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Mehrzweckverband: eine Sensler Antwort auf die zunehmende Komplexität

Zwischen den Städten Freiburg und Bern liegt der Sensebezirk, der einzige rein deutschsprachige Bezirk im Kanton Freiburg, bestehend aus 15 eher ländlich geprägten Gemeinden. Diese haben in den letzten Jahren als Antwort auf die steigenden Anforderungen und die zunehmende Komplexität einen Mehrzweckverband gegründet. Dieser übernimmt jene Aufgaben, die die Gemeinden von Gesetzes wegen sowieso gemeinsam angehen müssen: die Feuerwehr, das Gesundheitswesen, den Tourismus, die Raum- und Mobilitätsplanung sowie den Betrieb der Orientierungsschulen (Sekundarstufe I). «Der Mehrzweckverband ist keine weitere Staatsebene, sondern gehört den Gemeinden», sagt Co-Geschäftsführer David Köstinger. «Wir übernehmen nur Aufgaben, die uns von Gemeinden übertragen werden, und werden nicht selbst aktiv», ergänzt der zweite Co-Geschäftsführer Simon Ruch. «Der Mehrzweckverband ist keine weitere Staatsebene, sondern gehört den Gemeinden.» David Köstinger, Co-Geschäftsführer Mehrzweckverband Sensebezirk Weshalb aber diese «Superorganisation» eines Mehrzweckverbandes? «Es ging erstens darum, die Anzahl Mandate für die Milizgemeinderäte zu verringern», sagt David Köstinger. Denn zuvor bestanden für die gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben diverse verschiedene Gemeindeverbände, was zahlreiche Sitzungen und Delegiertenversammlungen nach sich zog. Ein zweiter Grund: die Professionalisierung. Mit einer Organisation können Synergien genutzt und Themen wie gerade die Raumplanung mit eigenen Fachpersonen professioneller angegangen werden. Und drittens gibt der Kanton Freiburg in zahlreichen Bereichen eine Regionalisierung vor: Die Gemeinden müssen also von Gesetzes wegen zusammenarbeiten. Wobei David Köstinger bemerkt: «Der Begriff ‹Region› ist nicht immer gesetzlich definiert, und wie die Gemeinden die Regionalisierung angehen, ist ihnen überlassen. Das führt dazu, dass wir in den verschiedenen Bezirken sehr unterschiedliche Lösungen haben.» Um Kostenersparnisse geht es hingegen nicht. «Wir können zwar Synergien nutzen wie gemeinsame Büros, aber das fällt kaum ins Gewicht», sagt David Köstinger. Die grossen Kostentreiber seien der Bereich Bildung – die Löhne für Lehrpersonen in der OS sind kantonal vorgegeben – sowie die Kosten im Zusammenhang mit der Alterung der Bevölkerung. Daran lasse sich kaum etwas ändern. «Ohne die Zusammenarbeit im Verband wäre es für die Gemeinden noch teurer», gibt Simon Ruch zu Bedenken. Kosten, die gar nicht erst entstehen, seien aber schwieriger zu vermitteln als Einsparungen. In der Kommunikation sehen die beiden Geschäftsführer drei Jahre nach der Gründung des Verbands denn auch die hauptsächlichen Herausforderungen. «Der Erfolg unserer Arbeit misst sich an dem, was nicht passiert», sagt Simon Ruch. Er nimmt den regionalen Richtplan als Beispiel: «Ist dieser sauber aufgegleist, kommt es später zu keinen Problemen in den Ortsplanungen – das merken wir aber erst in zehn Jahren.» Sichtbarer ist die Arbeit im Bereich Mobilität, wie David Köstinger ausführt: «In den letzten drei Jahren haben wir uns intensiv mit den Gemeinden, dem Kanton und den Transportdienstleistern ausgetauscht. Dadurch konnten wir die ÖV-Verbindungen im Bezirk auf den nächsten Fahrplanwechsel hin massiv verbessern.» Dennoch: Mit der Identifikation der Gemeinden mit dem Mehrzweckverband hapert es noch. «Die Gemeinden sprechen von uns wie von einer zusätzlichen Staatsebene, dabei arbeiten wir für die Gemeinden», sagt Köstinger. Zudem erregen die «gebundenen Ausgaben», die nun für den einen Verband grösser ausfallen, regelmässig Kritik. «Die Kosten würden für die Gemeinden aber auch ohne den Verband anfallen, denn sie müssten auch so die Feuerwehr oder Gesundheitskosten finanzieren», gibt Simon Ruch zu bedenken. «Ohne die Zusammenarbeit im Verband wäre es für die Gemeinden noch teurer.» Simon Ruch, Co-Geschäftsführer Mehrzweckverband Sensebezirk Der Verband versucht nun, gezielter zu kommunizieren, und hat zum Beginn der neuen Legislatur im Juni 2026 kurze Erklärvideos produzieren lassen, die die Rolle des Verbands erläutern. Zudem sind die Prozesse bewusst transparent gestaltet. «Insbesondere unser mehrstufiger Budgetprozess mit dem Einbezug aller Gemeinden ist sehr aufwendig, wir erhalten darauf aber positive Rückmeldungen», sagt David Köstinger. Auch das Argument des Demokratieverlusts lassen die beiden nicht gelten: So ist das Instrument einer bezirksweiten Initiative vorgesehen. Dieses wurde bereits einmal genutzt, und so haben die Sensler Wahlberechtigten im Juni über ein neues Freizeitbad abgestimmt. Nadja Sutter

