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Er sorgt für mehr Biodiversität in Urdorf

Kilian Henggeler ist fasziniert vom Thema Biodiversität. Deshalb entschied sich der gestandene Gärtnermeister als einer der Ersten im Frühling 2022, den Lehrgang «Fachperson Biodiversität» am Bildungszentrum Gärtner JardinSuisse Zürich (BZG) in Angriff zu nehmen. «Eigentlich wollte ich zunächst nur einen Nachweis dafür, dass ich naturnahe Pflege bereits kann», gibt er augenzwinkernd zu. Schnell merkte er dann aber, dass der Lehrgang auch ihm neue Inputs, vertieftes Wissen und spannende Bezüge zur Praxis vermittelt und ihm vor allem Zugang zu einem grossen Netzwerk von Fachleuten im Bereich Biodiversität verschafft. Und das, obwohl sein «Rucksack» tatsächlich schon gut gefüllt ist: Nach seiner Ausbildung war er zunächst einige Jahre in ganz unterschiedlichen Bereichen des Garten- und Landschaftsbaus unterwegs und bildete auch Lernende aus. Anschliessend kam er als Vorarbeiter des Werkhofs Unterägeri (ZG) erstmals mit dem Gemeindewesen und dessen Anforderungen an Unterhalt und Pflege in Kontakt. Schon da war er begeistert von der Bandbreite der Aufgaben und der Möglichkeit, Entwicklungen von Grünflächen aktiv zu beeinflussen und zu beobachten. Nachdem er die letzten Jahre für Grün Stadt Zürich – aus seiner Sicht führend in der Natur- und Grünflächenförderung – tätig gewesen war, startete er am 1. April 2023 als Leiter Grün- und Gewässerpflege bei der Gemeinde Urdorf (ZH). Hier kann er sein Credo leben: «Mit der Natur zusammenarbeiten, sie beobachten, auf sie hören und dadurch auch die Artenvielfalt fördern.» Genau das ist ein Aspekt in der Ausbildung zur Fachperson Biodiversität. Die Teilnehmenden nehmen in einer Projektarbeit eine Fläche auf und analysieren diese, erarbeiten Verbesserungsvorschläge im Sinne der Biodiversität und entwickeln ein entsprechendes Monitoring. Hier wird – wie bei allen Modulen der Ausbildung – hoher Wert auf den Praxisbezug gelegt. Zur umfassenden Weiterbildung gehören neben den Pflichtmodulen im Bereich Pflanzen- und Bodenpflege sowie im Unterhalt naturnaher Lebensräume im Siedlungsraum frei wählbare Vertiefungsmodule. Kilian Henggeler hat sich für die Kombination Obstbaumschnitt und Baumkontrolle entschieden. «Bäume richtig beurteilen zu können, hilft mir bei meiner Arbeit in Urdorf sehr», freut er sich. Stark profitiert habe er auch vom Vernetzungsmodul «GreenPowerDays». Dabei beschäftigt man sich an zwei Tagen explizit mit dem Flächenmonitoring, zwei weitere beinhalten ein intensives Kommunikations- und Persönlichkeitstraining mit dem bekannten Verhaltenstrainer Dr. Cristian Moro. Jeweils am Netzwerktag im November dürfen die Teilnehmenden ihre Projektarbeit vor zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen, Gemeinden und Städten, aus der Bildung sowie von Verbänden und Vereinen präsentieren. So erhalten sie nicht nur ein fachliches Feedback, sondern kommen in Kontakt mit dem umfassenden Netzwerk des Bildungszentrums Gärtner JardinSuisse Zürich. Dessen Geschäftsführer Erich Affentranger ist sich sicher, mit diesem Lehrgang ins Schwarze getroffen zu haben: «Die grüne Branche hat die Kompetenz für die Natur und die Biodiversität, wir müssen kontinuierlich daran arbeiten, dass wir auch so wahrgenommen werden.» Daher plant man im BZG bereits Massnahmen, mit denen die Ausbildung noch mehr Gewicht und Anerkennung erhält und die Fachpersonen kontinuierlich unterstützt und repräsentiert werden. Dass dies der richtige Ansatz ist, zeigt auch die Aussage von Martina Ott, Abteilungsleiterin Werke der Gemeinde Urdorf: «Wenn jemand so wie Kilian Henggeler eine fundierte Ausbildung im Bereich Biodiversität nachweisen kann, passt er hervorragend zu uns und unseren Zielen.» Denn die Gemeinde Urdorf bekennt sich klar zur Biodiversität. Deren Wichtigkeit wurde im Jahr 2018 mit der Gründung einer eigenen Umweltabteilung Rechnung getragen. Auch im Leitbild 2030 des rund 10 000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Dorfes ist das Thema sehr präsent. «Ich will anpacken und gestalten, nicht nur predigen.» Kilian Henggeler, Leiter der Grün- und Gewässerpflege Urdorf (ZH) Macht man sich auf den Weg durch das in die Region Limmattal eingebettete Dorf, trifft man auf eine Reihe umgesetzter Projekte. So wurde im Zeitraum von 2017 bis 2019 ein knapp ein Kilometer langer Teilabschnitt des Schäflibaches renaturiert und damit aus einem unbelebten, geraden Kanal ein lebendiger Bach gestaltet, an dem sich heimische Flora und Fauna wohlfühlen. Gleichzeitig ist mit dem begleitenden Flussweg ein Naherholungsgebiet entstanden. Aktuell wird in einer zweiten Etappe der Bachlauf mitten im Dorf im Rahmen des Hochwasserschutzes revitalisiert. Ein weiteres Beispiel ist der Bollweiher am südlichen Ende von Urdorf. War dieser vor drei Jahren noch komplett verlandet, ist er nun ein wertvoller Lebensraum für diverse Tier- und Pflanzenarten. Kilian Henggeler will diesen Zustand mit gemässigten Pflegemassnahmen erhalten. Ausserdem werden im Dorf fortlaufend Wechselflorrabatten durch Wildblumen-, Stauden- oder Wiesenrabatten ersetzt. Kilian Henggeler beobachtet auch hier ganz genau und wendet das im Lehrgang erworbene Wissen an. So plant er Aufwertung und Bepflanzung häufig mithilfe einer «Zielart». Er erklärt dies an einem Beispiel: «In der Nähe des Bahnhofs gibt es einen kleinen Platz, diesen wollen wir aufwerten. Meine Zielart ist die Blaue Holzbiene, ich möchte dieser Wildbiene hier einen Lebensraum schaffen. Dementsprechend schlage ich die Bepflanzung vor.» Die konstruktive Zusammenarbeit mit den Abteilungen schätzt er sehr, ebenso sehr, dass er sowohl planen als auch umsetzen darf. «Ich will anpacken und gestalten, nicht nur predigen», sagt er. Und das glaubt man ihm aufs Wort. Auch wenn ein bisschen Predigen wohl auch zu seinem Alltag gehört, denn es ist ihm eine Herzensangelegenheit, dass alle Mitarbeitenden einen guten Draht zur Artenvielfalt finden. Petra Hausch

