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Neuer Standard hilft Barrieren im Internet abzubauen

Übers Internet einkaufen, Bankgeschäfte tätigen oder Behördengänge erledigen: Das gehört für viele zum Alltag. Die Coronakrise hat die Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen zusätzlich erhöht. Menschen mit einer Behinderung können jedoch nur einen Bruchteil der Angebote nutzen. Sie stossen auf teilweise unüberwindbare Hindernisse. «Viele Betreiber sind sich dessen nicht bewusst», sagte Sylvia Winkelmann-Ackermann, Geschäftsführerin der Stiftung « Zugang für alle », im Rahmen einer nationalen Fachtagung zu E-Accessibility. Wie sie anhand einer aktuellen Studie ausführte, ist nur ein Viertel der umsatz- und transaktionsstärksten Onlineshops gut bis sehr gut zugänglich. 17 von 41 untersuchten Websites sind nur zum Teil bedienbar. 14 Shops sind für Personen, die akustisch, visuell, motorisch oder kognitiv eingeschränkt sind, überhaupt nicht nutzbar. «20 Prozent der Schweizer Bevölkerung werden damit ausgeschlossen», kritisierte die Referentin. Mo Sherif, Accessibility-Consultant, demonstrierte, wie er als blinder Nutzer online einkauft. Damit ihn ein Screen-Reader unterstützen kann, ist er darauf angewiesen, dass die Eingabefelder einer Website mit einem Text hinterlegt sind. Bei der «Swiss», wo dies gegeben ist, kann er bequem einen Flug buchen. Informationen, die nur als Bild vorhanden sind, bleiben ihm hingegen verborgen. Ebenso der Warenkorb bei «Digitec». Visuell befindet sich dieser am rechten Rand des Bildschirms, für einen Screen-Reader aber an anderer Stelle, an der ihn Sherif nicht erwartet und nicht sucht. «Die Bedienung ist nicht praktikabel», so sein Urteil. «Die Hürden sind vielfältig», sagt Sylvia Winkelmann-Ackermann. Hörbehinderte werden beispielsweise benachteiligt, wenn Videos nicht untertitelt werden. Menschen mit motorischen Einschränkungen werden ausgeschlossen, wenn die Navigation nur über die Computermaus funktioniert. Mit dem nötigen Wissen liessen sich solche Barrieren verhindern, stellte die Geschäftsführerin klar. Davon würden letztlich alle profitieren: «Digitale Barrierefreiheit bringt uns alle weiter.» Die Stiftung trage das Thema in die Fachwelt, lobt Gerhard Andrey, Unternehmer und Nationalrat (Grüne/FR). Obwohl Barrierefreiheit vom Gesetz verlangt werde, sei sie erst teilweise gegeben. «Mangelnde Sensibilität, mangelndes Wissen, mangelnder Druck und ein lascher Umgang mit Standards führen zu grossen Lücken in der Umsetzung.» Der Mitgründer einer Webagentur kritisierte das PDF-Format als falsch verstandene Digitalisierung. Es sei geschaffen worden, um Inhalte zu drucken, und nicht, um Dokumente auf dem Bildschirm anzuzeigen. Andrey plädierte dafür, für digitale Inhalte ganz davon wegzukommen. Stattdessen müssten diese strukturiert aufgebaut werden; entsprechende Webstandards gebe es schon lange. Und: «Man könnte Firmen honorieren, die Barrierefreiheit gewährleisten», schlug der Nationalrat vor. So könnten sie beispielsweise im Beschaffungsrecht bevorzugt werden, wie dies auch mit Lehrbetrieben gemacht werde. Markus Riesch, Leiter Geschäftsstelle E-Accessibility beim Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) , sprach sich ebenfalls für Anreize, aber auch für Sensibilisierung und Verbesserungen in der Ausbildung aus. Allen Menschen Zugang zu digitalen Services zu verschaffen, zahle sich für Unternehmen aus. «Es ist uns noch viel zu wenig gelungen, Accessibility als Business Case zu vermitteln.» Der Standard eCH-0059 , der im Juni 2020 verabschiedet wurde, hilft bei der Umsetzung. Er stützt sich auf die international anerkannten Leitlinien WCAG 2.1 (Web Content Accessibility Guidelines) und macht etwa Vorgaben für Leichte Sprache und Gebärdensprache. Gerade Behördeninformationen seien häufig komplex abgefasst, sagte Riesch. «Es braucht so oder so mehr Verständlichkeit.» Gemäss dem neuen Standard müssen Websites und mobile Apps eine Erklärung zur Barrierefreiheit aufweisen. Sie müssen zudem über einen Feedback-Mechanismus verfügen, der eine Melde-, Anfrage- und eine Antragsform erfasst. Markus Riesch freute sich über «den Meilenstein». «Doch der Standard ist nur so gut, wie er umgesetzt wird.» Ein stabiler Standard schaffe Orientierung und Klarheit, betont Andreas Uebelbacher, Leiter Dienstleistungen bei der Stiftung «Zugang für alle». Die WCAG 2.1, die Anforderungen an ganze Seiten und Prozesse stellen, verlangten unter anderem, dass eine Anwendung so designt wird, dass sie sich in allen Grössen anzeigen lässt. Sie muss zudem im Hoch- und im Querformat genutzt werden können, was für mobile Apps relevant ist. Ob ein Produkt die Bestimmungen erfüllt, lässt sich mit einer Accessibility-Checkliste überprüfen, die «Zugang für alle» erarbeitet hat. Projektleiterin Manu Heim spricht von einem «Werkzeug, das einfach umzusetzen ist». Es lohne sich, die Zielgruppe frühzeitig einzubinden und ihre Rückmeldungen ernst zu nehmen, sagt Esther Buchmüller, Projektverantwortliche der neuen App «SBB Inclusive». «Wir haben uns gefragt: Welche Informationsbedürfnisse haben sehbehinderte und blinde Personen, wenn sie reisen? Welchen Barrieren begegnen sie heute?» Entstanden ist eine mobile App, welche die Kundeninformationen an den Bahnhöfen und in den Fernverkehrszügen der SBB aufs Smartphone bringt. Sie hilft dabei, sich während der Reise zu informieren. «Wenn man es zusammen macht, kommt man ans Ziel», betont die Projektverantwortliche. «SBB Inclusive» ist seit dem letzten Fahrplanwechsel im Dezember 2020 erhältlich. Aktuell funktioniert SBB Inclusive im Zug nur in SBB Fernverkehrszügen (Ausrüstung der Fahrzeuge mit Beacons). Nun werden nach Auskunft der SBB auch die Regionalverkehrszüge der SBB mit Beacons ausgerüstet. SBB Inclusive wird voraussichtlich also auch ab 2022 in den Regionalverkehrszügen der SBB funktionieren. «Wir prüfen aktuell ebenfalls, ob und wie wir die Abfahrten ab Nahverkehrshaltestellen einbinden können, damit auch diese Informationen in SBB Inclusive ersichtlich sind. Der Umsetzungszeitpunkt ist hier noch offen», sagt Esther Buchmüller. Durch Corona sei das Digitale für uns alle überraschend schnell und stark zum Alltag geworden, sagt Andreas Rieder, der das EGBG leitet. Alle hätten dabei erlebt, wie es sei, phasenweise keinen Zugang zu haben. Eine Erfahrung, die Menschen mit Behinderungen häufig machen würden. «Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig Informationen in Leichter Sprache sind», sagt Rieder weiter. Um Barrierefreiheit weiter voranzutreiben, sei noch ein besonderer Effort nötig. Es brauche den politischen und unternehmerischen Willen dazu sowie Anleitung, Unterstützung und Standards. Der neue Standard eCH-0059 erleichtere die Umsetzung von Barrierefreiheit, berichten Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis. «Er ist für uns wichtig, da er uns einen Rahmen und Leitlinien liefert», sagt beispielsweise Roberto Capone, Leiter der Geschäftsstelle Digitale Verwaltung des Kantons Bern. «Er hilft uns dabei, unsere digitalen Angebote auch Menschen mit Behinderungen einfach zugänglich zu machen.» Dass der Zugang zu den E-Services unabhängig von Bildung, Herkunft und Alter gewährleistet werden soll, ist im Kanton Bern Teil der Strategie Digitale Verwaltung. Die Vorgabe soll nun auch im Gesetz verankert werden. Sie hoffe, dass Barrierefreiheit bei allen digitalen Anwendungen zu einer Selbstverständlichkeit werde, sagte Isabelle Haas, Projektleiterin Corporate Social Responsibility/Accessibility bei der Schweizerischen Post, an der Tagung. «Dafür zu sensibilisieren, ist eine Aufgabe, die nie zu Ende ist.» * Der Verein eCH fördert, entwickelt und verabschiedet Standards im Bereich E-Government. Für eine effiziente elektronische Zusammenarbeit zwischen Behörden, Unternehmen und Privaten. Daniele Corciulo stösst im Internet auf zahlreiche Hindernisse. «Viele Online-Dienstleistungen sind nicht barrierefrei», sagt der 35-jährige Accessibility-Consultant, der seit seiner Geburt blind ist. Er plädiert für strengere Gesetze und eine bessere Ausbildung. Daniele Corciulo: Es wäre hilfreich, wenn es funktionieren würde. Das tut es leider meistens nicht. Wenn ich in einem Laden einkaufe, muss ich mich auf das Verkaufspersonal verlassen. Dieses fragt mich, was ich möchte. Dadurch entgehen mir saisonale Produkte oder spezielle Aktionen. Auf einer barrierefreien Website fände ich solche Informationen. Gerade grosse Dinge wie einen Drucker würde ich gerne online bestellen und nach Hause liefern lassen. Da ich nicht Auto fahre, käme mir dies entgegen. Corciulo: Auf einige. Kürzlich habe ich Rösti und Hackfleisch bestellt. Die Eingabefelder, in denen man die Menge angeben muss, waren nicht näher spezifiziert. Also habe ich im ersten 3 und im zweiten 30 eingetragen. Das war genau verkehrt. Ich hätte meine halbe Nachbarschaft zu einer Rösti einladen können. Zurückgeben kann ich die Waren in solchen Fällen kaum. Die Händler sind nicht sehr kulant. Meist habe ich ein Produkt bereits ausgepackt. Dass ich eine falsche DVD erhalten habe, merke ich ja erst, wenn ich sie abspiele. Corciulo: Genau. Im schlechtesten Fall kann ich online gar nicht einkaufen. Und wenn ich es schaffe, den Kaufvorgang abzuschliessen, passieren häufig Fehler. Das ist schade, hätte Online-Shopping doch extrem viel Potenzial. Corciulo: Insgesamt schon. Es gibt aber grosse Unterschiede. Ich staune etwa, dass es die IV immer noch nicht schafft, ihre Informationen digital und in einem barrierefreien Format zu übermitteln. Auch die öffentliche Verwaltung ist noch nicht so weit, wie sie es sein könnte. Corciulo: Die Sensibilität fehlt. Ich glaube nicht, dass es böser Wille ist. Viele denken, dass es sich der Aufwand nicht lohnt. Sie sind sich nicht bewusst, dass in der Schweiz 1 von 5 Personen eine Behinderung hat. Sie erkennen nicht, dass da auch ein Markt besteht. Corciulo: Das Commitment der Gesellschaft, Barrierefreiheit zu schaffen. Und man muss die Gesetze anpassen. Im Moment gibt es keine Möglichkeit, gegen private Unternehmen gerichtlich vorzugehen. Corciulo: Ja. Sonst ändert sich nicht viel. In den USA, wo es strengere Gesetze gibt, scheint dies zu funktionieren. Corciulo: Ich bin ein grosser Gadget-Freak. Ich nutze alle technischen Hilfsmittel, die es gibt. Kürzlich konnte ich auf der Playstation zum ersten Mal in meinem Leben ein Video-Spiel spielen. Das war ein Wow-Erlebnis. Leider werden die Chancen, welche die Digitalisierung bietet, viel zu wenig genutzt. Wenn Angebote nicht barrierefrei sind, fühle ich mich ausgeschlossen. Ja, das ist so. Corciulo: Wenn ich mein Stimmungsbarometer am Video-Spiel ausrichte, bin ich zuversichtlich. Wenn es Herstellern gelingt, barrierefreie Spiele zu entwickeln, müsste E-Accessibility für andere, einfachere Anwendungen doch ein Klacks sein. Wichtig wäre es, barrierefreies Design in der Ausbildung stärker zu gewichten. Es müsste als eigenes Fach unterrichtet und bewertet werden. Eveline Rutz, Interview: Eveline Rutz

