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«Sobald es hektisch wird, schauen nicht unbedingt die besseren Lösungen heraus»

Thomas Iten: Das Jahr 2022 habe ich wie eine grosse Berg- und Talfahrt erlebt. Anfang Jahr haben wir uns noch mit Massentests und Schulschliessungen auseinandergesetzt. Dann dieser schreckliche Krieg. Gleichzeitig fanden im Sommer Anlässe statt, die zuvor zwei Jahre abgesagt wurden. Es war auf jeden Fall ein Wechselbad der Gefühle. Zu Beginn hat es etwas gedauert, bis «der Motor gelaufen ist». Seither klappt es aber sehr gut. Wir erhalten beispielsweise einen Newsletter des Kantons mit allen Informationen, die für die Gemeinden wichtig sind. In einem Schulhaus haben wir die Heizradiatoren mit intelligenten Sensoren ausgerüstet, sodass die Klassenzimmer optimal beheizt werden. Zudem haben wir bei zwei kommunalen Liegenschaften Zweistoffanlagen vorbereitet, und ein Gebäude wird nun rascher als ursprünglich geplant an einen Wärmeverbund angeschlossen. Ob Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur: Wir alle sind gefordert, diese Themen mit dem nötigen Respekt anzugehen. Wie die Erfahrung gezeigt hat, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren: Sobald es hektisch und nervös wird, schauen nicht unbedingt die besseren Lösungen heraus. Der Fachkräftemangel ist überall ein Thema. Wir gehen diesen an, indem wir etwa ein neues Besoldungssystem eingeführt haben. Bei schwierig zu besetzenden Stellen können wir mit einem höheren Lohn auf die Marktsituation reagieren. Auch das klassische «Kreuzlibogen-Mitarbeitergespräch» wird modernisiert, hin zu einem echten Dialog. Unser grösster Digitalisierungsschritt erfolgte während der Pandemie. Zudem haben wir übergeordnete Projekte von Bund und Kanton implementiert, zum Beispiel den E-Umzug. Nun führen wir sukzessive weitere Tools ein. Mir persönlich kann das nicht schnell genug gehen. Aber man muss auch berücksichtigen, dass rund die Hälfte unserer Mitarbeitenden eher selten mit der digitalen Welt im Arbeitsalltag in Berührung kommt. Wir sollten uns auf unsere Werte besinnen, Probleme wieder vermehrt gemeinsam am Tisch diskutieren und dabei den Mut haben, auch einmal etwas Neues auszuprobieren. Fabio Pacozzi

«Der Stromnetzverkauf hat uns stark beschäftigt»

«Zwei grosse Themen haben uns in Hallau im vergangenen Jahr beschäftigt: die Suche nach einem Nachfolger für unseren langjährigen Gemeindeschreiber und der Verkauf unseres Stromnetzes. Die Gemeinde Hallau war bezüglich Energie bisher ein Sonderfall im Kanton Schaffhausen, weil wir unser eigenes Stromnetz betrieben haben. Wir haben uns aber entschieden, dieses per 1. Januar 2023 an das Elektrizitätswerk Kanton Schaffhausen (EKS) zu verkaufen. Die Anforderungen an den Betrieb eines Stromnetzes haben in den letzten Jahren zugenommen und sind insbesondere für eine Milizbehörde zunehmend komplizierter, aufwendiger und anspruchsvoller geworden. Wir mussten daher teuer die Dienstleistungen von externen Fachleuten einkaufen. Der Verkauf des Stromnetzes hat die Gemeinde in den letzten Jahren stark beschäftigt und war eine emotionale Angelegenheit für die Bevölkerung. Als eine deutliche Mehrheit an der Gemeindeversammlung vom 18. August für den Verkauf stimmte, war dies ein historischer Moment – für mich auch verbunden mit Erleichterung. Per Ende Jahr geht unser Gemeindeschreiber nach 37 Jahren Arbeit für die Gemeinde in Pension. Damit geht eine geballte Ladung Wissen verloren – wir nannten ihn jeweils scherzhaft das ‹Gemeindelexikon›. Ein solcher Wechsel birgt aber auch Chancen, und uns im Gemeinderat war klar, dass wir ihn sorgfältig und durchdacht angehen müssen. Wir haben uns entschieden, unsere Verwaltung nach dem Geschäftsleitermodell auszurichten, sodass die Gemeinderäte mittelfristig von der operativen Verantwortung entlastet werden. Dies verändert auch das Stellenprofil des Gemeindeschreibers. Der Fachkräftemangel hat es uns nicht leicht gemacht, jemanden für die Nachfolge zu finden. Dennoch konnte am 1. September der neue Verwaltungsleiter seine Stelle antreten. Er ist ein Quereinsteiger mit Führungserfahrung, und uns ist bewusst, dass wir genügend Zeit in die Einarbeitung investieren müssen. Die globalen Krisen haben wir natürlich auch in Hallau gespürt. Der Ukrainekrieg betrifft uns und macht uns betroffen. Einige Hallauerinnen und Hallauer haben ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, wodurch in kürzester Zeit 14 Flüchtlingskinder – von Kindergarten bis Oberstufe – eingeschult wurden. Die Integration der Flüchtlingskinder stellte eine besondere Herausforderung dar. Durch die grossen Klassen mit vielen Schülerinnen und Schülern mit speziellen Bedürfnissen waren die Lehrpersonen sehr gefordert. Aber das gesamte Team, von der Schulleitung bis zu den Schulkindern, hat das sehr gut gemeistert. «Wir alle waren sehr erleichtert über die Aufhebung der Coronamassnahmen. Dadurch konnte das ‹Räbhüslifest› in den Rebbergen endlich wieder durchgeführt werden.» Nadja Hallauer, Gemeindepräsidentin von Hallau Das Jahr war aber auch geprägt von Freude: Wir alle waren sehr erleichtert über die Aufhebung der Coronamassnahmen. Dadurch konnte das ‹Räbhüslifest› in den Rebbergen endlich wieder durchgeführt werden. Und auch das Hallauer Herbstfest haben wir erstmals nach einer Pause wieder mit einem Umzug gefeiert. Das waren sehr schöne Momente. Für mich persönlich ein Highlight war zudem das Treffen der Gemeindepräsidentinnen auf Einladung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Bern. Den Austausch mit Kolleginnen aus der ganzen Schweiz empfand ich als sehr bereichernd.» Nadja Sutter