Netto-Null: Klosters zeigt, wies geht

Als sich der Gemeindevorstand als Exekutive von Klosters am 14. Februar 2023 im Rathaus zur Sitzung traf, verabschiedete er ein für die rund 4700 Einwohnerinnen und Einwohner zukunftsweisendes Geschäft: das «Leitbild Energie und Klima». Seit 2009 gibt es schon das generelle «Leitbild der Gemeinde Klosters». Es legt unter anderem ein Bekenntnis zu einer ökologischen, energiebewussten Entwicklung und zur 2000-Watt-Gesellschaft ab und «begleitet den Vorstand täglich bei seiner Arbeit», wie Gemeindepräsident Hansueli Roth sagt. Das «Leitbild Energie und Klima» hält nun konkrete Ziele fest. So soll zum Beispiel die Energieversorgung im Jahr 2050 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien und ohne Treibhausgasemissionen ausgestaltet sein. Damit ist keineswegs nur Strom gemeint. Auch beim Wärmebedarf für Geschäfts- und Wohnräume – dem grössten Brocken in der Energiebilanz – gilt diese Vorgabe, desgleichen beim Verkehr und bei der Prozessenergie für Gewerbebetriebe. «Die Gemeinde geht mit gutem Beispiel voran», hält das Leitbild fest: «Bis 2035 sollen alle kommunalen Gebäude ohne Öl und Erdgas beheizt werden.» Das senkt die Treibhausgase und leistet einen Beitrag, um das Ziel Netto-Null zu erreichen, das seit dem Klimagesetz gilt. Mit einer reinen Verlagerung weg von fossilen Energieträgern ist es aber nicht getan. Nötig sind auch Effizienzgewinne. Florian Thöny, Mitglied des Gemeindevorstands und Präsident der kommunalen Energiekommission, erklärt: «Wir optimieren nun im Tätigkeitsbereich der Gemeinde die Prozesse und die vorhandene Infrastruktur sowie den Maschinen- und Fahrzeugpark.» Der Gemeindevorstand will den Energieverbrauch auf dem Gemeindegebiet bis zum Jahr 2050 um den Faktor 2,5 senken. Um herauszufinden, wie sich das bewerkstelligen lässt, hat Klosters erstmals eine Energie- und Klimabilanz erstellt. Die Onlineplattform www.energiereporter.ch half, die Resultate einzuordnen. Dort kann eine Gemeinde Kennzahlen mit dem gesamtschweizerischen Durchschnitt oder gezielt mit anderen Gemeinden vergleichen. In Klosters liegt der jährliche Stromverbrauch pro Kopf bei 8900 Kilowattstunden (kWh), eingerechnet ist der Strom, den Haushalte, Dienstleistungen, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr verbrauchen. Der Wert ist hoch. Der Schweizer Durchschnitt erreicht mit 4600 kWh nur gut die Hälfte. Die schlechte Kennzahl hat damit zu tun, dass Klosters eine touristische Gemeinde mit vielen Zweitwohnungen ist. Deren Verbrauch wird rechnerisch auf die Wohnbevölkerung verteilt, womit der Wert pro Kopf ansteigt. Das gilt auch für den Wärmebedarf zur Beheizung der Gebäude. Deshalb entschloss sich Klosters, Zweitwohnungsbesitzende auf das Thema Energie anzusprechen. Das klingt nicht belehrend, sondern einladend: «Zuschlagen und bis zu 60 Prozent Ihrer Heizkosten sparen.» Die Gemeinde motiviert an Anlässen oder über die Presse, das Onlinetool Makeheatsimple.ch zu nutzen. Es zeigt auf, wie viel Energie sich mit einer Fernbedienung für die Heizung sparen lässt und wie rasch sich der Einbau auszahlt. «Auch vermeintlich kleine Massnahmen sind Teil der Lösung. Gerade auch, weil sie oft einfach und schnell umsetzbar sind», erklärt Florian Thöny. Die Gemeinde hat bereits konkrete Massnahmen angestossen und Projekte umgesetzt, um ihr eigenes Potenzial besser auszuschöpfen. Ein Beispiel dafür ist die Abwasserreinigungsanlage. Dort wird die Entweichung von Klärgasen wirksamer verhindert und das anfallende Methan zur Energiegewinnung genutzt. Bei der Trinkwasserversorgung wiederum lohnte es sich, in eine Arsen absorbierende Anlage zu investieren. In der Folge konnte eine Grundwasserfassung mit den dazugehörigen stromfressenden Pumpen abgestellt werden. Der Gemeindevorstand ist bestrebt, die Produktion aus einheimischen erneuerbaren Energiequellen anzukurbeln, um die ganzjährige Versorgungssicherheit zu stärken. So liefert die Trinkwasserversorgung tagein, tagaus erneuerbaren Strom: Bislang schoss das Wasser von den hoch gelegenen Fassungen mit so viel Druck ins Tal herunter, dass energievernichtende Drosselventile nötig waren; diese wurden durch Trinkwasserturbinen ersetzt, die Generatoren antreiben. Zwei solche Trinkwasserkraftwerke sind bereits in Betrieb, eine dreistufige Anlage soll 2024 den Betrieb aufnehmen. Ein weiterer lokaler Energieträger ist Holz. Im Dorfkern wurde beim Neubau der Schulanlage Klosters Platz ein Fernwärmenetz installiert, das mit Holzschnitzeln aus den heimischen Wäldern betrieben wird. Private Liegenschaften partizipieren daran, und das Netz wird laufend erweitert. Zusammen mit dem Energieversorger Repower plant die Gemeinde zudem eine alpine Solaranlage im Skigebiet Madrisa auf 2000 Metern über Meer mit einer Jahresproduktion von 18 Gigawattstunden, was dem Verbrauch von etwa 3500 Haushalten entspricht. Zum Vergleich: Klosters selbst zählt 2166 Haushalte. Der Standort weit über dem Winternebel erlaubt insbesondere dann eine hohe Stromausbeute, wenn die Bergbahnen und Skilifte hohen Bedarf haben. Ein weiterer Vorteil: Das Gebiet ist erschlossen und liegt in direkter Nähe zur bestehenden Tourismusinfrastruktur. Das Stimmvolk hat am 22. Oktober 2023 dem Bau der Anlage mit dem Dienstbarkeitsvertrag im Grundsatz zugestimmt sowie die finanzielle Beteiligung der Gemeinde an der Anlage gutgeheissen. Das Baugesuch ist in der Ausarbeitung und soll zeitnah eingereicht werden. Informationen: www.2000watt.ch 2000W-Schweiz@local-energy.swiss Thomas Blindenbacher