Moutier hat ein offenes Ohr für die Jungen

Die Stadtregierung von Moutier hat die Abteilung für Jugend- und Gemeinschaftsaktionen (SeJAC) mit der Aufgabe betraut, Aktionen zur Förderung der Partizipation zu entwickeln. Dabei liegt der Fokus auf einem jungen Publikum, das wenig Entscheidkompetenzen besitzt. «PM23» lautet der Arbeitstitel eines Projekts, das im Jahr 2017 seinen Ursprung hat. Damals beteiligten sich etwa hundert Bürger am Projekt «Tourner la Page». Ziel der Aktion, «die Seite umzublättern bzw. ein Kapitel abzuschliessen», war es, die Bibliothek der Kleinstadt mit ihren 7400 Einwohnerinnen und Einwohnern kritisch zu hinterfragen, neu zu denken und zu verändern. Am Ende der partizipativen Workshops schlugen drei begeisterte junge Menschen dem SeJAC-Team vor, die gleichen partizipativen Methoden auf die Neugestaltung eines öffentlichen Platzes anzuwenden. Jan Ferkovic, Mirsad und Senad Zahaj waren damals zwischen 12 und 15 Jahre alt. Im Januar 2018 nahmen Jan, Mirsad und Senad «ADN» «Ask Direct Now») auf, einen YouTube-Kanal, der es jungen Menschen ermöglicht, mit den städtischen Behörden in den Dialog zu treten. In einem Video informierten sie die gewählten Volksvertreter über die Notwendigkeit und den Wunsch, einen öffentlichen Platz neu zu gestalten. Ende 2019 bestätigten die Behörden die Idee, die Organisation der «PM23» an eine Arbeitsgruppe mit breiter Vertretung von Institutionen und der Bevölkerung zu delegieren. Die praktische Phase der partizipativen Neugestaltung des Schulhausplatzes wird in Form von drei Workshops Ende 2021 durchgeführt, die Worskhops stehen der gesamten Bevölkerung offen. Dieser partizipative Ansatz wird von den städtischen Behörden und insbesondere von Claire-Lise Coste, der für Sport, Kultur, Jugend und öffentliche Gesundheit zuständigen Stadträtin, unterstützt. «Für uns als Behördenmitglieder erlaubt dieser Ansatz, nahe bei der Realität und den Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein.» Es gehe nicht darum, Ideen vorzugeben; vielmehr solle die Bevölkerung die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Ideen zu formulieren und zu verwirklichen. Claire-Lise Coste sagt: «Wir können dem Volk auch außerhalb von Wahlen und Abstimmungen eine Stimme geben.» «Wir können dem Volk auch außerhalb von Wahlen und Abstimmungen eine Stimme geben.» Claire-Lise Coste, Stadträtin für Jugend, Sport und Kultur, Moutier Das Projekt, das von Mirsad, Jan und Senad initiiert wurde, wird auch vom Bund über das Programm «Citoyenneté» und von der Stiftung Mercator unterstützt. Diese Institutionen bieten der Gemeinde Moutier nationale Anerkennung für ihr Engagement für Partizipation und Demokratie sowie eine finanzielle Unterstützung von über hunderttausend Franken. Während er darauf wartet, dass die «PM23» wieder in Fahrt kommt, ruft der heute 16-jährige Senad Zahaj die Bevölkerung bereits zum Mitmachen auf: «Wir brauchen ein gemeinsames Projekt. Jeder soll mitreden können, unabhängig von Alter, sozialem Status oder Herkunft». Silvère Ackermann