«Ich sehe den Wert der Kleinräumigkeit»

2003/04 lancierte unser Verband eine Initiative für einen «Gemeindeverträglichkeitsartikel». Da dieses Anliegen dann in die neue Kantonsverfassung aufgenommen wurde, ist nie darüber abgestimmt worden. Aber seither müssen die Aufgaben, die zu den Gemeinden verschoben werden, in ein Gesetz verpackt werden, sodass zwölf Zürcher Gemeinden oder die Städte Winterthur oder Zürich dagegen das Referendum ergreifen können. Dabei ging es um Jugendliche, die fremdplatziert wurden – die sogenannten Versorgertaxen. Der Kanton hat dafür von den Gemeinden über Jahre hinweg ohne gesetzliche Grundlage Beiträge verlangt. Das hat das Bundesgericht den zwei klagenden Pilotgemeinden nun bestätigt: Der Kanton hat den Zürcher Gemeinden insgesamt rund 600 Millionen Franken zu viel verrechnet. Dieses Geld soll nun zurück an die Kommunen fliessen. Trotz dieser Episode denke ich nicht, dass es grössere Unstimmigkeiten zwischen den zwei Staatsebenen gibt. Der GPV ZH wird zu allen gemeinderelevanten Vernehmlassungen eingeladen und regelmässig vom Kantonsrat zu den die Gemeinden betreffenden Vorlagen angehört. Unser Grundanliegen ist, dass Gesetze so ausgearbeitet sind, dass sie auf Gemeindeebene auch umgesetzt werden können. Dafür müssen sich Fachleute aus der Praxis schon dort äussern können, wo das Fleisch am Knochen ist: in den vorbereitenden Arbeitsgruppen, also noch vor der Vernehmlassung. Das ist heute im Vergleich zu früher viel besser geworden. «Unser Grundanliegen ist, dass Gesetze so ausgearbeitet sind, dass sie auf Gemeindeebene auch umgesetzt werden können.» Martin Harris, scheidender Geschäftsführer GPV ZH Möglichst allen gerecht zu werden, sehe ich tatsächlich als die Hauptaufgabe des GPV ZH an. Wir sind der Transmissionsriemen, der den grössten oder zumindest den kleinsten gemeinsamen Nenner für die Gemeinden finden soll. Aber natürlich gehen die Welten zwischen Stadt und Land manchmal auseinander, typischerweise bei den Themen Sozialpolitik oder Mobilität. Deshalb ist die Diskussion im Gremium so wichtig: Im Ausschuss ist jeder Bezirk vertreten, und in 90 oder 95 Prozent der Fälle finden wir auch eine gemeinsame Position, mit der alle leben können. Hört man sich in den kommunalen Exekutiven um, so hört man oft, dass nicht nur finanziell, sondern auch administrativ und technisch immer mehr von den Gemeinden gefordert wird. Kann ein kleines Dorf mit Milizgemeinderat diesen Ansprüchen überhaupt noch gerecht werden? Das ist die Herausforderung dieser Gemeinden. Und ich denke, dass die wenigen sehr kleinen Gemeinden im Kanton Zürich diese Herausforderung gut meistern. Aber es ist schon so: Kleine Gemeinden, die nicht fusionieren wollen, müssen innovative Lösungen finden. Im Unterland prüfen derzeit etwa vier Gemeinden, ob eine das Bauamt für alle führen kann, während die andere das Sozialamt übernimmt und so weiter. Nein – oder besser gesagt: Ich sehe den Wert der Kleinräumigkeit. Dank der Gemeindeautonomie können auch kleinere Strukturen individuelle und einfache Lösungen finden. Das hat sich etwa während der Pandemie gezeigt. Man sprach zwar oft vom Flickenteppich. Dieser hatte aber auch den Vorteil, dass alle etwas ausprobieren konnten. Hätten alle dasselbe tun müssen, hätten zum Beispiel die Bündner nie ihr eigenes Testkonzept entwickelt, das sich dann schweizweit durchgesetzt hat. Für mich muss das im Prinzip auch für die Gemeinden gelten: Sie sollten ihre Angelegenheiten grundsätzlich individuell angepasst regeln können. Ich bin von Haus aus Historiker. Von daher möchte ich das Familienarchiv aufarbeiten und noch etwas reisen. Das Wichtigste ist aber, gesund zu bleiben. Alles andere ergibt sich … Fabio Pacozzi

