen, das partizipative Wissenschaft und Wissenschaftsvermittlung miteinander kombiniert. Es trägt den Titel «Hérens, 1940–2040» und soll der Bevölkerung und der Wissenschaft ein besseres Verständnis dafür verschaffen, was es bedeutet, vor dem Hintergrund des Klimawandels in einer Bergregion zu leben. Mithilfe eines Systems zur Datenerfassung, durch das die Lebensrealität der Bevölkerung gewürdigt und geteilt werden kann, soll die transdisziplinäre Forschung im Tal intensiviert werden. Im Gebiet rund ums Hudelmoos wird neben der konkreten Umsetzung der Besucherlenkung und -information insbesondere die Frage einer möglichen Trägerschaft sehr interessant sein. Zurzeit besteht keine Körperschaft, der Gebietsbetreuer des Kantons Thurgau ist primär für das Naturschutzgebiet Hudelmoos zuständig und arbeitet eng mit den Landbesitzenden zusammen. Die drei politischen Gemeinden im Gebiet sowie das zuständige Amt des Kantons St. Gallen werden vom Leiter der Fachstelle Natur und Landschaft des Kantons Thurgau jeweils über die geplanten Schritte informiert bzw. um Rückmeldungen gebeten. Es ist zurzeit offen, ob allenfalls ein Verein, eine regionale Arbeitsgruppe oder eine überregionale Kommission eingesetzt werden könnte, um zukünftige Aktivitäten im Gebiet (z. B. Unterhalt, Schulung und Weiterbildung) zu koordinieren. Die Erkenntnisse aus diesem Prozess werden auch für andere Gebiete relevant sein. Informationen: www.landschaftsleistungen.ch Referenzen: Keller, Roger; Clivaz, Mélanie; Backhaus, Norman; Reynard, Emmanuel (2019a). Wertschätzung für Landschaftsleistungen steigern: Erkenntnisse eines Forschungsprojekts. N+L Inside, (1):25–29. Keller, Roger; Clivaz, Mélanie; Backhaus, Norman; Reynard, Emmanuel (2019b): Landschaftsleistungen in Landschaften von nationaler Bedeutung. Forschungsbericht mit Handlungsempfehlungen für Bund, Kantone, Gemeinden, NGOs und Bewirtschaftende. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU. Zürich, Lausanne, Universität Zürich, Geographisches Institut / Université de Lausanne, Institut de géographie et durabilité (auch auf Französisch). Roger Keller

Hagel stellt Anforderungen an den Gebäudeschutz

Wenn ein drei Zentimeter grosses Hagelkorn am Dach oder der Fassade mit fast 90 Kilometer pro Stunde aufschlägt, führt dies bei einigen Materialien zu Dellen, Verbiegungen oder Oberflächenschäden. Besonders häufig sind Schäden an Storen, aussengedämmten Fassaden sowie Kunststoffelementen wie Lichtkuppeln, Schwimmbadabdeckungen oder freigelegten Dichtungsbahnen. Im schlimmsten Fall können funktionale Schäden wie Risse entstehen. Wird die Gebäudehülle dabei undicht, können bei Wassereintritt grosse Folgeschäden anfallen. Für Betroffene bedeutet ein Hagelschaden zudem Umtriebe und Ärger. Denn ein Hagelschlag trifft meist sehr viele Gebäude gleichzeitig, was die Reparaturen entsprechend verzögert. Die Hagelsaison liegt ausgerechnet mitten in der Sommerhitze, wenn exponierte Innenräume ohne Beschattung kaum nutzbar sind. Auch im Juni und Juli 2021 wurden viele Ortschaften in der Schweiz von schwerem Hagelschlag heimgesucht. Wie beim Schutz vor anderen Naturgefahren, beispielsweise dem Hochwasserschutz, gilt auch beim Hagelschutz: Je früher die Naturgefahren in den Planungsprozess einbezogen werden, umso einfacher finden sich wirksame und günstige Lösungen – auch bei Umbauten und Renovationen. Damit dies gelingt, braucht es eine bessere Sensibilisierung für das Thema Naturgefahren, auch bei Baufachleuten. Im Idealfall weisen kommunale Baubehörden die Bauherrschaften sowie die Architektinnen und Architekten bereits bei Bauvoranfragen umfassend auf Naturgefahren hin mit Verweis auf weiterführende Informationen, Normen und Planungshilfen. Dies ist auch bei Grundstücken ausserhalb von Gefahrenzonen wichtig, denn Starkregen, Sturm oder eben Hagel können überall auftreten. Für den Schutz vor Hagel gibt es zwei Grundkonzepte: erstens die Verwendung robuster Materialien und hagelgeprüfter Produkte für alle exponierten Elemente der Gebäudehülle, zweitens den Schutz der