Gemeinden als Motor der nachhaltigen Entwicklung

Julien Rousseau, Brand Director Sustainability Days: Nachhaltigkeit ist in aller Munde und lässt sich als Fokus überall wiederfinden – sei es in der Wirtschaft, der Wissenschaft oder bei der öffentlichen Hand. Mit den Sustainability Days hat die Messe Basel eine Plattform ins Leben gerufen, die sich mit diesem Thema speziell in den Bereichen Sustainable Economy, Smart City und Umwelttechnik befasst. Sie bringt Fachverantwortliche verschiedener Branchen zusammen, die die Zukunft aktiv nachhaltiger mitgestalten wollen. Eine Kernzielgruppe: Städte und Gemeinden. Eben diese spielen eine zentrale Rolle bei nachhaltiger Entwicklung, müssen sie sich doch zum Beispiel Herausforderungen des Klimawandels, zunehmender Ressourcenknappheit und wachsenden Verkehrsströmen stellen. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für Gemeinden beim Thema Nachhaltigkeit? Hannes Germann, Präsident Schweizerischer Gemeindeverband: Gemeinden und Städte sind mit ihrer Nähe zur Bevölkerung ein zentraler Motor, wenn es um die nachhaltige Entwicklung geht. Sie können Richtlinien erlassen oder Anreizprogramme schaffen und verfügen dadurch über einen wichtigen Hebel. Eine der grossen Herausforderungen ist die ganzheitliche Sicht des Themas Nachhaltigkeit über die drei Bereiche Wirtschaft, Soziales und Umwelt. Dazu braucht es eine transversale Zusammenarbeit, die mehrere Verwaltungsbereiche miteinbezieht. Diese ganzheitliche Sicht braucht mehr Zeit und mehr Ressourcen, ist aber langfristig nachhaltiger und günstiger. Dies den Entscheidungsträgern und auch der Bevölkerung zu vermitteln, kann schwierig sein. «Eine der grossen Herausforderungen ist die ganzheitliche Sicht des Themas Nachhaltigkeit über die drei Bereiche Wirtschaft, Soziales und Umwelt.» Hannes Germann, Präsident Schweizerischer Gemeindeverband Julien Rousseau: Das kann ich mir vorstellen. Und dennoch bleibt das Thema Nachhaltigkeit neben der Digitalisierung das wohl stärkste Querschnittsthema und nachhaltiges Handeln nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine strategische Notwendigkeit im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen. Eine interdisziplinäre Vernetzung kann hier zahlreiche Vorteile für Gemeinden bieten: von einer ganzheitlichen Problemlösung über effiziente Ressourcennutzung bis hin zu einem Wissensaustausch zwischen verschiedenen Experten. Hannes Germann: Ein Lösungsansatz wäre, die Nachhaltigkeit nicht als Ziel, sondern als Mittel zu sehen, um aktuellen Herausforderungen zu begegnen sowie zukünftige Problemstellungen zu antizipieren. Derzeit gibt es viele Initiativen im Bereich der Nachhaltigkeit, die auf Gemeinden zielen; Tagungen, Weiterbildungen, aber auch Hilfsmittel wie Guides. Diese Initiativen fördern den Austausch zwischen Gemeinden in der ganzen Schweiz – und sind ein Motor für die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor. Julien Rousseau: Letzteres beobachten wir auch bei den Teilnehmenden der Sustainability Days. Ein Fokusthema der Veranstaltung, das vor allem im Rahmen intelligenter Gemeinden und Städte und der Zusammenarbeit der beiden Sektoren eine wichtige Rolle einnimmt, ist die Mobilität mit ihren verschiedenen Facetten – sei es Elektromobilität, Verkehrsmanagement oder der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Diverse Entwicklungen tragen dazu bei, dass sich in den letzten Jahren vor allem der Trend hin zur E-Mobilität beschleunigt hat. Hannes Germann: Gute Beispiele für den Einsatz von E-Mobilität in den Gemeinden gibt es viele. Zahlreiche Gemeinden setzen beim Ersatz von Kommunalfahrzeugen auf E-Mobilität. Die Technik macht hier jedes Jahr grosse Fortschritte. Die Lösungen sind aber oft kostenintensiv, gerade die Ladestationen. Der Schweizerische Gemeindeverband setzt sich auf nationaler Ebene dafür ein, dass die Gemeinden hier Unterstützung des Bundes erhalten. Zahlreiche Gemeinden bieten ihrerseits Finanzhilfen für Private an, die Ladestationen einrichten möchten. Die Gemeinden gehen aber zum Beispiel auch beim Thema Gebäudesanierung als gute Beispiele voran. Sie haben als öffentliche Behörden eine klare Vorbildfunktion und setzen bei der Sanierung der gemeindeeigenen Gebäude auf nachhaltige Lösungen. Gebäudesanierungen sind deshalb so zentral, weil damit ein substanzieller Energiesparbeitrag geleistet werden kann. Viele Gemeinden lassen ihre Bemühungen überdies zertifizieren, zum Beispiel durch das Label «Energiestadt» – einen Titel, den bereits mehr als 600 Gemeinden und Städte mit Stolz tragen. «Mit ihrem direkten Einfluss auf die Lebensqualität der Bewohner und gleichzeitigem Beitrag zu globalen Umweltzielen ist die nachhaltige Entwicklung auf lokaler Ebene entscheidend.» Julien Rousseau, Brand Director Sustainability Days Julien Rousseau: Diese Beispiele zeigen einmal mehr, dass Gemeinden durch ihre Entscheidungen und Massnahmen eine Vorreiterrolle für nachhaltiges Handeln übernehmen können. Mit ihrem direkten Einfluss auf die Lebensqualität der Bewohner und gleichzeitigem Beitrag zu globalen Umweltzielen ist die nachhaltige Entwicklung auf lokaler Ebene entscheidend. Damit dies gelingen kann, sind Wissenstransfer und Synergien enorm wertvoll. Wir sind davon überzeugt, dass die Sustainability Days Gemeindevertretern mit Best-Practice-Beispielen sowie konkreten Lösungen viele Benefits bieten. Sie können sich sowohl disziplinär als auch interdisziplinär vernetzen und so in einen spannenden Austausch gehen. Wir freuen uns, dass auch Sie Teil des Kongresses sein und interessante Einblicke in das Thema Nachhaltigkeit in Gemeinden geben werden. Julien Rousseau, Hannes Germann

Klimaschutz: Gebäude als Teil der Lösung

Die Kunst des zukunftsfähigen Bauens liegt darin, ein Gebäude zu schaffen, das Komfort und Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels für seine Bewohnenden bietet und zugleich das volle Potenzial für Klimaschutz am Gebäude ausschöpft. Also ein Gebäude, das die CO 2 -Emissionen im Bau und in der Betriebsphase reduziert, viel erneuerbare Energie selbst produziert, hocheffizient ist und den Kontext mitdenkt, sei das in Richtung Mobilität oder in Bezug auf die Umgebung. Gleichzeitig schützt es die Bewohnerinnen und Nutzer vor Sommerhitze und vor schlechter Innenraumluft durch optimalen Hitzeschutz und den regelmässigen automatischen Luftaustausch. Die Schweizer Gebäudelabels, zu denen Minergie als ältester und am weitesten verbreiteter Schweizer Baustandard gehört, haben 2023 ihre Kräfte gebündelt, das Angebot harmonisiert und die einzelnen Standards angepasst. Das heisst: Es gibt einheitliche Grundlagen für Energie- und Klimaberechnungen, strengere Anforderungen bei den Minergie-Baustandards sowie beim Zusatz ECO und Anpassungen und Vereinfachungen beim SNBS-Hochbau (SNBS steht für Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz). Neu ist, dass die Anforderungen von Minergie und des SNBS auch auf Arealebene übertragen werden können. Grundlage aller Label ist neu der GEAK. Der GEAK, der Gebäudeenergieausweis der Kantone, fokussiert auf die Sanierung. Er erlaubt eine umfassende Beurteilung des energetischen Zustands eines Gebäudes in drei Skalen mit den Klassen A–G und mithilfe des GEAK Plus die Planung einer Sanierung. Die Minergie -Baustandards definieren mit derselben Methodik anspruchsvolle Anforderungen zu Energie- und Treibhausgasemissionen und ergänzen diese um Komfortaspekte wie Raumluft und Hitzeschutz und eine umfassende Qualitätssicherung. Bei der Anpassung der Minergie-Baustandards stechen vier Massnahmen heraus: die konsequente Ausnutzung des Solarpotenzials, die Minimierung der Treibhausgasemissionen in der Erstellung, ein zukunftsfähiger Hitzeschutz plus ein fossilfreier und effizienter Betrieb. Die Minergie-Baustandards werden mit dem Zusatz ECO um eine besonders gesunde, kreislauffähige und klimafreundliche Bauweise ergänzt. Mit dem SNBS -Hochbau werden Gebäude in allen Dimensionen der Nachhaltigkeit (Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt) geprüft und zertifiziert. Neu können die bekannten Qualitäten des SNBS-Hochbau auch auf Ebene Areal als SNBS-Areal zertifiziert werden. Bei den entsprechenden Kriterien handelt es sich um Aspekte, deren Thematisierung sich bei Einzelgebäuden oft nicht lohnt, die aber in Arealen entscheidend zu deren Nachhaltigkeit beitragen. Das Minergie-Areal orientiert sich an denselben Zielen wie die Minergie-Baustandards, bezieht dabei aber auch die Aussenräume ein. Im Unterschied zum SNBS-Areal sind die einzelnen Gebäude zur Sicherstellung des überdurchschnittlichen Komforts ebenfalls zu zertifizieren. Beim Minergie-Areal kommen Vorgaben an das Arealmanagement, die klimaangepasste Gestaltung des Aussenraums und Anreize zu einer klimafreundlichen Mobilität zum Tragen. Damit soll auf einem Minergie-Areal eine besonders hohe Lebensqualität sichergestellt werden. Wie ein zukunftsfähiges und klimafreundliches Gebäude aussieht, zeigt zum Beispiel der Gewerbepark Fegeren. Dieses Minergie-P-zertifizierte, nachhaltige Kraftwerk wurde so konzipiert, dass es im Betrieb keine CO 2 -Emissionen verursacht. Neben der sehr gut isolierten Gebäudehülle wird die gesamte Gebäudetechnik für das Lüften, Heizen und Kühlen komplett mit erneuerbarer Energie betrieben. Der Verbrauch wird stetig überwacht und analysiert. Die Grundstruktur besteht aus einem Betonkern mit einer Hybridfassade aus Holzelementen, die mit Fotovoltaikmodulen verkleidet sind. Der Verwaltungsbau wurde in einer einfachen Grundstruktur konzipiert, sodass Flächen jederzeit anders genutzt werden können. Zusammen mit den Fotovoltaikanlagen auf dem Dach und den Solarcarports für die Elektromobile erzeugt die Fotovoltaikfassade einen Grossteil der Energie für das Gebäude. Die Wärme- und Kälteerzeugung wird CO 2 -neutral und effizient mit einer Wärmepumpe und Grundwasser betrieben. Die 80 Ladestationen für Elektroautos werden über den Energiemanager so gesteuert, dass die Autos mit selbst produziertem Fotovoltaikstrom geladen werden. Das Energiemanagement erledigt auch das Lastmanagement, das dafür sorgt, dass keine Lastspitzen auftreten (Peakshaving). Ohne klimafreundliche Gebäude erreicht die Schweiz die Energie- und Klimaziele nicht. Die über 55 000 Minergie-Gebäude und die inzwischen fast 200 SNBS-Projekte in der Schweiz zeigen, dass sich Effizienz, Klimaschutz, Komfort und Nachhaltigkeit verbinden lassen. Indem nach Minergie statt nach gesetzlicher Mindestanforderung gebaut wurde, haben die Minergie-Gebäude in den letzten 25 Jahren über 12,5 Mio. Tonnen CO 2 eingespart, bei gleichzeitig höherem Komfort: Die Nutzerinnen und Nutzer von Minergie-Gebäuden erleben viermal weniger Hitzestunden als in einem herkömmlichen Innenraum. Der SNBS-Standard hat in den letzten Jahren bewirkt, dass die umfassende Nachhaltigkeit von Gebäuden nun konkretisiert und quantifiziert werden kann. Andreas Meyer Primavesi