«Es herrscht eine latente Verunsicherung»

Muriel Favre: Das Jahr 2022 war anspruchsvoller, was hauptsächlich mit dem angstbesetzten Klima zusammenhing. Es herrscht eine latente Verunsicherung: sowohl was die Haushaltsbudgets der Menschen als auch das Budget der Gemeinde angeht. Ich möchte hier kein Werturteil abgeben, da diese Situation für alle Beteiligten schwierig und neuartig ist. Ich denke, angesichts der Dringlichkeit hat jeder mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste getan. Bereits seit mehreren Jahren investieren wir regelmässig in die Beleuchtung. Ein grosser Teil des Netzes besteht aus LED-Lampen, die mit einem Sensor ausgestattet sind, der eine Dämmung der Beleuchtung ermöglicht. Innerhalb von zehn Jahren ist der Verbrauch bei der öffentlichen Beleuchtung so um 50 Prozent gesunken. Weitere Massnahmen zur energetischen Sanierung von kommunalen Gebäuden und Einrichtungen sind geplant. Wir haben auch ein Förderprogramm für Fotovoltaikanlagen und zum Ersatz von Heizungen. Die Gefühlslage ist schwierig. Aber wir müssen optimistisch bleiben und uns auf die Erfahrungen der Vergangenheit stützen. So können wir einer besseren Zukunft entgegensteuern. Unsere Situation erlaubt es uns nicht, einen technischen Dienst zu finanzieren, daher haben wir uns für eine interkommunale Zusammenarbeit sowie für punktuelle Aufträge an externe Büros entschieden. Diese Mandanten sind in das lokale Leben eingebunden. Die Implementierung von E-Government-, IT- und Kommunikationslösungen ist die nächste grosse Herausforderung, die auf uns zukommt. Es bleibt noch viel zu tun. Ein gutes Umfeld zum Leben bieten und die Familien in der Gemeinde halten. Vérossaz ist die Walliser Gemeinde mit der höchsten Anzahl junger Menschen – 26 Prozent der Bevölkerung. Fabio Pacozzi

Adieu, Monsieur Schweizer Gemeinde

Die Gemeinden und Andreas Ladner – das sind 30 Jahre Forschung und Förderung, über akademische Arbeiten und Mandate bis hin zur Lehrtätigkeit. Bereits seine Doktorarbeit an der Universität Zürich widmete sich dem Thema. Während seiner Zeit an der Universität Bern stellte der Politologe sogar ein Dossier zusammen, um Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds für die Gründung eines nationalen Forschungsschwerpunkts zum Thema Föderalismus zu erhalten. Obwohl ein anderes Projekt schliesslich vorgezogen wurde, zeigt die Anfrage Andreas Ladners langjähriges Engagement für die Schweizer Institutionen. Er arbeitete anschliessend ab 2006 beim Institut für öffentliche Verwaltung (IDHEAP) der Universität Lausanne und übernahm 2016 dessen Leitung. Bald wurde er dort zu einem anerkannten Wissenschaftler, der die Westschweizer Perspektive mit seinen detaillierten Kenntnissen der Deutschschweiz verband. Er kombinierte «das Beste aus beiden Welten», wie es der derzeitige Direktor des IDHEAP, Nils Soguel, beschreibt. Andreas Ladner war ein über die Grenzen der Schweiz hinaus anerkannter Experte, insbesondere dank seiner Arbeit zur lokalen Autonomie – einer Studie, die den Grad der Dezentralisierung in 57 Ländern misst. Er war überdies ein gefragter Interviewpartner für die Medien, der Wahlen und Volksabstimmungen scharfsinnig kommentierte. Seine Forschungsarbeit hat «die akademische Landschaft zu den Schweizer Institutionen tiefgreifend geprägt», wobei die Gemeinden sehr häufig im Mittelpunkt seiner Arbeit standen. Eine seiner sinnbildlichen Forschungsarbeiten ist das Schweizer Gemeindemonitoring. Diese Studie wurde seit 1988 in mehreren Erhebungswellen durchgeführt und verfolgt die Entwicklung der Gemeinden im Laufe der Zeit. Sie ist laut Alexander Bastianen von der IDHEAP «eine beeindruckende Datenbasis». Letzterer betont die Verbundenheit zahlreicher Gemeinden mit dieser Umfrage, die trotz einem 18-seitigen Fragebogens stets eine hohe Teilnahmequote aufwies. Diese Untersuchung stelle «einen Wendepunkt» in der Forschung über die kommunale Ebene dar, da sie «die positiven Auswirkungen der kommunalen Autonomie» hervorhebe. Nicht zuletzt haben Andreas Ladners pädagogische Qualitäten mehrere Generationen von Studierenden geprägt. Nils Soguel erinnert sich, wie es «die genaue Kenntnis des Terrains» dem Politologen ermöglichte, auf den ersten Blick trockene Konzepte zu veranschaulichen, indem er sie mit einer Prise Humor versah – immer im Dienste des Lernens. Mit seinem Tod verschwindet eine der zentralen Figuren der Schweizer Politologie. Merci, Andreas. Ein Nachruf von Prof. Nils Soguel, Direktor des IDHEAP, Alexander Bastianen, Diplomassistent und Doktorand im Bereich Verwaltung und Institutionen der IDHEAP, und Manon Röthlisberger, Alumni der IDHEAP und Projektleiterin beim Schweizerischen Gemeindeverband. Manon Röthlisberger

