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Farbkultur im Ortsbild: Zwischen Identität und Reizthema

Auf dem Dorfplatz von Küsnacht (ZH) begegnen sich das Weltliche und das Geistliche: zum einen der markant kolorierte Gasthof Ochsen mit seiner warmen, braunorangen Farbgebung; zum andern die traditionell weiss gestrichene Kirche. «Wir haben neben einigen farbigen Gebäuden auch viele weiss gestrichene Häuser, was typisch ist für Küsnacht», berichtet Daniel Dahinden, Leiter Hochbau und Planung. Damit die Kirche auch farblich im Dorf bleibe, solle gemäss einer Faustregel kein anderes Haus weisser sein als das Gotteshaus. Dies ist allerdings nicht die einzige Devise, die in der 15 000-Seelen-Gemeinde im Umgang mit Farben und Ortsbild gilt. Die ländlich geprägte Agglomerationsgemeinde am rechten Zürichseeufer verfügt über 16 verschiedene Ortsbilder und Quartiere, darunter auch ein historischer Kern. Unter der Leitung der Abteilung Hochbau und Planung mit den Mitgliedern des Fachbeirats Ortsbildschutz und Denkmalpflege sowie der Baukommission wurde 2022 in Zusammenarbeit mit dem Haus der Farbe, Institut für Gestaltung in Handwerk und Architektur, mit der Publikation «Farbkultur Küsnacht» ein Arbeits- und Kommunikationswerkzeug zu Farbe im Ortsbild entwickelt. «Als Behörde erlebten wir die Bewilligungspraxis im Umgang mit Farben und Materialien oft als unbefriedigend, auch wenn wir unsere Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen fällten», sagt Daniel Dahinden. Es fehlten jedoch ein Beratungsinstrument und ein Orientierungsrahmen für Farbentscheide, um dem Ortsbild wirksam und nachhaltig Sorge zu tragen. Das Haus der Farbe analysierte spezielle und typische Objekte und Ensembles, die als Referenzobjekte für die Kriterien von neuen Farbkonzepten dienen. Farbentscheide können sich somit an diesen beispielhaften Bauten und Situationen orientieren. «Farben sind identitätsstiftend, oftmals aber auch ein Reizthema», sagt Marcella Wenger-Di Gabriele, Co-Leiterin des Instituts des Hauses der Farbe in Zürich. Spätestens seit dem Aufkommen der Dispersionsfarben und ihrer beinahe grenzenlosen Farbvielfalt vor rund 50 Jahren ist der Umgang mit Farben anspruchsvoller geworden. Ein Bewusstsein für Farben sei ein wichtiger erster Schritt, die Farbkultur im Leitbild einer Gemeinde zu verankern. Ebenso entscheidend ist es gemäss Stefanie Wettstein, Leiterin des Hauses der Farbe, das eigene Ortsbild anzuschauen, so simpel es klingen mag. «Durch das Beobachten und Betrachten erkennt man die Eigenheiten und Farbidentitäten eines Ortes. Daraus lassen sich Referenzen und Regeln ableiten.» Als wertvoll bezeichnen die Farbexpertinnen ferner das objektive Sprechen und Diskutieren über Farben – sei es innerhalb der Behörde oder auch im Dialog mit den Hauseigentümerinnen und -eigentümern. «Schwammige Formulierungen wie das ‹harmonische Einfügen in die Umgebung› sind zu unkonkret und lassen sich juristisch anfechten», gibt Marcella Wenger-Di Gabriele zu bedenken. Deshalb biete das Haus der Farbe Hilfestellungen wie auch drei spezielle Tagesseminare zum Thema Farbkultur und Ortsbild an (siehe Infobox). Ziel sei es, den Behörden mehr Kompetenzen, sachliche Argumente und Werkzeuge mitzugeben. Zudem wolle man den Dialog zwischen Behörden und Bauherrschaft fördern. «Diese Gesprächskultur lässt sich nicht über Regeln lösen», betont Stefanie Wettstein. Auf welche Aspekte gilt es bei der Farbwahl im Ortsbild zu achten? Bei Renovationen drehe sich die Diskussion oft hauptsächlich um die Fassadenfarbe, erzählt Marcella Wenger-Di Gabriele, dabei komme dem Zusammenspiel aller