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Impulse für eine nachhaltige Gemeindeentwicklung

Die Gemeinde Matzendorf (SO) steckt schon seit einigen Jahren in einem aufwendigen Ortsplanungsprozess. Das brennende Thema in der Gemeinde und Konfliktpunkt mit dem Amt für Raumplanung (ARP) des Kantons Solothurn: In Matzendorf gibt es kaum noch verfügbare Baulandreserven und Wohnraum. Die als Lösung geforderten Einzonungen sind jedoch nach Raumplanungsgesetz nicht mehr möglich. Im gemeinsamen Austausch mit dem ARP wuchs die Erkenntnis, dass die Zukunft einer Gemeinde nicht einzig vom Einzonen einiger Parzellen abhängen kann. Gemeinsam mit dem Kanton Solothurn lancierte die Gemeinde Matzendorf das Pilotprojekt «Zukunft Matzendorf». Ziel war es, das Themenspektrum zu erweitern, um Entwicklungsmöglichkeiten und -perspektiven über raumplanerische Themen hinaus zu erkennen. Begleitet und moderiert wurde der Prozess durch das Beratungsbüro Planval. Dieser Prozess umfasste zwei Phasen: Analyse und Massnahmenentwicklung. Als erster Schritt wurde mithilfe eines Nachhaltigkeits-Analysetools die Situation von Matzendorf umfassend analysiert. Daraus wurden zukunftsrelevante Herausforderungen von Matzendorf abgeleitet. Das angewandte Tool bot die Chance, den Blick für einen breiten Fächer an möglichen Entwicklungsthemen zu öffnen. In einem zweiten Schritt wurden die identifizierten Herausforderungen mit Expertinnen und Experten reflektiert. Mit den gewonnenen Erkenntnissen definierte eine Begleitgruppe mit Schlüsselpersonen aus Bevölkerung, Politik und Verwaltung zentrale Fragestellungen, zum Beispiel: Wie können bestehende Gebäude besser genutzt werden? Wie können ein gutes Zusammenleben und spontane Begegnungen gefördert werden? Wie kann eine breitere Gruppe von Personen stärker in die Gestaltung der Gemeinde einbezogen werden? Wie können lokale Unternehmen dabei unterstützt werden, Lehrstellen zu besetzen? In einer eintägigen Innovationswerkstatt diskutierten rund 60 Personen aus Matzendorf die Herausforderungen und entwickelten konkrete Lösungsvorschläge, zum Beispiel: ein Beratungsangebot für Grundeigentümerinnen und -eigentümer punkto Verdichtung, einen Jugendgemeinderat oder ein ganztägiges Kinderbetreuungsangebot. Die Innovationswerkstatt war ein grosser Erfolg, die Resonanz der Teilnehmenden, von Jugendlichen bis zu einem 80-Jährigen, äusserst positiv. So sagte die Teilnehmerin Lisa Leist dazu: «Die Innovationswerkstatt bot mir die Chance, mich und die Sichtweisen der jüngeren Generation einzubringen. Unterschiedliche Meinungen zu hören und gemeinsam Ideen für die Zukunft unserer Gemeinde zu entwickeln, war sehr spannend.» In einem abschliessenden Schritt erarbeitete die Begleitgruppe basierend auf den Lösungsvorschlägen aus der Innovationswerkstatt und den Experteninputs einen Katalog mit rund 40 Ideen für die Zukunft von Matzendorf. Die darin festgelegten Massnahmen priorisierte sie nach ihrer Umsetzbarkeit. Die Vorschläge bewegen sich in den Kategorien Raumentwicklung, Treffpunkte, Kommunikation, Milizsystem, Energie und Fachkräfte. «Die Innovationswerkstatt bot mir die Chance, mich und die Sichtweisen der jüngeren Generation einzubringen. Unterschiedliche Meinungen zu hören und gemeinsam Ideen für die Zukunft unserer Gemeinde zu entwickeln, war sehr spannend.» Lisa Leist, Einwohnerin von Matzendorf (SO) Im extern moderierten Prozess konnte zwischen Kanton und Gemeinde eine neue Ebene des Dialogs gefunden werden, was beide Seiten sehr schätzen. «Das Miteinander von Gemeinde, Bevölkerung, Kanton und externem Beratungsbüro war gewinnbringend. Nach intensiven Auseinandersetzungen haben wir mit dem Kanton eine gemeinsame Richtung eingeschlagen. Das freut mich sehr», sagt Marcel Allemann, Gemeindepräsident von Matzendorf. Die Ergebnisse des Projekts sind sehr erfreulich. Das ARP konnte zusammen mit Matzendorf wertvolle Schlüsse ziehen, die sich auf andere, ländliche Gemeinden übertragen lassen. Eine relevante Erkenntnis bezieht sich auf den Status und die Bedeutung des räumlichen Leitbilds. Inhaltlich sollte es offen, gesamtheitlich und politikübergreifend gestaltet werden. Gleichzeitig sollte es als anwendbares, kommunales Strategiedokument mit Hinweisen zu konkreten Massnahmen Impulse für die Gemeindeentwicklung ermöglichen. «Das Miteinander von Gemeinde, Bevölkerung, Kanton und externem Beratungsbüro war gewinnbringend. Nach intensiven Auseinandersetzungen haben wir mit dem Kanton eine gemeinsame Richtung eingeschlagen.» Marcel Allemann, Gemeindepräsident von Matzendorf (SO) Der Gemeinderat berät aktuell das weitere Vorgehen. Einige der Ideen können relativ einfach und zeitnah umgesetzt werden. So werden zum Beispiel gemeinsam mit dem im Projekt involvierten Naturpark Thal verschiedene regionale Massnahmen umgesetzt, um offene Lehrstellen bekannter zu machen. Andere Ideen müssen noch geschärft werden. Das Schaffen von Wohnraum, das Schaffen eines Treffpunkts und der stärkere Einbezug der jüngeren Generation ist aus Sicht des Gemeindepräsidenten für die Entwicklung von Matzendorf besonders wichtig. Treiber für die Zukunft von Gemeinden sind engagierte Menschen vor Ort, welche die Umsetzung geeigneter Massnahmen vorantreiben, andere ins Boot holen, Chancen erkennen und Spielräume nutzen. Ein grosses Engagement zeigte im Projekt «Zukunft Matzendorf» der Gemeindepräsident. Für die Umsetzung der erarbeiteten Massnahmenliste muss die Verantwortung zukünftig auf mehrere Schultern verteilt werden. Die Zusage vieler Teilnehmenden der Innovationswerkstatt, sich weiter auch an der Umsetzung zu beteiligen, stimmt daher zuversichtlich. Der Grundstein ist gelegt, um die Gemeindeentwicklung zukunftsorientiert voranzutreiben und in den jeweiligen, kommunalen Instrumenten zu verankern. So ist bereits ein weiterer öffentlicher Workshop geplant, um die Umsetzung weiter zu konkretisieren und so die Zukunft von Matzendorf gemeinsam zu gestalten. Weitere Informationen zum Projekt Simone Meyer, Valentin Burki, Marcel Allemann

