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  • 6 | 2022 3
Aktive Filter: Autor: Nadja Sutter Ausgabe: 6 | 2022 Alle Filter entfernen
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Zwei Familien, die sich gefunden haben

Anna Meier* hat gerade verschiedene Packungen mit Getreide aus der Küche geholt: Haferkleie, Buchweizen und Dinkel. Gemeinsam mit Nina* versucht sie, das deutsche Wort für ein ukrainisches Getreidegericht herauszufinden. Es gelingt ihnen nicht restlos – aber man sieht beiden an, dass ihnen das Fachsimpeln über die Sprache Freude macht. Sie sprechen Französisch miteinander, eine Sprache, die die Familie Meier* gut beherrscht und Nina* an der Universität studiert hat. Die Ukrainerin wohnt mit ihrem Mann Igor* und den beiden Kindern seit Anfang März im obersten Stock des Hauses der Meiers* in Hagendorn (ZG). Ihren Nachnamen möchten die Geflüchteten lieber nicht in der «Schweizer Gemeinde» lesen. Aber sie erzählen von ihrer Reise in die Schweiz und dem Zusammenleben mit der Gastfamilie. Dass Nina* und Igor* in Hagendorn gelandet sind, ist reiner Zufall. Als Russland die Ukraine angriff, weilte Igor* für seine Arbeit im Ausland. Nina* und die Kinder reisten bald aus dem ostukrainischen Charkiw zu ihm, und über Umwege gelangten sie nach Norditalien zu Verwandten. Dort konnten sie jedoch nicht bleiben. Sie meldeten sich im nahe gelegenen Chiasso im Bundesasylzentrum an. Danach ging alles schnell. Nur gerade drei Tage war die Familie im Zentrum in Chiasso, bis sie an die Gastfamilie vermittelt worden war und zu ihr zog. Den Schutzstatus S erhielt sie innerhalb weniger Tage; die Kinder konnten bereits nach weniger als einer Woche im Kanton Zug zur Schule gehen. «Am Freitagmorgen haben wir das Formular in der Schule abgegeben, am Dienstag konnten die Kinder zur Schule gehen», erinnert sich Anna Meier*. Mittlerweile haben Nina* und Igor* Arbeit gefunden, über Freunde der Meiers*. Sie betreuen geflüchtete ukrainische Kinder mit Beeinträchtigungen an einer Schule in der Nähe. Nina* hat bereits in der Ukraine als Lehrerin für Kinder mit Beeinträchtigungen gearbeitet. «Ich bin sehr froh, dass wir arbeiten können», sagt sie. Für die Familie Meier* war rasch klar, dass sie sich als Gastfamilie zur Verfügung stellen möchte. «Der Krieg hat uns sehr bewegt», erzählt Anna Meier*. «Wir haben uns gesagt: Warum nicht, wir haben den Platz, um Geflüchtete aufzunehmen.» Die Meiers* haben zuvor bereits im Ausland gelebt, haben Erfahrungen mit WGs und gern Leute um sich. Die Familie registrierte sich bei Campax, einer Organisation, die mit der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zusammenarbeitet. Rund drei Wochen dauerte es, bis der Bescheid kam, dass eine passende Familie gefunden wurde. «Diese Zeit war gut, so konnten wir uns vorbereiten», sagt Anna Meier*. «Unsere Tochter hat mir gerade heute gesagt, dass sie es cool findet, andere Leute zu Hause zu haben», sagt Peter Meier*. Es passt auch, weil die Kinder von Nina* und Igor* im selben Alter sind wie die Kinder der Meiers* – während des Besuchs der «Schweizer Gemeinde» bemalen die beiden Töchter zusammen Vasen. Und auch die Eltern verstehen sich gut. «Nach dem ersten Abend habe ich zu meinem Mann gesagt: Das ist eine Familie genau wie wir, nur dass sie in Charkiw gelebt hat und wir hier. Es ist wirklich ein Glücksfall.» Ein Glücksfall war für die beiden Familien auch der Kontakt mit den Behörden. «Es ging alles sehr schnell und war relativ unkompliziert», sagt Anna Meier*. Die Familien erhielten nach wenigen Tagen Besuch von der Caritas Luzern, die im Kanton Zug Gastfamilien betreut. «In unserem Fall gibt es keine Probleme, aber es ist sicher gut, eine Ansprechperson ausserhalb der Familie zu haben, falls es zu Unstimmigkeiten