Haupt- und Nebenfarben die entscheidende Rolle zu. «Kleine Details wie etwa die Farbe der Fensterläden, des Sockels oder des Dachhimmels sind oft für das Gesamtbild eines Gebäudes entscheidend. Es braucht zum Teil wenig, bis ein Gebäude aufgrund der Farbwahl plakativ und simpel wirkt.» Besonders bei Betriebsgebäuden kommt nicht selten die Farbe des Firmenlogos mit ins Spiel. Nicht immer sei eine solche Farbe, so Marcella Wenger-Di Gabriele, ideal für die Fassadengestaltung. «Hier braucht es ein geschicktes Argumentieren. Vielleicht bietet sich eine Lösung mit gezielten Akzenten in diesem Farbton an.» Für Farbkonzepte an historischen Gebäuden braucht es die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Die Farbwahl steht hier im Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses und seiner Umgebung. Doch was gilt für die Häuser am Rande eines historischen Zentrums? «Hier trifft man oft unsensible Farblösungen an», bedauert Marcella Wenger-Di Gabriele und empfiehlt, die Hauseigentümer zu unterstützen und lokale Handwerker als Vermittler mit ins Boot zu holen. Denn meist kennen sie die regionalen Eigenheiten am besten. Zu den grössten Fehlern, die im Umgang mit Farben gemacht werden, zähle der Behördenentscheid vom Bürotisch aus, findet Marcella Wenger-Di Gabriele. Ebenso fatal sei es aber auch, wenn die Behörden dem Ortsbild einen Farbplan vorschreiben und in der Folge die Stadt in eine Art Heididorf verwandeln. «Das Kolorit einer Stadt ist dann besonders schön, wenn es nicht als auf dem Schreibtisch entworfenes Gesamtkonzept daherkommt, sondern als gewachsenes Farbbild.» «Ein Richtig oder Falsch gibt es bei uns nicht. Diese Philosophie erhöht die Akzeptanz unserer Farbkultur in der Bevölkerung.» Daniel Dahinden, Leiter Hochbau und Planung, Küsnacht (ZH) Mit dem neuen Beratungswerkzeug «Farbkultur in Küsnacht» machen Daniel Dahinden und sein Team gute Erfahrungen. «Im Gegensatz zu früher verfügen wir nun über ein Werkzeug, das uns im Dialog mit der Bauherrschaft wertvolle Dienste leistet.» Es zeige die Vielfalt der Farbkultur im Dorf auf und diene so als Referenz. Auch wenn die Farbtöne sich stets an den umliegenden Gebäudefarben orientieren sollten, gebe es durchaus auch Freiheiten für gewagtere Farbgestaltungen, betont Daniel Dahinden. «Uns ist es wichtig, dass ein Konzept dahintersteckt und die Ideen nachvollziehbar sind. Ein Richtig oder Falsch gibt es bei uns nicht. Diese Philosophie erhöht die Akzeptanz unserer Farbkultur in der Bevölkerung.» Fabrice Müller

Zu Fuss unterwegs zwischen Agglomeration, Stadt und Land

Die Gemeinden in der Schweiz sind unter Druck: Sie sollen Standortförderung betreiben, Arbeitsplätze schaffen und erhalten, Wohnungen für Menschen aller Alters- und Einkommensklassen bieten – aber auch Erholungsräume und Orte der Begegnung. Globale Megatrends wie die Digitalisierung, der Klimawandel oder die alternde Gesellschaft haben ebenfalls konkrete Auswirkungen im Lokalen. Ein Ort mit einer besonderen Ausgangslage ist die Genfer Gemeinde Meyrin: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Ort mit rund 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern landwirtschaftlich geprägt. Der historische Ortskern, gut gepflegt und belebt mit öffentlichen Nutzungen, zeugt noch heute davon. Doch durch den Bau des internationalen Flughafens Cointrin ab 1920 und vor allem durch die Ansiedelung der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) 1954 veränderte sich das Bild der Gemeinde in den folgenden Jahren massiv. Die neu geschaffenen, zum Teil hoch spezialisierten Arbeitsplätze zogen Menschen aus aller Welt