Die Gratwanderung der Verdichtung

Die Verdichtung des Siedlungsraums im Jahr 2026 in einer mittelgrossen Gemeinde mit einem reichen historischen Erbe ist eine Gratwanderung und eine Aufgabe, die einen langen Atem erfordert. Wie lassen sich unter anderem eine gute soziale Durchmischung, eine gesunde Umwelt und Landschaft, ein Service public sowie eine touristische Attraktivität erhalten und gewährleisten? Die Herausforderungen, die sich stellen – die Bewahrung dieses Kulturerbes, der Erhalt grüner Lungen, majestätischer Bäume und generationenübergreifender Begegnungsorte, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, der Unterhalt bestehender Infrastrukturen und deren Weiterentwicklung –, stehen im Zentrum der Überlegungen, Strategien und Projekte einer Gemeindebehörde. Die Verdichtung ist dabei ein integraler Bestandteil ihres Auftrags. Eine Legislaturperiode ist kurz im Leben der Raumplanung einer Gemeinde. Und doch müssen in dieser Zeit Entscheide getroffen werden, im Einklang mit den geltenden Gesetzen, wie sie vom Volk gewollt sind. Politische Weichenstellungen sind notwendig, um nicht nur der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, ihrer Lebensqualität und ihrer Gesundheit gerecht zu werden, sondern auch die Entwicklung eines Quartierplans oder die Gestaltung eines Dorfplatzes beispielsweise in der Nähe eines Schlosses zu ermöglichen. Die grosse Herausforderung einer Legislatur besteht darin, bedeutende langfristige Projekte über einen derart kurzen Zeitraum hinweg zu begleiten und zu unterstützen – mit besonderer Aufmerksamkeit und offenem Ohr, denn öffentliche Interessen treffen unweigerlich auf private und persönliche Interessen. Auch wenn diese Aufgabe anspruchsvoll ist: Ist es nicht genau diese Herausforderung, die jene motiviert und begeistert, die sich für dieses öffentliche Amt engagieren? Nathalie Gigandet