Mumpf blickt zurück – dank der Digitalisierung

Kennen Sie Mumpf? Das Dorf im Kanton Aargau hat ungefähr 1500 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt rund 30 Kilometer östlich von Basel am Hochrhein, gleich an der Grenze zu Deutschland. Von Mumpf geht der Blick über den Rhein nach Bad Säckingen und in die Hügel des Schwarzwaldes. Bahnlinie und Autobahn führen durch das Dorf; die gute öV-Anbindung hat in den letzten Jahrzehnten viele Zuzüger angezogen. Der Verkehr spielt schon lange eine Rolle in Mumpf: Das Dorf war einst eine wichtige Pferdewechselstation auf der Strecke von Basel nach Brugg beziehungsweise Zürich und eine von vier Poststellen zwischen Basel und dem Bodensee. Bis zum frühen 19. Jahrhundert war Mumpf habsburgisch, bevor es 1803 zum Kanton Aargau und damit zur Eidgenossenschaft kam. Das Dorfrecht besitzt der Ort schon seit dem Mittelalter; ein Dokument mit der Erneuerung des Dorfrechts von 1535 zeugt davon. «Mumpf hat historisch einiges zu bieten», sagt Gerhard Trottmann. Der pensionierte Reallehrer und Wikipedia-Autor hat ein Buch zur Geschichte von Mumpf verfasst. Momentan arbeitet er daran, die Bädergeschichte des Dorfes genauer zu erforschen. Denn Mumpf war bis ins späte 20. Jahrhundert hinein auch ein Kurort. Nur: Viele Einwohnerinnen und Einwohner wissen wenig bis gar nichts über das reiche historische Erbe. Vor der Jahrtausendwende gab es einige Mumpfer, die das ändern wollen. Im Jahr 1999 wurde die Kulturkommission gegründet, welche die Jahreschronik «Mumpfer Fähri» ins Leben rief. Darin informierte sie nicht nur über Historisches, auch aktuelle Anlässe wie Schullager wurden beleuchtet. Bald entstand auch die Idee eines Dorfmuseums, das 2012 im alten Dreschschopf unter der Autobahnbrücke eröffnet wurde – eine Gruppe von 17 Mumpfern engagierte sich freiwillig dafür. «Das Zusammentragen der Ausstellungsgegenstände war ziemlich einfach», erinnert sich Gerhard Trottmann. «Wir haben einen Aufruf gemacht, und die Einwohnerinnen und Einwohner haben uns alte Gegenstände vorbeigebracht.» Und das waren nicht wenige: Im Museum sind auf zwei Etagen alte Werkzeuge, Karren, Körbe, Kleider, Fischereiutensilien, Schreibmaschinen, Uhren, Töpfe, Bilder und vieles mehr ausgestellt. Ein Prachtexemplar ist der alte, sorgfältig restaurierte Feuerwehrwagen. Oder die alte Bahnhofsuhr von Mumpf vom Ende des 19. Jahrhunderts. «Leider läuft sie nicht mehr», bedauert Gerhard Trottmann. 2018 feierte Mumpf das 800-jährige Bestehen mit einer Spezialausstellung. «Wir konnten so das Erbe weitertragen», erinnert sich Gerhard Trottmann. Es wurde aber auch klar: Um die Leute zu erreichen, braucht es moderne Mittel. Das zeigt sich auch im Museum, wo diverse Ausstellungsgegenstände mit einem QR-Code versehen sind. Wer diese mit dem Smartphone scannt, kann virtuelle Beschreibungen dazu lesen. Und auch das neuste Projekt ist rein digital: WikiMumpf, das Onlinelexikon zur Gemeinde. Als Wikipedia-Autor war die Idee für Gerhard Trottmann naheliegend. Gerade auch, weil die Chronik «Mumpfer Fähri» seit einigen Jahren nicht mehr gedruckt wird. «Es war uns ein Anliegen, einen Ersatz für die ‹Fähri› zu schaffen.» Seit Oktober 2021 ist WikiMumpf online. Betreut wird es von einem vierköpfigen Redaktionsteam, bestehend aus Gerhard Trottmann, der Historikerin Barbara Bolliger, der Lehrerin Doris Hänggi und Gemeindeschreiber Reto Hofer. Sie haben Artikel zu verschiedenen Themen und Personen aus der Geschichte Mumpfs zusammengetragen. Zum Beispiel zur Eisenbahn und zum Bahnhof, zur über die Dorfgrenzen hinaus bekannten Kunststickerin Mathilde Riede-Hurt oder zu archäologischen Funden aus Mumpf. Darüber hinaus sind historische Dokumente, Fotos, Ton- und sogar Filmaufnahmen auf der Plattform zu finden. Zum Beispiel zum Lachsfang um 1900 am unteren Hochrhein – ein Video, von dem Gerhard Trottmann nicht mehr sagen kann, wie es zum WikiMumpf-Team kam. Auch hier: Vieles wurde aus der Bevölkerung an die Redaktion herangetragen. Die Homepage hat das gleiche Layout wie jene der Gemeinde Mumpf. «Das war uns wichtig, damit die Zugehörigkeit gleich von Anfang an klar ist», sagt Gerhard Trottmann. Gemeindeschreiber Reto Hofer sei ein wichtiger Link zur Gemeinde, erste Ansprechperson und sehr engagiert. Das sei ein grosses Glück. Ein Heimwehmumpfer kümmert sich um die Gestaltung der Homepage. Gerhard Trottmann weiss, dass das Onlinelexikon von der ganzen Welt aus aufgerufen wird, auch von den USA, Kanada und Australien aus. Das seien teils Menschen, die von ausgewanderten Mumpfern abstammen. «Sie suchen nach ihren Vorfahren.» Und spätestens seit die SRF-Informationssendung «Echo der Zeit» über das Projekt berichtet hat, erhält Gerhard Trottmann auch aus der Umgebung viele Reaktionen. Ähnlich geht es der Mumpfer Gemeindepräsidentin Eveline Güntert. In der Gemeinde sei das Projekt sehr gut angekommen, weshalb sie auch einen finanziellen Beitrag zur Betreibung der Homepage leiste. «Mit WikiMumpf ist der Schatz des Dorfes digital für die Zukunft aufbewahrt.» Viele der alten Dokumente, die zuvor nur in Papierform existierten, sind nun digitalisiert. Auch das Wissen der älteren Personen gehe so nicht verloren, sagt Eveline Güntert. Die digitale Form sei zudem gerade auch für Jüngere spannend. Wer will, kann theoretisch auch selbst Beiträge für WikiMumpf verfassen, mittels eines Formulars. Diese Funktion werde aber nicht wirklich genutzt, sagt Gerhard Trottmann. Er macht sich keine Illusionen: «WikiMumpf ist wahrscheinlich nicht gerade die Tageslektüre der Mumpferinnen und Mumpfer.» Auch weil Mumpf heutzutage eine Gemeinde der Zugezogenen ist, die eher per Zufall in dem Dorf gelandet sind. «Aber es gibt Leute, die dann doch einmal ins Museum kommen und beginnen, sich zu interessieren – dann entstehen schöne Gespräche.» Informationen: www.wiki.mumpf.ch Nadja Sutter

«Wir sind auch eine Art Hofnarren»