kommen sollte.» Jetzt ergeben sich für die Familien aber neue Fragen. Wie ist es zum Beispiel mit den Versicherungen, jetzt wo Nina* und Igor* Arbeit gefunden haben? «Die Gemeinde Cham hat uns eben gerade eine konkrete Ansprechperson zugeteilt, und wir hoffen, dass sie uns dabei unterstützen kann», sagt Anna Meier*. Die beiden Familien schlossen im Vorfeld einen Vertrag zum Zusammenleben ab. Zu Konflikten kam es bisher aber kaum. «Wir sind Erwachsene und können miteinander sprechen», sagt Nina*. Anna Meier* fügt hinzu: «Wir lassen einander auch einfach machen.» Das sei wichtig, denn die Gewohnheiten sind teils doch anders. Gerade beim Essen, wie Nina* mit einem Lachen sagt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben nicht viel für Schweizer Birchermüesli und Konfibrot zum Frühstück übrig. Bei ihnen isst man salzig am Morgen: zum Beispiel Reis oder Spaghetti. Anna Meier* hat angefangen, Ukrainisch zu lernen, um besser mit der Familie kommunizieren zu können. Bis sie nach einigen Wochen gemerkt hat: Nina* und Igor* sprechen gar nicht Ukrainisch, sondern Russisch miteinander. So wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Osten des Landes. Beide sprechen aber ebenfalls Ukrainisch – und Anna Meier* verfolgt ihre Sprachstudien vorerst weiter. Trotz der guten Zeit, welche die Familien miteinander verbringen: Nina* und Igor* möchten so bald wie möglich wieder nach Hause. «Wir haben eine Katze und einen Hund, aber die mussten wir bei meinen Eltern lassen, es wäre sonst zu kompliziert geworden», sagt Nina*. Und sie erinnert sich daran, dass sie noch zwei Christbäume in der Wohnung stehen hat. Sie lässt sie immer gerne lange stehen und wollte mit deren Entsorgung warten, bis Igor* aus dem Ausland zurückgekehrt war. Doch dann brach der Krieg aus. «Ich weiss wirklich nicht, in welchem Zustand wir unsere Wohnung antreffen werden, wenn wir zurückkommen», sagt sie. Nina* hält auch an ihrem Psychologiestudium fest. Wegen der Covid-Pandemie hat sie dieses bereits online begonnen und kann nun von der Schweiz aus damit weiterfahren. Die Professoren sind noch immer in Charkiw. «Manchmal höre ich bei einer Vorlesung Explosionen im Hintergrund», sagt sie. «Die Professoren sagen uns, wir sollen dranbleiben, wenn die Internetverbindung unterbricht. Sie haben ein Notfall-Wifi eingerichtet.» Sie fügt an: «Unsere Professoren sind die wahren Helden.» Sie ist überzeugt: Mit dem Krieg gibt es in der Ukraine einen grossen Bedarf an Psychologinnen und Psychologen. «Wir haben Projekte für die Zukunft. Aber momentan nehmen wir jeden Tag so, wie er kommt. Wir müssen uns immer wieder neu anpassen.» *Die Namen wurden auf Wunsch der Beteiligten nach der Veröffentlichung des Artikels anonymisiert. (17.12.2024) Nadja Sutter

«Demokratie ist nicht selbstverständlich»

Carol Schafroth: Demokratie ist wertvoll und nicht selbstverständlich. Dies auch in einem Land wie der Schweiz, wo sie kulturell stark verankert ist. Sie muss gepflegt werden. Der Tag der Demokratie erinnert uns daran, was Demokratie ist und wie gewinnbringend es ist, in einer Demokratie zu leben; unterschiedliche Meinungen zu haben und Lösungen auszuhandeln. Er soll die Menschen motivieren, sich einzubringen. Eine ganz wichtige Aufgabe ist es, aufzuzeigen, dass die Menschen, die gewählt werden, anschliessend über wichtige Themen entscheiden können. Dafür fehlt oft das Verständnis. Zentral ist auch, dass die Menschen darin ausgebildet werden, sich eine Meinung bilden zu können. Ich verstehe Demokratie aber in einem weiteren Sinn, nämlich dahingehend, dass sich die Menschen in der Gesellschaft einbringen. Dies nicht nur bei politischen Geschäften, sondern zum Beispiel auch in der Nachbarschaftshilfe oder bei der Organisation von gesellschaftlichen