«Auf der Gemeinde habe ich fürs Leben gelernt»

Als Leonie Koch zum Interviewtermin im Gemeinderatszimmer in Hasle (LU) erscheint, ist es für sie ein Heimkommen. Im vergangenen Sommer hat sie hier, auf der Gemeindeverwaltung Hasle, ihre Lehre als kaufmännische Angestellte mit Berufsmatura erfolgreich abgeschlossen. Ihre drei Lehrjahre waren eine Zeit, auf die sie sehr gerne zurückblickt, wie im Gespräch rasch deutlich wird. «Ich bin während der Lehre erwachsen geworden und habe auf der Gemeinde fürs Leben gelernt», resümiert sie. Dabei war sich Leonie Koch am Ende ihrer Schulzeit gar nicht so sicher, wo der weitere Weg hinführen soll. «Ich habe mir einerseits überlegt, die Kantonsschule zu besuchen und nachher die Ausbildung zur Lehrerin zu machen», sagt sie. «Andererseits hat mich auch eine Lehre angesprochen.» Leonie Koch schnupperte in der Folge in verschiedenen Berufen: auf der Gemeinde, bei Banken, aber auch in einer Bäckerei. «Bei der Gemeindeverwaltung hat es mir am meisten Spass gemacht, und so fiel der Entscheid. Zum Glück entschied sich dann auch die Gemeinde für mich als Lernende», sagt sie mit einem Lachen. Die Gemeinde dürfte dies nicht bereut haben, hat Gemeindeschreiber Marco Studer doch nur lobende Worte für seine ehemalige Lernende: «Leonie ist sehr ehrgeizig und hat ihre Aufgaben stets sehr gewissenhaft erledigt.» Der jungen Frau ihrerseits gefiel die Abwechslung auf der Verwaltung der Gemeinde mit rund 1700 Einwohnerinnen und Einwohnern besonders gut. Sie hatte Einblick in die verschiedenen Abteilungen und war unter anderem beim Steueramt, auf der Einwohnerkontrolle, im Bau- und Finanzamt, hat Aufgaben für den Gemeinderat erledigt und war auch für eine kurze Zeit auf dem Zivilstandsamt in Wolhusen. Natürlich arbeitete sie auch am Gemeindeschalter, nahm Anrufe entgegen und beantwortete Mails und hatte so engen Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. «Das hat mir wahnsinnig gefallen. Dabei habe ich gelernt, mit Menschen in den verschiedensten Situationen umzugehen und auch zu schlichten. Denn nicht alle Menschen, die zum Gemeindeschalter kommen, sind zufrieden, das war nicht immer einfach.» Zu lernen, damit umzugehen, helfe auch im Privatleben, findet Leonie Koch. «Ich habe gelernt, mit Menschen in den verschiedensten Situationen umzugehen und auch zu schlichten.» Leonie Koch, ehemalige Lernende Gemeinde Hasle (LU) Sie hat es geschätzt, für die Gemeinschaft zu arbeiten. «Ich bin in Hasle aufgewachsen und wohne immer noch hier. Indirekt habe ich mit meiner Arbeit etwas gemacht, das allen hier dient.» Und nicht zuletzt habe sie ganz praktische Dinge gelernt, die ihr im weiteren Leben helfen. «Ich weiss zum Beispiel ziemlich genau, wie man eine Steuererklärung ausfüllt.» Sie schmunzelt und fügt an: «Jetzt helfe ich Freundinnen und Freunden dabei, sie auszufüllen.» Gab es denn etwas, das ihr an der Lehre nicht gefallen hat? Leonie Koch überlegt lange. «Nein, ich bin immer gerne arbeiten gegangen.» Schliesslich fügt sie an: «Ich habe parallel zur Lehre die Berufsmatur absolviert. Das war zeitweise schon sehr intensiv, ich musste mich durchbeissen. Aber es hat sich gelohnt.» Sie sei in der strengen Zeit sehr froh über die Unterstützung aus dem Team gewesen, insbesondere über die von Gemeindeschreiber Marco Studer. «Ich durfte zwischendurch Aufgaben für die Schule während der Arbeitszeit erledigen. Das hat wirklich geholfen.» Sie fügt an: «Ich erinnere mich gerne an meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zurück. Ein gutes Team ist etwas vom Wichtigsten bei der Arbeit und kann einen richtig pushen.» Trotz all den guten Erinnerungen zieht es sie vorerst weg von der Gemeinde. Sie beginnt demnächst die Ausbildung zur Primarlehrerin. «Das war immer mein Traum. Ich möchte noch enger mit Menschen zusammenarbeiten.» Sie glaubt, dass ihr die Erfahrungen auf der Gemeinde helfen werden, insbesondere der Umgang mit Menschen in den verschiedensten Situationen. Dennoch: Sie kann sich vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt zur Gemeindeverwaltung zurückzukehren. «Ich bin froh, stehen mir in Zukunft zwei Wege offen.» Was könnten Gemeinden aus ihrer Sicht tun, damit junge Leute auch nach der Lehre bleiben? «Sie müssen die Möglichkeit zur Weiterentwicklung innerhalb der Gemeinde bieten», sagt Leonie Koch bestimmt. «Weiterbildungen und die persönliche Weiterentwicklung sind sehr wichtig für junge Menschen. Man erwartet das auch von unserer Generation.» Mit Weiterbildungsmöglichkeiten könnten Gemeinden verhindern, dass sie Leute verlieren – aber es gebe ihnen auch viel zurück, ist die junge Frau überzeugt. Nadja Sutter