Drei junge Frauen und Männer kurven an diesem trüben Herbstnachmittag auf einem laut knatternden alten Massey-Ferguson-Traktor über den Parkplatz des Kulturlokals «Bad Bonn» in Düdingen (FR). Auf der Terrasse des Lokals sind Verstärker aufgebaut, im Inneren sitzen ein junger Mann und eine junge Frau vor einem Laptop. Aus der Küche dringen Musik und Gelächter. Es ist einer der letzten Tage einer Künstlerresidenz im «Bad Bonn»: Einen Monat lang haben Künstlerinnen und Künstler aller möglichen Sparten das Kulturlokal belebt. «Sie haben eine Carte blanche und durften in diesem Monat machen, was sie wollten», sagt Daniel Fontana, Programmator und Mitgründer des «Bads Bonn», der nun am Tresen erschienen ist. «Sie haben vor allem viele Veranstaltungen organisiert – obwohl sie das nicht gemusst hätten.» Daniel Fontana, besser bekannt unter seinem Rufnamen «Duex», grüsst die Truppe in der Küche und führt dann in den oberen Stock, ins Büro des «Bads Bonn». Regale mit CDs und Ordnern säumen die Wände. Immer wieder mal kommt jemand während des Gesprächs ins Büro, fragt nach einem Kabel oder verabschiedet sich. Daniel Fontana scheint die lebendige Stimmung im «Bad Bonn» zu behagen. «Die Menschen sind das Wichtigste», sagt er während des Gesprächs immer wieder. «Die Begegnungen, die hier entstehen, sind das Schöne. Die Möglichkeit, verschiedene Milieus zusammenzubringen.» Im «Bad Bonn» hat Avantgarde-Techno genauso Platz wie die Metalband aus dem Nachbardorf. In den vergangenen 31 Jahren hat sich das Lokal in einem Weiler am Schiffenensee, 15 Minuten Fussmarsch vom Bahnhof Düdingen entfernt, zu einem Kultlokal gemausert. «Where the hell is Bad Bonn» – «Wo zur Hölle ist das Bad Bonn» war einst der Slogan des Lokals. Längst ist Düdingen aber ein Fixpunkt auf der Landkarte der Fans alternativer Musik, nicht zuletzt auch wegen des jährlichen Festivals, der «Kilbi», deren Tickets jeweils innert Minuten ausverkauft sind. «Die Begegnungen, die hier entstehen, sind das Schöne. Die Möglichkeit, verschiedene Milieus zusammenzubringen.» Daniel Fontana, Programmator «Bad Bonn» Programmator Daniel Fontana wurde diesen Herbst mit dem Spezialpreis Musik 2022 des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet. Der Preis sei eine schöne Anerkennung, sagt er, um gleich nachzuschieben: «Ich bin eigentlich gar nicht so ein grosser Musikkenner. Ich bin gut vernetzt, pflege viele Freundschaften und programmiere sehr emotional. Es muss menschlich stimmen.» Die Inhalte, mit denen dieses Haus gefüllt werde, seien schon immer das Wichtigste gewesen. 1991 begann das Abenteuer «Bad Bonn». Der Düdinger Daniel Fontana hatte zuvor mit Freunden bereits ein Lokal im Dorf geführt. Dann konnten sie das «Bad Bonn» übernehmen. Der Name verweist auf einen alten Kurort, der heute auf dem Grund des Schiffenensees liegt: Nach dem Bau der Schiffenensee-Staumauer ging er unter. «Als wir das Lokal übernahmen, hatten wir kein klar definiertes Ziel. Mehr aus Zufall begannen wir, Konzerte mit Metalbands aus der Region zu organisieren.» Das hat nicht allen gefallen, es kam zu Konflikten mit den Nachbarn. «Wir waren anfangs zu euphorisch und haben wenig Rücksicht genommen.» Die Betreiber isolierten das Haus und sind heute auf einen guten Austausch mit Nachbarn und auch der Gemeinde aus. «Vertrauen zu gewinnen, braucht Zeit. Uns ist es wichtig, verantwortungsvoll zu arbeiten und Abmachungen einzuhalten.» Die Gemeinde habe sich dafür eingesetzt, dass das Lokal finanzielle Unterstützung von der Agglomeration Freiburg erhält. Während das «Bad Bonn» als private Initiative startete, erhält es heute Fördergelder, eben von der Agglomeration Freiburg und auch von der Loterie Romande. Die Gemeinde Düdingen unterstützt das Lokal indirekt über ihre Mitgliedschaft bei der Agglomeration. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde sei gut, auch weil das «Bad Bonn» mittlerweile fest verankert sei, so Daniel Fontana. Er würde sich wünschen, dass ab und zu jemand aus dem Gemeinderat vorbeischaue. «Man muss keine Angst haben, wir sind sehr offen hier.» Der Düdinger Gemeindepräsident Urs Hauswirth gibt zu, nicht besonders oft im «Bad Bonn» zu sein. «Aber das Plakat mit dem aktuellen Programm hängt immer in meinem Büro», versichert er. Das «Bad Bonn» ergänze das Kulturangebot der Gemeinde, die mit dem «Podium» auch über einen grösseren Konzert- und Theatersaal verfügt, ideal. Zudem: «Das ‹Bad Bonn› hat Düdingen in gewissen Kreisen schweiz-, wenn nicht europaweit bekannt gemacht.» Auch wenn es am Anfang nicht immer einfach gewesen sei, so sei die Zusammenarbeit mittlerweile gut und das Lokal etabliert. Er freut sich über den Musikpreis für Daniel Fontana: «In meinen Augen ist das eine wichtige Anerkennung für ihn und sein Team, für ihren jahrzehntelangen Einsatz und ihren Kampf für Akzeptanz.» Das «Bad Bonn» habe in der Gemeinde das Bewusstsein dafür geschaffen, dass Kultur nicht nur die Trachtengruppe oder die Musikgesellschaft sei, sondern dass auch Neues entstehen könne. Urs Hauswirth bemerkt: «Wenn ein kleines Lokal grösser und bekannter wird und es immer mehr Leute besuchen, bringt das für die Gemeinde neue planerische Fragen mit sich.» Er verweist etwa auf den Verkehr. Denn zum «Bad Bonn» führt nur ein einspuriges Strässchen mit Markierung für Fussgänger. Mittelfristig sei ein Kiesweg für die Fussgängerinnen und Fussgänger geplant, auch weil das Gebiet rund um das «Bad Bonn» am Schiffenensee als Naherholungsgebiet immer wichtiger werde. Für den regulären städtischen Konzertgänger liegt das Lokal abgelegen. «Ins ‹Bad Bonn› zu kommen, ist ein bewusster Entscheid», sagt Daniel Fontana. Der Vorteil: Wenn die Leute einmal da sind, bleiben sie auch eher. Der Nachteil: Zufällige Laufkundschaft bleibt aus. «Es liegt an uns, auch einen schönen Abend zu haben, wenn einmal nicht so viel Publikum da ist.» Zumindest kommt genug Publikum, um das «Bad Bonn» schweizweit bekannt zu machen. Das Rezept dafür? Empathie, Wertschätzung, Vertrauen, die Menschen gern haben – so fasst es Daniel Fontana im Gespräch zusammen. Und ein grosses Interesse am aktuellen Kulturschaffen. «Der Rückblick interessiert mich nicht, ich bin nicht nostalgisch. Mich interessiert, was im Moment geschieht.» Dafür reist er immer wieder in die Städte, in andere Kulturlokale, hört Musik, tauscht sich aus – und macht so auch auf das «Bad Bonn» aufmerksam. Bestes Beispiel für diese Geisteshaltung: «Wir starten diesen Herbst eine Serie namens ‹Touring Club› mit einem Club aus Lausanne. In diesem Rahmen werden wir Veranstaltungen anderer Lokale in unserem Programm bewerben. Es ist wichtig, dass sich die Veranstalter gegenseitig unterstützen.» Daniel Fontana hält kurz inne und sagt dann: «Wir sind auch eine Art Hofnarren. Wir nehmen nicht alles so ernst, sondern machen es aus Leidenschaft.» Er spricht viel vom «Wir» – und meint damit nicht nur seinen langjährigen Mitstreiter Patrick Boschung, sondern auch alle anderen, die sich für das «Bad Bonn» einsetzen. «Ich wünsche mir, dass das ‹Bad Bonn› aus sich heraus wächst und ein Eigenleben entwickelt – egal, wer dort arbeitet. Wenn jemand einmal geht, sollte man das nicht merken.» Der Mittfünfziger denkt da auch an seine Nachfolge. Wie auch immer es weitergeht – das «Bad Bonn» hat sich seinen Platz auf der Kulturlandkarte definitiv gesichert. «Dank uns kennt man Düdingen vielleicht etwas besser – aber auch dank dem FC und dem Volleyballteam», sagt Daniel Fontana gewohnt bescheiden. Und: «Ich weiss, dass es Leute gibt, die wegen uns in Düdingen wohnen. Im eigenen Dorf einen Konzertsaal zu haben, ist nicht selbstverständlich.» Informationen: www.badbonn.ch Nadja Sutter