Anlässen. Nicht jeder und jede ist dafür gemacht, Gemeinderat oder Gemeinderätin zu werden. Aber man kann auch anders zur Demokratie beitragen. «Der Tag der Demokratie erinnert uns daran, wie gewinnbringend es ist, in einer Demokratie zu leben.» Carol Schafroth, Geschäftsführerin Campus für Demokratie Politische Bildung ist im Lehrplan 21 verankert, und es gibt gute Lehrmittel, die Umsetzung ist aber unterschiedlich. Ich erlebe, dass teils ein grosser Respekt vor der politischen Bildung da ist. Es gibt allerdings drei einfache Grundsätze: Junge Menschen sollen nicht indoktriniert werden, aktuelle Debatten sollen aufgegriffen werden, und die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler sollen einbezogen werden. Letzteres bietet gerade für Gemeinden eine grosse Chance. Vieles, was man in einer Gemeinde sieht und erlebt, wurde demokratisch ausgehandelt: zum Beispiel die Renovation eines Spielplatzes oder die Aufhebung von Parkplätzen. Gemeinden sind nahe an der Bevölkerung dran; die Partizipationsmöglichkeiten sind niederschwellig. Am Tag der Demokratie können die Gemeinden das sichtbar machen, zum Beispiel indem sie die Bevölkerung zum Apéro, zu einem Schwatz mit dem Gemeindepräsidenten oder der Gemeindepräsidentin oder zu einem Tag der offenen Tür einladen. Nadja Sutter

Berner Gemeinden packen Gewaltprävention gemeinsam an

Einem jungen Mann wird wegen seiner dunklen Hautfarbe der Einlass in eine Disco verweigert. Eine Familie erhält eine Wohnung nicht, weil sie aus dem Ausland stammt. Eine Jugendgruppe trifft sich regelmässig auf einem öffentlichen Platz, es kommt zu einem Nutzungskonflikt mit verärgerten Anwohnenden. Eine Frau wird von einem Nachbarn rassistisch beschimpft. Das sind alles fiktive Beispiele, die aber so oder ähnlich bei der Beratungs- und Informationsstelle gggfon landen könnten. Die Abkürzung steht für «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus», «fon» verweist auf die Hotline, als die das gggfon bei seiner Gründung im Jahr 2000 ursprünglich angedacht war. Heute spielen Telefonnummer und Mailadresse für die Meldung rassistischer Vorfälle oder von Konflikten im öffentlichen Raum noch immer eine wichtige Rolle. Hinzu kommen eine umfassende Beratung, Sensibilisierungsarbeit, Workshops, Kurse, die Moderation von runden Tischen für Behörden, Vereine und Schulen, Mediationen und weitere Angebote. Rund 40 Gemeinden aus dem Grossraum Bern, Burgdorf und Biel tragen das Projekt gemeinsam und können kostenlos und niederschwellig von den Beratungsdienstleistungen Gebrauch machen, wie Giorgio Andreoli erklärt, Leiter der Fachstelle und seit der Gründung mit dabei. Das gggfon geht auf eine Initiative aus Münchenbuchsee zurück. Es war im Frühling des Jahres 2000, als in der Berner Gemeinde eine Naziskin-Gruppe mehrere Übergriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund verübte. Andere Jugendgruppen trafen sich auf dem Bahnhofplatz, was zu Nutzungskonflikten mit Anwohnenden führte. «Die Stimmung war angespannt», beschreibt Giorgio Andreoli die Situation. Und nicht nur in Münchenbuchsee: Am 1. August störten Rechtsextreme die Bundesfeier auf dem Rütli, im Nationalrat gab es einen Vorstoss zum Thema Rechtsextremismus und Rassismus. Die Gemeinde Münchenbuchsee fragte Giorgio Andreoli an, ein Konzept zu entwickeln. So entstand die Idee der Hotline gggfon. «Wir wollten möglichst nahe an der Bevölkerung sein und ein möglichst einfaches Angebot auf die Beine stellen.» Ziel sei es nicht nur gewesen, dass Betroffene Vorfälle melden konnten, sondern auch in der Bevölkerung Zivilcourage aufzubauen. Die Meldungen beim gggfon erlaubten es, auf mehrere Vorfälle zu reagieren und Verbesserungen zu erzielen. «Wir wollten möglichst nahe an der Bevölkerung sein und ein möglichst einfaches Angebot auf die Beine stellen.» Giorgio Andreoli, Leiter gggfon «Wir haben aber bald gemerkt, dass die Problematik an den Gemeindegrenzen nicht haltmacht», erzählt Giorgio Andreoli. Bald gingen Meldungen aus anderen Gemeinden beim gggfon ein. 2002 wurde das gggfon deshalb regionalisiert. 