besonders verletzlichen Lamellenstoren. So gelingt der Hagelschutz oft nebenbei in Synergie mit anderen Sanierungsarbeiten, was sich auch für den Gebäudebestand der öffentlichen Hand bezahlt machen kann. Müssen bei Erneuerungen zum Beispiel Lichtkuppeln aus Kunststoff geschützt werden, sind vorgelagerte Schutzgitter oder -netze eine prüfenswerte Alternative zum Einbau widerstandsfähigerer Lichtkuppeln aus Glas. Zentral ist ein guter Überblick über die Gefährdung am Standort und die Schutzziele. Hierzu dient die Informationsplattform www.schutz-vor-naturgefahren.ch , wobei mittels Eingabe des Gebäudestandorts die lokale Gefährdung durch verschiedene Naturgefahren sowie zur Situation passende Empfehlungen für den Gebäudeschutz abgerufen werden können. Im Hintergrund greift dieser Naturgefahren-Check auf die im Mai 2021 neu veröffentlichte Hagelgefährdungskarte von MeteoSchweiz zu. Diese neuste wissenschaftliche Grundlage zeigt, dass in einem Zeithorizont von 20 bis 50 Jahren verbreitet mindestens einmal mit Hagelkörnern von drei Zentimeter Durchmesser oder mehr gerechnet werden muss. Dies entspricht in etwa der minimalen Lebensdauer, die viele Bauteile an der Gebäudehülle erreichen sollten. Ein hoher Hagelwiderstand ist somit auch in Bezug auf die Amortisation von Bautätigkeiten und die Nachhaltigkeit ein wichtiges Entscheidungskriterium. Die neuen Gefährdungskarten bestätigen die allgemeine Empfehlung vieler Naturgefahrenfachleute, Gebäude mindestens gegen drei Zentimeter grosse Hagelkörner zu schützen. Dieses minimale Schutzziel ist ohne wesentliche Mehrkosten umsetzbar und wird zudem von der neuen Norm SIA 261/1 «Einwirkungen auf Tragwerke – Ergänzende Festlegungen» für alle Neubauten gefordert, worauf Bauverwaltungen verweisen können. Nebst diskussionslos hagelunempfindlichen Materialien wie Beton oder ausreichend starkem Glas (≥4 mm) gibt es für sämtliche Elemente der Gebäudehülle eine Vielzahl geprüfter Produkte. Als Entscheidungshilfe dient das kostenlose Onlineplanungstool www.hagelregister.ch , wobei die Bauteile in fünf Hagelwiderstandsklassen unterteilt werden: HW 1 bis HW 5. Die Ziffern entsprechen der maximalen Korngrösse in Zentimetern, der ein Bauteil standhält. Je höher der HW-Wert, desto höher der Hagelwiderstand. Die Produkte im Hagelregister werden gemäss einheitlichen Prüfbestimmungen an sechs Prüfinstituten in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland getestet. Die Gültigkeit der Zertifikate wird laufend überprüft. Beschädigte Lamellenstoren machen rund einen Drittel aller Hagelschäden aus. Doch diese beweglichen Bauteile haben gegenüber der restlichen Gebäudehülle einen entscheidenden Vorteil: Sind die Storen hochgefahren, ist das Schadenpotenzial gleich null. Die darunterliegenden, modernen Fenster und Fensterrahmen sind weniger anfällig für Hagelschlag. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen bieten in Zusammenarbeit mit SRF Meteo und NetIT Services kostenlos das Warnsignal «Hagelschutz – einfach automatisch» an, mit dem sich sämtliche Storen an einem Gebäude vollautomatisiert vor Hagel schützen lassen. Eine Schnittstelle ruft laufend die Hagelprognose für den Gebäudestandort ab und lässt die Storen bei Hagelgefahr automatisch hochfahren. Diese Hagelprognose wird alle fünf Minuten aus diversen Parametern wie Radardaten, Blitzaktivität und -charakteristik, Höhenwinden sowie verschiedenen Prognosemodellen neu berechnet und ist räumlich sehr genau. Sobald die lokale Hagelwahrscheinlichkeit einen Schwellenwert unterschreitet, werden sämtliche Storen wieder in ihre ursprüngliche Position gebracht. Oft lassen sich alle Storen grosser Gebäude, beispielsweise von Schulen oder Spitälern, mit einer einzigen Schnittstelle schützen. So einfach funktioniert moderner Gebäudeschutz mit intelligenter Gebäudetechnik. Informationen: Informationsplattform mit standortgenauer Gefährdungsübersicht Hagelresistente Bauprodukte Storen-Steuerungssystem «Hagelschutz – einfach automatisch» Benno Staub

Wie weiter in der Klimapolitik der Schweizer Gemeinden?