Energie-Regionen: Drei Wege zur lokalen Energiewende

Energie-Regionen gibt es in der ganzen Schweiz – von den Tälern der italienischen Schweiz über die Hochebenen des Berner Juras bis hin zu urban geprägten Räumen. Seit mehr als zehn Jahren entwickeln sie interkommunale Projekte, um erneuerbare Energien zu fördern, Synergien zu nutzen und die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden zu stärken. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Ansätze sein können – und wie ähnlich die Zielsetzungen sind. Mit seinen Projekten setzt die Tessiner Energie-Region Vedeggio Valley gezielt auch auf die Nutzung vorhandener Infrastrukturen zur Energiegewinnung. Im Rahmen von Machbarkeitsstudien wurde untersucht, wie sich bestehende Gefälle sowie der Überschussdruck in den Trinkwassernetzen zur Stromproduktion nutzen lassen. Die Analysen zeigen, dass mehrere Mikroturbinen technisch realisierbar und wirtschaftlich interessant sind, sofern Anpassungen an den bestehenden Anlagen vorgenommen werden. Damit schafft die Region eine konkrete Grundlage, um die geplanten Anlagen schrittweise umzusetzen und lokal erneuerbare Energie zu produzieren. Die Analysen haben ein machbares Potenzial von 243 MWh pro Jahr identifiziert. Eine der anfänglichen Herausforderungen bestand darin, das technisch-wirtschaftliche Potenzial einer Lösung aufzuzeigen, die im Vergleich zu grossen Wasserkraftwerken in der Regel wenig Beachtung findet. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Integration neuer Komponenten in bestehende Infrastrukturen einen hohen Abstimmungsbedarf erfordert. Gerade darin liegt jedoch ein zentraler Mehrwert des Projekts: Es macht sichtbar, wie bestehende Systeme doppelt genutzt werden können – für die Wasserversorgung und die Energieproduktion. Auch wenn von der Leistung her nicht mit grossen Wasserkraftwerken vergleichbar, trägt diese Nutzung des Stromproduktionpotenzials der Wasserversorgung lokal dennoch zusätzlich zur Versorgungssicherheit im Winter bei. In der Region Grand Chasseral im Berner Jura steht die Nutzung von Biomasse im Fokus. Das Projekt analysierte das Potenzial landwirtschaftlicher Ressourcen wie Mist, Gülle und organischer Reststoffe und bewertete deren energetische Nutzung. Gleichzeitig wurde der Austausch zwischen Landwirtschaft, Gemeinden und weiteren Akteuren aktiv gefördert. Eine anfängliche Herausforderung bestand darin, unterschiedliche Interessen, logistische Anforderungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zusammenzubringen. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur die Verfügbarkeit der Ressourcen entscheidend ist, sondern auch die Organisation der Wertschöpfungskette. Das Projekt zeigt, dass ein solides Potenzial vorhanden ist und das Interesse innerhalb der Landwirtschaft wächst. Besonders wertvoll ist die gestärkte Zusammenarbeit: Sie bildet die Grundlage, um konkrete Biogaslösungen weiterzuentwickeln und regional umzusetzen. Das theoretische Potenzial der Biomasse in der Region liegt dabei bei 38,6 GWh. Die Energie-Region RET Sursee-Mittelland in Luzern verfolgt einen datenbasierten Ansatz zur Förderung der Solarenergie. Ein kontinuierliches Monitoring der Photovoltaikanlagen schafft Transparenz und ermöglicht systematische Vergleiche zwischen den Gemeinden sowie mit regionalen Zielwerten. Mit der Auszeichnung «RET-Sonnenkönigin» entsteht zudem ein spielerischer Wettbewerb, der die Gemeinden zum weiteren Ausbau von PV-Anlagen motiviert. Zusätzlich wurden Potenziale für weitere PV-Flächen (Top-20-Dächer) sowie Möglichkeiten für gemeinsame Eigenverbrauchsmodelle, etwa für virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (vZEV) oder lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), identifiziert. Damit wird der Solarausbau nicht nur sichtbar, sondern auch steuerbar, und der Erfolg ist messbar: Seit Projektbeginn wurden in der Region 499 neue PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 18 908 kW gemeldet. Insgesamt umfasst der Regionsperimeter heute 2800 Anlagen mit einer installierten Leistung von 102 991 kW. Zu Beginn bestand eine zentrale Herausforderung darin, den Solarausbau über alle Gemeinden hinweg vergleichbar zu machen und die dafür notwendigen Daten konsistent aufzubereiten. Gleichzeitig zeigte sich, dass Daten allein noch keine Wirkung entfalten – sie müssen aktiv kommuniziert und genutzt werden. Mit dem aufgebauten Monitoring steht heute ein Instrument zur Verfügung, das Transparenz schafft, den Austausch fördert und Gemeinden gezielt bei der Planung unterstützt. Damit wird der Solarausbau nicht nur sichtbar, sondern steuerbar. Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Wege sein können und wie wichtig es ist, vorhandene Stärken gezielt zu nutzen: Wasser im Vedeggio Valley, Biomasse im Gebiet Grand Chasseral und Sonne in der Region Sursee. Zusammengenommen leisten diese Projekte einen beachtlichen Beitrag: Die erschlossenen Potenziale entsprechen einer erneuerbaren Stromproduktion für rund 8600 Haushalte. David Müller, Sarah Dujoncquoy, Stefano Mazzacarro