an. Der Bau der ersten Satellitenstadt der Schweiz, der «Nouvelle Cité», war direkte Reaktion auf die drohende Wohnungsnot. Ganz im Sinne der Moderne entstanden bis zu 13-geschossige Wohnbauten mit grosszügigen Grünräumen. Weitblick bewies die Gemeindeverwaltung jedoch schon damals. Denn die reine Erstellung von Wohnraum schafft noch kein Heimatgefühl. Parallel investierte Meyrin in den 1960er-Jahren stark in öffentliche Infrastruktur. So wurden Räume für Sport- und Kulturanlässe erstellt, aber auch die Gründung von zahlreichen Vereinen wurde unterstützt. Heute besteht Meyrin aus Quartieren mit verschiedenen Qualitäten. Das neueste ist das «Écoquartier Les Vergers», dessen 1350 Wohnungen Platz für 3000 Einwohnerinnen und Einwohner bieten. Das Bevölkerungswachstum hat sich etwas verlangsamt, dafür rücken andere Thematiken in den Vordergrund. Die energetische Sanierung der «Nouvelle Cité» behält die städtebaulichen Qualitäten der Siedlung bei, während bauliche Verdichtung hauptsächlich durch Aufstockungen realisiert wird. Die bestehenden Grünräume werden durch Verkehrsberuhigungen und landschaftliche Projekte aufgewertet. Ein solches Projekt ist die Route de Prévessin – ein Spazierweg für Fussgänger und Velofahrerinnen, der zwischen Landschaft und Agglomeration vermittelt. Das im Rahmen des Agglomerationsprojekts «Paysage 2012» entwickelte Projekt führt entlang verschiedenartiger bestehender Freiräume und sensibilisiert die Anwohnerinnen und Anwohner der Agglomeration für die landschaftlichen Eigenheiten vor der eigenen Haustür: Felder, Wälder, Pärke, Bauernhöfe. ­­­ Konkret wird die Breite der Strasse verringert, um die Geschwindigkeit der Nutzenden zu senken. Bordsteine und Schikanen werden entfernt, um den Charakter von Landstrassen wiederherzustellen. Von neu installierten Bänken können Erholungsuchende den Blick in die Landschaft schweifen lassen. Das alte Zollhaus wird umgestaltet und ist nun Versammlungsraum mit Picknickplatz. Weitere Elemente wie Weidezäune, ein Holztisch mit Kalksteinbänken, ein Trinkwasserhahn oder eine Wildheckenpflanzung stärken den ländlichen Charakter der Landschaft und schützen gleichzeitig die landwirtschaftlichen Kulturen. Bis jetzt ist ein erstes, 800 Meter langes Wegstück als Teil einer Gesamtvision realisiert, in deren Zentrum ein konfliktfreies Miteinander von Einwohnerinnen und Einwohnern, Landwirtschaft und Landschaft steht. Auch in Meyrin geschieht ein solches Vorhaben nicht von alleine, wie Eric Cornuz, Stadtrat von Meyrin, erzählt. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit, um die grenzüberschreitende Landstrasse, die täglich von etwa 6000 Fahrzeugen befahren wurde, für den Autoverkehr zu schliessen. Doch für die Gemeinde standen die Aufwertung der Landschaft und der Schutz der Biodiversität klar im Vordergrund. Im Kanton Genf haben seit den 1970er-Jahren öffentliche und private Trägerschaften Vorgehensweisen, Mittel, Projekte und Massnahmen entwickelt, um die Erhaltung und die Aufwertung des ländlichen Raums zu ermöglichen. Denn die Mischung aus Stadt mit internationaler Ausstrahlung und gut erhaltenem ländlichem Raum mit zahlreichen Landwirtschafts- und Weinbaubetrieben ist ein besonderes Merkmal des Kantons. Noch heute trägt diese Anstrengung Früchte: Der Richtplan des Kantons beinhaltet ein «Koordinationsblatt Landschaft», das eine landschaftsverträgliche Planung vorschreibt. Mit diesem Instrument gelingt es, die baukulturellen Qualitäten von Orten zu stärken und sie als identifikationsstiftende Werte für aktuelle und künftige Generationen zu erhalten. Nicole Düpre

Im Einklang mit dem Limmattal?