«Die Nachfrage nach Springern ist riesig»

David Ammann: Die Nachfrage nach Springerinnen und Springern ist riesig. In den letzten fünf bis sechs Jahren gab es immer mehr Anfragen; und seit der Pandemie ist deren Zahl durch die Decke gegangen. Im vergangenen Herbst haben wir festgestellt, dass wir leider jede zweite Anfrage ablehnen müssen. Wir können die Nachfrage bei Weitem nicht decken. Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen, wenn Angestellte ausfallen, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, wegen eines Mutterschaftsurlaubs oder unbezahlten Urlaubs. Zum anderen, wenn es Restrukturierungen gibt und eine Überbrückung gesucht wird, bis eine Stelle neu ausgeschrieben werden kann. Immer häufiger jedoch auch, weil Stellen nicht besetzt werden können. Es gibt Gemeinden, die fragen nach einem Abgang gleich nach einem Springer, weil sie bereits wissen, dass es schwierig wird, die Stelle zu besetzen. In Bauverwaltungen, im Finanz- und Sozialbereich ist die Nachfrage besonders gross. In den Bauverwaltungen braucht es sehr spezifische Kenntnisse, gleichzeitig ist die Bautätigkeit in der Schweiz enorm hoch. Und es ist nicht unbedingt ein dankbarer Job: Wenn es um Baubewilligungen geht, muss man Polizist spielen. Im Finanzbereich ist es ähnlich, auch dort braucht es sehr spezifische Kenntnisse, und die Arbeitslast kann hoch sein, wenn zum Beispiel der Abschluss ansteht. Der muss einfach gemacht werden. Im Sozialbereich gibt es eine sehr hohe Fluktuation. Das heisst, viele Fachkräfte wechseln die Stelle häufig. Daher gibt es viele Abgänge, aber es ist auch einfacher, neue Leute oder Springerinnen und Springer zu finden. Die Zahl in unserem Pool ist über die Jahre mit rund 90 stabil geblieben, aber wir können damit die momentane Nachfrage nicht decken. Mir ist es sehr wichtig, zu betonen, dass wir nicht aktiv Springerinnen und Springer rekrutieren. Wir werben den Gemeinden kein Personal ab. Die Personen, die wir beschäftigen, sind meist solche, die aus verschiedenen Gründen keine Festanstellung anstreben und flexibel arbeiten wollen. Mit dem Personalverleih können wir dafür sorgen, dass sie der Branche erhalten bleiben. Und manchmal kommt es auch vor, dass es einer Springerin oder einem Springer so gut gefällt in einer Gemeinde, dass sie oder er dortbleibt. Ich frage mich, ob die Anstellungsbedingungen der öffentlichen Hand mit jenen in der Privatwirtschaft Schritt halten können. Damit meine ich nicht den Lohn – der ist in den meisten Fällen absolut gut. Sondern auch andere Faktoren wie Ferien, Arbeitsumfeld, Flexibilität … Die Pandemie hat durchaus einen Schub gebracht. Es gibt aber auch Verwaltungen, die Homeoffice gleich wieder den Riegel geschoben haben, nachdem die Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie aufgehoben worden waren. Wenn Flexibilität aus Prinzip nicht geht, ist es schwierig, gute Leute zu finden. Einen Generationenwechsel gibt es derzeit tatsächlich. Allerdings bilden viele Gemeinden auch Lehrlinge aus. Diese verlassen die Branche aber oft nach dem Lehrabschluss. Weshalb das so ist, ist mir ein Rätsel, und auch anderen Branchenkennern. Die Arbeit in einer Verwaltung ist sehr sinnhaft, ein Dienst an der Gesellschaft. Vielleicht liegt es am Image – obwohl es viele Imagekampagnen gibt, die das ändern wollen. Es ist sicher wichtig, dass man in diesem Bereich weitere Bemühungen unternimmt. «Ich beobachte, dass jene Gemeinden, die gut organisiert sind und eine gute Kultur pflegen, weniger Probleme haben, Personal zu finden.» David Ammann, stv. Geschäftsführer Federas Politik und Verwaltungskader sind gefordert, an den Rahmenbedingungen zu arbeiten. Es braucht klare und sinnvolle Strukturen, und eine Aufgabentrennung zwischen Politik und Verwaltung. Im Arbeitsalltag braucht es eine gute und gesunde Kultur und flexible Arbeitsbedingungen, die Teilzeit und Homeoffice ermöglichen. Ich beobachte, dass jene Gemeinden, die gut organisiert sind und eine gute Kultur pflegen, weniger Probleme haben, Personal zu finden. Herausfordernd kann es insbesondere für kleinere Gemeinden sein, wo sich die Verantwortung auf wenige Schultern verteilt. Hier ergibt es Sinn, die Strukturen zu überprüfen – und damit meine ich nicht unbedingt Fusionen, sondern die vermehrte Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden. Nadja Sutter