Christian Jott Jenny: «Vermutlich hat mich der Wahnsinn geküsst …»

Ich wurde am 7. Oktober 2018 um 11.38 Uhr im zweiten Wahlgang zum Gemeindepräsidenten gewählt. Vermutlich hat mich der Wahnsinn geküsst … Nein, im Ernst: Der Wunsch nach Veränderungen hier oben war im Volk deutlich spürbar. Es wollten sich aber keine echten Eingeborenen zur Wahl stellen – also musste ein fremder «Fötzel» her. Dieser war ich. Aber so fremd war ich ja gar nicht … Ich habe vor über 20 Jahren das «Festival da Jazz» gegründet und aufgebaut. Unterdessen gilt das Festival als grösster Sommerevent in Graubünden. Es bespielt das Engadin in einer Zeit, die damals noch nicht so als «Hochsaison» klang. Dies gab mir das nötige Vertrauen im Volk – und umgekehrt. Sie wussten, dass ich ein Macher bin. Es war etwa gleich schlimm für mich wie die vier Jahre bis zur Matura, notabene mit ähnlichen Figuren im «Lehrerzimmer»: diejenigen die einem gutgesinnt und stets da waren, und die anderen, die einen immer rausschmeissen wollten. Glücklicherweise hat sich das mit der zweiten Amtsperiode deutlich verbessert. Konkret: Die Widersacher im Kabinett wurden vom Volk abgewählt. Dass letztendlich trotzdem alles etwas anders ist, als man es sich so vorstellt. Glücklicherweise weiss man nicht, was auf einen zukommt. Sonst würde sich wohl niemand mehr für so eine Aufgabe zur Verfügung stellen! Mit Ideen und Visionen! Aber der Dorfarzt hat mir bald einmal gesagt, dass man mit Visionen lieber einen Psychiater aufsuchen sollte. Spass beiseite! Ich lernte bald: Wenn man nicht fähig ist, seine Ideen und Visionen in anständige Anträge zu verwandeln, ist man in der Realpolitik schnell einmal verloren. Das ständige Misstrauen gegenüber mir als «fremdem Fötzel» – was ja irgendwie auch logisch war – , interne Machtkämpfe und die diversen, andersartigen Erwartungen an das Amt und an mich. Es war die allerbeste und schönste zweite Ausbildung in meinem Leben. Näher kommt man wohl nicht an die Menschen in all ihren Facetten ran. Ich bin enorm dankbar und demütig, dass das Volk mir für acht Jahre diese Möglichkeit gegeben hat. Es war mir eine Ehre, dieser Gemeinde dienen zu dürfen. «Ich bin enorm dankbar und demütig, dass das Volk mir für acht Jahre diese Möglichkeit gegeben hat.» Christian Jott Jenny, abtretender Gemeindepräsident von St. Moritz (GR) Das kann und konnte ich schon immer. Man muss sich im Moment einfach fokussieren können. Als «Super-ADHSler» kann ich das sehr gut (lacht). Eine gute Stimmung in die Gemeinde zu bringen, eine Stimmung im Sinne von: «Ja, wir können das!» Ich wollte für Aufbruchstimmung sorgen. Wichtig war mir auch, zuzuhören – den einfachen Bürgerinnen und Bürgern mit ihren Sorgen, aber auch dem Multimilliardär. Und dann vermittelte ich zwischen den Fronten. Hier ging es mir darum, Verständnis zwischen den beiden Polen St. Moritz als einfaches Dorf und dem Welt-Brand St. Moritz herzustellen. Wir haben Dreiviertel der grossen Abstimmungen durchgebracht und gewonnen. Aber vor allem spricht man heute in der Schweiz wieder mit einem Lächeln über unsere Gemeinde. Vielleicht konnte ich St. Moritz ein etwas selbstironisches «Ich» zurückgeben. Das würde mich sehr freuen. Sie steht finanziell und auch imagetechnisch so gut wie selten da. Ich werde täglich danach gefragt: Was machen Sie ab dem 1. Januar 2027? Die Antwort lautet jeweils: «Dasselbe wie bis anhin auf dem Amt: nichts!» Fabrice Müller