Beschaffungen: Mit Kreislaufwirtschaft zu Netto-Null

Die Kreislaufwirtschaft (KLW) stellt ein wichtiges Instrument dar, mit dem wir als Gesellschaft unsere gesetzten Klimaziele erreichen können. Spätestens 2050 wollen wir Netto Null Emissionen erreichen. Dafür müssen wir, nebst der Nutzung von erneuerbaren Energien und der Steigerung der Energieeffizienz, auf einen effizienten Einsatz der materiellen Ressourcen achten. Die KLW zeigt Wege auf, wie diese Ressourceneffizienz erreicht werden kann – vom Verzicht auf die Herstellung und Nutzung von Produkten über deren Wieder- und Weiterverwendung bis hin zum Recycling. Die Entwicklung einer kreislauffähigen Lösung erfordert von Anbietenden eine grundlegende Neuausrichtung. Sie kann von Beschaffungsverantwortlichen durch die Nachfrage nach kreislauffähigen Lösungen unterstützt werden. Die öffentliche Hand hat hierbei einen Vorbildcharakter und sollte beginnen, sich mutig mit dieser neuen Art der Beschaffung auseinanderzusetzen. Wie gelingt ihr das? Die Gemeinde Landquart (GR) plante Anfang 2023 die Beschaffung von digitalen Wandtafeln. Der für die Beschaffung verantwortliche Gesamtschulleiter, Jürgen Thaler, beschloss in Absprache mit dem Bauamt, bei diesem Geschäft auf die kreislauffähige Beschaffung zu setzen und so dem Umweltaspekt besondere Beachtung zu schenken. Er meldete sich beim kantonalen Kompetenzzentrum Beschaffungswesen des Departements für Infrastruktur, Energie und Mobilität (DIEM), das innovative Beschaffungen unterstützt. Das Departement begleitete die Ausschreibung und zog für die Erarbeitung relevanter KLW-Kriterien das Unternehmen Prozirkula hinzu, das Kompetenzzentrum für kreislauffähige öffentliche Beschaffung. In einem ersten Schritt führte Prozirkula eine Marktanalyse durch, um herauszufinden, wo der Markt bezüglich KLW-Ansätzen steht und welche Aspekte im Zentrum stehen müssen. Eine der daraus abgeleiteten Erkenntnisse bestand darin, dass an die beiden Komponenten Wandtafel und Bildschirm unterschiedliche Anforderungen zu stellen sind, da sich deren Lebensdauer um über zwei Jahrzehnte unterscheidet. Das heisst: Eine effiziente und kostengünstige Austauschbarkeit des Bildschirms ist zentral. In einer Arbeitssitzung mit dem Gesamtschulleiter, dem DIEM und Prozirkula wurden die für die Wandtafeln relevanten KLW-Ansätze, wie die Modularität oder eine Verwertungslösung am Nutzungsende der Produkte, vorgestellt und festgelegt, was in die Ausschreibung übernommen werden sollte. Prozirkula überführte die Ansätze in sieben Ausschreibungskriterien mit zugehörigen Nachweisen und Bewertungsschlüsseln. Gesamtschulleiter Jürgen Thaler sagt zu diesem Prozess: «Es ist eine grosse Herausforderung, bei einer Ausschreibung die wesentlichen Inhalte praxistauglich aufzuschlüsseln.» Im Team wurde über die passende Gewichtung der Anforderungen diskutiert. Man war sich einig, dass eine zeitgemässe Ausschreibung, die mit der durch das revidierte BöB und die revidierte VöB eingeläuteten Beschaffungskultur in Einklang steht, dem Qualitätswettbewerb und der Nachhaltigkeit einen relevanten Stellenwert geben muss. Daher wurden die Lebenszykluskosten mit 30 Prozent, die Nachhaltigkeit (inkl. KLW) sowie die Qualität mit je 35 Prozent bewertet. Die Formulierung des Preiskriteriums als Lebenszykluskosten ist ebenfalls als innovativer Schritt zu verstehen. Denn die Anbietenden mussten auch den Fall des Bildschirmaustausches in den Preis einrechnen. Die Marktanalyse vor der Beschaffung hatte ja gezeigt, dass während der Lebensdauer der Wandtafel der Bildschirm voraussichtlich mehrmals ausgetauscht werden würde. Deshalb ist es natürlich wirtschaftlich relevant, bei den Gesamtkosten die Kosten für den Austausch mit dem Ankaufspreis zu verrechnen. Die Evaluation wurde ebenfalls im Team durchgeführt, denn eine Fachperspektive ist zu Anfang hilfreich, um die neuen Ansätze zu bewerten. Gemäss der neuen Beschaffungskultur erhielt das «wirtschaftlich günstigste» Angebot den Zuschlag, das sich nebst eines guten Gesamtpreises auch durch gelungene Massnahmen zur Ressourcenschonung, eine Produktion mit erneuerbaren Energien und eine hochstehende Qualität auszeichnete. «Die Auswertung nach den aufgestellten Kriterien war sehr spannend, und auf den ersten Blick attraktive Angebote fielen bei einzelnen Kriterien deutlich zurück», bemerkt Jürgen Thaler. «Preisgünstige Angebote entpuppten sich bei genauerer Betrachtung teilweise als nicht wettbewerbsfähig.» Das Beispiel aus Landquart zeigt, wie Beschaffungsstellen Wissen in den Markt tragen und durch eine moderne Gewichtung der Anforderungen den Aufbau einer ressourcenschonenden Zukunft vorantreiben können. Veränderungen brauchen aber Zeit und gelingen nur gemeinsam. Lieferantengespräche, die Entwicklung während der Vertragslaufzeit oder das Übersetzen der Anforderungen in den Vertrag sind wichtige Instrumente, um zusammen neue Wege zu gehen. Antonia Stalder