Bewährtes Konzept, neue Formate: Suisse Public 2023

Sechs Jahre – so lange ist es her, seit die letzte Suisse Public stattfinden konnte. Die Ausgaben 2020 und 2021 der grössten Schweizer Fachmesse für den öffentlichen Sektor mussten wegen der Coronapandemie abgesagt werden. Vom 6. bis 9. Juni aber öffnet die Messe erneut ihre Türen auf dem Bernexpo-Gelände und heisst Fachleute und Beschaffungsverantwortliche von Gemeinde-, Kantons- und Bundesbehörden sowie von Grossunternehmen willkommen. «Seit 2017 ist viel passiert», sagt Messeleiter Christoph Lanz im Gespräch mit der «Schweizer Gemeinde». Natürlich bestehe bei einer so langen Pause die Gefahr, dass sich der Markt anders organisiere, weg von den Messen. Christoph Lanz beobachtet aber das Gegenteil: Das Nachholbedürfnis sei gross. «Der Marktplatz, um sich zu treffen und auszutauschen, hat gefehlt. Denn es gibt keinen vergleichbaren Anlass in der Schweiz.» Und so waren bereits Anfang Februar 95 Prozent der Flächen der Messe gebucht. «Der Marktplatz, um sich zu treffen und auszutauschen, hat gefehlt. Denn es gibt keinen vergleichbaren Anlass in der Schweiz.» Christoph Lanz, Messeleiter Suisse Public An der Suisse Public können Interessierte Innovationen vor Ort kennenlernen und unter anderem im grossen Aussenbereich vieles direkt ausprobieren. «Wie leise zum Beispiel ein Kehrichtfahrzeug ist, kann man kaum in einem Video erfahren. Das muss man vor Ort erleben können», sagt Christoph Lanz. Die Messe biete die Möglichkeit für die Aussteller, Vertrauen zu schaffen in ihre neuen Lösungen. Und für die Besucherinnen und Besucher aus den Gemeinden ist es auch Gelegenheit, sich auszutauschen. Unterhaltung darf ebenfalls nicht fehlen: Action gibt es an der «Fire Fit Challenge» im Feuerwehrbereich der Messe, wo sich Angehörige der Feuerwehr in einem sportlichen Wettbewerb messen. Auch im Ausstellerbereich dürfte es vieles zu entdecken geben. Denn der Innovationszyklus wurde durch die coronabedingte Pause nicht gestoppt – im Gegenteil. Die Themen, die im Fokus stehen, und die technischen Lösungen sind andere als vor sechs Jahren. «Das Thema Energie ist momentan sehr brisant, das war in den vergangenen Jahren anders», so Christoph Lanz. Neben der Energiekrise beschäftigen sich die Gemeinden aktuell mit Ladestationen für elektronisch angetriebene Fahrzeuge oder E-Kommunalfahrzeuge. Die Digitalisierung ist ebenfalls Dauerthema und ein Feld, das sich sehr rasch entwickelt. Ihr hat die Suisse Public gleich eine eigene Messe in der Messe gewidmet: die Suisse Public SMART. Diese fand 2021 bereits online und 2022 als Tageskonferenz statt. Im Rahmen ihrer Muttermesse wird sie nun ein Programm während vier Tagen anbieten und smarte Lösungen aus den verschiedensten Bereichen präsentieren. Die Suisse Public SMART ist in zwei Teilbereiche gegliedert: eine Messe und eine Konferenz. Im Messeteil präsentieren Aussteller ihre Produkte an Ständen und auf einer Pitch-Bühne in kurzen Vorträgen. Dies wird ergänzt durch einen sogenannten Solution Park: Er ist gestaltet wie eine Begegnungszone, und die Besucherinnen und Besucher können dort verschiedene Exponate direkt in einem praxisnahen Anwendungskontext erleben. Zum Beispiel smarte Strassenlampen und Parkbänke, an denen das Handy aufgeladen werden kann. Zu viele Details will SMART-Projektleiter Christopher Wehrli noch nicht verraten: «Wir stecken mitten in der Planung.» Eine Etage darüber können Interessierte am Konferenzteil der Suisse Public SMART ihr Wissen rund um smarte Lösungen vertiefen. An allen vier Tagen konzentrieren sich die Inhalte der Vorträge und Podiumsdiskussionen auf einen bestimmten Fokus. Am Dienstag, 6. Juni, geht es um die Arbeit sowie Werkhöfe der Zukunft, am Mittwoch, 7. Juni, um Infrastrukturen der Zukunft und die Mobilitätswende. Am Donnerstag, 8. Juni, stehen E-Government und die digitale Verwaltung im Zentrum und am Freitag, 9. Juni, smarte Lösungen für Blaulichtorganisationen. Der Messeteil der Suisse Public SMART sowie das Konferenzprogramm vom Dienstag, 6. Juni, und Freitag, 9. Juni, ist im Eintritt der Suisse Public inbegriffen. Für den Konferenzteil vom Mittwoch, 7. Juni, und Donnerstag, 8. Juni, braucht es ein separates Konferenzticket. Darin inbegriffen sind neben dem Besuch der Konferenz und der Suisse Public auch ein Mittagessen sowie ein Apéro. «Wir wollen neue Wege aufzeigen, wie die Gemeinden vernetzt und smart ihre Infrastrukturen erneuern können. Dies gilt auch für die Digitalisierung von Verwaltungsdiensten.» Christopher Wehrli, Projektleiter Suisse Public SMART «Wir fokussieren an der SMART bewusst auf pragmatisch umsetzbare Lösungen, die auf Gemeinden zugeschnitten sind», sagt Projektleiter Christopher Wehrli. «Wir wollen neue Wege aufzeigen, wie die Gemeinden vernetzt und smart ihre Infrastrukturen erneuern können. Dies gilt auch für die Digitalisierung von Verwaltungsdiensten.» Das Interesse der Ausstellenden am neuen Format ist gross. «Die Messe wird wahrgenommen und ist bei zahlreichen Akteuren auf dem Radar», so Christopher Wehrli. Auch hier arbeitet die Zeit für das Thema, wie Messeleiter Christoph Lanz bemerkt. Eins ist sicher: Wenn 2026 die nächste Suisse Public stattfindet, werden sich die Innovationen bereits wieder weiterentwickelt haben. Nadja Sutter