Mit dem Klimafonds wäre ein Finanzierungsinstrument geschaffen worden, das die künftigen Kosten im Bereich der Klimapolitik mitgetragen und die Gemeinden in ihren Anstrengungen finanziell unterstützt hätte. Denn der Druck auf die Gemeinden und Städte, in Gebäudesanierungen oder in die Anschaffung von Elektrobussen und in den Ausbau von E-Ladestationen zu investieren, wird auch nach der Ablehnung des CO₂-Gesetzes nicht abnehmen. Was also kommt auf die Gemeinden zu, wenn unser Land das Klimaabkommen von Paris trotzdem einhalten soll? Claudine Wyssa, Gemeindepräsidentin im waadtländischen Bussigny, das übrigens knapp Ja gesagt hat zum CO 2 -Gesetz, erwartet den Beschluss von neuen Regelungen und technischen Normen auf Bundesebene, etwa im Bereich der Raumplanung. Und diese haben am Ende natürlich Auswirkungen auf die Gemeinden, etwa wenn es um die Erteilung von Baubewilligungen oder um die Abwicklung von Bauvorhaben geht. Unmittelbar ändert das Volks-Nein zum CO 2 -Gesetz zwar wenig in den Gemeinden. Oder anders gesagt, die Gemeinden haben nicht auf das CO 2 -Gesetz gewartet. Irène May, Gemeindepräsidentin von Ingenbohl (SZ): «Wir hätten uns auch ohne den Zustupf aus dem Klimafonds für die Anschaffung einer Elektroputzmaschine entschieden, und wir werden uns auch in Zukunft um Nachhaltigkeit in unseren Liegenschaften bemühen.» Im luzernischen Werthenstein ist die Erarbeitung eines Energiekonzepts in der laufenden Ortsplanungsrevision vorgesehen, wie Gemeindepräsident Beat Bucheli sagt. Steffisburg (BE) arbeitet als Energiestadt bereits gezielt auf eine nachhaltige Entwicklung hin: «Wie immer braucht es nun Zivilcourage und das Engagement aller», sagt Gemeindepräsident Jürg Marti und ergänzt, dass er stets «die Eigeninitiative» begrüsse. Jörg Kündig, Gemeindepräsident im züricherischen Gossau und Präsident des Verbands der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich, verweist seinerseits auf den Klimadialog, den der Kanton Zürich ins Leben gerufen hat. Dieser helfe über den Austausch und die Zuführung von Expertenwissen, den Klimaschutz voranzubringen. Viele Gemeinden im Kanton Zürich seien mit dem Energiestadtlabel ausgestattet und würden sich bei ihren Liegenschaften und im Bereich der Bauvorschriften und den Beratungen um entsprechende Massnahmen und Inputs bemühen. Zudem hätten die kantonalen Energiegesetzrevisionen bereits für Anpassungen, etwa bei den Bewilligungsverfahren für Heizungen, geführt. Allerdings ist es schwieriger geworden, die Ziele zu erreichen, wie sie sich beispielsweise der Kanton Waadt und über ihren Richtplan auch die Gemeinden des «ouest lausannois» gesetzt haben. Zu dieser Region gehört auch Bussigny. Claudine Wyssa sagt: «Die mit der Agenda 2030 anvisierten strategischen Ziele und der damit verbundene Aktionsplan werden es ohne zusätzliche Finanzhilfen oder Subventionen schwerer haben.» Vermutlich würden die zu erwartenden massiven Investitionen in Klimamassnahmen von Bund und Kantonen nun zu einem Teil auf die Gemeinden überwälzt, was die Realisierung unsicherer mache. Denn mit dem CO 2 -Gesetz sei eine umfangreiche Liste von konkreten Massnahmen verbunden gewesen: Ersatz aller fossilen Heizungen bis 2043, das Verbot fossiler Heizungen in Neubauten ab 2023, Rückvergütungen für umweltschonendes Heizen, umfassende Gebäudesanierungen, die Anschaffung von Fahrzeugen mit Elektro-, Hybrid- oder Biogasantrieb, Subventionen für den Einbau von E-Ladestationen und Risikodeckung für den Ausbau von Wärmenetzen und Geothermie. Dass es beim Klimaschutz um Geld geht, ist für Gérald Strub, Gemeindeammann von Boniswil (AG), sonnenklar. «Wer glaubt, dass die Klimaverbesserung kostenneutral zu haben ist, irrt sich. Ich hatte mir erhofft, dass die Sicherung der Zukunft unserer Kinder und Enkel höher gewichtet wird als die finanziellen Auswirkungen.» Die Verbesserung des Klimas hätte es verdient, mit einer gesetzlichen Grundlage die notwendige Beachtung zu erhalten. Auch Beat Bucheli und Jürg Marti sprechen von einem Zeichen. Bucheli: «Wenn niemand ein klares Bekenntnis abgibt, wird unsere Klimapolitik definitiv nicht besser. Ich denke, mit dem Reichtum an erneuerbaren Energien, die wir in der Schweiz haben, können wir es schaffen.» Vielleicht müsste man dafür von einem Massnahmenpaket absehen, meint Jörg Kündig mit Blick in die Zukunft. «Manchmal sind kleinere Schritte zielführender.» Denise Lachat

So positioniert sich der SGV zu Agenda 2030, Biodiversität und Landschaftsschutz