Das Projekt «Ruheorte.Hörorte» ist Teil der Regionalen Projektschau Limmattal (Regionale 2025) und wird mitunter als Modellvorhaben für «Nachhaltige Raumentwicklung 2020–2024» vom Bund unterstützt. Das Vorhaben soll zukunftsweisend für das Limmattal sein, denn das Tal leidet unter einem rasanten Wachstum. Ziel des Projekts ist, die Wertschätzung der landschaftlichen und akustischen Qualität des Limmattals zu fördern, mit Fokus auf den Erholungsraum entlang des Flusses. Die Erfahrungen sind ermutigend, sie könnten übertragbar sein auf andere suburbane Räume oder Agglomerationen. Womit identifizieren sich aktuell die Bewohner im Limmattal? Wo alles fliesst, in Bewegung ist und rauscht – der Strassen- und Schienenverkehr, der Luftverkehr von und nach Zürich und selbst das Wasser der Limmat und der Reppisch. Jedenfalls noch dort hörbar, wo es nicht kanalisiert wurde. Zürich hat einen seiner Identifikationsorte beim Hafen Enge auf dem Zürichsee, das Aquaretum. Auch Genf hat seine Fontäne, bringt das Wasser sogar noch höher hinaus. Vielleicht gelingt Identifikation gerade so: das Wasser nach oben pumpen, wie derzeit ebenfalls aus der Reppisch auf die Vorstadtbrücke in Dietikon. Hier hat Bosshard in Zusammenarbeit mit dem Metallatelier ein temporäres Objekt, einen vertikalen Wasserschleier, entworfen, der ganz bewusst mitten auf einer Brücke steht, um eine überraschende Begegnung mit diesem Ort anzuregen. Was auf den ersten Blick absurd wirkt, hat System: Unten fliesst die Reppisch, die etwas weiter entfernt in die Limmat mündet. Doch oben auf der Fuss- und Velobrücke rauscht das Wasser in Augenhöhe. Die schlanke Konstruktion des Wasserschleierobjekts teilt die Brücke der Länge nach in zwei Hälften. Der rechteckige Rahmen aus Metall spannt auf sechs Metern Länge ein knapp drei Meter hohes Edelstahlnetz, das von oben mit dem aus der Reppisch stammenden Wasser berieselt wird. So entsteht die lebhafte und hörbare Oberfläche des Schleiers. Laut David Fuchs, dem Hersteller des Objekts, wurde der Wasserschleier wie ein Instrument gestimmt. Das Alphamesh, eine spezielle Art von Edelstahlgeflecht, sowie die Auslassdüsen am oberen Ende des Objekts und die Wassermenge spielen dabei eine Rolle. Zur überraschenden Begegnung der Passanten mit dem Wasser kann beitragen, dass die elektronische Steuerung automatisch den Wasserfluss ändert oder stoppt. Alternativ können sowohl Bosshard wie auch Fuchs und sein Team vom Metallatelier aus der Ferne derartige Änderungen via Internetverbindung spontan auslösen, vielleicht ein Spiel mit den Passanten beginnen – ohne dass die Akteure in der Ferne und die Betrachter vor Ort sich sehen müssen. Wird die Brücke derart überquert und der Hörort des Klangschleiers aktiv passiert, hat der Lerneffekt des bewussten Hörens und Sensibelwerdens für die akustische Qualität dieses Objekts stattgefunden. Es geht den Projektbeteiligten aber nicht nur um Achtsamkeit. Auch agieren, in Beziehung treten, sich einmischen, den Standpunkt ändern – sowohl physisch als auch von der inneren Einstellung her. So gesehen kann, wer will, in den Wasserschleier handelnd «ein-greifen». Wogegen man vor den grossen Fontänen von Genf und Zürich nur passiv «er-griffen» verharren kann. Fragen, die sich bei solch pathetischer Betrachtung aufdrängen: Ob die Bevölkerung im Limmattal mit einem