Vier Fragen zu Burgdorf, Kanton Bern

«Trotz seiner Nähe zu Bern hat Burgdorf seine ganz eigene DNA.» Stefan Berger, Stadtpräsident Burgdorf (BE) Stefan Berger ist seit 2017 Stadtpräsident von Burgdorf (BE) im Vollamt. Von Amtes wegen sitzt der SP-Politiker in der Geschäftsleitung der Regionalkonferenz Emmental und präsidiert dort den Agglomerationsausschuss sowie die Kulturkommission. Der studierte Chemiker hat mehrere Start-ups im Bereich Chemie und Biotechnologie gegründet. Als nächste Gemeinde hat er Glarus ausgewählt.

Aadorf fördert die Biodiversität mit seinem Gartenpreis

Die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum gehört heute zu den grossen Herausforderungen für Gemeinden. Während öffentliche Flächen zunehmend naturnah gestaltet werden, bleibt ein zentraler Hebel oft ungenutzt: die privaten Gärten und Umgebungen. Die Gemeinde Aadorf (TG) hat hierfür einen eigenen Ansatz entwickelt. Mit dem Gartenpreis Aadorf setzt sie bewusst auf Motivation, Sichtbarkeit und Wertschätzung anstatt auf Regulierung. Der Ursprung des Projekts liegt in einer besonderen Ausgangslage: Nach dem Verkauf des Kommunikationsnetzes der AGLA Kabelnetz Genossenschaft stand ein namhafter Betrag für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung. Daraus entstand die Idee, ein Projekt zu realisieren, das langfristig einen Mehrwert für die Bevölkerung und den Lebensraum Garten schafft. Die Gemeinde hat den Gartenpreis als einfaches, aber wirkungsvolles Instrument konzipiert. Ziel ist es, die Qualität der Grünräume im Siedlungsgebiet sichtbar zu machen und gleichzeitig neue Impulse für deren Entwicklung zu setzen. Nach der erfolgreichen Erstvergabe im Jahr 2025 hat die Gemeinde den Gartenpreis Aadorf im Frühjahr 2026 erneut durchgeführt und weiterentwickelt. Im Zentrum des Gartenpreises steht nicht der perfekte Garten, sondern die Idee dahinter. Die Gemeinde sucht Gärten und Umgebungen, die zeigen, wie Biodiversität, Baumbestand, Gestaltung und Nutzung zusammenspielen können. Ob kleiner Vorgarten, Reihenhausgarten oder grosszügige Anlage spielt keine Rolle. Entscheidend sind die Qualität der Flächen, die Gestaltungsidee und der Umgang mit dem Ort und dem Bestand. Die Teilnahme ist niederschwellig organisiert. Interessierte reichen Fotos und eine kurze Beschreibung ein. Die Jury beurteilt die Gärten anschliessend vor Ort. Die Teilnehmenden nehmen diesen persönlichen Austausch als besonders wertvoll wahr. Was den Gartenpreis Aadorf besonders macht, ist der ganzheitliche Ansatz. Biodiversität ist zentral, wird aber immer im Zusammenspiel mit weiteren Aspekten betrachtet, nämlich Gestaltung und Kreativität, Aufenthaltsqualität und Nutzung, Umgang mit Wasser und Boden sowie Pflege und langfristige Entwicklung. Die Bewertung orientiert sich damit am Dreieck Ökologie, Nutzung und Gestaltung. Die wichtigsten Beurteilungskriterien umfassen die folgenden Punkte: Biodiversität und Lebensräume: Vielfalt einheimischer Pflanzen, Baumbestand, strukturreiche Gestaltung sowie Qualität und Quantität der Lebensräume für Flora und Fauna Gestaltung und Idee: Identitätsstiftung, Kreativität und stimmiges Gesamtkonzept, Exposition und auch die Wirkung von ausserhalb Nutzung und Aufenthaltsqualität: Wie gut ist der Garten als Lebens- und Erholungsraum für Menschen gestaltet? Ressourcen und Kreisläufe: Umgang mit Regenwasser, Boden, Versiegelung und Grüngut Pflege und Entwicklung: Nachhaltige Pflege, angepasster Mitteleinsatz und Entwicklungspotenzial Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Faktoren und nicht ein einzelnes Kriterium. Der Gartenpreis entfaltet seine Wirkung nicht über Vorgaben, sondern über Beispiele. Er macht sichtbar, was möglich ist, und zeigt konkrete Lösungen direkt vor der Haustür. Damit spricht er auch Menschen an, die sich bisher wenig mit Biodiversität beschäftigt haben. Die Rückmeldungen zeigen, dass viele Teilnehmende ihren Garten bewusster wahrnehmen und weiterentwickeln. Ein zusätzlicher Effekt soll durch die Öffnung einzelner Gärten für einen Tag entstehen. Begegnungen, Gespräche und Einblicke schaffen eine neue Form von Austausch im Quartier. Der Gartenpreis Aadorf zeigt, dass Gemeinden auch mit einfachen Mitteln eine grosse Wirkung erzielen können. Entscheidend ist weniger die Höhe der Preisgelder als die Kombination aus fachlicher Qualität, lokaler Verankerung und positiver Kommunikation. Das Instrument lässt sich gut auf andere Gemeinden übertragen, insbesondere dort, wo bereits Strategien zu Biodiversität oder Klimaanpassung bestehen. Gerade im dicht genutzten Siedlungsraum kann dieser Ansatz einen wichtigen Beitrag leisten. Denn viele kleine Flächen ergeben zusammen eine grosse Wirkung. Oder anders gesagt: Die Zukunft der Biodiversität entscheidet sich nicht nur im Wald oder in Schutzgebieten, sondern auch direkt vor der Haustür. Stefan Brunner

Dürfen Gemeinden digitalisierte Protokolle online veröffentlichen?