So stärken Gemeinden die politische und soziale Teilhabe

Wie kann die politische und soziale Teilhabe der Bevölkerung am Leben ihrer Gemeinde gefördert und gestärkt werden? Diese Frage leitete die Arbeit des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV) und der vier Pilotgemeinden im Rahmen des Projekts «in comune», das durch das Programm «Citoyenneté» der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM) finanziert wurde. Der SGV begleitete die vier Gemeinden bei der Entwicklung, Umsetzung und Evaluierung von partizipativen Projekten, die mit den finanziellen Mitteln aus dem «in comune»-Fonds durchgeführt wurden. Insgesamt wurden zwölf Projekte in den Gemeinden Bühler (AR), Bussigny (VD), Chippis (VS) und Mendrisio (TI) umgesetzt. ... ist halb gewonnen! Dieser Ausdruck passt gut zum Start des Projekts «in comune». In den ersten beiden beteiligten Gemeinden sind die Erfahrungen mehr als positiv. In beiden Gemeinden wurden die Projekte von der Bevölkerung gut angenommen, und viele Freiwillige haben an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen. Die Gemeinde Bühler im Appenzeller Mittelland hat Projekte für alle Generationen entwickelt - eine Veranstaltung für die in der Gemeinde lebenden Rentnerinnen und Rentner, einen Treffpunkt für junge Leute und einen Karaoke-Abend für alle Altersgruppen. In Bussigny, am Stadtrand von Lausanne gelegen, konzentrierte man sich auf das Quartier südlich des Bahnhofs, das vom sozialen Leben des Dorfes etwas «abgehängt» war. Die Einrichtung von «urban gardening» an einigen öffentlichen Plätzen, die Organisation eines Weihnachtsumzugs, einer Kinderfasnacht, eines gemeinsamen Essens sowie eines CleanUp-Days wurden von der Bevölkerung so sehr geschätzt, dass diese Veranstaltungen auch in den Folgejahren organisiert worden sind. In Chippis, einem Walliser Dorf mit etwa 1700 Einwohnern in der Nähe von Sitten, wurden zwei Projekte entwickelt. Der von der Gemeinde festgestellte Nachholbedarf bei der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen führte zur Entwicklung des «Jugendprojekts». Dank einer Onlineumfrage, gefolgt von Treffen mit jungen Menschen in der Gemeinde, entstand die Idee, einen Jugendverein mit aktiver Beteiligung der Jugendlichen zu gründen. Aufgrund der COVID-19-Pandemie hat der Ende 2019 gegründete Verein leider noch nicht richtig starten können. Die Arbeiten liegen derzeit auf Eis, aber es ist alles vorbereitet für ein interessantes Programm für junge Leute, sobald es die Situation erlaubt. Durch die Entwicklung eines partizipativen Projekts mit jungen Menschen wollte die Stadtverwaltung indirekt auch deren staatsbürgerliche Bildung fördern. Martine Perruchoud, Leiterin der Abteilung Bildung, Jugend und Ausbildung sowie Kultur, Freizeit und Sport, erklärt, dass das übergeordnete Ziel der Gemeinde mit diesem Projekt die Förderung der Integration und der staatsbürgerlichen Bildung dieser Altersgruppe ist. Mit dem «Kabinenprojekt» konnte die Gemeinde zwei alte Telefonzellen in eine Spielekiste und eine kleine Bibliothek umwandeln, die seit ihrer Eröffnung von der Bevölkerung geschätzt und genutzt werden. Begleitet von Evelyne Emery, einer soziokulturellen Animateurin, konnten die Kinder bei der Dekoration der Spielekiste mitwirken und wurden für den richtigen Umgang mit ihr sensibilisiert. In Mendrisio wurde beschlossen, ein Projekt für und mit jungen Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren zu entwickeln. Die Stadt im Südtessin hat heute zehn Stadtteile und über 15500 Einwohnerinnen und Einwohner. Von Anfang an wollte sich die Stadtverwaltung auf das Thema Begegnung und Inklusion konzentrieren und ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum, das seit vielen Jahren aktiv ist, entwickeln. Im Februar 2020 wurden Jugendliche eingeladen, am Projekt «Racconta la tua Mendrisio in un progetto video» (Erzähle von deinem Mendrisio in einem Videoprojekt) teilzunehmen und Videos zu drehen, die ihre Stadt und ihren Alltag beschreiben. Nach einer langen Pause aufgrund der Coronapandemie konnten einige junge Leute endlich ihre Videos drehen. Im Herbst wurde mit Unterstützung eines Studios in der Region ein Kurzfilm mit dem Titel «Riprendo il mio diritto. La città a modo mio» gedreht, auf Deutsch: «Ich hole mir mein Recht zurück. Die Stadt auf meine Art». Luca De Stefano, Leiter des Jugendzentrums Mendrisio, der mit den Jugendlichen an dem Projekt gearbeitet hat, beschreibt das Ergebnis als eine «Botschaft mit Sinn». Die Jugendlichen zeigen, wie sie die Räume der Stadt leben und bewohnen und veranschaulichen so ihre Wahrnehmung des öffentlichen Raums. «Das entstandene Video ist ein authentisches Dokument, das zeigt, wie Mädchen und Jungen dem öffentlichen Raum Bedeutung verleihen. Sie erleben ihn und interpretieren ihn oft auf eine andere und persönliche Weise als die Funktion, für die er entworfen wurde», erklärt Luca De Stefano. Die Stadt Mendrisio hofft, dass das Video im Rahmen von Raumplanungsprojekten auch anderen Gemeinden als Beispiel dienen kann. Der Wille, am Thema Partizipation zu arbeiten, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken, ist in den vier Gemeinden, die am Projekt teilgenommen haben, deutlich geworden. Trotz den Unterschieden zielen die ausgewählten Projekte darauf ab, der Bevölkerung Möglichkeiten zur Begegnung und zum Austausch zu bieten und den Dialog zwischen Bürgern und Behörden zu verbessern. Die Einschätzung des SGV-Projektteams und der zuständigen Behörden in den vier Gemeinden ist positiv. Allerdings gab es auch einige Schwierigkeiten, die vor allem darauf zurückzuführen waren, dass die Umsetzung der einzelnen Projekte länger dauerte als erwartet. Die anfänglichen Erwartungen, dass den Pilotgemeinden relativ schnell weitere Gemeinden folgen würden, denen CHA eine Art gezielter Beratung anbieten könnte, haben sich nicht erfüllt. Im vergangenen Jahr hat der durch die Notsituation geschaffene Kontext, insbesondere die Einstellung der Freizeitaktivitäten, die Gemeinden Chippis und Mendrisio daran gehindert, ihre Projekte wie ursprünglich geplant zu entwickeln. «Demokratie ist darauf angewiesen, dass der gesamten Bevölkerung Möglichkeiten der politischen Teilhabe offenstehen.» Élodie Morand, Programm Verantwortliche des Programms «Citoyenneté» der Eidgenössische Migrationskommission Mit dem fünfjährigen Projekt «in comune» konnte sich der SGV auf das Thema Partizipation auf kommunaler Ebene konzentrieren. Eine grosse Chance, um eng mit den Gemeinden zusammenarbeiten und ihre tatsächlichen Bedürfnisse in diesem Bereich zu erkennen. Die unterschiedlichen geografischen und sprachlichen Gegebenheiten unseres Landes machen die Gestaltung und Entwicklung von Beteiligungsprojekten noch interessanter. Wenn es um die Beteiligung der Bevölkerung geht, gibt es keine Barrieren - weder in Bezug auf Sprache, Geografie, Alter noch auf Herkunft. Dem schliesst sich auch Élodie Morand, Leiterin des Programms «Citoyenneté», an: «Demokratie ist darauf angewiesen, dass der gesamten Bevölkerung Möglichkeiten der politischen Teilhabe offenstehen.» Das Projekt ist zwar abgeschlossen, das Thema Partizipation bleibt für den SGV aber wichtig. In der Tat ist die Beteiligung der Bevölkerung ein grundlegendes Element einer funktionierenden Gesellschaft. Das Milizsystem, eine der Säulen der Schweizer Politik, beruht auf dem persönlichen Willen von Zehntausenden von Menschen, neben ihrer beruflichen und familiären Tätigkeit eine öffentliche Funktion im Interesse des Gemeinwohls auszuüben. Die Einbindung der Bevölkerung in die lokale Planung und Entwicklung durch partizipative Prozesse, die neue Ideen und gemeinsame Entscheidungen hervorbringen können, bietet auch einen Mehrwert, wenn es um die Akzeptanz von Projeken geht. Kurz, die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am (politischen) Leben ist auf allen institutionellen Ebenen unerlässlich. Und genau aus diesem Grund wird der SGV weiter an diesem Thema arbeiten. Anna Celio-Panzeri und Luisa Tringale