auf diese Weise identitätsstiftenden Hör- und Ruheort allmählich in «Ein-klang» kommt? Ob Spaziergänge dorthin unternommen werden und Besuchern stolz dieser Wasserschleier gezeigt wird? Ob das Objekt über die Stadt Dietikon hinaus eine Resonanz in der öffentlichen Wahrnehmung erzeugt? In Fachkreisen auf nationaler Ebene ist das Interesse jedenfalls vorhanden. Beat Hohmann, der in der Fachgruppe Klangraumgestaltung im Cercle Bruit Schweiz mitwirkt, nennt den Wasserschleier «attraktive Verwirklichung einer transparenten Schalldämmung, deren schönes Eigengeräusch gleichzeitig Fremdlärm maskieren kann und die zum eigenen Ein-Greifen verlockt». Er hat den Wasserschleier im Spätsommer 2022 besucht und Messungen vorgenommen, veröffentlicht in der Publikation «Mit Brunnen, Bach und Fluss gegen Lärm von Auto, Tram und Bus – Wann und wie können Wassergeräusche den Verkehrslärm erträglicher und den Aufenthalt angenehmer machen?» Andres Bosshard, der sich selbst gerne als Klanggärtner bezeichnet, ist bereit für den Fall, dass auch andernorts Wassergeräusche gebraucht werden. Denn schon seit zwei Jahrzehnten sorgt er mit seinen Vorlesungen an der Zürcher Hochschule der Künste und der Musikhochschule Luzern für die Ausbildung des Nachwuchses seiner Zunft. Und das könnte sich für die Bevölkerung auszahlen. Denn wenn das Beispiel Dietikon Schule macht, werden in der ganzen Schweiz und weit darüber hinaus solche Klanggärtner gefragt sein. Klaus W. König

Wie Gemeinden das Velofahren fördern können

Das Bundesgesetz über Velowege trat am 1. Januar 2023 in Kraft. Es beruht auf der Volksabstimmung von 2018, die zur Verankerung der Velowege in der Bundesverfassung geführt hat. Das Gesetz legt neue Grundsätze bei der Planung, dem Bau und dem Unterhalt von Velowegnetzen fest. Kantone und Gemeinden sind demnach verpflichtet, ein qualitativ hochwertiges Netz von Velowegen für den Alltags- und Freizeitverkehr einzurichten und zu unterhalten. Die Planung dieser Netze in behördenverbindlichen Plänen muss bis Ende 2027 erfolgen, die Umsetzung bis 2042. Doch wie kann das Velofahren gefördert werden? Welche Infrastruktur- und Fördermassnahmen stehen zur Verfügung? Welche Faktoren sind zu berücksichtigen? Um die Gemeinden dabei zu unterstützen, haben das Observatoire universitaire du vélo et des mobilités actives (Ouvema) der Universität Lausanne und die Büro für Mobilität AG (bfm) den «Guide Velo» entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Onlineplattform, die zweisprachig ist und deren Inhalte auch als PDF heruntergeladen und ausgedruckt werden können. Der Leitfaden wurde mit der Unterstützung von EnergieSchweiz, Pro Velo Schweiz und den Kantonen Freiburg, Luzern, Waadt und Zürich erstellt. Er wurde zudem von einer Expert/innen-Gruppe validiert. Das Velofahren hat zahlreiche Vorteile: Es ist leise, gesund, umweltfreundlich, flächensparend und günstig. Es leistet zudem einen Beitrag zur Lösung zahlreicher gesellschaftlicher Probleme wie der steigenden CO 2 -Emissionen, des damit einhergehenden Klimawandels, der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, der Luftverschmutzung, von Gesundheitsproblemen aufgrund von zu wenig Bewegung, der Überlastung der Infrastrukturen sowie der Einschränkungen der Lebensqualität in den Zentren (Lärm, für Autoverkehr und Parkplätze genutzte Flächen usw.). Ausserdem verfügt das Velo über ein grosses Entwicklungspotenzial. 