Altersvorsorge: Gerade Frauen sollten früh aktiv werden

Eine nicht seltene Situation: Kommt ein Kind zur Welt und arbeitet der Mann mit hohem Pensum weiter, unterbricht die Frau ihre Arbeitstätigkeit für Monate oder Jahre. Entsprechend fehlen ihr in dieser Zeit nebst dem Lohn auch Beiträge für die berufliche Vorsorge; denn nur wer entlöhnte Arbeit leistet, kann bei einer Pensionskasse mit Einzahlungen für das Alter vorsorgen. In der Schweiz sind besonders Frauen von Vorsorgelücken – und damit von tieferen Altersrenten – betroffen. Laut einer Studie des Bundes erhielten Frauen 2016 in der Schweiz durchschnittlich 37 Prozent weniger Rente als Männer. In der AHV lag das Rentengefälle bei nur rund 3 Prozent, was auf die in der 1. Säule vorgesehenen Kompensationsmassnahmen zurückzuführen ist. In der beruflichen Vorsorge (2. Säule) betrug die Rentendifferenz zwischen Frau und Mann – der sogenannte Gender Pension Gap – hingegen über 60 Prozent. Hauptgrund sind die unterschiedlichen Erwerbsbiografien. Frauen können während ihres Erwerbslebens oft weniger für die berufliche Vorsorge ansparen als Männer. Entsprechend steigt für sie das Armutsrisiko im Alter. Nebst dem Erwerbsunterbruch birgt auch die Teilzeitarbeit Vorsorgerisiken. Denn um bei einer Pensionskasse versichert zu sein, ist ein Jahreslohn von mindestens 21'510 Franken notwendig. Je nach Pensum und Lohn gelingt es nicht, diese Eintrittsschwelle zu erreichen. Zudem kann der Koordinationsabzug bewirken, dass der versicherte Lohn relativ gering ausfällt, was später eine tiefere Rente bedeutet: Vom Bruttojahreslohn werden gesetzlich vorgesehen nämlich 25'095 Franken abgezogen, um den versicherten Lohn zu berechnen. Auch eine Scheidung oder Trennung kann sich nachteilig auf die Altersvorsorge der Frau auswirken, etwa wenn die Kinderbetreuung vorwiegend bei ihr liegt, und sie deshalb nicht oder nur Teilzeit arbeiten kann. Gleiches gilt bei der unentgeltlichen Pflege von Angehörigen, wenn diese zum Unterbruch oder zur Reduktion der Erwerbstätigkeit führt. Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, in die Altersarmut abzurutschen, gilt es – unabhängig vom Geschlecht –, Vorsorgelücken zu vermeiden und Verbesserungsmöglichketen zu prüfen. Ein Gespräch mit Tanja Brunner, Abteilungsleiterin Gemeindeschreiberei der Einwohnergemeinde Spiez und Stiftungsrätin der Previs Vorsorge. Tanja Brunner: Es ist gerade bei erwerbstätigen Elternpaaren ein Thema. Sie haben beispielsweise mit der Herausforderung zu kämpfen, dass für sie bei Teilzeitarbeit oft der volle Koordinationsabzug zum Tragen kommt und damit der versicherte Lohn und die Rente reduziert werden. Oder je nachdem liegt bei Teilzeit die Eintrittsschwelle für die Pensionskasse zu hoch. Ganz grundsätzlich empfehle ich, sich eigenverantwortlich und möglichst frühzeitig Gedanken zur Altersvorsorge zu machen. Man kann nur Weichen stellen, wenn man noch die Möglichkeit dazu hat. Im Alter ist es oft zu spät, um Vorsorgelücken zu schliessen. Ganz zentral ist, dass man selber aktiv wird! Das Thema Vorsorge und allfällige Verbesserungsmöglichkeiten sollte man auch mit dem Arbeitgebenden besprechen können. Hat man beispielsweise zwei verschiedene Teilzeitstellen, lohnt es sich abzuklären, ob man sich über die Pensionskasse bei nur einem der beiden Arbeitgebenden versichern kann. Damit lässt sich vermeiden, dass der Koordinationsabzug zweimal zur Anwendung kommt. Oder das Zusammenrechnen der Löhne ermöglicht es überhaupt erst, die Eintrittsschwelle für die berufliche Vorsorge zu überwinden. Und natürlich gilt es immer darauf zu achten, dass man wenn möglich auch für die private Vorsorge sparen kann. «Ganz grundsätzlich empfehle ich, sich eigenverantwortlich und möglichst frühzeitig Gedanken zur Altersvorsorge zu machen. Man kann nur Weichen stellen, wenn man noch die Möglichkeit dazu hat.» Tanja Brunner, Abteilungsleiterin Gemeindeschreiberei Einwohnergemeinde Spiez; Stiftungsrätin Previs Vorsorge In Zeiten des Fachkräftemangels sind attraktive Arbeitsbedingungen besonders wichtig – dazu zählt auch die berufliche Vorsorge. Aus meiner Sicht gibt es für Arbeitgebende verschiedene Ansätze. Beispielsweise können sie den Koordinationsabzug abhängig vom Anstellungsgrad ausgestalten. So handhabt es etwa meine Arbeitgeberin, die Einwohnergemeinde Spiez. Arbeitgebende können für gute Sparpläne sorgen oder die Eintrittsschwelle senken, auch wenn sie das natürlich ebenfalls etwas kostet. Wichtig scheinen mir zudem Arbeitsbedingungen, die mit Betreuungsaufgaben vereinbar sind. Dazu gehört zum Beispiel, dass auch in Kaderpositionen eine Teilzeitarbeit möglich ist – gerade auch für Männer, was mehr Spielraum gibt für Mütter, die arbeiten wollen. Und natürlich ist die Lohngleichheit von Mann und Frau zentral, um die berufliche Vorsorge von Frauen zu verbessern. Schliesslich haben Arbeitgebende immer die Möglichkeit, ihre Mitarbeitenden aktiv für die Altersvorsorge zu sensibilisieren. Dazu können Pensionskassen ebenfalls einen Beitrag leisten, indem sie den Arbeitgebenden die Bedeutung des Themas aufzeigen und sie unterstützen und beraten. Weitere Informationen sowie Tipps und Empfehlungen rund um das Thema Frauen und Vorsorge finden Sie unter www.previs.ch/frauen Kaspar Abplanalp