Die digitale Entwicklung in den Gemeinden ist lanciert

Seit Anfang 2022 arbeitet auf nationaler Ebene die neue Organisation Digitale Verwaltung Schweiz (DVS), welche «die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltungen zwischen und innerhalb der drei Staatsebenen» fördern soll. Entstanden ist die neue Institution aus den beiden vorherigen Organisationen E-Government Schweiz und der Schweizerischen Informatikkonferenz (SIK). Fundamental dabei ist, dass alle drei Staatsebenen – Bund, Kantone und Gemeinden – die Ziele zusammen umsetzen. Auch der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) beteiligt sich an der DVS. Die Gemeinden sind wohl jene Staatsebene, die am engsten in Kontakt mit der Bevölkerung steht. Deshalb sind sie auch zentral, wenn es darum geht, Behördenleistungen künftig digital anbieten zu können. Die DVS unterstützt dies über konkrete Projekte. Gerade für gemeinsame nationale Dienstleistungen wie eine elektronische Identifikation E-ID kann dieser Ansatz den geforderten Mehrwert schaffen. Die wesentlichen Umsetzungsprojekte aber finden weit weg von Bundesbern in den Kantonen zusammen mit den Gemeinden statt. Der Kanton Aargau hat etwa zusammen mit seinen Gemeinden die Umsetzungsorganisation «fit4digital» gegründet, die sich der Digitalisierung von zentralen kantonalen und kommunalen Behördenleistungen annimmt. Finanziert wird die Organisation von Kanton und Gemeinden gemeinsam. Auch der Kanton Thurgau setzt auf dieses Modell und hat das Programm «Digitale Verwaltung Thurgau» lanciert. Beide kommunal-kantonalen Programme fokussieren auf zentrale Portallösungen, die in Zukunft Behördenleistungen unabhängig von der jeweiligen Staatsebene anbieten werden. Im Kanton Freiburg gibt es einen virtuellen E-Government-Schalter schon länger. Unterdessen kann man dort digitale Betreibungsregisterauszüge, Handelsregisterauszüge, Fischereipatente, Zivilstandsdokumente und anderes mehr beziehen. Andere Kantone wie Solothurn haben diese Lösung adaptiert. Die digitale Entwicklung ist auf Gemeindeebene – entgegen vielen Unkenrufen – lanciert und greift allmählich in der ganzen Schweiz um sich. Der SGV unterstützt diese Entwicklung aktiv. Über den Verein «Myni Gmeind» werden Projekte wie die «Digitale Dorfstrasse Adelboden» unterstützt. An monatlichen Erfahrungsaustausch-Veranstaltungen im Rahmen von einstündigen Videokonferenzen wird anhand von guten Beispielen und Lösungen in den Gemeinden voneinander gelernt; im Jahr 2022 konnten diese neu auch in der Romandie durchgeführt werden. Sehr erfolgreich war im Jahr 2022 auch der Grundkurs «Digital-Pionier», der unterstützt von Experten und Fachhochschulen digitale Grundkompetenzen vermittelt. Die drei durchgeführten Kurse wurden von der Gemeindeschreiberin ebenso wie vom Gemeindepräsidenten besucht. Für 2023 und die folgenden Jahre sind weitere Kurse geplant. Der SGV setzt alles daran, dass der Grundkurs «Digital-Pionier» seine Erfolgsgeschichte fortsetzt. Christoph Niederberger