Partizipation schafft sozialen Kitt

Die Beteiligung der Bevölkerung am politischen und gesellschaftlichen Leben ist einer der Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft; das Schweizer Milizsystem ist der beste Beweis dafür. Um einerseits die konkreten Herausforderungen der Schweizer Gemeinden zu verstehen und andererseits die Partizipation auf Gemeindeebene zu fördern, hat der SGV mit Unterstützung der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM) im Rahmen deren Programms «Citoyenneté» das fünfjährige Projekt «in comune» durchgeführt (2016-2020). Mit Abschluss dieses Projektes, zu dem wir in dieser Ausgabe Bilanz ziehen, verabschiedet sich der SGV aber nicht von diesem wichtigen Thema. Im Gegenteil, die Schlussfolgerungen aus der Auswertung dienen als Richtschnur für die Festlegung zukünftiger Aktivitäten in diesem Bereich. Denn gerade die Coronapandemie hat uns die Bedeutung des sozialen Zusammenhalts wieder vor Augen geführt. Die Suche nach Möglichkeiten zur digitalen Partizipation hat das Thema in den Fokus gerückt und gleichzeitig gezeigt, dass auch Partizipation in stetigem Wandel ist. Sicher ist: Projekte wie der in dieser Ausgabe vorgestellte Kinderrat von Mendrisio, die Quartierkommissionen in Lugano und Bellinzona, das Projekt PM23 der Gemeinde Moutier, die «Mission takeover!» des Schweizerischen Verbands der Jugendparlamente oder der «Inklusionscheck» des Vereins Tatkraft zeigen den Wunsch und den Willen, die Partizipation aller Bevölkerungsgruppen zu fördern. Nur so kann eine Gemeinschaft entstehen, mit der sich jeder und jede identifizieren und für die er oder sie sich politisch und gesellschaftlich engagagieren kann. Anna Celio-Panzeri, Luisa Tringale