Ittigen und Muri-Gümligen: Gut beraten mit Kreislaufwirtschaft

Um netto null Emissionen zu erreichen, führt kein Weg an ihr vorbei: der Kreislaufwirtschaft. Denn einen grossen Teil unseres Fussabdrucks verursacht der Konsum. Ob der Bürotisch in der Gemeindeverwaltung, der Asphalt in den Strassen oder das Essen im Pflegeheim – wir kaufen Güter, Materialien und Lebensmittel ein, deren Herstellung, Transport und Entsorgung viele Treibhausgase verursacht. Je nach Schätzung und Betrieb machen diese indirekten Emissionen zwischen 40 und 50 Prozent unserer CO 2 -Emissionen aus. In der heutigen Klimapolitik stehen deshalb nicht mehr nur die Energieversorgung oder die Mobilität im Fokus. Unser Handeln muss bei allen Produkten ansetzen: Ihre Herstellung muss ressourceneffizient sein, sie sollten so lange wie möglich im Lebenszyklus bleiben, und die Materialkreisläufe müssen geschlossen werden. Genau das hat sich Reffnet, das Schweizer Netzwerk für Ressourceneffizienz, auf die Fahne geschrieben. Mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) bietet Reffnet seit 2014 kostenlose Beratungen zur Ressourceneffizienz für Unternehmen an, und nun sollen vermehrt auch Gemeinden von diesem Angebot profitieren. In einer Beratung erhalten Gemeinden eine Potenzialanalyse und einen Massnahmenplan mit ausgewiesener Umweltwirkung. Auf Initiative des Direktors des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV), Christoph Niederberger, hat der Reffnet-Experte Philipp Rufer von der Nachhaltigkeitsberatungsfirma Punkt Rufer AG ein Pilotprojekt durchgeführt. Gemeinsam mit den beiden Berner Gemeinden Ittigen und Muri-Gümligen erarbeitete er je eine Potenzialanalyse und identifizierte Massnahmen zur Stärkung der Ressourceneffizienz und der Kreislaufwirtschaft. Heidi Schlosser, Fachbereichsverantwortliche Umwelt in Ittigen, erinnert sich: «Unsere Gemeinde besitzt ein Umweltzertifikat nach ISO 14001. Wir hatten uns bereits mit Themen wie der nachhaltigen Beschaffung befasst und waren der Meinung, dass sich die Kreislaufwirtschaft gut in unser Umweltmanagement integrieren liesse.» Den Auftakt der Potenzialanalyse machten Workshops, bei denen die Gemeindevertreterinnen und -vertreter ihre Ideen zur Kreislaufwirtschaft einbrachten. Resultat war eine Vielzahl von möglichen Massnahmen in Bereichen wie Strassenbau, Hochbau oder Baumaterialien. Im Anschluss wurden für die beiden Gemeinden drei Massnahmen ausgewählt und als Projektskizzen ausgearbeitet, mit entsprechender Bewertung der Umweltwirkung. Nachdem Rufer von den Gemeinden die dazu relevanten Eckdaten – zum Beispiel die Anzahl Kandelaber oder die Menge an entsorgten Haushaltsgegenständen – erhalten hatte, schätzte er die Ressourcenmenge ab und berechnete die Umweltwirkung in Form einer Ökobilanzierung. Reffnet verwendet zu diesem Zweck die vom Bafu entwickelte Methode der ökologischen Knappheit, bei der die Wirkung von Nachhaltigkeitsmassnahmen in Umweltbelastungspunkten und CO 2 -Äquivalenten ausgewiesen wird. Somit kann zum Beispiel ein Gemeinderat im Entscheidungsprozess die Wirkung von verschiedenen Massnahmen vergleichen. Ob Agglomeration, Land oder Stadt: Die Massnahmen werden jeweils für jede Gemeinde individuell zusammengestellt. Es gibt aber gewisse Stellschrauben in Gemeinden mit überproportionalem Potenzial – so griffen beide Pilotgemeinden Infrastrukturthemen auf, die grosse Mengen an Ressourcen betreffen. Gute Beispiele sind der Strassenbau, wo in Zukunft im Tiefbau auf Recyclingasphalt gesetzt werden soll, oder die Wiederverwendung von Bauteilen wie Randsteinen oder Fenstern. «In Muri-Gümligen werden wir im Rahmen des Sanierungsprojektes der öffentlichen Beleuchtung von über 1000 Kandelabern 78 Prozent wiederverwenden, 19 Prozent wiederaufbereiten oder erhöhen und nur 10 Prozent ganz ersetzen», erklärt Benedict Wyss-Käppeli, Fachbereichsleiter Energie. «Diese Wiederverwendung beziehungsweise Wiederaufbereitung reduziert gegenüber einer Neubeschaffung die Umweltbelastung markant.» Um gleichzeitig Energie zu sparen, wird die Gemeinde bis 2028 über 1000 Leuchtpunkte auf den Kandelabern durch LED-Leuchten ersetzen und Bewegungssensoren installieren. Bei beiden Gemeinden ist die Wiederverwendung von Mobiliar ein Thema – in Muri-Gümligen bei der Sanierung des Gemeindehauses oder in Ittigen im Kindergarten. Beide Gemeinden sensibilisieren zudem die Bevölkerung: In Ittigen soll sie in einem Repair-Café ihre Besitztümer flicken lassen können und sie somit länger nutzen. Schlosser erklärt: «Unsere Nachbargemeinde Stettlen betreibt bereits eine solche Einrichtung, der wir uns möglicherweise anschliessen können. So liessen sich die bereits vorhandenen Geräte und Maschinen teilen – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.» In Muri-Gümligen bietet die reformierte Kirchgemeinde bereits heute viermal jährlich ein Repair-Café an. «In Muri-Gümligen werden wir von über 1000 Kandelabern 78 Prozent wiederverwenden, 19 Prozent wiederaufbereiten oder erhöhen und nur 10 Prozent ganz ersetzen.» Benedict Wyss-Käppeli, Fachbereichsleiter Energie in Muri-Gümligen Muri-Gümligen hat bereits 2021 die Reffnet-Beratung in Anspruch genommen, in Ittigen war es Ende 2022 so weit. Schlosser erinnert sich: «Es war sehr interessant und zeigte uns vielfältige, konkrete Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft auf. Bewusst wollten wir kein jahrelanges Projekt anreissen, das dann vielleicht versandet.» Auch Wyss-Käppeli zieht eine positive Bilanz: «Das Reffnet-Pilotprojekt war sehr kompakt und motivierend und gab einen Anstoss, Kreislaufaspekte in den Projekten und Beschaffungsprozessen mitzudenken.» Eine Reffnet-Beratung würden beide Gemeinden jederzeit anderen Gemeinden weiterempfehlen. Und wie sieht es mit den Kosten aus? Der finanzielle Aspekt einer Massnahme ist ebenso wichtig wie der ökologische. Hier habe die Kreislaufwirtschaft gute Karten, sagt Experte Philipp Rufer. Sprich: Zirkuläre Lösungen sind meist kostengünstiger. Ein vergleichbares Pilotprojekt der SBB mit aufbereiteten, neu feuerverzinkten Fahrleitungsmasten kam 23 Prozent günstiger zu stehen als ein Komplettersatz mit Neukauf – bei 80 Prozent geringerer Umweltwirkung. Informationen: Sie möchten in Ihrer Gemeinde eine Beratung in Anspruch nehmen? Reffnet freut sich über Ihre Anfrage unter info@reffnet.ch. Mehr Informationen finden Sie auch auf www.reffnet.ch/angebot . Rahel Meister