Der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) unterstützt die Stossrichtung der bundesrätlichen Strategie für nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030). Die Strategie gilt indes primär für die Bundespolitik. Die Kantone und Gemeinden sind eingeladen, zur Erreichung der Ziele beizutragen – für den SGV ist wichtig, dass diese Strategie nicht verbindlich ist und dass die Gemeinden im Bereich der Nachhaltigkeit ihre Kompetenzen behalten; ihre zum Teil bereits grossen Erfahrungen mit eigenen, innovativen Programmen und Aktionen auf lokaler Ebene können auch für die Bundesebene eine Inspirationsquelle sein. Weiter hat der SGV in seiner Vernehmlassungsantwort im Frühjahr betont, dass die vorhandenen, tripartiten Strukturen der Zusammenarbeit eine gute Basis darstellen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die Biodiversität ist in der Schweiz in einem schlechten Zustand. Knapp die Hälfte der Lebensraumtypen sowie rund ein Drittel aller bekannten Pflanzen-, Tier- und Pilzarten sind bedroht. Dieser Rückgang, so hielt der Bundesrat im Dezember 2020 fest, setze sich trotz der bisher ergriffenen Massnahmen fort. Dennoch lehnt er die vom Trägerverein «Ja zu mehr Natur, Landschaft und Baukultur» im September 2020 eingereichte Volksinitiative «Für die Zukunft unserer Natur und Landschaft» (Biodiversitäts-Initiative) ab, weil sie den Handlungsspielraum der Kantone im Landschaftsbereich übermässig einschränkt. «Der von der Initiative verlangte strengere Schutz stellt namentlich bei kleineren Schutzgebieten eine zu starke Einschränkung für die Wirtschaft und weitere Politikbereiche wie die Energiepolitik dar.» Der Bundesrat setzt darum auf einen indirekten Gegenvorschlag. Im Mittelpunkt sieht er dabei das Ziel, 17 Prozent der Landesfläche als Biodiversitäts-Schutzgebiete auszuscheiden. Aktuell liegt der Anteil dieser Schutzflächen in der Schweiz bei 13,4 Prozent. Das Flächenziel von 17 Prozent ist nicht neu, es wurde bereits 2012 in der bundesrätlichen Strategie Biodiversität Schweiz festgelegt. Nun solle es als ein Element des indirekten Gegenvorschlags im Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG) integriert werden. Weitere Elemente sind: die Stärkung des Artenschutzes im städtischen Raum und in Agglomerationen, indem Siedlungsflächen für die Biodiversität genutzt werden, beispielsweise begrünte Dächer; die Sanierung von bestehenden nationalen Biotopen; die Aufnahme der unbestrittenen Elemente des revidierten Jagdgesetzes, das von der Bevölkerung im September 2020 abgelehnt wurde, wie die Vernetzung von Tierreservaten; die Verankerung einer gesetzlichen Pflicht für die Kantone, die Bundesinventare im Bereich der Baukultur zu berücksichtigen. Da diese Bestimmung bereits auf Verordnungsstufe bestehe, würden keine weitergehenden Pflichten geschaffen, schreibt der Bundesrat. Der Handlungsbedarf ist auch aus Sicht des Schweizerischen Gemeindeverbands unbestritten. Er weist gleichzeitig darauf hin, dass bereits sehr viele Gemeinden zum Schutz der Biodiversität aktiv sind. Der SGV unterstützt das Vorgehen über einen indirekten Gegenvorschlag und über gesetzliche Anpassungen im Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG). Allerdings gibt es Vorbehalte: So lehnt der SGV die Festlegung eines expliziten Flächenziels im Gesetz ab und plädiert vielmehr für qualitative Verbesserungen bei der ökologischen Infrastruktur für Schutz- und Vernetzungsgebiete. Zudem sieht er die Gefahr, dass eine Ausweitung der Schutzzonen mit den Zielen der Energiestrategie 2050 in Konflikt kommt. Weiter befürchtet der SGV, dass hohe und aktuell noch nicht klar abschätzbare Kosten auf die Gemeinden zukommen. Der Massnahmenplan des Bundes sieht jährliche Mehrausgaben von 100 Mio. Franken für den Bund, 140 Mio. für die Kantone und 10 Mio. für die Gemeinden vor. In welchem Umfang Kosten an die Gemeinden weitergereicht werden, hängt stark von der jeweiligen kantonalen Gesetzgebung ab. Der SGV verlangt zudem, dass auch die kommunale Ebene in den Genuss von Bundesmitteln kommt. Die Landschaftsqualität und eine hochstehende Baukultur sind wichtige Anliegen der Gemeinden. Der SGV bevorzugt aber stets tripartite Lösungen. Was die Verankerung einer gesetzlichen Pflicht für die Kantone, die Bundesinventare im Bereich der Baukultur zu berücksichtigen, betrifft, so teilt der SGV den Standpunkt der Bau-, Planungs- und Umweltdirektorenkonferenz (BPUK), dass die Aufgaben der Gemeinden explizit festgehalten werden müssen. Gleichzeitig mit der Biodiversitäts-Initiative wurde auch die