25 der 26 Mitgliedergemeinden des damaligen Vereins Region Bern, der heutigen Regionalkonferenz Bern Mittelland, schlossen sich an. Als 2015 das neue Integrationsgesetz des Kantons Bern in Kraft trat, erhielt das gggfon einen kantonalen Auftrag mittels einer Leistungsvereinbarung zur Beratung von Privatpersonen. Heute funktioniert die Trägerschaft der 40 Mitgliedergemeinden losgelöst von der Regionalkonferenz Bern Mittelland. Die Projektleitung liegt beim Verein für soziale und kulturelle Arbeit Bern (Juko); Sitzgemeinde des gggfon ist Meikirch, die unter anderem das Sekretariat führt. Lela Gautschi Siegrist ist Vizegemeindepräsidentin von Meikirch und Vorsitzende der Begleitgruppe des gggfon. In der Begleitgruppe sitzen verschiedene Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertreter. «Das Bewusstsein und die Unterstützung der Politik für das gggfon sind sehr gross, und zwar in sämtlichen politischen Lagern», sagt sie. Die Gemeinden schliessen jeweils für vier Jahre eine Leistungsvereinbarung mit dem gggfon ab. «Alle vier Jahre verpflichten sich also rund 40 Gemeinden in der Region Bern bewusst, sich gegen Gewalt und Rassismus einzusetzen.» «Das Bewusstsein und die Unterstützung der Politik für das gggfon sind sehr gross, und zwar in sämtlichen politischen Lagern.» Lela Gautschi Siegrist, Vizegemeindepräsidentin Meikirch und Vorsitzende der Begleitgruppe gggfon Sie ist überzeugt, dass das gggfon bei der Sensibilisierung für Gewalt- und Rassismusproblematiken einen starken Beitrag leistet, bei den Behördenmitgliedern, in den Verwaltungen, aber auch in der Bevölkerung. «Das Angebot ist sehr niederschwellig.» Wenn es zum Beispiel an einer Schule ein Problem mit Mobbing gebe, so sei der Kontakt zum gggfon für eine Beratung rasch hergestellt. Auch Giorgio Andreoli schätzt die Rolle der Gemeinden für die Sensibilisierung sehr hoch ein. Der Kampf gegen den Rassismus sei ein Prozess, bei dem die ganze Bevölkerung miteinbezogen werden müsse und der Zeit brauche. «Es geht nicht nur um strukturelle Veränderungen. Es geht darum, dass sich im Kopf und in den Herzen der Menschen etwas ändert.» Die Themen, mit denen die Menschen an das gggfon gelangen, sind heute breit gelagert. Die Beratungs- und Informationsstelle pflegt enge Beziehungen zu Sozialdiensten, weiteren Institutionen und Fachstellen. «Im Bereich Gewalt gegen Frauen beispielsweise gibt es spezialisiertere Stellen als uns. Wenn wir Anfragen zu dem Thema erhalten, verweisen wir die Menschen weiter und versuchen, sie so weit zu begleiten, dass die Kontaktaufnahme dann auch tatsächlich stattfindet», sagt Giorgio Andreoli. Denn gerade bei Fällen häuslicher Gewalt brauche es für die Betroffenen viel Mut, um sich Hilfe zu holen. Jedes Jahr macht das gggfon eine Auswertung der Meldungen. Diese ermöglicht es, Tendenzen frühzeitig zu erkennen. «Wir beobachten zum Beispiel seit rund vier Jahren, dass der Rechtsextremismus wieder zunimmt», sagt Giorgio Andreoli. Das ginge aus Meldungen von Bürgerinnen und Bürgern, Eltern und Schulen hervor. Dieses Monitoring erlaube es, frühzeitig zu reagieren und Projekte auf die Beine zu stellen. «Das gggfon ist mittlerweile etabliert. Die Leute wissen, wo sie sich melden müssen, und tun das auch», sagt Giorgio Andreoli. Das zeige sich unter anderem daran, dass im Kanton Bern mehr Vorfälle gemeldet werden als in anderen Kantonen. Informationen: www.gggfon.ch Nadja Sutter

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