Das Wichtigste vorab: Digitalisiertes Archivgut darf nicht ungeprüft online veröffentlicht werden. Massgebend sind kantonales und kommunales Recht. Zwei Beispiele: Im Kanton Basel-Landschaft braucht es für Unterlagen, die weniger als 30 Jahre alt sind oder die spezifische Personendaten enthalten, während der Schutzfrist ein formelles Zugangsgesuch. Nicht anonymisierte Personendaten werden 10 Jahre nach dem Tod zugänglich, spätestens 100 Jahre nach der Geburt oder, wenn diese unbekannt ist, nach der Erstellung. Geheimhaltungspflichten und überwiegende Interessen bleiben vorbehalten. Einbürgerungsakten enthalten Personendaten und können besonders schützenswerte Angaben umfassen. Während Basel-Landschaft also den Zugang zu Archivgut über das Gesuch sichert, will der Kanton Zürich mit einer laufenden Totalrevision des Archivgesetzes ausdrücklich vorsehen, dass Protokolle und Beschlüsse von Legislative und Exekutive, soweit möglich, digitalisiert und online bereitgestellt werden. Auch Zürich kennt Schutzfristen. Für Personendaten sollen sie weiterhin 30 Jahre ab Dossierschluss betragen, für besondere Personendaten neu 100 statt 80 Jahre. Der Vorentwurf wird aktuell ausgewertet und kann sich noch ändern. Ein Anspruch auf Zugang bedeutet übrigens nicht, dass Unterlagen einfach so online veröffentlicht werden dürfen. Jede Onlinepublikation braucht Rechtsgrundlage und Interessenabwägung. Prüfen Sie als Gemeinde immer Protokolltyp, Fristen und Personendaten. Schwärzen oder anonymisieren Sie heikle Angaben. Metkel Yosief