Wenn Amtsdeutsch chinesisch klingt, hilft der Schreibdienst

Das Lesen und Verstehen von amtlichen Briefen und Dokumenten, das Verfassen einfacher Korrespondenz in deutscher Sprache, das Ausfüllen von Formularen, Entwerfen von Bewerbungsdossiers, Beantworten von amtlichen Briefen bedeutet für viele Menschen eine besondere Herausforderung. Noch schwieriger ist es für Personen, die mit der lokalen Sprache oder dem Amtsdeutsch wenig oder gar nicht vertraut sind. Schreibdienste, von denen es auf kommunaler Ebene einige gibt, übernehmen solche Dienstleistungen und Hilfsangebote. Diese Schreibdienste werden von Freiwilligen unentgeltlich aufgebaut und geführt. Oft übernehmen Gemeinden, Kirchgemeinden oder Hilfsorganisationen die Trägerschaft und eine Teilfinanzierung. Im Zusammenhang mit der Eröffnung und dem Betrieb einer Notunterkunft für Asylsuchende in Jegenstorf (BE) entstand im Jahr 2016 eine Partnerschaft zwischen der politischen Gemeinde Jegenstorf, der reformierten Kirchgemeinde Jegenstorf Urtenen und der katholischen Kirchgemeinde St. Franziskus Zollikofen. Was in der Wirtschaft unter dem Dach eines Joint Venture – eines Schulterschlusses zur Umsetzung gemeinsamer Projekte – gang und gäbe ist, fand auch in der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen Akzeptanz und Unterstützung. So entstanden unter der Dachmarke «jegi-hilft» Angebote wie das Begegnungskaffee, das Lernfoyer Deutsch, ein Mathematikkurs, Betreutes Wohnen und im Herbst 2020 der «Schreibdienst jegi-hilft» . Erwachsene, unabhängig ihrer Nationalität und ihres Aufenthaltsstatus, insbesondere Personen mit Migrations- und/oder mit fremdsprachigem Hintergrund, sollen den «Schreibdienst jegi-hilft» beanspruchen können. Für eine Erfolg versprechende Beratung bringen sie ihre Dokumente und Informationen mit. Bei Bewerbungen sind es: Angaben bezüglich Personalien, besuchter Schulen, Aus- und Weiterbildungen, beruflicher Erfahrungen, Hobbys und Interessen, ein Foto sowie Angaben zu Stelleninseraten oder Websites, wo sie sich bewerben möchten. Das Fachkonzept entstand anhand umfassender Recherchen im Internet – schliesslich ging es nicht darum, das Rad neu zu erfinden – sowie durch Besuche bei und den Austausch mit anderen Schreibdiensten (Bern, Burgdorf, Ostermundigen). Insbesondere das Zusammentragen von Fachwissen und von Erfahrungen anderer Anbieter brachte wichtige Referenzen und eine Grundlage, um gegenüber den Partnern im Joint Venture überzeugend aufzutreten, zu argumentieren und sie für das Vorhaben gewinnen zu können. Offensichtlich sprach der Schreibdienst auch eine grössere Anzahl Freiwillige an. Wenige Wochen, nachdem von den Partnern die Zusage zum Projekt und zur Finanzierung vorlag, konnten genügend Freiwillige zur Startsitzung eingeladen werden. Der «Schreibdienst jegi-hilft» wird von der politischen Gemeinde Jegenstorf, der reformierten Kirchgemeinde Jegenstorf Urtenen und der katholischen Kirchgemeinde St. Franziskus Zollikofen finanziert und unterstützt. Die katholische Kirchgemeinde stellt zusätzlich die Räume und die lokale Informatik (Drucker, WLAN) unentgeltlich zur Verfügung. Weiter unterstützten Swisscom und die Dorfpapeterie Jegenstorf die Initiative. Ein Angebot kann noch so gut und interessant sein - wenn es nicht bekannt ist, wird es nicht beansprucht. So lag es auf der Hand, dass die Partner den Startschuss für einen zweijährigen Pilotbetrieb erst gaben, als es für sie transparent war, wie die neue Dienstleistung potenziellen Kundinnen und Kunden nähergebracht wird. Innert kurzer Zeit erschienen Artikel in Printmedien, wurden Texte auf Websites aufgeschaltet, wurden Flyer verteilt, aufgelegt und hingen Plakate in Anschlagkästen. Die Gemeindeverwaltungen und Sozialdienste wurden eigens aufgesucht und mit Informationsmaterial bedient. Was bleibt, ist das Erbringen einer qualitativ guten und zuverlässigen Dienstleistung, damit sich mit der Zeit eine «Mund-zu-Mund-Propaganda» entwickeln wird. Der Start ist geglückt, die Reise geht weiter. In den kommenden Monaten findet ein regelmässiger Austausch zwischen TRiiO Bern, einer Beratungsstelle und Bewerbungswerkstatt, und dem «Schreibdienst jegi-hilft» statt. TRiiO bietet den Freiwilligen bei Bedarf einen halbtägigen Stage an und stellt dem «Schreibdienst jegi-hilft» Grundlagen und Informationen für die Betreuung von Kunden zur Verfügung. Eine solche kompetente, fachliche Hilfe ist für Freiwillige und für ein Angebot im Aufbau von zentraler Bedeutung. Informationen: www.jegenstorf.ch www.kathbern.ch/zollikofen www.triio.ch Norbert Graf

Der Werkplatz «Egalité» für Vielfalt und Geschlechter-Gerechtigkeit

50 Jahre Frauenstimmrecht, 25 Jahre Gleichstellungsgesetz, die aktuelle Ausstellung «Geschlecht» im Stapferhaus am Bahnhof Lenzburg (AG) – die vielen Aktivitäten in diesem Jahr haben einen gemeinsamen Nenner: Sie zeigen, dass wir in Sachen Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit zwar noch nicht am Ziel, aber mit grossen Schritten unterwegs sind. Die im April 2021 verabschiedete Gleichstellungsstrategie 2030 des Bundesrates bietet einen weiteren wichtigen Rahmen. Der Bundesrat bekennt sich zur Stärkung der wirtschaftlichen Autonomie der Frauen in ihrem beruflichen und öffentlichen Leben. Und er will die Instrumente für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit weiter ausbauen; er nennt dabei insbesondere Elternurlaube, familienfreundliche Arbeitszeiten und die soziale Sicherheit für Eltern und betreuende Angehörige. Was bedeutet diese Entwicklung für die Unternehmen, private wie öffentliche? Erwiesen ist: Wer sich für Familienfreundlichkeit, Gleichstellung und Diversität engagiert, wird wahrgenommen und hat Erfolg. Werkplatz Égalité bietet Betrieben im und um den Kanton Bern die Möglichkeit, Akzente zu setzen, gute Beispiele hervorzuheben und sich als attraktives Unternehmen zu positionieren. Der Werkplatz Égalité ist die Plattform zum Erfahrungsaustausch für engagierte und wissbegierige Unternehmensvertreterinnen und -vertreter. Initiiert wurde er von den Fachstellen für Gleichstellung der Stadt und des Kantons Bern in Zusammenarbeit mit dem «staatslabor». Die Plattform macht Erfahrungen und Erfolge von beteiligten Unternehmen bei der Förderung von Gleichstellung, Vereinbarkeit und Vielfalt nach innen und aussen sichtbar. Via Blogs, Newsletter und LinkedIn präsentieren sich die Unternehmen mit ihren vielfältigen Aktivitäten: ein Zweigenerationengespräch zum Thema Gleichstellungsförderung zwischen einer Vorgesetzten und ihrer Mitarbeiterin im Baubereich, ein Interview mit Antoinette Hunziker-Ebneter zu den Gründen, weshalb sie sich als Verwaltungsratspräsidentin der Bernischen Kantonalbank für Vielfalt und Chancengerechtigkeit einsetzt oder der jüngste Beitrag von Edorex, der aufzeigt, was die IT-Firma tut, um Frauen einen attraktiven Arbeitsort in einer männerdominierten Branche zu bieten. Bernmobil hat in den letzten fünf Jahren den Frauenanteil von 15% auf 20% erhöhen können. Dank intelligenten Arbeitszeitmodellen gelang es dem Transportunternehmen, die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit zu verbessern. Gemeinsame Führungsgrundsätze fördern zudem das Verständnis für die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden. Und das Unternehmen zeigt uns allen mit pfiffigen Werbekampagnen, wo es hinwill: zu mehr Vielfalt und Chancengleichheit, zum Beispiel mit Teilzeit im Schichtbetrieb. Das Tiefbauamt der Stadt Bern bietet für Projektleitende, Ingenieure und Ingenieurinnen Pensen zwischen 60 und 80 Prozent an. Auch das Modell des Jobsharings von zwei Ingenieurinnen wurde erprobt und hat sich bewährt. Für die Verwaltungsabteilung ist dies ein wichtiger Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für die Mitarbeitenden und erhöht auch die Chance, die auf dem Arbeitsmarkt sehr begehrten Fachkräfte anzusprechen, zu gewinnen und zu halten. Ob KMU, Grossbetrieb, öffentlicher Dienst oder NGO, ob aktiv mit einer eigenen Fragestellung, die bearbeitet wird, oder eher passiv durch das Verfolgen der Aktivitäten via Social Media oder auf der Website: Auch Gemeindeverwaltungen sind herzlich willkommen, um den Werkplatz Égalité mit Beispielen zu beleben und Teil der wachsenden Gemeinschaft zu werden. Ein jährlicher Veranstaltungszyklus mit Fachinputs und Erfahrungsaustausch bietet den beteiligten Unternehmen praxisnahe Inspiration für die Weiterentwicklung ihrer Personalpolitik. Am 9. September 2021 öffnet der Werkplatz erstmals seine Tore für die breite Öffentlichkeit. «It's Community Time» ist für alle Interessierten offen. Informationen und Kontakt: www.werkplatzegalite.ch info@werkplatzegalite.ch Link zum Interview mit Bosch Schweiz – CEO Ute Lepple: https://www.bosch.ch/news-and-stories Désirée Aebersold