2021 waren in der Schweiz 60 Prozent aller Wege nicht länger als fünf Kilometer (Mikrozensus Mobilität und Verkehr 2021). Schweizweit wurden nur acht Prozent aller Wege mit dem Velo zurückgelegt. Dabei bestehen jedoch grosse Unterschiede zwischen Regionen und Städten: Die velofreundlichsten wie Bern und Basel erreichen etwa 20 Prozent, bleiben damit aber immer noch weit hinter den velofreundlichsten Städten in Nordeuropa. Anschliessend hebt der Leitfaden die grosse Vielfalt an Velofahrenden und Velotypen hervor. Er verweist insbesondere auf das Modell 8–80, das dazu aufruft, ein Gebiet so zu gestalten, dass Menschen im Alter von 8 bis 80 Jahren selbstständig Velo fahren können. Bei den Arten von Velos ist eine Diversifizierung zu beobachten, welche die Bandbreite des Velofahrens erweitert. E-Bikes eröffnen einem breiteren Publikum den Zugang zum Velo und vereinfachen das Zurücklegen von längeren Strecken und grösseren Höhenunterschieden. Cargobikes und Veloanhänger ermöglichen den Transport von Kindern, Material und Gepäck. Faltvelos und Veloverleihsysteme lassen sich besonders gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kombinieren. Ein ganzheitlicher Ansatz ist notwendig, um das Velo zu fördern – es muss also das gesamte «System Veloverkehr» einbezogen werden und sowohl auf die Velofahrenden als auch auf die Velotauglichkeit des Raums und der Infrastruktur eingewirkt werden. Dazu beinhaltet der Leitfaden eine Vorgehensweise für die Erarbeitung eines Veloaktionsplans mit mehreren Checklisten. Für den Aktionsplan werden drei Schritte vorgeschlagen: eine Analyse, die Formulierung einer Gesamtvision und der Ziele, die Definition von Massnahmen zur Erreichung dieser Ziele sowie ein Zeitplan und ein System zum Monitoring dieser Massnahmen. Durch die politische Unterstützung müssen die dafür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen sichergestellt werden. Das Herzstück des «Guide Velo» ist eine Sammlung der wichtigsten Massnahmen zur Veloförderung in Form von 35 kompakten, mit praktischen Beispielen illustrierten Massnahmenblättern. Die erste Serie von Massnahmenblättern bezieht sich auf Infrastrukturen. Diese Massnahmen zielen darauf ab, ein Gebiet velofreundlich zu gestalten und direkte, vernetzte, sichere, komfortable und attraktive Routen zu gewährleisten. Sie umfassen insbesondere die verschiedenen Arten von Velowegen, Verkehrsregimes, Veloführung an Kreuzungen, aber auch die Veloparkierung, die Signalisation oder den Umgang mit Baustellen. Eine zweite Serie von Massnahmenblättern betrifft die Kommunikation, Ausbildung, Prävention und Förderung des Velos. Diese sollen die Verbesserungen der Veloinfrastruktur sichtbar machen, das Velo als Verkehrsmittel legitimieren und die Bevölkerung dazu bringen, (wieder) aufs Velo zu steigen. Die Massnahmenblätter enthalten zahlreiche konkrete Beispiele, die die Gemeinden auf ihrem Gebiet entwickeln können, zum Beispiel in Verbindung mit Schulen oder Unternehmen (bike to work) oder um Daten über die Velonutzung zu sammeln und gleichzeitig die Bevölkerung zum Velofahren zu animieren (Cyclomania). Der «Guide Velo» bezieht sich in erster Linie auf das Velo als Transportmittel im Alltag. Er enthält keine fertigen Rezepte, sondern vielmehr eine Liste von Zutaten, die im jeweiligen Kontext betrachtet werden müssen. Der Leitfaden lädt die öffentliche Hand dazu ein, bei der Gestaltung von velofreundlichen Gebieten hohe Ansprüche zu stellen und das volle Potenzial des Velos auszuschöpfen. Informationen: www.guide-velo.ch Aurélie Schmassmann, Daniel Baehler, Patrick Rérat