Er weiss, was im Notfall zu tun ist

Bis die Sanität, die Feuerwehr oder die Polizei nach einem Notruf eintreffen, dauert es jeweils einige Minuten. Für die Betroffenen eine «gefühlte Ewigkeit», wie es Christian Randegger formuliert. Der Krisenmanager hat mehrere Apps entwickelt, die helfen, diese bange Zeit zu überbrücken. «Wir führen durch kritische Situationen, bis die Profis da sind», erklärt er. Seine Firma hat er nach der sogenannten Hilfsfrist benannt, an der sich Blaulichtorganisationen orientieren. Sie heisst 17minutes. Christian Randegger und seine Mitarbeitenden befassen sich nicht nur mit akuten Phasen. Sie widmen sich ebenso der Prävention sowie der Verarbeitung von Krisen. «Inzwischen werden zwar häufig Careteams eingesetzt», sagt er. «Irgendwann gehen aber auch diese wieder.» Der 59-Jährige hat viel Erfahrung im Umgang mit traurigen Ereignissen. Er war mehr als 20 Jahre lang als Pfarrer tätig. Als solcher wurde er unweigerlich mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Er begleitete beispielsweise Eltern, die ein Kleinkind verloren hatten. Er betreute Konfirmanden, die um einen verunfallten Kollegen trauerten. Und er war in einer Schulklasse präsent, nachdem sich ein Schüler das Leben genommen hatte. «Wenn einem die Worte fehlen, können Symbolhandlungen und Rituale wertvoll sein», sagt er. Christian Randegger half dabei, die Notfallseelsorge im Raum Winterthur aufzubauen. Er rückte aus, wenn ihn die Polizei alarmierte. Als Regionalleiter kümmerte er sich zudem um organisatorische Belange. Er bildete sich laufend weiter, vernetzte sich mit Experten aus Österreich sowie Deutschland und lancierte 2009 ein Notfall-Handbuch für den Schulbetrieb. «Ich stand der Schule immer nahe», erzählt er. Als Vater von vier Kindern bekam er viel vom Schulalltag mit . «Wenn etwas passiert, steht die Schule in der Verantwortung», stellt Christian Randegger klar. Lehrpersonen seien jedoch kaum darin geschult, schwere Krisen zu bewältigen. Inzwischen ist der Krisenkompass-Ordner in vielen Schulleiterbüros zu finden. Er ist online verfügbar und wird regelmässig um Themen wie Gewalt und Pornografie auf dem Handy, Stalking und Verdacht auf Extremismus und Radikalisierung ergänzt. Christian Randegger und sein Team haben den digitalen Wegweiser in diesem Jahr erweitert, damit er auch Gemeinden und Städten nützt. Corona hat ihn in seiner Arbeit bestärkt. «Die Gemeinden waren zum Teil zu wenig auf die Pandemie vorbereitet», sagt er. Milizbehörden seien in Krisen besonders herausgefordert, gibt der Experte zu bedenken. «Ihre Mitglieder engagieren sich meist in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl – sie können nicht alles wissen.» Die Pandemie hat Christian Randegger ebenfalls stark beansprucht. Er leitet in Winterthur die Fachstelle Stadtführungsstab. «Zu Beginn haben wir fast rund um die Uhr gearbeitet», erinnert er sich. «Einige Kollegen haben sich nicht mehr rasiert.» Der Krisenstab organisierte Anfang 2020 etwa die Verteilung von Schutzmaterial. Er befasste sich mit Fragen rund ums Homeoffice und mit Schutzkonzepten von städtischen Einrichtungen, diente allen Departementen als Anlaufstelle und beriet den Stadtrat. «Wir mussten uns laufend den neusten Erkenntnissen anpassen», sagt Christian Randegger, der dort Teilzeit arbeitet. Mittlerweile ist in Sachen Corona eine gewisse Routine eingekehrt. Der Stab beschäftigt sich wieder mit anderen Gefährdungen. Christian Randegger, der im Tösstal aufgewachsen ist, hätte Lehrer werden können wie andere Familienmitglieder auch. Er entschied sich, «wie mein Götti», für den Beruf des Pfarrers. Die grosse Bandbreite der Tätigkeiten hat ihn fasziniert, vom Kinderlager über die Predigt in der Kirche bis zur Erwachsenenbildung, von der Taufe am Anfang eines Lebens und der Seelsorge, wenn es Trauer zu verarbeiten und Abschied zu nehmen gilt. Heute bringt er seine Expertise auch in Hilfsprojekte ein. Er präsidiert den Verein Khaima , der sich in den Flüchtlingscamps und in einem Jugendgefängnis im Nordirak engagiert. Warum? «Weil es uns hier in der Schweiz so gut geht.» Es ist seine Art, etwas zu geben. Andere täten es mit Spendengeldern, mit Hilfsgütern, wieder andere engagierten sich für die Gesellschaft in Form von Miliztätigkeit. Mit drei weiteren Vorstandskollegen hat er sich kürzlich vor Ort ein Bild der karitativen Arbeit gemacht. «Ich bin beeindruckt von der grossen Offenheit und der Herzlichkeit unserer lokalen Partner», sagt er. Sie kümmern sich unter anderem um Mädchen und Frauen, die 2014 vom IS verschleppt und als Sklavinnen gedemütigt wurden. Sie unterstützen sie dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Christian Randegger hat auf seiner Reise aufwühlende Geschichten gehört. «Es war schockierend, aber auch ermutigend, wie dankbar diese Menschen sind für aufrichtige, konkrete Hilfe in traumapsychologischer Begleitung.» Er hat sich im Gebiet rund um Dohuk sicher gefühlt ‒ «bis auf eine Taxifahrt mit einem übermüdeten Fahrer». Erschreckt hat ihn, wie wenig auf den Umweltschutz geachtet wird. «Auf den Feldern liegen unzählige Plastiktüten herum. Das Bewusstsein und das Geld sind nicht da, um den Abfall zu entsorgen.» Christian Randegger zeigt auf seinem Tablet eindrückliche Bilder von seiner Reise. Man merkt, dass er gerne fotografiert. Seine Freizeit nutzt er zudem zum Tauchen. «In warmen Gewässern», wie er betont. Er verbringt gerne Zeit mit seiner Familie und Freunden, liest und schaut Filme. Er meide Risiken auch im Privatleben, sagt Christian Randegger. Er habe meist im Kopf, was alles passieren könnte. Das mache die Aktivitäten manchmal etwas weniger genussvoll. «Aber ich lebe sehr gut damit und bin mit Gesundheit, Glück und schönen Beziehungen gesegnet.» Informationen: www.khaima.ch www.krisenkompass.ch Eveline Rutz

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