So gelingt die Integration in den Schulen

Der Sport, speziell Fussball, wird oft als Spiegel der Gesellschaft betrachtet. Wenn es im Fussball klappt, müsste es folglich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen klappen. In der Politik etwa oder in den Schulen. Zum Beispiel bei der Integration von Spielern mit Migrationshintergrund in ein Team. Dies hat im Fussball unzweifelhaft geklappt. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft war noch nie so erfolgreich wie in den letzten Jahren. Und noch nie waren im Team so viele Spieler mit Migrationshintergrund vertreten wie heute: Von der 24-köpfigen Truppe und dem Trainer haben nur zehn keinen sogenannten Migrationshintergrund. Noch nie hat sich Trainer Murat Yakin darüber beklagt, dass es in seinem Team zu viele Spieler mit Migrationshintergrund gebe und dass zu viele Sprachen gesprochen würden: «Wir verstehen uns problemlos. Bei allfälligen Verständigungsproblemen gibt es immer einen Spieler, der aushelfen kann. Und jeder versteht Fussball.» Das hiesse also, es kann eigentlich nicht genug Vielfältigkeit geben: Je diverser, desto besser. Ein Modell auch für die Schulen? Rechte Politiker möchten da lieber Grenzen ziehen. Die Kinder von in der Schweiz geborenen Eltern seien in den Schulen bereits in der Minderheit, klagt die SVP. In Europa verzeichne die Schweiz, abgesehen von Luxemburg, den höchsten Anteil von Schulkindern mit ausländischen Wurzeln. Da stosse die Integrationsarbeit an ihre Grenzen. Gerade die Schulen mit der grössten Diversität sehen diese Probleme allerdings nicht. Schon vor vier Jahren wehrte sich die aargauische Schule Neuenhof vehement gegen Vorurteile bezüglich der Integration: «Die schulischen und sozialen Probleme der Jugendlichen haben nichts mit der Herkunft zu tun», sagte Schulleiter Simon Wullschleger. «Entscheidend für den Erfolg ist eher die Frage, ob die Kinder durch Sprachförderung oder ein interessiertes Elternhaus unterstützt werden.» «Das Zusammensein der verschiedenen Kulturen führt automatisch zur Integration», betonte er: «Wir haben aufgrund des höheren Migrationsanteils nicht mehr Probleme als andere Schulen.» Wullschleger weiss, wovon der spricht: Der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in der Schule Neuenhof beträgt seit Jahren rund 80 Prozent. Gesprochen werden um die 40 Sprachen. «Diese vor vier Jahren gemachten Aussagen gelten auch heute noch», sagt die Neuenhofer Gesamtschulleiterin Renate Baschek. In Bezug auf die grundlegende Situation habe sich bis heute nichts Wesentliches verändert. Das «Multikulti» an der Schule Neuenhof sei weiterhin eine Qualität und keine Last. Doch die Anzahl an Schülerinnen und Schülern mit sozialen Schwierigkeiten und Problemen, sich anzupassen, habe zugenommen. Dies unabhängig von der Herkunft. Um die Integration zusätzlich zu fördern, hat die Schule die interne Fachstelle Integration geschaffen, die unter anderem ein Dolmetschernetz aufgebaut hat. Dies ist besonders wertvoll, weil Fragen etwa zum Schulsystem früh geklärt werden können. Des Weiteren werden Deutschkurse angeboten. Das «Café International» bietet allen Eltern aus fremden Kulturen zusätzlich die Möglichkeit, sich unkompliziert zu treffen und sich offen zu verschiedenen Themen auszutauschen. «Die Sprachkenntnisse spielen dabei keine Rolle, es geht vielmehr um den emotionalen Wert des Zusammenseins und darum, Vertrauen in die Schweizer Schule zu gewinnen», betont Renate Baschek. «Im ‹Café International› spielen die Sprachkenntnisse der Eltern keine Rolle, es geht vielmehr darum, Vertrauen in die Schweizer Schule zu gewinnen.» Renate Baschek, Gesamtschulleiterin Schule Neuenhof Die Schulleiterin würde es begrüssen, wenn noch zusätzliche Mittel in die Frühförderung fliessen würden. So wie beispielsweise in Basel, wo gewisse Kurse vor Schulantritt obligatorisch sind. Die basellandschaftliche Schule Bottmingen führt keine Statistiken bezüglich der Integration. «Auch wir kennen an unserer Schule aber ebenfalls keine Probleme mit dieser Thematik», sagt Colette Knecht von der Schulleitung der Schule Bottmingen. Der Vorteil: Im Kanton Basel-Landschaft werden viele Integrationsfragen auf Kantonsebene angepackt. So ist die interkulturelle Pädagogik ein integrativer Bestandteil der Volksschule. Ziel dieser Pädagogik ist es, die in der Schweiz lebenden Mehr- und Minderheiten zu berücksichtigen und ein respektvolles Zusammenleben zu fördern. Diese Pädagogik leiste einen Beitrag dazu, dass Anderssein anerkannt, Diskriminierung abgebaut, der respektvolle Umgang miteinander und Gleichberechtigung ermöglicht würden, heisst es auf der Homepage des Kantons. Konkret geschieht dies mittels Fremdsprachenintegrationsklassen oder Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur. Schülerinnen und Schüler mit ungenügenden oder fehlenden Deutschkenntnissen haben Anspruch auf den Besuch eines Förderangebotes für Fremdsprachige. Auch viele andere Kantone leisten einen beachtlichen Aufwand, die in der Schweiz lebenden Mehr- und Minderheiten zu integrieren und ein respektvolles Zusammenleben zu fördern. Der bevölkerungsreichste Kanton Zürich kennt spezielle Subventionen für Schulen, die einen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von mehr als 40 Prozent aufweisen. Im Behördenjargon spricht man hier von Quims-Schulen (Qualität in multikulturellen Schulen). Deren Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren zunächst stark gestiegen, in den letzten Jahren aber wieder leicht zurückgegangen. Laut Marion Völger, Leiterin des kantonalen Volksschulamts, bedeutet das nicht, dass in Zürich und der übrigen Schweiz Parallelgesellschaften entstehen. Im Gegenteil: «Die Aufteilung der Gesellschaft hat in den letzten Jahren abgenommen.» Nach dem neuen Zürcher Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) sind die Gemeinden aufgefordert, Strukturen zu schaffen, die die Teilnahme von neuzuziehenden Ausländerinnen und Ausländern am gesellschaftlichen Leben ermöglichen und fördern. In einem Interview mit der Zeitschrift «Wir Eltern» bestätigt auch die Winterthurer Primar- und Religionslehrerin Magdalena Denzler, dass trotz der Tatsache, dass sie in Klassen mit bis zu 70 Prozent Ausländeranteil unterrichte, nur selten Integrationsprobleme aufgetreten seien: «Wenn wir uns offen und mit Respekt gegenüber der Kultur und der Religion der anderen zeigen, öffnen sich auch die Eltern von Schülern anderer Herkunft unserem Kulturerbe gegenüber.» Man müsse Respekt zeigen, ohne die eigene Kultur zu verleugnen. Fredy Gilgen