Integrales Management von Regenwasser in Siedlungen

Bereits heute leiden viele Siedlungen unter sommerlicher Hitze, Wasserknappheit in längeren Trockenphasen und Überschwemmungen bei lokalen Starkregen. Gemäss den Klimaszenarien für die Schweiz ist zukünftig sogar mit noch häufigeren und länger andauernden Perioden mit Hitze und Trockenheit zu rechnen. Die hohe Versiegelung der Böden trägt ihren Teil dazu bei: Asphalt, Beton, Stahl und Glas heizen Strassen und Gebäude im Sommer zusätzlich auf. Regenwasser, das auf Dächern, Plätzen und Verkehrswegen anfällt, wird viel zu oft in Röhren unter dem Boden abgeleitet. Weil es nicht im Boden und in Pflanzen zwischengespeichert werden kann, fehlt es an heissen Tagen. Bei Starkregen im Überfluss anfallender Niederschlag kann nicht versickern, überlastet die Kanalisation und verschärft im Endeffekt das Überschwemmungsrisiko. Es braucht nachhaltige Lösungen für den temporären Rückhalt von Regenwasser. Der Klimawandel wirkt sich unmittelbar auf die Naturgefahren aus: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die sich wiederum in häufigeren und noch intensiveren Starkregen entlädt und zudem das Potenzial für Stürme verschärft. Rund die Hälfte aller Überschwemmungsschäden ist nicht auf ausufernde Bäche, Flüsse und Seen, sondern auf Oberflächenabfluss zurückzuführen. Wasser, das bei starkem Regen nicht unmittelbar versickern kann, fliesst als Oberflächenabfluss auf dem Boden ab und gelangt über Wiesen und Strassen ins Siedlungsgebiet, wo es in tief liegende Gebäudeöffnungen eindringen und massive Schäden verursachen kann. Damit die Verletzlichkeit von Gebäuden und die Risiken möglichst gering bleiben, sind planerische und bauliche Lösungen gefragt. Die Gefährdungskarte Oberflächenabfluss zeigt schweizweit mögliche Abflusswege und überschwemmte Bereiche im Fall eines Gewitters auf. Entscheidend für die Planung und Umsetzung von Schutzmassnahmen ist die Kenntnis der Abflusswege von Regenwasser. Mit dem Naturgefahren-Check der Informationsplattform www.schutz-vor-naturgefahren.ch kann mittels Eingabe des Standorts die lokale Gefährdung für alle Naturgefahren abgerufen werden. Neben der Gefährdungskarte Oberflächenabfluss greift die Plattform auf alle verfügbaren Gefährdungskarten zu und liefert ausserdem zur Situation passende Empfehlungen für den Gebäudeschutz. Ein zuverlässiger Hochwasserschutz setzt auf den permanenten Schutz sämtlicher Gebäudeöffnungen im überschwemmungsgefährdeten Bereich, wobei man auch Lüftungsöffnungen oder Leitungsdurchführungen nicht vergessen darf. Zielführend sind beispielsweise die erhöhte Anordnung des Erdgeschosses und der Zugänge in Kombination mit einer Umgebungsgestaltung, die Oberflächenabfluss gezielt um die Gebäude herumleitet und optimalerweise begrünte Versickerungsflächen bietet. Die Planung über Parzellengrenzen hinaus ist deshalb ein zentraler Bestandteil des integralen Regenwassermanagements. Ein Blick auf das Konzept der Schwammstadt lohnt sich. Das Konzept der Schwammstadt ist bestechend einfach und bringt die Themen Klimaanpassung, Naturgefahrenprävention, Biodiversität und Lebensqualität unter einen Hut: Auch urbane Räume sollen ähnlich einem Schwamm möglichst viel Wasser aufnehmen und zwischenspeichern können. Das Wasser dient der Anreicherung des Grundwassers und steht während Trockenperioden für die Pflanzen zur Verfügung. Naturnahe, wasserdurchlässige Oberflächen mit Bewuchs speichern zudem weniger Wärme als die meist dunklen, versiegelten Flächen und tragen über Verdunstung und Schattenwurf zu einer Abkühlung der Umgebungsluft bei. Der Effekt gleicht einer natürlichen Klimaanlage und ist deshalb ein Schlüssel der modernen Stadtplanung zur Bekämpfung von Hitzeinseln. Die gezielte Versickerung des Regenwassers reduziert gleichzeitig den Oberflächenabfluss und den Eintrag in die Kanalisation. Solche «blau-grünen» Infrastrukturen bieten Pflanzen, Nützlingen und Bestäubern neue Lebensräume, fördern dadurch die Biodiversität und erhöhen die Lebensqualität und Attraktivität der Wohn- und Arbeitsumgebung. Regenwasser kann auf begrünten Flachdächern, in Gärten und auf unversiegelten Plätzen versickern. Zudem lässt es sich fassen und zur Bewässerung oder als Betriebswasser nutzen. Damit das Konzept der Schwammstadt erfolgreich ist, muss Regenwasser als Grundelement bei jeder Planung berücksichtigt werden. Die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung muss mit der generellen Entwässerungsplanung und dem Hochwasserschutz koordiniert werden. Dabei können verschiedenste, auch kleine Massnahmen zur Förderung von Versickerung, Wasserrückhalt und dem kontrolliertem Durchleiten von Oberflächenabfluss zwischen Gebäuden hindurch kombiniert werden. Insbesondere Letzteres will gut koordiniert sein – auch über Parzellengrenzen hinweg. Dass dabei stets auch der Überlastfall bei Starkregen bewusst mitgedacht wird, dürfte zur allgemeinen Sensibilisierung für Naturgefahren und auch zum Schutz vor Überschwemmungen oder gar zu deren Vermeidung beitragen. Informationen: Informationen des VSA zum Thema Schwammstadt: www.vsa.ch/schwammstadt Naturgefahren-Check mit interaktiver Gefährdungsübersicht: www.schutz-vor-naturgefahren.ch BAFU-Publikation «Regenwasser im Siedlungsraum»: www.bafu.admin.ch/uw-2201-d Lukas Weibel

Elektromobilität: Epalinges geht mit gutem Beispiel voran

Trotz dem starken Wachstum von Elektrofahrzeugen in der Schweiz bleibt der Zugang zu Lademöglichkeiten eine grosse Herausforderung, insbesondere für Mieter. Angesichts dieser Tatsache hat die Gemeinde Epalinges einen kommunalen Plan für die Installation von Ladestationen erstellt, um die Elektromobilität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu fördern. Die Gemeinde geht damit mit gutem Beispiel voran und beugt gleichzeitig der Netzüberlastung durch intelligente Lösungen und die gemeinsame Nutzung durch öffentliche und private Haushalte vor. Die von Energie Schweiz und dem Kanton Waadt geförderte Studie wird als Beispiel für andere Gemeinden dienen. «Der fehlende Zugang zu Lademöglichkeiten ist ein grosses Problem für die Entwicklung der Elektromobilität.» Geoffrey Orlando, Planair Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Geoffrey Orlando (Planair): geoffrey.orlando@planair.ch oder 024 566 52 37. Cloé Zbinden