Landschafts-Initiative mit Fokus auf dem Bauen ausserhalb der Bauzone eingereicht. Der Bundesrat verzichtete auf einen eigenen Gegenvorschlag, nachdem die ständerätliche Umweltkommission (UREK) Elemente, die auch die Anliegen der Landschafts-Initiative aufnehmen, in die Teilrevision des Raumplanungsgesetzes (RPG2) integriert hat. Den Initiantinnen und Initianten genügen diese Elemente nicht, doch aus Sicht des Bundesrats handelt es sich um einen mehrheitsfähigen indirekten Gegenvorschlag, indem die Kommission «die Interessen der Landwirtschaft, des Landschaftsschutzes und der Kantone gleichermassen berücksichtigt». Für den Bundesrat sei zentral, dass der Landschaft-Initiative ein indirekter Gegenvorschlag gegenübergestellt und der Grundsatz der Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet gestärkt werde. Die Vernehmlassung ist im Gange, der SGV wird zum Geschäft noch Stellung nehmen. Denise Lachat

Gemeinden sind für den Erfolg der Agenda 2030 essenziell

«Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion», «Klima, Energie und Biodiversität» sowie «Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt»: Diese drei Themenbereiche bilden die Schwerpunkte der Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030) des Bundesrats. Sie basieren auf der globalen Agenda 2030 der UNO und den 17 Sustainable Development Goals (SDG). Die SDGs reichen von der Beseitigung des weltweiten Hungers und der Bekämpfung von Armut über die Stärkung von nachhaltigem Konsum bis hin zu Massnahmen für den Klimaschutz. Die UNO-Mitgliedsstaaten haben ihr Engagement bekräftigt, diese Ziele bis 2030 zu erreichen. Im Februar hat der Bundesrat die neue Strategie in die Vernehmlassung geschickt und darauf über 230 Stellungnahmen erhalten, die zeigten, dass die Mehrheit der Akteurinnen und Akteure die geplanten Schwerpunkte unterstützt. Der Bund will mit der SNE 2030 ein klares Signal senden: Die drei Schwerpunkte sollen auf allen Staatsebenen gefördert werden. Die Strategie ist für die Gemeinden nicht verpflichtend, doch leisten sie einen wichtigen Beitrag in den Bereichen Chancengleichheit, Integrationsförderung sowie nachhaltige Infrastruktur und Beschaffung. Genau deshalb soll im nächsten Jahr in Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeinden ein digitales Handbuch erscheinen, das als Orientierungshilfe bei der Umsetzung der Agenda 2030 dienen soll. Darin werden unter anderem inspirierende und praxisbezogene Beispiele zur Umsetzung der Agenda 2030 vorgestellt. Zahlreiche Kantone und Gemeinden nutzen die Agenda 2030 bereits heute als Referenzrahmen für eigene Aktivitäten im Nachhaltigkeitsbereich. Nachfolgend einige Best-Practice-Beispiele. Ittigen will die Treibhausgasemissionen der Gemeinde spätestens bis 2050 auf netto null senken. 18 Massnahmen sollen dabei helfen, die CO 2 -Absenkpfade bei Heizöl, Gas, Treibstoffen, Strom und nicht energetischen CO 2 -Quellen einzuhalten. Schon 1998 entschloss sich die Gemeinde dazu, den Klimaschutz mit einem ISO-zertifizierten Umweltmanagementsystem anzugehen. 2019 hat Ittigen dann die Höchstauszeichnung von Solidar Suisse erhalten, die jährlich rund 80 Gemeinden dahingehend bewertet, wie stark sie ihre globale Verantwortung wahrnehmen. Die Gemeinde Bottmingen nimmt gemeinsam mit der Region Leimental Plus an einem Forschungsprojekt teil, bei dem ein Instrument zur Bewertung und Überprüfung der kommunalen Prozesse entwickelt werden soll. Das Ziel: ein fortschrittliches Nachhaltigkeitsmanagementsystem für Kommunen zu implementieren. «Die Gemeinden können einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Ziele der Agenda 2030 leisten und bieten Potenzial, die SDGs in die Bevölkerung hinauszutragen und diese für wichtige globale und regionale Themen zu sensibilisieren», sagt Sabine Pfammatter, Ressortverantwortliche Natur, Energie, Umwelt der Gemeinde Bottmingen. Seit über 20 Jahren gibt das Forum 21 wichtige Impulse für eine nachhaltige Entwicklung. Dazu organisiert es regelmässig Besichtigungen, Veranstaltungen, Workshops und Flyeraktionen. Aktuelles Beispiel ist ein Regio-Shop, der ansässigen Bauernhöfen die Möglichkeit bietet, an bester Lage ihre Produkte zu verkaufen. Die Herausforderung: Alle Verantwortlichen des Forum 21 arbeiten ehrenamtlich. «Bei den vielen Projekten kann das überfordernd wirken und sich anfühlen, als würden wir gegen Windmühlen ankämpfen», erklärt Vorstandsmitglied Serge Grünwald. Mit der Plattform klimaaktiv.ch will Köniz den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit bei den regionalen KMUs ins Gespräch bringen und fördern. Parallel dazu soll die Kampagne «energiewende leben» der Bevölkerung Wege zu einem nachhaltigeren Leben aufzeigen. Trotz vielen Aktivitäten und Anlässen ist es nicht immer einfach, die Bevölkerung für das Thema zu motivieren. «Die Leute, die man am ehesten erreicht, sind zudem jene, die sich ohnehin für die Thematik interessieren», erklärt Simon Reusser, Projektleiter Energie und nachhaltige Entwicklung. Informationen: Strategie Nachhaltige Entwicklung Daniel Dubas