Berner Gemeinden packen Gewaltprävention gemeinsam an

Einem jungen Mann wird wegen seiner dunklen Hautfarbe der Einlass in eine Disco verweigert. Eine Familie erhält eine Wohnung nicht, weil sie aus dem Ausland stammt. Eine Jugendgruppe trifft sich regelmässig auf einem öffentlichen Platz, es kommt zu einem Nutzungskonflikt mit verärgerten Anwohnenden. Eine Frau wird von einem Nachbarn rassistisch beschimpft. Das sind alles fiktive Beispiele, die aber so oder ähnlich bei der Beratungs- und Informationsstelle gggfon landen könnten. Die Abkürzung steht für «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus», «fon» verweist auf die Hotline, als die das gggfon bei seiner Gründung im Jahr 2000 ursprünglich angedacht war. Heute spielen Telefonnummer und Mailadresse für die Meldung rassistischer Vorfälle oder von Konflikten im öffentlichen Raum noch immer eine wichtige Rolle. Hinzu kommen eine umfassende Beratung, Sensibilisierungsarbeit, Workshops, Kurse, die Moderation von runden Tischen für Behörden, Vereine und Schulen, Mediationen und weitere Angebote. Rund 40 Gemeinden aus dem Grossraum Bern, Burgdorf und Biel tragen das Projekt gemeinsam und können kostenlos und niederschwellig von den Beratungsdienstleistungen Gebrauch machen, wie Giorgio Andreoli erklärt, Leiter der Fachstelle und seit der Gründung mit dabei. Das gggfon geht auf eine Initiative aus Münchenbuchsee zurück. Es war im Frühling des Jahres 2000, als in der Berner Gemeinde eine Naziskin-Gruppe mehrere Übergriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund verübte. Andere Jugendgruppen trafen sich auf dem Bahnhofplatz, was zu Nutzungskonflikten mit Anwohnenden führte. «Die Stimmung war angespannt», beschreibt Giorgio Andreoli die Situation. Und nicht nur in Münchenbuchsee: Am 1. August störten Rechtsextreme die Bundesfeier auf dem Rütli, im Nationalrat gab es einen Vorstoss zum Thema Rechtsextremismus und Rassismus. Die Gemeinde Münchenbuchsee fragte Giorgio Andreoli an, ein Konzept zu entwickeln. So entstand die Idee der Hotline gggfon. «Wir wollten möglichst nahe an der Bevölkerung sein und ein möglichst einfaches Angebot auf die Beine stellen.» Ziel sei es nicht nur gewesen, dass Betroffene Vorfälle melden konnten, sondern auch in der Bevölkerung Zivilcourage aufzubauen. Die Meldungen beim gggfon erlaubten es, auf mehrere Vorfälle zu reagieren und Verbesserungen zu erzielen. «Wir wollten möglichst nahe an der Bevölkerung sein und ein möglichst einfaches Angebot auf die Beine stellen.» Giorgio Andreoli, Leiter gggfon «Wir haben aber bald gemerkt, dass die Problematik an den Gemeindegrenzen nicht haltmacht», erzählt Giorgio Andreoli. Bald gingen Meldungen aus anderen Gemeinden beim gggfon ein. 2002 wurde das gggfon deshalb regionalisiert. 25 der 26 Mitgliedergemeinden des damaligen Vereins Region Bern, der heutigen Regionalkonferenz Bern Mittelland, schlossen sich an. Als 2015 das neue Integrationsgesetz des Kantons Bern in Kraft trat, erhielt das gggfon einen kantonalen Auftrag mittels einer Leistungsvereinbarung zur Beratung von Privatpersonen. Heute funktioniert die Trägerschaft der 40 Mitgliedergemeinden losgelöst von der Regionalkonferenz Bern Mittelland. Die Projektleitung liegt beim Verein für soziale und kulturelle Arbeit Bern (Juko); Sitzgemeinde des gggfon ist Meikirch, die unter anderem das Sekretariat führt. Lela Gautschi Siegrist ist Vizegemeindepräsidentin von Meikirch und Vorsitzende der Begleitgruppe des gggfon. In der Begleitgruppe sitzen verschiedene Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertreter. «Das Bewusstsein und die Unterstützung der Politik für das gggfon sind sehr gross, und zwar in sämtlichen politischen Lagern», sagt sie. Die Gemeinden schliessen jeweils für vier Jahre eine Leistungsvereinbarung mit dem gggfon ab. «Alle vier Jahre verpflichten sich also rund 40 Gemeinden in der Region Bern bewusst, sich gegen Gewalt und Rassismus einzusetzen.» «Das Bewusstsein und die Unterstützung der Politik für das gggfon sind sehr gross, und zwar in sämtlichen politischen Lagern.» Lela Gautschi Siegrist, Vizegemeindepräsidentin Meikirch und Vorsitzende der Begleitgruppe gggfon Sie ist überzeugt, dass das gggfon bei der Sensibilisierung für Gewalt- und Rassismusproblematiken einen starken Beitrag leistet, bei den Behördenmitgliedern, in den Verwaltungen, aber auch in der Bevölkerung. «Das Angebot ist sehr niederschwellig.» Wenn es zum Beispiel an einer Schule ein Problem mit Mobbing gebe, so sei der Kontakt zum gggfon für eine Beratung rasch hergestellt. Auch Giorgio Andreoli schätzt die Rolle der Gemeinden für die Sensibilisierung sehr hoch ein. Der Kampf gegen den Rassismus sei ein Prozess, bei dem die ganze Bevölkerung miteinbezogen werden müsse und der Zeit brauche. «Es geht nicht nur um strukturelle Veränderungen. Es geht darum, dass sich im Kopf und in den Herzen der Menschen etwas ändert.» Die Themen, mit denen die Menschen an das gggfon gelangen, sind heute breit gelagert. Die Beratungs- und Informationsstelle pflegt enge Beziehungen zu Sozialdiensten, weiteren Institutionen und Fachstellen. «Im Bereich Gewalt gegen Frauen beispielsweise gibt es spezialisiertere Stellen als uns. Wenn wir Anfragen zu dem Thema erhalten, verweisen wir die Menschen weiter und versuchen, sie so weit zu begleiten, dass die Kontaktaufnahme dann auch tatsächlich stattfindet», sagt Giorgio Andreoli. Denn gerade bei Fällen häuslicher Gewalt brauche es für die Betroffenen viel Mut, um sich Hilfe zu holen. Jedes Jahr macht das gggfon eine Auswertung der Meldungen. Diese ermöglicht es, Tendenzen frühzeitig zu erkennen. «Wir beobachten zum Beispiel seit rund vier Jahren, dass der Rechtsextremismus wieder zunimmt», sagt Giorgio Andreoli. Das ginge aus Meldungen von Bürgerinnen und Bürgern, Eltern und Schulen hervor. Dieses Monitoring erlaube es, frühzeitig zu reagieren und Projekte auf die Beine zu stellen. «Das gggfon ist mittlerweile etabliert. Die Leute wissen, wo sie sich melden müssen, und tun das auch», sagt Giorgio Andreoli. Das zeige sich unter anderem daran, dass im Kanton Bern mehr Vorfälle gemeldet werden als in anderen Kantonen. Informationen: www.gggfon.ch Nadja Sutter

Gute Betreuung im Alter für alle ist machbar

Der Handlungsbedarf in der Betreuung im Alter zeichnet sich immer deutlicher ab. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden im Jahr 2050 doppelt so viele über 80-Jährige in der Schweiz leben als heute. Jeder zehnte Einwohnende wird über 80 Jahre alt sein. Damit nimmt auch die Zahl jener stark zu, die eine psychosoziale Betreuung benötigen, um möglichst lange selbstständig ihren Alltag zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Schon heute ist der Bedarf an zusätzlicher Betreuung gross. Potenziell fehlt es mehr als 620’000 Menschen über 65 Jahren an Unterstützung. Dies belegt die von BSS Volkswirtschaftliche Beratung erarbeitete Studie «Gute Betreuung im Alter – Kosten und Finanzierung». Es fehlen 20 Millionen Betreuungsstunden. Dies entspricht einem Gegenwert von 0,8 bis 1,6 Milliarden Franken. Gute Betreuung lässt sich bedarfsgerecht für alle älteren Menschen in der Schweiz finanzieren. Die von der Paul Schiller Stiftung publizierte Studie zeigt mehrere Modelle auf. Eine Möglichkeit ist ein Betreuungsgeld, das Stundenkontingente für Menschen mit Betreuungsbedarf vorsieht – und so die finanzielle Belastung für die Betroffenen reduziert. Und zwar unabhängig davon, ob jemand zu Hause oder in einem Heim lebt. Zudem finanziert das Modell den Ausbau und die Qualitätssicherung des Betreuungsangebots und stärkt die aufsuchende Arbeit. So erhalten auch ältere Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln Zugang zu qualitativ guten Betreuungsleistungen und können möglichst lange selbstständig, eigenbestimmt und mitten in der Gesellschaft leben. Mit dem skizzierten Finanzierungsmodell können die heutigen Lücken geschlossen werden. Aus volkswirtschaftlicher Sicht besonders wichtig ist auch der Aspekt der Entlastung der betreuenden Angehörigen durch gute, zugängliche Betreuungsangebote. So bleibt die Begleitung der Eltern und Schwiegereltern vereinbar mit dem beruflichen Engagement – das bei den immer noch überdurchschnittlich in Betreuung engagierten Frauen heute oft deutlich höher liegt als früher. Dass wir diese Vereinbarkeit sicherstellen, wird in den nächsten Jahrzehnten genauso wichtig sein, wie es die Bemühungen zur Vereinbarkeit von Kindern und Beruf in den vergangenen Jahrzehnten waren. Zahlreiche Schweizer Gemeinden verfügen über wertvolles Wissen und Erfahrungen im Bereich gute Betreuung im Alter. Die Paul Schiller Stiftung will die im «Wegweiser für gute Betreuung im Alter» und in der Studie «Kosten und Finanzierung für eine gute Betreuung im Alter in der Schweiz» publizierten Erkenntnisse mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik, Verwaltung und Fachwelt vor Ort prüfen und weiter vertiefen. Den Anfang für diese Reihe von sogenannten Stadtgesprächen haben Thalwil und St. Gallen gemacht: Lokale Fachpersonen haben über bestehende Lücken in der Betreuung und mögliche Lösungen diskutiert. Dabei zeigte sich, dass Gemeinden heute schon Möglichkeiten haben, die Betreuung älterer Menschen zu verbessern: Bedürfnisse der älteren Menschen und von deren Angehörigen für eine gute Betreuung im Alter klären Bedarf an Betreuungsleistungen und Kreis der Anbieter bestimmen Abklärungsinstrument erarbeiten und Anlaufstelle definieren Form des Betreuungsanspruchs festlegen (Geld, Zeitgutschrift, Leistungsgutschrift) Tarifierung konkretisieren: Leistungen und deren Kosten müssen definiert werden Finanzierung der Betreuungsleistungen sicherstellen («Restfinanzierung») Aufsuchende Soziale Arbeit fördern, um vulnerable ältere Menschen zu erreichen Klar ist: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Wenn die Schweiz nichts tut, droht eine Unterversorgung für diejenigen älteren Menschen, die Betreuung benötigen. Herbert Bühl, Präsident der Paul Schiller Stiftung, warnt vor den Folgen: «Wenn die richtige Unterstützung fehlt, laufen ältere Menschen Gefahr, zu vereinsamen sowie zu verwahrlosen, und ihre Gesundheit leidet. Sie müssen vermehrt notfallmässig ins Spital, oder es kommt zu vermeidbaren Heimeintritten.» Informationen: www.gutaltern.ch Maja Nagel Dettling