Energie und Biodiversität vereint im Naturpark

Kurz gefasst ist eine Energieregion ein organisierter interkommunaler Zusammenschluss, bei dem mehrere Gemeinden mit ihren Einwohnenden, Unternehmen und Organisationen energiepolitische Ziele verfolgen. Das gleichnamige Programm «Energie-Region» vom Bundesamt für Energie (BFE) unterstützt Projekte in der ganzen Schweiz; sei dies finanziell oder durch das Bereitstellen von Know-how, Netzwerk oder Werkzeugen. Die Energieregion Naturpark Gruyère Pays d’Enhaut zeigt die Vorteile eines solchen Zusammenschlusses anschaulich. Der Naturpark Gruyère Pays d’Enhaut verteilt sich auf die Kantone Waadt, Freiburg und Bern. Der Bund zeichnete ihn im Jahr 2012 mit dem Label «Park von nationaler Bedeutung» aus. Der Naturpark umfasst auf 630 km 2 17 Gemeinden mit insgesamt rund 16 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen gehören die Alpwirtschaft, insbesondere die Käseproduktion, die Forstwirtschaft sowie der Tourismus. Der Naturpark ermöglicht die Nutzung erneuerbarer und lokaler Energiequellen. Konkret wird aus Holz, Biogas und Grünabfällen Wärme gewonnen. Im Jahr 2016 hat sich der Park als Energieregion zusammengeschlossen. Seither wurden bereits sieben Projekte realisiert: So hat der Park im Jahr 2017 eine Energiebilanz erstellt und möchte künftig den Anteil an erneuerbaren Energieträgern der Wärmeerzeugung von 30 auf 100 Prozent erhöhen. Im Folgejahr hat der Park den Energieverbrauch der kommunalen Gebäude analysiert. Ein Expertenteam kam zum Schluss, dass ein Reduktionspotenzial von bis zu 70 Prozent vorliegt. Das Programm «Energie-Region» übernimmt maximal 40 Prozent der Projektkosten in einem jährlichen Umfang von 15 000 bis 30 000 Franken. So auch beim Projekt «Nachtlandschaft», das im Jahr 2022 mit rund 16 000 Franken unterstützt wurde. Ziel des Projekts ist es, die öffentliche Beleuchtung im Naturpark zu verbessern. Dabei handelt es sich um ein breit abgestütztes Anliegen der Bevölkerung. Das Projekt verspricht sich einerseits eine Reduktion im Energieverbrauch, andererseits soll die nächtliche Biodiversität respektiert werden. Lichtemissionen wirken sich nicht nur negativ auf den Energieverbrauch aus, sondern beeinträchtigen auch die Biodiversität: Der Lebensraum von nachtaktiven Tieren kann durch Lichtemissionen zerschnitten, ihr Aktionsradius eingeschränkt sowie ihr Nahrungsangebot reduziert werden. Mit der Zustimmung aller betroffenen Gemeinden erhob die Energiekommission des Parks in Zusammenarbeit mit den Stromversorgern Daten zu den öffentlichen Beleuchtungen. Die gemeindeübergreifenden Erkenntnisse sind die folgenden: Eine sichere Strassenquerung von Fussgängerinnen und Fussgängern hat trotz Absenkung oder Ausschaltung oberste Priorität. Dies bedingt eine getrennte Steuerung von Fussgängerstreifen. Der Energieverbrauch kann durch Absenkung, dynamische Beleuchtung oder Ausschalten reduziert werden. Zu einem Austausch von Nicht-LED-Leuchten wird stark geraten. Eine Fernsteuerung sorgt für maximale Flexibilität bei der Beleuchtung und kann oft schnell amortisiert werden. Die Farbtemperatur soll in sensiblen Biodiversitätsgebieten unter 3000 Grad Kelvin liegen. Diese Erkenntnisse werden künftig in die kommunale Planung der öffentlichen Beleuchtung miteinbezogen, was eine Schulung der betroffenen Gemeinderatsmitglieder in technischen wie auch in rechtlichen Aspekten voraussetzt. Dabei ist die Rolle der Stromversorger zentral: Ihnen wurden konkrete Vorschläge für Sanierungsmassnahmen unterbreitet. Da die meisten Gemeinden im Naturpark nicht über das Fachwissen für eine solche Studie verfügt hätten, wurde der Beitrag des Energie-Region-Projekts sehr geschätzt, insbesondere im Hinblick auf die Erfüllungspflicht von kantonalen Anforderungen. «Für die Gemeinde Val-de-Charmey (FR) war dieses Energie-Region-Projekt zur Optimierung der nächtlichen Beleuchtung eine ausgezeichnete Möglichkeit, schnell konkrete Massnahmen umzusetzen», sagt Bruno Clément, Gemeinderat von Val-de-Charmey in der Legislatur 2017 bis 2021. «Die umfassende Analyse der kommunalen Beleuchtung hat die Diskussion und die mit dem Stromversorger zu ergreifenden Massnahmen erheblich erleichtert. So konnten wir nebst der Energieeinsparung auch die Problematik der Biodiversität einbeziehen.» Abgesehen von den mittelfristig geplanten Investitionen sei so beschlossen worden, die Beleuchtung mitten in der Nacht zunächst provisorisch und später dauerhaft auszuschalten und diese Massnahme im nächsten Jahr noch auszudehnen. «Für die Gemeinde Val-de-Charmey war dieses Energie-Region-Projekt zur Optimierung der nächtlichen Beleuchtung eine ausgezeichnete Möglichkeit, schnell konkrete Massnahmen umzusetzen.» Bruno Clément, Gemeinderat Val de Charmey (FR) Legislatur 2017–2021 Das Projektbeispiel «Nachtlandschaft» zeigt, dass eine gute Kommunikation aufgrund der komplexen Organisationsstruktur der Region essenziell ist. Wie so oft sind Brücken zwischen den Interessen der Politikerinnen und Politiker und den Fachleuten gefragt. Das Programm «Energie-Region» birgt grosses Potenzial, die entscheidenden Akteure aus Privatpersonen, Unternehmen sowie der öffentlichen Hand an einen Tisch zu bringen. Der zuständige Energieregionberater André Lehmann hält fest: «Das Energie-Region-Programm bewies sich als Katalysator für den Naturpark Gruyère Pays d’Enhaut. Es hat uns ermöglicht, mit dem Ausbau von erneuerbarer Energie in der Region fortzuschreiten und die Energieeffizienz zu steigern.» Ihr Basisbudget hätte sich seit einigen Jahren verdoppelt. Lehmann ist überzeugt, dass viele Projekte ohne den Zusammenschluss zur Energieregion nicht oder erst viel später entstanden wären. Lehmann blickt gespannt in die Zukunft: Im aktuellen Ausschreibungsfenster hat der Naturpark ein Projekt zur Dekarbonisierung der Mobilität eingegeben. An Ideen und Elan fehlt es dieser Energieregion bestimmt nicht. Informationen: www.local-energy.swiss/programme/energie-region energie-region@local-energy.swiss Annika Schmidt