Melchnau ist rundum nachhaltig engagiert

Schon im 19. Jahrhundert ging Melchnau mit gutem Beispiel voran: Der bildungseifrige Modernisierer Jakob Käser (1806 bis 1878) gründete 1831 einen Leseverein, später den Landwirtschaftlichen Verein sowie die Gesellschaft für Forst- und Obstbaumzucht. Heute sind es Umweltthemen, bei denen Melchnau eine Vorreiterrolle einnimmt. 2018 verfasste die Gemeinde ihr Energieleitbild und erhielt im gleichen Jahr das Label «Energiestadt». Damit hat sich das Dorf, wie auch andere Städte und Gemeinden, verpflichtet, die Herausforderungen im Energie- und Klimabereich lokal anzugehen. Nachdem Melchnau mit einem Berater des Energiestadtlabels mögliche Massnahmen evaluiert hatte, ging es an die Umsetzung. Damit eine Gemeinde das Label nach vier Jahren erneut erhält, muss sie 50 Prozent der geplanten Massnahmen in Angriff genommen haben. Eine der ersten Massnahmen, die Melchnau anpackte, war die nachhaltige Beschaffung. Denn Güter des täglichen Bedarfs – dazu zählen neben Papier auch Leuchtmittel, Reinigungsprodukte, Fahrzeuge oder Textilien – bestimmen den ökologischen Fussabdruck einer Gemeinde massgeblich mit. Allein im Jahr 2020 verbrauchten die Gemeindeverwaltung und die Schule 264 084 Blätter Papier für Ausdrucke oder Kopien. Regula Heimberg, Gemeinderätin und Vorsteherin der Kommission Versorgungswerke, erinnert sich an die Anfänge: «Es galt, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. So hatten beispielsweise die Verwaltung und die Schule nicht dieselben Anforderungen an das Papier.» Es durfte nicht zu dunkel sein, wie das bei einigen Recyclingpapieren der Fall ist, und amtliche Dokumente und Zeugnisse müssen sich gut kopieren lassen. Schliesslich fand sich ein passendes Recyclingpapier, und neu wird zudem der gesamte Papiervorrat zentral gelagert, so geht der Überblick nicht verloren. Ist schliesslich eine ökologische Alternative gefunden, ergibt es wenig Sinn, alle Produkte auf einen Schlag auszutauschen. «Wir brauchen die vorhandenen Leuchtmittel und Reinigungsprodukte auf, bevor wir die neuen ökologischen Alternativen einsetzen werden», so Heimberg. Viel teurer als die bisherigen Verbrauchsgüter dürfen die neuen jedoch nicht sein. «Wir stehen – wie viele Gemeinden – unter grossem Spardruck. Aber glücklicherweise gelang es uns bisher gut, umweltschonende Produkte zu finden, die ins Budget passen», erzählt die Gemeinderätin. Etwas Ausdauer erforderten die Papierhandtücher: «Wir haben in unseren Verwaltungs- und Schulgebäuden über 100 Handtuchspender. Diese zu ersetzen, kam nicht infrage, und so suchten wir eine Weile, bis wir ökologische, passende und bezahlbare Papiertücher gefunden hatten.» Eine wertvolle Hilfe, um sich im Dschungel der vielen Produkte zurechtzufinden, boten die Merkblätter von Pusch, die Auskunft geben über Umweltlabels vom Blauen Engel bis zu Oecoplan. Der geschärfte Blick für Umweltthemen habe auch Gewohnheiten zu Tage gefördert, die sich über Jahre etabliert hätten und irgendwann schlicht nicht mehr in Frage gestellt worden seien, erinnert sich Heimberg: «Früher haben wir an Sitzungen stilles Wasser in Plastikflaschen angeboten. Neu trinken wir unser einwandfreies Melchnauer Leitungswasser oder Mineralwasser mit Kohlensäure aus Glasflaschen.» Von Letzterem wurden im letzten Jahr rund 80 Liter konsumiert. Heute überwiegen die Erfolge, doch Heimberg erzählt: «Die Idee des Beschaffungsstandards stiess nicht nur auf Freude.» So war das Reinigungspersonal der Schule unsicher, ob sich die bewährten Putzmittel ohne Einbussen bei der Reinigungsleistung durch ökologische Alternativen ersetzen lassen. Der Austausch mit anderen Gemeinden habe sich hier als sehr wertvoll erwiesen, ist Heimberg überzeugt: «Pusch und Energiestadt vermittelten uns Kontakte. So konnte sich der Hausmeister der Schule mit Berufskollegen austauschen, und wir erhielten Infos und Tipps aus erster Hand.» Als vorteilhaft hätten sich auch die kurzen Wege im kleinen Dorf herausgestellt, ergänzt