Ein autonomes Leben auch im hohen Alter

Rosette Pasche stellt einen Topf mit einer Fuchsia wieder gerade hin, nachdem ihn der Wind umgeblasen hat. Dann giesst sie sorgfältig die anderen Pflanzen auf ihrem Balkon und zupft da und dort ein welkes Blatt weg. Rosa Nelken, bunte Stiefmütterchen, Papyrus, aber auch Basilikum und Schnittlauch: Rosette Pasche hat einen grünen Daumen. Es war ihr wichtig, in ihrer neuen Wohnung genug Platz zu haben, um ihrer Leidenschaft weiterhin nachzugehen. Diesen Herbst feiert sie ihren 90. Geburtstag. Und es wird ein Jahr her sein, dass sie aus ihrem grossen Haus in Lavey gezogen ist, wo sie geboren wurde und ihr ganzes Leben verbracht hat. «Noch vor einem Jahr habe ich dort meinen Gemüsegarten gepflegt.» Nach Jahrzehnten des Glücks mit ihrem Ehemann wurde Rosette Pasche vor elf Jahren zur Witwe. «Wenn man plötzlich alleine ist, ist das nicht so einfach», sagt sie. Das Haus und der grosse Garten brauchten viel Arbeit. Das wurde ihr im Laufe der Jahre zu viel. Deshalb hat sie beschlossen, in eine Wohnung der betreuten Wohnsiedlung «Les Barmottes» zu ziehen. «Ich habe diese Entscheidung ganz alleine getroffen. Das war ein grosser Schritt. Aber ich bereue ihn wirklich nicht.» In ihrer Wohnung in Bex (VD) ist sie auf bekanntem Terrain, denn sie kennt den Ort von ihrer Arbeit und ihrer Tätigkeit in Vereinen. Sie schätzt die Lage ihres Wohnhauses, denn von dort kann sie zu Fuss einkaufen, ins Dorfzentrum und zum Bahnhof gehen. Gleichzeitig hat sie eine schöne Sicht auf die Berge. Rosette Pasche liebt es zu spazieren und findet viele schöne Routen in der Umgebung. Zum Beispiel in den Weinbergen, die sie vom Fenster aus sieht. «Ich beklage mich nicht, ich habe noch meinen Kopf und meine Beine», wirft sie ein. Die Waadtländerin war zeitlebens sehr sportlich: Sie wanderte, fuhr Ski und schwamm. Sogar mit über 80 Jahren turnte sie noch. Rosette Pasche kocht sich jeden Tag selbst ihre Mahlzeiten. Allerdings schafft sie es wegen ihrer Arthrose nicht mehr, all ihren handwerklichen Hobbys von früher nachzugehen, so etwa der Töpferei, Knüpfarbeiten, dem Sticken oder Mosaiklegen. Aus ihrem Haus hat sie zahlreiche Schätze mitgebracht, die von ihrer Kreativität zeugen und wertvolle Erinnerungen enthalten: eine mit Wiesenblumen bestickte Tischdecke, mit Baumblättern bemalte Servietten, einen mit Muscheln verzierten Untersetzer. Und an der Wand hängt ein Wandteppich mit tapferen Pferden, an dem sie mehrere Jahre gearbeitet hat. Natürlich hat sie nur einen Teil ihres alten Haushalts mit in die neue Wohnung nehmen können. «Wenn man in einem grossen Haus wohnt mit viel Platz, hat man die Tendenz, unnütze Dinge anzuhäufen. Mit fünfmal weniger als zuvor habe ich immer noch mehr als genug.» Das Wichtigste ist für sie sowieso, die Kontakte zu ihrer Familie und ihren Freunden zu pflegen: ihre Nichten und Neffen oder die ehemaligen Nachbarn aus Lavey zu besuchen, an den Ausflügen des Bäuerinnenverbands aus der Region teilzunehmen oder mit den Freundinnen aus ihrer alten Turngruppe essen zu gehen. Rosette Pasche ist sehr unabhängig und hofft, noch lange in ihrer Wohnung bleiben zu können, statt in ein Pflegeheim zu müssen. «In meinem Alter will ich nicht mehr 36-mal umziehen. Hier fühle ich mich gut und aufgehoben. Es ist gemütlich und gut eingerichtet.» So sei zum Beispiel die Dusche gross und auch mit dem Rollstuhl befahrbar, wenn dies eines Tages nötig sein sollte. Momentan hat Rosette Pasche aber noch viel Energie. Wenn sie nichts zu tragen hat, lässt sie den Lift links liegen und nimmt die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock. «Es sind 32 Stufen, ich habe sie gezählt», lacht sie mit einem Funkeln in ihren klaren Augen. Martine Salomon

Gemeinsam essen im Alter stärkt die Gesundheit

Nachdem ihr Mann gestorben war, mochte Rosa Schmid (Name geändert) nicht allein am Tisch essen. So ass sie nicht selten direkt aus der Pfanne, am Herd stehend und ohne richtigen Appetit. Nach einigen Wochen bemerkte sie, dass sie oft müde und nicht mehr so fit wie früher war, und bald wurde ihr klar, dass diese Veränderung mit ihrer Art zu essen zusammenhing. Deshalb nahm Frau Schmid, nachdem sie in ihrer Gemeinde einen Aufruf zur Gründung einer Tavolata gesehen hatte, an der allerersten Infoveranstaltung von Tavolata teil. Dies war im Jahr 2010. Zurück zu Hause, lud sie umgehend einige alleinstehende Personen aus der Nachbarschaft zum Spaghettiessen ein. Ihre Tischgemeinschaft besteht mittlerweile seit zwölf Jahren. Sie sagt: «Tavolata war das Beste, was mir passieren konnte.» Solche Geschichten weiss Daniela Specht, Leiterin der Geschäftsstelle von Tavolata und Koordinatorin der Tischgemeinschaften in der Deutschschweiz, zuhauf zu erzählen. Eine gesunde Ernährung beeinflusst die Gesundheit, Mobilität und Lebensqualität von älteren Menschen. Gerade Gemeinden können einen wichtigen Impuls setzen, wenn sie die Eigeninitiative fördern. Tavolata, aus dem Italienischen für «Tafelrunde», ist ein Projekt des Migros-Kulturprozents und damit Teil des gesellschaftlichen Engagements der Migros-Gruppe. Die Idee dahinter: Initiative, meist ältere Menschen gründen eine Tischrunde, und interessierte Personen schliessen sich der Runde an, um zusammen ausgewogen und genussvoll zu essen. Anregungen für schmackhafte, gesunde Mahlzeiten und deren Zubereitung erhalten sie über das Projektteam von Tavolata. Diese stützen sich auf die schweizerischen Ernährungsempfehlungen . Inspiration bieten darüber hinaus die zweimal jährlich erscheinende Tavolata-Zeitung «Bon Appétit» oder die regelmässig stattfindenden Online-Veranstaltungen unter dem Titel «Amuse bouche». Das Tavolata-Team unterstützt bei der Gründung und beim Erhalt von Tischgemeinschaften oder bei der Suche nach neuen Mitgliedern und vermittelt Interessierte an bestehende oder neu gegründete Gruppen. Bei der Organisation ihrer Treffen sind die Tischgemeinschaften weitgehend frei. Ob selbst gekocht wird oder nicht und, falls ja, gemeinsam oder abwechselnd, steht der Gruppe frei. Voraussetzung ist einzig die Bereitschaft, sich regelmässig an einem öffentlichen oder privaten Ort zu treffen. Als verbindlich gelten ausserdem sieben einfache Spielregeln , etwa dass Arbeiten und Kosten geteilt oder Geben und Nehmen ausgeglichen sind. Die meisten Menschen wollen geistig und körperlich leistungsfähig bleiben, um möglichst lange selbstständig zu Hause zu leben. Hier sind auch die Gemeinden gefordert. Sie nehmen eine wichtige Rolle ein, schaffen Rahmenbedingungen, koordinieren, vernetzen und informieren. Gemeinschaftliches Kochen und Mahlzeiten in Gesellschaft sind von wesentlicher Bedeutung, weil sie die Freude und den Genuss am Essen fördern. Im Alter verringern sich bei vielen Menschen die sozialen Kontakte. Neben den körperlichen Veränderungen im Alter kann auch Einsamkeit zu Appetitverlust führen und Mangelernährung begünstigen. Eine ausgewogene und genussvolle Ernährung ist darum gerade im Alter wichtig. Sie hilft, die Muskelmasse zu erhalten und mobiler und unabhängiger zu bleiben. Die Prävention von Diabetes, bestimmten Krebsarten sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist ein weiterer Effekt. Wer regionale Tavolatas fördert, trägt dazu bei, die Gesundheit, Lebensqualität und Autonomie der älteren Wohnbevölkerung zu stärken und damit die Attraktivität einer Gemeinde zu erhöhen. Bei Tavolata steht die Freude am gemeinsamen Kochen und Essen im Zentrum. Allerdings geht Tavolata weit darüber hinaus. Zahlreiche der rund 500 offiziellen Tavolatas in der ganzen Schweiz existieren bereits seit vielen Jahren. «Tavolata ist mehr als gemeinsam zu essen», bestätigt Margrit Eicher, Fachperson Prävention und Gesundheit bei LUNAplus, einem kostenlosen Beratungsangebot der Gemeinde Wallisellen (ZH) für Menschen ab 65 zur Förderung der Unabhängigkeit im Alter: «Oftmals sind die Mitglieder einer Tavolata auch im Alltag füreinander da. Sie fragen nach, wie es geht, schreiben sich Nachrichten via WhatsApp oder fahren sich gegenseitig zum Arzt.» Die Teilnahme an einer Tavolata bedingt eine Offenheit, die laut Margrit Eicher gerade auf ältere Menschen eine enorm belebende Wirkung hat. Schmunzelnd meint sie: «Es ist kein Zufall, dass so viele Tavolata-Teilnehmende bereits ein hohes Alter erreicht haben.» Bettina Husemann