Jugendliche erobern die Gemeinderäte

2019 hat als Jahr der Milizarbeit erneut aufgezeigt, dass junge Erwachsene Mangelware im Schweizer Milizsystem sind, insbesondere in den Exekutiven. Das hat verschiedene Gründe – zu wenig Zeit aufgrund von Hobbys, Arbeit oder Familie; zu grosse Belastung bzw. Verantwortung oder zu wenig Wissen über die Politik oder den Bewerbungs- und Kandidaturprozess sind nur einige davon*. Deshalb wurde das Gespräch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesucht und Diskussionsrunden zur Nachwuchsproblematik im Milizsystem anlässlich der Soirée Politique 2019 des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente DSJ eröffnet. Zusammen kam dabei über ein Dutzend Reformvorschläge für das Schweizer Milizsystem von Jungpolitikerinnen und Jugendparlamentariern. Kurz, Jugendliche haben Ideen, diese müssen nur gehört werden. Aus diesem Grund starteten der Bereich youpa sowie der Bereich Grundlagen Politische Partizipation GPP des DSJ im Jahr 2020 die «Mission takeover!» . Ziel ist es dabei, Jugendliche in ihren Gemeinden mit Gemeinderätinnen und Gemeinderäten zusammenzubringen und in dieser Konstellation Reformvorschläge für das Milizsystem zu diskutieren. Die Jugendlichen übernehmen dabei sinnbildlich den Gemeinderat und zeigen den Alteingesessenen, was sie sich wünschen. So findet ein direkter Generationenaustausch statt, und Nachwuchsprobleme im Milizsystem können an der Wurzel gepackt werden. Neun Jugendparlamente meldeten sich für die Arbeitsgruppe, und acht Takeovers wurden in verschiedenen Regionen der Schweiz in Angriff genommen. Von Genf nach Luzern über den Broye-Bezirk und Bern sind Takeovers in Gemeinden vorgesehen. Ein idealtypischer Takeover ist dreigeteilt. Er startet mit einem Vortrag zu den Wünschen und Ideen der Jugendparlamentarier für das Schweizer Milizsystem. Was müsste sich ändern, damit sie als junge Menschen für den Gemeinderat kandidieren würden? Mangelt es in den Augen der Jugendlichen an der Anerkennung für das ehrenamtliche Engagement? Und müssten die Dokumente für die Ausführung eines Amtes digital zur Verfügung stehen? Diese und weitere Fragen können von den Jugendparlamenten zu Beginn des Takeovers in einer Präsentation angegangen werden. Nach dieser sollen Mitglieder der Jugendparlamente an einer Gemeinderatssitzung teilnehmen und sich zu Traktanden einbringen oder Rückfragen stellen können. Zum Schluss bietet ein informeller Austausch die Gelegenheit, weitere drängende Fragen anzusprechen. Die «Mission takeover!» schafft es so, einen generationenübergreifenden politischen Austausch auf Gemeindeebene herzustellen und den Jugendlichen aufzuzeigen, dass sie die Politik in ihrem direkten Umfeld aktiv mitgestalten können. Der erste Takeover geht als festlicher Auftakt in die Jupa-Geschichtsbücher ein. Er fand mit 16 Jugendparlamentariern im Ständeratssaal statt und wurde von keinem Geringerem als dem damaligen Ständeratspräsidenten Hans Stöckli begleitet. Bei seiner Begrüssungsrede im Ständerat hiess Herr Stöckli die Jugendparlamentarierinnen herzlich willkommen: «Es sind junge Menschen, die sich einbringen wollen bei uns. Die nach Wegen suchen, um das Milizsystem zu verbessern und die darauf bedacht sind, die Bedürfnisse junger Menschen zu thematisieren.» Die Jugendlichen löcherten den Ständeratspräsidenten beim gemeinsamen Mittagessen mit Fragen und postulierten ihre Wünsche für ein zukunftsfähiges Schweizer Milizsystem. Auch in Brig-Glis stellten sich Gemeindevertreter wie Vizepräsident Patrick Amoos den Ideen und Wünschen der Jugendlichen. Am Takeover entstanden Forderungen wie die Unterstützungshilfe zum Wählen auf kommunaler Ebene, das Einsetzen einer Anlaufstelle, die Jugendlichen Infos liefert über Möglichkeiten zu einem Engagement, sowie die kantonale Verankerung von 30 Minuten politischer Bildung in der Schule pro Woche. Der Conseil des Jeunes d’Yverdon diskutierte in einer Onlinediskussion u.a. mit Jean-Claude Ruchet von der Gemeindeexekutive, wie der Jugendrat besser und frühzeitig in die politischen Geschäfte der Gemeinde einbezogen werden könnte. Es wurde die Forderung gestellt, dass der Conseil des Jeunes d’Yverdon Sitze in der Schulkommission, der Kulturkommission und der Kommission Agenda 21 erhalten soll. Aus den drei Anlässen resultierten wichtige Anliegen, die nun von den Politiker im Ständerat und auf Gemeindeebene weiterverfolgt werden können, um das Milizsystem für Jugendliche attraktiver zu machen. Es bleibt trotz COVID-19-Pandemie zu hoffen, dass auch die weitere motivierte Jugendparlamente noch die Gelegenheit erhalten, ihren Gemeinderat für einen Tag «zu übernehmen» und die Sicht der Jugendlichen einzubringen. *Derungs, Cudrin und Dario Wellinger. 2019. PROMO 35. Politisches Engagement von jungen Erwachsenen in der Gemeindeexekutive – Analysen und Stossrichtungen. Chur: HTW Chur Verlag. Olivia Borer