«Mich reut jede Scheune, die wegkommt»

Markus Zentner sitzt am Steuer seines firmeneigenen Minigeländewagens, der Besucher auf dem Beifahrersitz. Wir steuern Langenbruck an, die südlichste Ortschaft im Waldenburgertal, eines der von Süden nach Norden verlaufenden Täler im Baselbiet. Das Ziel unseres Ausflugs an diesem sommerlichen Nachmittag im Juni sind Feldscheunen. Sie stehen einzeln im Gelände, umgeben nur von Wiesen und mitunter auch Weiden. Viele stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, wenige Exemplare gar aus dem 17. Jahrhundert. Oben in der Tenne wurde Heu gelagert, im Erdgeschoss gibt es Ställe. Manche dienten als Futterscheunen, in denen Lasttiere gefüttert wurden, andere nutzte man als klassische «Heuschürli». Was ist denn so besonders an diesen in die Jahre gekommenen Zweckbauten? Markus Zentner, Präsident des 2009 gegründeten Vereins Feldscheunen, kennt die Antwort. Unseren ersten Halt legen wir bei der Saalegg ein, einer Stallscheune oberhalb des früheren Klosters Schönthal. Wir sind im hügeligen Faltenjura, Wiesen schmiegen sich zwischen Waldstücke, immer wieder ragen Felsabbrüche hervor, «Flue» nennt man sie hier. Zentner wechselt ein paar Worte mit dem Landwirt, der Heuballen auf den Anhänger des Traktors lädt und in die Saalegg transportiert. Es bleibt nicht die letzte Plauderei an diesem Nachmittag. Zentner kennt nicht nur jeden Stein im Oberbaselbiet, sondern auch manche der Bauern, die das Land bewirtschaften, auf denen die Feldscheunen stehen. Wenn es darum geht, eine solche Scheune vor dem Zerfall oder dem Abbruch zu bewahren, berät der Verein Feldscheunen Eigentümer, fertigt Gutachten an, stellt Finanzierungsgesuche, reicht Baugesuche ein, schreibt Aufträge aus und organisiert die Arbeiten auf der Baustelle. Hans Weber, Gemeinderat von Langenbruck, findet vor allem die Beratung wertvoll: «Mit seiner bautechnischen Expertise kann der Verein gut abschätzen, wie aufwendig eine Sanierung wird.» Und fügt an: «Ausserdem weiss er, wo man Unterstützungsbeiträge beantragen kann.» Der Gemeinderat ist zuständig für die Ortsplanung sowie den Bereich Natur und Landschaft. Mit ihm sprach der Autor vor seinem Besuch im Baselbiet. Der Gebäudesockel der Saalegg besteht aus teilweise verputzten ockerfarbenen Bruchsteinen, darauf ruht ein sogenannter Ständerbau, bei dem Holzpfosten die Last abfangen. Sparren tragen das mächtige Dach. Nur die gegen Südwesten ausgerichtete Giebelwand ist aus dem örtlichen Kalkstein gemauert, die anderen Wände sind aus Holz. Der Stein schützt besser vor der Witterung. Es fällt auf, dass das Dach bloss auf der Längsseite – der Traufseite – vorspringt. Markus Zentner, der seit der Lehre als Zimmermann eine eigene Firma führt, nennt konstruktive Gründe: «Bevor die Giebelwand gemauert wurde, hat man die Holzkonstruktion mit dem Dachstuhl aufgerichtet. Die Last des Dachs wird via Sparren auf die Traufwände abgeleitet. Auch das Vordach liegt auf der Traufwand auf. Bei der Giebelwand ist das nicht