Kunststoffe: In den Kuh-Bag oder auf die Entsorgungsanlage

PET-Flaschen, Glas oder Papier: Viele Materialien werden gesammelt, aufbereitet und für die Herstellung neuer Produkte verwendet. Auch Kunststoff ist ein vielfältiger Werkstoff und kann – teilweise – recycelt werden. Das ist umweltschonend und nachhaltig, da ein Kilogramm recycelter Kunststoff bis zu drei Liter Rohöl spart und die Wiederverwertung ein wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft ist. Die Sammlung von Kunststoffprodukten erfolgt in der Ostschweiz unterschiedlich. Nebst den Angeboten des Detailhandels gibt es verschiedene regionale Initiativen. Eine davon ist der Kuh-Bag. Die drei Abfallverbände Zweckverband Abfallverwertung (ZAB) Bazenheid, Abfallregion (A-Region) St. Gallen-Rorschach-Appenzell und Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Thurgau bieten seit ein paar Jahren ein Sammelsystem für gemischten Kunststoff an. Der Kuh-Bag ist ein gebührenpflichtiger Sack und dient als Ergänzung zur PET-Sammlung. Darin können Shampoo-, Waschmittel-, Rahm- und Milchflaschen sowie Zahnpastatuben, Blumentöpfe und andere Plastikverpackungen entsorgt werden. Ist der Sack voll, kann er an einer der zahlreichen Rückgabestellen abgegeben werden. 130 Gemeinden zwischen Stein am Rhein und Säntis beteiligen sich seit der Einführung am Kunststoff-Sammelsystem. Eine dieser Gemeinden ist Teufen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Hier gibt es drei Sammelstellen; zwei unbediente und eine bediente. Roman Imhof, Fachverantwortlicher Umwelt und Energie der Gemeinde Teufen, ist mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. «Die Container werden rege genutzt, was zwei Leerungen pro Woche zur Folge hat», sagt er und ergänzt: «Das Sammeln von gemischtem Kunststoff basiert bei uns auf freiwilliger Basis. Es gibt praktisch keine Rückmeldungen zum Kuh-Bag. Das zeigt uns, dass die Nutzerinnen und Nutzer eine gewisse Disziplin mitbringen und die Sammelstellen sauber halten.» Separate Zahlen aus Teufen zur Sammelmenge gibt es nicht. Allerdings wurden im Jahr 2022 in der gesamten A-Region mit rund 40 Gemeinden, zu denen auch Teufen zählt, 89 700 35-Liter- und 62 600 60-Liter-Säcke verkauft. Insgesamt wurde 280 Tonnen gemischter Kunststoff gesammelt. In der Abfallregion der KVA Thurgau mit etwa 70 Gemeinden waren es im vergangenen Jahr 608 Tonnen Kunststoff. Spezifische Zahlen zu den einzelnen Gemeinden gibt es auch hier nicht, da der Kuh-Bag zentral von der KVA Thurgau organisiert und geregelt wird. Die Stadt Arbon macht seit Jahren bei diesem Sammelsystem mit und sieht keinen Grund, dies künftig zu ändern. «Es läuft gut, was das Einsammeln betrifft, mir sind keine Beschwerden aus der Bevölkerung bekannt», sagt Peter Grau, Bereichsleiter Umwelt/Energie bei der Stadt Arbon. Der Kuh-Bag kann an insgesamt sechs Verkaufsstellen erworben und an vier Orten zur Entsorgung abgegeben werden. In Arbon werden die Sammelsäcke wöchentlich mit einem Pressfahrzeug abgeholt und dann mit Säcken anderer Sammelstellen des Verbandsgebietes nach Eschlikon zur Inno Recycling gefahren. Dort werden alle Kuh-Bags in Ballen verpresst und dann in die Sortieranlage in Vorarlberg gefahren. Jener Teil des Kunststoffs, der stofflich verwertbar ist, wird recycelt und zu Granulaten verarbeitet. Diese Granulate werden vor allem in der Industrie zur Herstellung von Bauprodukten wie Kabelschutzrohren und -abdeckungen verwendet. «Der Kuh-Bag läuft gut, was das Einsammeln betrifft, mir sind keine Beschwerden aus der Bevölkerung bekannt.» Peter Grau, Bereichsleiter Umwelt/Energie bei der Stadt Arbon (TG) Der Transport zu den Sortierungsanlagen, aber auch die Tatsache, dass «nur» rund 55 Prozent der Sammelmenge stofflich wiederverwertet werden können und rund 45 Prozent zurück zur thermischen Verwertung kommen, hat dem Kuh-Bag vor allem am Anfang Kritik eingebracht. Mittlerweile seien diese Stimmen verstummt, und der Kuh-Bag habe sich etabliert, sagt Urs Corradini, Verantwortlicher Marketing und Kommunikation des ZVA Bazenheid. Für die Stadt Chur (GR) waren die Transportwege und die geringe stoffliche Wiederverwertung jedoch mit ein Grund, dass sie sich gegen die Einführung eines gebührenpflichtigen, separaten Sammelsacks für gemischte Haushaltkunststoffe entschieden hat. Dies wäre der falsche Weg gewesen, sagt Reto Gruber, Dienststellenleiter Grün und Werkbetrieb. Der Transportweg zur Sortierung ins Ausland sei zu lang, der Sortieraufwand zu gross, die Kosten für den Spezialsack zu hoch und die prozentuale Wiederverwertung des gemischten Haushaltkunstoffs zu gering. «Echte Alternativen zu gemischten Kunststoffen fehlen aktuell, haben entweder Tücken oder eine ungünstige Ökobilanz.» Reto Gruber, Dienststellenleiter Grün und Werkbetrieb, Stadt Chur (GR) Trotzdem legt die Stadt grossen Wert auf das Sammeln und Recycling von Materialien. Dazu zählen auch reine Kunststoffe wie Hohlkörper von beispielsweise Milch- und Waschmittelbehältern, wie es der Detailhandel vormacht. «Diese Stoffe haben eine sehr hohe Wiederverwertungsquote», sagt Gruber. Sie können bei der städtischen Multisammelstelle abgegeben werden. «Echte Alternativen zu gemischten Kunststoffen fehlen aktuell, haben entweder Tücken oder eine ungünstige Ökobilanz.» Eine mögliche Lösung sei aber im Zuge der Kreislaufwirtschaft bei Swissrecycling in Sicht, wo in Zusammenarbeit mit den Inverkehrbringern und weiteren Städten eine vorgezogene Recyclinggebühr analog dem PET- und Glasrecycling diskutiert werde, so Gruber. Diese Lösung erachtet er als ökonomischer und ökologischer. Auch weil aus dem im Abfall gelandeten, nicht recyclingfähigen Kunststoff Fernwärme generiert werde. In anderen Regionen der Ostschweiz wird ebenfalls mehrheitlich auf Sammelstellen in Entsorgungsanlagen gesetzt. So wie im St. Galler Rheintal. Hier sind die Gemeinden dem Zweckverband Kehrichtverwertung Rheintal (KVR) angeschlossen, und viele Entsorgungsfragen werden gemeinsam geregelt. Auch jene des Kunststoffs. «Wir haben in Entsorgungsanlagen verschiedener Gemeinden wie Altstätten und Au Sammelstellen für Kunststoffabfälle eingerichtet», sagt Boris Schedler, Geschäftsführer des KVR. Diese würden gut genutzt und man sehe aktuell auch keinen Grund, etwas daran zu ändern. Im Gegensatz zum Kehricht oder Grüngut setze man beim Kunststoff auf das Bringprinzip, wie bei den PET-Flaschen oder den Batterien. Ähnlich sieht es im Kanton Appenzell Innerrhoden aus, wo der Kanton beziehungsweise das Amt für Umwelt für das Abfallwesen zuständig ist. «Bei uns können Kunststoffabfälle gratis im Ökohof in Appenzell entsorgt werden», sagt Heike Summer, Leiterin Amt für Umwelt des Kantons Appenzell Innerrhoden. Ein anderes System einzuführen, wie etwa den Kuh-Bag, sei derzeit nicht in Planung. Marion Loher

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