Wohnraum für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung

Wie wir wohnen, prägt erheblich unsere Lebensqualität. Entlang der Lebensqualitätskonzeption von CURAVIVA Schweiz zeichnet sich eine ideale Unterkunft dadurch aus, dass sie den individuellen Bedürfnissen und dem persönlichen Lebensstil entspricht. Vielen Menschen mit Behinderung stehen nur wenig verschiedene Wohnmöglichkeiten zur Verfügung. Vor allem Menschen mit psychischer Beeinträchtigung (MmpB) stehen oft vor der Herausforderung, eine geeignete Unterkunft zu finden. Dieser Problematik widmet sich das vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (EBGB) unterstützte Projekt «Wohnen mit Vielfalt». Das Teilprojekt des Aktionsplanes UN-Behindertenrechtskonvention der drei Branchenverbände CURAVIVA Schweiz , INSOS Schwei z und vahs Schweiz zielt darauf ab, inklusive Wohnmöglichkeiten für MmpB zu fördern. Das Projekt umfasst zwei Handlungsfelder: die Wohnungssuche und das Wohnen im Sozialraum, in Gemeinden und Quartieren. In der ersten Projektphase werden gute Beispiele aus beiden Handlungsfeldern gesammelt, analysiert und aufbereitet. In der zweiten Projektphase werden MmpB, (potenzielle) Vermietende, soziale Dienstleistungserbringende und Menschen aus dem Sozialraum (Nachbarschaft) zu den beiden Handlungsfeldern befragt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden anschliessend in einer dritten Projektphase zu einem praxistauglichen Produkt mit Handlungsinputs verarbeitet und Interessierten zur Verfügung gestellt. Obwohl die Studie noch nicht abgeschlossen ist, lassen sich doch schon erste interessante Aussagen machen. Insbesondere der Wunsch, selbstständig zu leben, ist den befragten MmpB wichtig. Als zentrale Gründe gelten vor allem die Privatheit und die Rückzugsmöglichkeiten. Geschätzt wird aber auch die Möglichkeit, «zu leben, wie ich will», also beispielsweise zu essen, wann es einem passt. Viele der Befragten erzählen von ihrem Stolz darüber, (wieder) selbständig wohnen zu können. Damit dies möglich wird, braucht es angepasste Angebote von sozialen Organisationen, die eine massgeschneiderte Unterstützung sicherstellen. Diese Leistungen sind vielfältig und reichen von dezentralen, betreuten Wohnprojekten, wo bspw. ein besonderes «Wohntraining» angeboten wird, bis zur punktuellen Unterstützung von bereits selbstständig lebenden Personen, wo sich der Kontakt auf wenige Stunden pro Woche beschränkt. Je nach Situation können auch Angehörige oder freiwillig engagierte Personen einen Teil übernehmen. Aus den Gesprächen mit Fachpersonen der sozialen Organisationen, die MmpB unterstützen, wird deutlich, dass es vor allem auch darum geht, bestehende Vorurteile von Wohnraumvermietenden und der Nachbarschaft abzubauen. Auch Gemeinden können substanzielle Beiträge dazu leisten, damit Wohnen in «normalen» Wohnumgebungen vermehrt möglich wird. Gemeinwesen sind als Immobilienbesitzer an vielen Orten wichtige Akteure auf dem Wohnungsmarkt. So hat zum Beispiel «Immobilien Stadt Bern», die Dienststelle, welche die Immobilien der Stadt Bern verwaltet, seit Kurzem einen Immobilienbewirtschafter mit Sozialfokus angestellt. Ein Schwerpunkt seiner Aufgabe ist es, Wohnraum für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, wozu neben Menschen mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen ausdrücklich auch MmpB zählen. Wichtig ist dabei vor allem auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern und Partnerinnen, insbesondere mit Genossenschaften und sozialen Organisationen, die im Bereich Wohnen und Wohnbegleitung aktiv sind. Verschiedene der befragten Personen – besonders auch aus dem Kreis der Wohnraumvermietung - weisen darauf hin, dass die Durchmischung von Quartieren eine Qualität darstelle. Ausgrenzung und Gettoisierung gelte es zu vermeiden. Dafür braucht es auch politisch gesetzte Rahmenbedingungen und Eckwerte. Gerade hier haben Gemeinden Handlungsspielräume, etwa bei der Ausgestaltung von Überbauungsordnungen und bei Ausschreibungen. Mehrere Fallbeispiele aus der Studie zeigen auf, dass derartige soziale Wohnprojekte das Potenzial haben, ein Quartier zu bereichern und die sozialen Netze vor Ort zu stärken. Dies lässt sich am Beispiel des «Maison du Rondeau» der Genfer Stiftung Trajets illustrieren: Hier leben rund 10 MmpB in einer alten Villa. Das Ziel der Bewohnenden ist es, schrittweise wieder Fuss zu fassen und in ein selbstständiges Leben zurückzukehren. Der Garten des Hauses öffnet sich zu den Mehrfamilienhäusern der angrenzenden Siedlung. Die Tatsache des Zuzugs von Menschen mit einer Beeinträchtigung gab Anlass zur Bildung einer selbst organisierten Nachbarschaftsgruppe «Cultivons nos voisins». Die Gruppe organisiert Aktivitäten wie Apéros, Übertragung von Fussballspielen oder gemeinsame Gartenarbeiten. Ein anderes Beispiel ist der Verein Anfora in Dornach (SO), der einen Mittagstisch betreibt, der nicht nur Arbeitsmöglichkeiten für MmpB schafft, sondern zu einem offenen Quartier- und Begegnungszentrum geworden ist. Der Zuzug von MmpB hat hier durchwegs positive Impulse ausgelöst. Die Begegnungen und persönlichen Beziehungen, die dadurch möglich wurden, leisten einen wertvollen Beitrag zu einem lebendigen Quartier- oder Dorfleben. Mit diesen Aktivitäten werden Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Dadurch steigt die Lebensqualität im Quartier, und freiwillige Aktivitäten werden auf nachhaltige Art gefördert. Informationen: www.aktionsplan-un-brk.ch www.curaviva.ch www.vahs.ch www.insos.ch www.hebergement-trajets.org www.anfora.ch Matthias von Bergen, Patrizia Weibel