Heimberg. Dadurch, dass man sich regelmässig über den Weg laufe, finde ein reger und unkomplizierter Austausch statt, was den Projekten zugutekomme. Die jüngste Massnahme steht im Zeichen der umweltfreundlichen Mobilität. Neu steht in der Gemeinde ein Elektrokleinwagen zur Verfügung, der sich mit einer Car-Sharing-App buchen lässt. Die Anschaffung des Fahrzeugs hätte das Gemeindebudget bei Weitem überschritten, doch der Zufall kam zu Hilfe. «Wir haben eine Umfrage in der Gemeinde gemacht, um das Bedürfnis nach einem solchen Fahrzeug abzuschätzen», erzählt Heimberg. Grosses Interesse zeigte der lokale Garagist. Denn er plante, das Fahrzeug seinen Kundinnen und Kunden als Ersatzwagen anzubieten. So entstand ein gemeinsames Projekt des lokalen Unternehmens mit der öffentlichen Hand: Der Garagist stellt das Fahrzeug zur Verfügung und übernimmt den Unterhalt, die Gemeinde installierte die Ladesäule und begleicht die Parkplatzmiete. Den Verwaltungsmitarbeitenden dient das Elektroauto nun auch als Dienstfahrzeug. Es fährt zu 100 Prozent mit Melchnauer Sonnenstrom, wie der Schriftzug auf dem Fahrzeug versichert. Der Strom stammt aus den privaten Solaranlagen in Melchnau, die ihn ins Netz einspeisen. Den Sonnenstrom können auch die Melchnauer Haushalte für einen Aufpreis von 1,9 Rappen pro Kilowattstunde beziehen. Das Interesse, eine eigene Solaranlage zu installieren, steigt von Jahr zu Jahr – nicht zuletzt, weil die Gemeinde seit einigen Jahren Förderbeiträge vergibt. Die Gemeinde zahlt seit vier Jahren einen Teil der Einnahmen aus den Konzessionsabgaben der gemeindeeigenen Versorgungswerke in einen Fonds ein. Von einem Rappen Abgabe pro verbrauchte Kilowattstunde Strom werden 0,2 Rappen in den Fonds einbezahlt, so kommen jährlich rund 14 000 Franken zusammen. Melchnau hat schon viel erreicht. Nebst nachhaltiger Beschaffung und Elektromobilität setzt die Tagesschule vor Ort auch auf regionale Lebensmittel. Doch das Dorf ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. So sei ein Energiepfad in Planung, verrät Heimberg. «In Kürze werden wir einen Energiepfad besichtigen und dabei hoffentlich viele Ideen sammeln.» Heimberg blickt motiviert in die Zukunft: «Dieses Projekt wird nie aufhören – wir haben so viele Chancen, etwas zu verändern.» Was würde sie einer Gemeinde raten, die sich ebenfalls für Nachhaltigkeit und Umweltthemen engagieren möchte? «Etwas vom Wichtigsten – nebst dem Beratungsangebot von Energiestadt und Pusch – ist der Austausch mit anderen Gemeinden. So erfährt man aus erster Hand, was es bedeutet, Energiestadt zu sein.» Infos: Gemeinde Melchnau und ihr Energieleitbild Kompass Nachhaltigkeit Labelinfo.ch Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung Umweltagenda Pusch Eva Hirsiger

Bauen und Wohnen nach dem Sonnenstand ausrichten

Heute sind Häuser standardmässig mit einer Zentralheizung ausgestattet – unbeheizte Räume empfinden die Bewohnerinnen und Bewohner in der Regel als nicht zumutbar. Mit warmem Wasser betriebene Zentralheizungen wurden indes erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts, nach dem 1. Weltkrieg, bei Wohnhäusern eingebaut. Noch im Mittelalter wärmte man sich an offenen Kaminen; ab dem späten Mittelalter gab es hierzulande Kachelöfen in höfischen und gehobenen städtischen Haushalten. Ab dem 16. Jahrhundert stellten dann auch weniger betuchte Haushalte in der Nordost- und der Zentralschweiz von der Kamin- auf die Ofenheizung um. Vom Küchenherd aus wurde die Stubenbank aus Sand- oder Speckstein erwärmt. Gusseiserne Zimmeröfen, mit denen man auch andere Wohnräume als Küche und Stube beheizen konnte, fanden schliesslich ab dem 18. Jahrhundert Verbreitung. Und nun kommt ein junges Paar daher und verzichtet ganz und gar auf eine über Jahrhunderte entwickelte technische Innovation, zumal in einer Region, die nicht gerade für milde Temperaturen bekannt ist. Sascha Schär empfängt den Besucher an einem Vormittag Mitte August vor seinem Wohn- und Bürogebäude in Zweisimmen im Berner Oberland. Roh anmutende Holzlatten verkleiden das fünfgeschossige Gebäude, das auf einem fünfeckigen Grundriss steht. Die Form fällt unter etlichen bloss zweigeschossigen Gewerbebauten, die grosse Flächen einnehmen, auf. Der Architekt Sascha Schär und seine Lebenspartnerin, die Bauingenieurin Regula Trachsel, haben den Holzbau gemeinsam entworfen und aus diesem Anlass ihre beiden Firmen n11architekten und n11bauingenieure gegründet. Sie bewohnen die Maisonette-Wohnung im vierten und fünften Geschoss, im zweiten und