Das «Fest der Feste»: Zukunft braucht Herkunft

Zahlreiche Herbstfeste in vielfältigen Formen werden in der Schweiz gefeiert. Ihr gemeinsamer Kern: Zusammen geniessen und den Erntesegen feiern. Im Zentrum steht meist ein Produkt, das in Landwirtschaft und Ernährung der Region eine besondere Rolle spielt. So wird im Tessin und in den Bündner Südtälern mit der Castagnata eine erfolgreiche Kastanienernte gefeiert, während an den Trottenfesten in der Ostschweiz und an den Westschweizer Fêtes des vendanges das Einfahren der Traubenernte zelebriert wird. Viele dieser Traditionen wurzeln tief in der Vergangenheit, werden aber auch heute intensiv gepflegt. Ein besonders lebendiges Beispiel ist La Saint-Martin in der Ajoie, dem nordwestlichen Zipfel des Kantons Jura. Am Wochenende um den Sankt-Martins-Tag (11. November) steht in vielen Restaurants des Städtchens Porrentruy und der umliegenden Dörfer ein spezielles Menü auf dem Programm. Es besteht aus mehreren Gängen, die je nach Lokal in vielerlei Variationen zubereitet werden, jedoch immer auf Schweinefleisch basieren. Dazu zählen Gemüsesuppe mit Siedfleisch, Blutwurst, Gelée de ménage (Sülze mit Fleisch) sowie Sauerkraut mit Schinken, frischem Schweinefleisch und Saucisse d’Ajoie (mit Kümmel gewürzte geräucherte Schweinswurst). Nicht weniger als acht Gänge umfasst das Festessen. Der ländlichen Tradition entsprechend handelt es sich auch bei den Zwischen- und Abschlussgängen durchwegs um deftige Köstlichkeiten. So werden zum Dessert salzige Rahmkuchen namens Totché oder Striflates – Krapfen mit Vanillecreme – serviert. Die üppige Speisenfolge hängt mit einem bedeutenden Einschnitt im traditionellen landwirtschaftlichen Jahreszyklus zusammen: Am Martinstag wurden früher die Zinsen für die Pacht des Bodens bezahlt und die Schulden beglichen. Die gesamte Ernte war nun eingefahren, die Speicher und Vorratskammern waren gefüllt, die Löhne für das Gesinde ausbezahlt. Im Stall standen wohlgenährte, fette Schweine – was zwar erfreulich, zugleich aber auch ein Problem war, denn anders als heute gab es weder Futter noch Geld, um alle Tiere den Winter hindurch zu halten. Deshalb wurde auf den Martinstag hin vielerorts ein Schwein geschlachtet. Ein Teil des Fleisches liess sich durch Pökeln und Räuchern haltbar machen. Jene Teile hingegen, die nicht lange aufbewahrt werden können, kamen sogleich auf den Tisch. Dazu gehört etwa Blutwurst; sie ist ein Frischprodukt, das es rasch zu konsumieren gilt. Auf diese Weise konnte das Schwein nahezu restlos verwertet werden – heute nennt man diese Praxis «from nose to tail» (von der Schnauze bis zum Schwanz). Das neuzeitliche Phänomen von Food Waste war damals somit kein Thema. Die Verwertung gestaltete man jedoch nicht nur als nüchterne Notwendigkeit, sondern machte sie zum feierlichen Anlass: Am Tag des heiligen Martin durfte geschlemmt werden, denn danach begann das vorweihnachtliche Fasten. Und gibt es etwas Schöneres, als ein solches Festessen mit anderen Menschen zusammen zu geniessen? Aus dieser Konstellation entwickelte sich La Saint-Martin, auch «La fête du cochon» genannt. Die Zeiten haben sich geändert, die Landwirtschaft nimmt in der heutigen Gesellschaft einen weniger zentralen Raum ein als in früheren Zeiten, auch in der Ajoie. Doch die herbstliche Festtradition ist dort noch immer vital und ungebrochen: Um den Martinstag herum trifft man sich mit der Familie, mit Freunden und Nachbarn, um in der Gemeinschaft zu feiern. Diesen Herbst lässt sich La Saint-Martin nicht nur im Kanton Jura, sondern auch in der Deutschschweiz erleben, etwas früher sogar als zum traditionellen Termin im November: Im Freilichtmuseum Ballenberg findet an den Wochenenden vom 24./25. September und 1./2. Oktober 2022 mit dem «Fest der Feste» das grösste Erntedankfest der Schweiz statt. Der Anlass steht unter dem Motto «Zukunft braucht Herkunft» und bündelt Herbsttraditionen aus allen Landesteilen der Schweiz (siehe Kasten). Auf einem der 15 Festplätze ist die Ajoie vertreten. Dort lässt sich ein Auszug aus dem achtgängigen Menü geniessen, wie es traditionellerweise an einem «La Saint-Martin en Ajoie» auf den Tisch kommt. Informationen: Als Partner des «Fests der Feste» bietet der Schweizerische Gemeindeverband sämtlichen Gemeindeangestellten und allen Mitgliedern der kommunalen Exekutiven einen Rabatt in der Höhe von 25 Prozent auf den Eintrittspreis an. Wählen Sie dafür im Ticketportal die Art und Anzahl Ihrer gewünschten Tagespässe aus, klicken Sie auf «Tickets reservieren», und geben Sie den Code fdfgemeinden22 ein. Weitere Infos: www.festderfeste.ch Andreas Staeger

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