Wenn Kinder die Stadt von morgen planen

Kinder und Jugendliche nutzen Strassen, Plätze, Schulareale und Quartiere täglich. Dabei nehmen sie Qualitäten und Hindernisse wahr, die Erwachsenen leicht entgehen: Sie wissen, wo sie sich gerne aufhalten, welche Wege unsicher wirken und welche Orte zum Spielen, Treffen oder Verweilen einladen. Trotzdem wird ihre Perspektive bei Planungs- und Bauvorhaben oft zu wenig berücksichtigt. Sie einzubeziehen, ist nicht nur ein Gewinn für die Planung. Gemäss Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche das Recht, in allen sie betreffenden Angelegenheiten angehört zu werden. Eine neue Studie von Unicef Schweiz und Liechtenstein und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW untersucht, wie Gemeinden und Kantone diesen Anspruch bei Planungs- und Bauvorhaben umsetzen. Die Studie zeigt eine deutliche Lücke: Gut 80 Prozent der antwortenden Gemeinden haben die Bevölkerung in den vergangenen fünf Jahren bei Planungs- und Bauvorhaben einbezogen. Spezifische Verfahren für Kinder und Jugendliche führten hingegen nur 75 von 172 Gemeinden durch – rund 44 Prozent. Wo junge Menschen beteiligt werden, geht es meist um konkrete Alltagsräume wie Freiflächen, Spielplätze oder Schul- und Sportanlagen. Bei strategischen Planungen sowie Quartier- und Arealentwicklungen geschieht dies deutlich seltener. Innerhalb der Verfahren konzentriert sich die Mitwirkung vor allem auf Bedarfsanalyse und Ideenentwicklung. Formelle Verfahren in Planung und Bau und die alltägliche Partizipation in Schulen, Jugendarbeit oder Quartieren werden häufig getrennt organisiert. Wie sich beide Bereiche verbinden lassen, zeigt Kriens (LU) bei der Revision seiner Ortsplanung. Die Anliegen der jungen Bevölkerung sollten ins «Räumliche Entwicklungskonzept» (REK) und damit in die langfristige räumliche Entwicklung der Stadt einfliessen. Im Rahmen der Ortsplanungsrevision 2023 sammelten Kinder im Unterricht Ideen für das Kriens der Zukunft. Jugendliche konnten sich zusätzlich an einer Online-Umfrage beteiligen. Im «Ideenbüro» präsentierten Kindergarten- und Primarschulkinder ihre Vorschläge. Delegierte aus den Klassen sowie Jugendliche priorisierten die Ideen und entwickelten daraus Prototypen für öffentliche Räume und Gebäude. Diese übergaben sie dem Vorsteher des Bau- und Umweltdepartements und dem Planungsteam. So wurden ihre Vorstellungen für die Fachplanung greifbar. An einer Ergebniskonferenz erläuterten die Planungsverantwortlichen, wie die Anliegen im «Räumlichen Entwicklungskonzept» berücksichtigt wurden. Zudem entwickelten und priorisierten die jungen Beteiligten Ideen für Sofortmassnahmen. Eine davon wurde an der Abschlussveranstaltung direkt umgesetzt und im Stadtraum sichtbar gemacht: So konnten die