dritten führen sie ihre Büros, und im Parterre ist ein Coworking Space eingerichtet. Ob sie denn häufig frieren oder schwitzen würden, will der Besucher wissen. Die Frage muss Sascha Schär schon oft gehört haben, aber er erklärt geduldig und engagiert, wie es funktioniert, dass ihr Gebäude sommers wie winters angenehm temperiert ist, auch auf dieser Höhe, auch in diesem Klima. Zum einen, so Schär, hätten sie ihr Haus auf den Sonnenstand ausgerichtet und die Fenster entsprechend in den Fassaden platziert. Zum anderen verliessen sie sich auf die thermischen Eigenschaften von Beton, Fichtenholz und Stampflehm. «Wir bauen mit der Sonne», bringt er es auf den Punkt. An der Südfassade fallen die grossen Fenster auf, die zwar genügend Licht hereinlassen, aber nicht viel Wärme, da im August die Sonne an diesem Vormittag hoch steht. Beim Gespräch in seinem Büro hat Schär das Fenster an der schattigen Nordfassade geöffnet, so dass frische und kühle Luft in den Raum kommt. «Den Grundriss hatten wir anfangs viereckig geplant, später haben wir die Ostfassade dann etwas gegen Süden abgewinkelt, damit sie im Winter noch etwas Sonne aufnehmen kann – so entstand der fünfeckige Grundriss», sagt Schär. Entsprechend gibt es an der Ostfassade ein grosses Fenster, während es an der Nord-, der Nordost- und der Westfassade kleinere oder gar keine Fenster gibt. Das Gebäude nimmt allein durch seine Position im Talboden sowie die Platzierung und Grösse der Fenster im Winter viel Sonne auf, während es im Sommer trotz den grossen Fenstern in der Südfassade wenig Energie absorbiert: «Die Sonne geht im Sommer hoch übers Dach und sinkt dann im Westen, im Winter aber steht die Sonne tiefer und bringt durch die Fenster der Südfassade viel Wärme ins Haus», erklärt Schär. Immerhin sechs Sonnenstunden bekommt Zweisimmen winters ab – die Berge östlich und westlich davon werfen mit ihren Höhen von 2000 bis 2500 Metern über Meer nicht viel Schatten. Neben der Ausrichtung des Gebäudes gibt es einen zweiten, nicht minder wichtigen Faktor, damit das Haus ohne Heizung auskommt: Die Auswahl der Materialien und deren Masse. Die Sonnenwärme dringt bis zu zehn (Beton, Stampflehm) beziehungsweise vier Zentimeter Tiefe (Fichtenholz) ein. Die tragende Struktur ist aus Fichtenholz konstruiert: Auf den Holzträgern der dreissig Zentimeter dicken Aussenwände und den Deckenbalken ruhen die vorfabrizierten Deckenplatten aus Beton, auf denen eine Korkschicht und insgesamt vierzig Tonnen Stampflehm aufgetragen sind. Schär lenkt den Blick des Besuchers auf die dicht gestaffelten Balken an der Decke: «So bringen wir mehr Masse in die Räume, und die Sonne erwärmt nicht bloss wenige Balken, sondern eine ganze Reihe davon.» Die Balkenlage sieht also nicht nur gut aus, sondern hat auch eine thermische Funktion: Wäre die Balkendecke verkleidet, könnte das Holz die Sonnenwärme nicht aufnehmen und über Nacht wieder abgeben. Letzteres gehört zum Kalkül: Wird die Raumluft kühler als die Materialien, geben diese die gespeicherte Wärme wieder ab – etwa an Tagen, an denen die Sonne nicht scheint, oder eben in der Nacht. «Im Winter haben wir von Mitte Dezember bis Ende Januar das schlechteste Wetter im Jahr, aber auch dann gibt es oft drei bis vier Sonnentage hintereinander. Diese reichen, um unser Haus wieder aufzuwärmen», sagt Schär. Über Nacht verliert das Gebäude im Schnitt bloss 0,5 Grad Celsius, so dass Schär und Trachsel auch Phasen von schlechtem Wetter gut überbrücken können, zumal diese Phasen nicht lange dauern: «Mehr als drei Tage schlechtes Wetter hintereinander gibt es hier meist nicht.» Schär und Trachsel konnten in den letzten Jahren einige Wohnhäuser planen, die keine herkömmliche Zentralheizung, sondern bloss einen Ofen haben, der sowohl zum Kochen als auch zum Heizen taugt. Als Vorbild dienten alte Simmentaler Bauernhäuser, wo der Stubenofen von der Küche aus eingefeuert wird. Historische Anleihen machen Schär und Trachsel auch bei ihrem jüngsten Projekt, einem bestehenden Bau im Berner Oberland. Sie bauen einen Hypokaust ein, eine Warmluftheizung, wie sie die Römer einst eingeführt hatten und hierzulande vor allem in städtischen Gebieten vom 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. verbreitet war. In diesem Bauernhaus wird die warme Luft via Tonröhren über zwei Geschosse auf zwei Wände verteilt. So suchen Schär und Trachsel für jede Bauaufgabe eine Lösung, die mit wenig Technik aus- und dem Klima zugute kommt. Lukas Kistler

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