Laptops für Bedürftige schaffen Digitalisierungschancen für alle

Hinter der Eingangstür des Pfarrhauses von Merenschwand (AG) stapeln sich Pakete. Sie enthalten Laptops und sind bereit für den Versand. Das erklärt Tobias Schär, 27-jähriger Unternehmensberater, studierter Wirtschaftsinformatiker und Gründer des Vereins «Wir lernen weiter». Normalerweise organisiert der Verein Verteiltage, um die Laptops an Bedürftige weiterzugeben, doch als Folge der Corona-Massnahmen hat er auf Postversand umgestellt. Gebrauchte Laptops aufrüsten, neu aufsetzen und sie an Bedürftige abgeben: Die Idee ist einleuchtend, und doch ist der Aargauer Verein bisher der einzige, der ein solch unkompliziertes und unbürokratisches Angebot anbietet. Benjamin, zuständig für die IT-Infrastruktur, führt die Besucherin in den Dachstock des Pfarrhauses. Dieser ist vollgestapelt mit weiteren Paketen, nicht mehr brauchbarem Elektroschrott und gebrauchten gespendeten Laptops. Unter der Laube befindet sich das Wiederherstellungszimmer. Dort werden die gespendeten Geräte an einen Server angeschlossen, und die Daten werden zerstört. Ein wichtige Massnahme. Anschliessend werden das Betriebssystem Zorin OS und weitere Software auf den Geräten installiert. Funktionen wie Kamera und Mikrofon werden überprüft, bei Bedarf werden Ersatzteile ausgetauscht, und der Laptop ist fertig für den weiteren Gebrauch. «Es sind Geräte, die einwandfrei funktionieren und den neuen Besitzern Freude bereiten werden», sagt Tobias Schär. Benjamin erklärt, wie die Technik immer weiter optimiert werde, um gleichzeitig so viele Geräte wie möglich zu bearbeiten. Optimieren und innovieren ist das Credo des Vereins. So gelang es, das Projekt innert kürzester Zeit auf die Beine zu stellen und bekannt zu machen. Weitergegeben werden die Geräte zum Beispiel an Familien, die ihren Kindern keinen eigenen Laptop kaufen können, sodass die Kinder die Hausaufgaben auf dem Handy ihrer Eltern erledigen müssen, wie Schär erklärt. Dem jungen Unternehmensberater liegt es am Herzen, dass die Jungen in der Schweiz den Anschluss an die Digitalisierung nicht verlieren. Denn je särker die Digitalisierung zunimmt, desto mehr Menschen sind auf Computer angewiesen. Mit seinen restaurierten Laptops ermöglicht es der Verein, den «digital gap» zu verringern und einen Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten. Gerade Sozialhilfebeziehende haben oft keinen Zugang zu IT-Geräten, was die Teilnahme an Online-Sprachkursen, Weiterbildungen und Beratungsgesprächen kompliziert bis unmöglich macht. Sie seien die Verlierer der Digitalisierung, sagt Tobias Schär. Der Umgang mit elektronischen Geräten gehöre heute neben Lesen und Schreiben zu den Grundkompetenzen. «Spätestens beim ersten Lockdown sollte klar geworden sein, dass ein Laptop zur Grundausrüstung gehört», sagt Schär. Doch noch immer wenden sich viele Schulkinder, Jugendliche auf Lehrstellensuche oder Menschen mit Migrationshintergrund an ihn, weil sie keinen Zugang zu einem Laptop haben und darum nicht mit der Digitalisierung mithalten können. Durch die Akquisition von über 250 Partnergemeinden und -organisationen, die die Gesuche von Armutsbetroffenen professionell prüfen, gelangen die Laptops dorthin, wo sie gebraucht werden. Die Partnerorganisationen bezahlen 150 Franken als Unkostenbeitrag für jedes ausgelieferte Gerät. Dadurch will Schär den Verein kostenunabhängig machen. Tobias Schärs Augen funkeln, wenn er von der Bekämpfung des «Systemproblems» spricht und von dem Projekt als «Service public», der von der öffentlichen Hand getragen werden darf. Neben der sozialen Motivation führt er auch ökonomische Argumente an: Es geht ihm um die nachhaltige Eingliederung von Armutsbetroffenen in den Arbeitsmarkt. Dafür seien Zugang und Mitgestaltung in der digitalen Welt zentral. Schär sagt, durch die schnellere, effizientere und nachhaltigere Integration in den Arbeitsmarkt könnten die Sozialdienste viel Geld einsparen. Darum sind ihm auch Partnerschaften mit Gemeinden so wichtig. Doch schon muss er los, bei einer Schule dürfen ganze 270 Geräte abgeholt werden. Für Tobias Schär und Benjamin eine Gelegenheit mehr, ihrem Ziel der digitalen Chancengleichheit etwas näherzukommen. Informationen und Kontakt: Interessierte Gemeinden, Institutionen oder Sozialdienste können sich bei Tobias Schär für eine Partnerschaft melden. Bereits bestehende Partnerschaftsverträge sind in der Karte verlinkt: wir-lernen-weiter.ch/partnergemeinden . Julie Bernet

Bettingen auf dem Weg zur barrierefreien Gemeinde

Die Gemeinde Bettingen im Kanton Basel-Stadt gehört mit gut 1200 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den kleineren Gemeinden der Schweiz. Rund zehn Personen leben dort mit einer Behinderung. Es sind zwei Kinder im Primarstufenalter, zwei junge Erwachsene und sechs Erwachsene zwischen 30 und 90 Jahren. Die Gemeindeverwalterin, Katharina Näf Widmer, berichtet in einem Gespräch, wie sie mit der Heterogenität in ihrer Gemeinde umgeht und welche Massnahmen bereits für eine inklusivere Gemeinde umgesetzt worden sind. Artikel 9 der UNO- Behindertenrechtskonvention verlangt die Feststellung und Beseitigung von Zugangshindernissen und -barrieren für Menschen mit Behinderungen (UN-BRK, Art. 9). Dies, um «Menschen mit Behinderungen den gleichberechtigten Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, Information und Kommunikation, einschliesslich Informations- und Kommunikationstechnologien und -systemen, sowie zu anderen Einrichtungen und Diensten, die der Öffentlichkeit in städtischen und ländlichen Gebieten offenstehen oder für sie bereitgestellt werden, zu gewährleisten» (ebd., Art. 9). Obwohl die Gemeindeverwalterin von Bettingen bescheidenerweise zu Beginn anmerkt, dass die Gemeinde noch einen langen Weg hat bis zur kompletten Umsetzung der Forderungen der UN-BRK, scheint die Bedeutsamkeit und das Bewusstsein darüber, dass man der Bevölkerung ein inklusives Miteinander ermöglicht, zur Leitkultur der Gemeinde zu gehören. Im Folgenden soll anhand zweier Beispiele illustriert werden, welche Anpassungen bereits getroffen worden sind. Vor knapp drei Jahren wurde der Aussenraum des Bettinger Gartenbades neu gestaltet. Ein wichtiger Faktor bei der Neukonzeption war, dass das Bad gleichzeitig auch barrierefreier wird. Somit rückte der Behindertenparkplatz von ganz hinten nach ganz vorne, wurden der Zugang zum Gartenbad optimiert (Zugang zum Kassenhäuschen, Gefälle des hindernisfrei begehbaren Weges ab Kiosk bis zum Schwimmbereich), separate Garderoben und Duschen erstellt und ein Lift für einen hindernisfreien Einstieg ins Bad angeschafft. Dabei wurde die Gemeinde von der Fachstelle der Pro Infirmis «Hindernisfreies Bauen» unterstützt und beraten. Des Weiteren hat die Gemeinde für die Jubiläumsfeier «500 Jahre Bettingen» auf Anfrage eines gehörlosen Einwohners eine Gebärdensprachdolmetscherin organisiert, die einzelne Veranstaltungen begleitet und simultan übersetzt hat. Für die Verwaltung der Gemeinde Bettingen stellte dies kein Problem dar, da es für sie von Bedeutung war, dass dieser Einwohner uneingeschränkt an den Festivitäten teilnehmen konnte. Auch wenn in Bettingen noch nicht alle Strukturen und Dienstleistungen barrierefrei umgesetzt werden konnten, lässt sich anhand dieser Beispiele und des Gesprächs illustrieren, was es für die uneingeschränkte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen braucht: eine Begegnung auf Augenhöhe und die Wertschätzung und Ernstnahme der Bedürfnisse der Einwohnerinnen und Einwohner mit Behinderung. Dies kann nur durch den gemeinsamen Austausch und die Kenntnis über die nötigen Strukturen geschehen. Weil jedoch in vielen Gemeinden die Ressourcen und Strukturen für eine ausgiebige Auseinandersetzung fehlen und die Behörden oftmals auch nicht wissen, an welche Dienstleister sie sich wenden müssen, möchte der Verein Tatkraft mit seinem neuen Projekt Hilfestellung leisten und die Gemeinden dabei unterstützen, ihre Strukturen für Menschen mit Behinderungen anzupassen. Informationen und Kontakt: Melike Hocaoglu, melike.hocaoglu@tatkraft.org, Tel: 076 815 69 42 «Wir würden die Barrierefreiheit in unserer Gemeinde gerne allumfassend umsetzen können, wissen aber oftmals nicht, an wen wir uns mit unseren Anliegen konkret wenden sollen.» Katharina Näf Widmer, Gemeindeverwalterin von Bettingen Melike Hocaoglu, MA

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