möglich, da sie keine statische Funktion hat und bloss die Fassade schliesst.» Erstaunlich dabei: Die gemauerte Giebelwand neigt sich gegen innen. Die Sanierung der Saalegg habe sie davor bewahrt, ganz umzustürzen. Vor einem Jahr hat die Besitzerin der Scheune, die Erbengemeinschaft vom Kleinschönthal, den Auftrag dazu erteilt. Zentners Firma übernahm dabei die Arbeiten an der Holzkonstruktion. Unter anderem hat sein Team die Konstruktion des Dachs, die Ständerwände und die Balkenlagen ertüchtigt sowie schadhafte Teile ersetzt. Auch haben lokale Zimmerleute die Biberschwanzziegel vom Dach geholt, teilweise ersetzt und wieder auf die neue Dachlattung aufgelegt. «Jacob 1651 Bauman» steht an einem der Holzbalken der Saalegg. «Das zeigt, wie stolz er auf sein Werk war», meint Markus Zentner. Nebst Feldscheunen habe der Zimmermann in der Region auch Wohnhäuser und Kirchen gebaut. «Feldscheunen zeugen vom hoch entwickelten Handwerk des 17. bis 19. Jahrhunderts.» Entwurf, Proportionierung, Konstruktion und Fertigungstechnik zeigen den Meister seines Fachs, ist Zentner überzeugt. Gemeinderat Hans Weber erwähnt zwei weitere Aspekte, weshalb Feldscheunen besondere Gebäude sind: «Sie spiegeln die frühere bäuerliche Bewirtschaftung der Hügellandschaft fernab der Dörfer und Höfe.» Zudem seien sie als traditionelles Landschaftselement kennzeichnend für das Oberbaselbiet. Dieses gehört zum Gebiet Belchen-Passwang, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgeführt ist. Auch Zentner betont den landschaftlichen Wert: «Feldscheunen dienen als Orientierungspunkte in der Kulturlandschaft und machen sie lesbar.» Wir gehen durch die neu gezimmerte Einfahrt in die Tenne der Saalegg hinein, in der das zu kompakten Rollen gepresste Heu lagert. Es flattert im Gebälk, wir haben einen Vogel aufgeschreckt, der im Sparrendach sein Nest hütet. «Ein Garten- oder Hausrotschwänzchen», vermutet Zentner. Die Einfahrt ist stets geöffnet, damit die Vögel ungehindert herein- und herausfliegen können. Im porösen Putz und in den Mauern fänden auch Mauerbienen Unterschlupf. «Feldscheunen dienen der Artenvielfalt», meint Zentner. Folgerichtig stellen auch Naturschutzorganisationen Mittel für Sanierungsprojekte zur Verfügung. Dabei erweist sich der Ansatz, traditionelle Materialien bei Sanierungen einzusetzen, für die Natur als Glücksfall. Einst verwendeten die Baufachleute ausschliesslich Materialien, die sie vor Ort vorfanden, etwa Kalkstein, Nadelhölzer, Stampflehm und gelben Jurasand. Den nach alter Rezeptur hergestellten Kalkputz können Insekten besiedeln, den historisch jüngeren Zementputz hingegen nicht. An diesem Nachmittag schauen wir uns noch drei weitere Feldscheunen an. Mehrmals setzt Zentner den Vierradantrieb auf den bekiesten und steilen Feldwegen ein. Einmal gehts nur noch zu Fuss weiter, da Baumstämme kreuz und quer liegen, Forstarbeiten sind im Gang. «Auch wegen solch unzugänglicher Lagen reisst sich bei Sanierungen niemand um Aufträge», sagt Zentner. Ohne das Engagement seines Vereins hätten manche der jahrhundertealten Bauwerke kaum überlebt. Jede einzelne Feldscheune sei anders und erzähle eine eigene Geschichte, sagt Markus Zentner. «Darum reut mich jede Scheune, die wegkommt.» Informationen: https://feldscheunen.ch Lukas Kistler

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