Kinder die Baumstützen für Jungbäume bemalen, und diese wurden bei der Pflanzung von neuen Jungbäumen beim Sportplatz Kleinfeld verwendet Damit schloss Kriens eine Lücke, die sich in vielen Verfahren zeigt: Nur rund die Hälfte der Gemeinden mit entsprechender Erfahrung informiert Kinder und Jugendliche direkt über den weiteren Verlauf. Das Projekt wurde von der Stadtplanung und der Kinder- und Jugendanimation initiiert und gemeinsam mit der Fachstelle SpielRaum durchgeführt. Vertreterinnen und Vertreter der Volksschule, der Dienststelle Soziales und Gesellschaft (DISG) Kanton Luzern und von Zeitraumplanungen fungierten dabei als Echogruppe. So verband Kriens das formelle Planungsverfahren mit bestehenden Zugängen zu Kindern und Jugendlichen. Eine klare Rollenverteilung unterstützte die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Im Rahmen der Mitwirkung zu den planungsrechtlichen Unterlagen sollen die Kinder und Jugendlichen wiederum mitwirken können. Die Erkenntnisse aus der ersten Mitwirkung fliessen dabei wesentlich in die Konzeptionierung mit ein, mit dem Ziel, den Anliegen der Kinder und Jugendlichen im gesamten Ortsplanungsrevisionsprozess Gehör zu verschaffen. Das Beispiel Kriens zeigt, dass Kinder- und Jugendpartizipation auch bei komplexen Planungsprozessen möglich ist. Dafür braucht es einen klaren Auftrag, definierte Zuständigkeiten, genügend Zeit und altersgerechte Zugänge. Wichtig ist zudem eine verlässliche Rückmeldung, welche Vorschläge umgesetzt werden können. Auch kleinere Gemeinden müssen dafür keine eigene Fachstelle schaffen. Die Nutzung bestehender Strukturen wie Schule oder Jugendarbeit kann viel bewirken. So wird Beteiligung mit der Zeit zu einem festen Bestandteil der kommunalen Planung. Alissa Brenn

Verdichtetes Bauen mit Qualität

Massagno zählt mehr als 7000 Einwohnerinnen und Einwohner auf nur 0,74 km² und ist nach Genf die am dichtesten besiedelte Gemeinde der Schweiz. Die Nähe zu Lugano, gute Verkehrsanbindungen und ein tieferer Steuerfuss machen diese Gemeinde attraktiv, die stets autonom geblieben ist und im Gegensatz zu Lugano immer von der Mitte-Partei regiert wurde. Trotz begrenzter Fläche sieht die Gemeinde noch Potenzial durch Baulandreserven und die Erneuerung bestehender Gebäude. Sie befürwortet eine qualitative Verdichtung, die mit öffentlichen Räumen, Grünflächen, Infrastruktur und Dienstleistungen einhergeht. Ein gelungenes Beispiel ist die 2022 eröffnete «Residenza Radice» mit 167 Wohnungen und einem öffentlich zugänglichen Park. Künftig bietet insbesondere die geplante Überdeckung der Bahnlinie nördlich des Bahnhofs Lugano Chancen für neue öffentliche Räume und eine bessere städtebauliche Verbindung. Gerhard Lob

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