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Aktive Filter: Kategorie: Raumplanung und Verkehr Autor: Marion Loher Alle Filter entfernen
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Generationenspielplatz Kreckel: Ein Treffpunkt für Jung und Alt

Es ist einer der ersten frühlingshaften Tage im März: Auf dem Generationenspielplatz Kreckel in Herisau (AR) herrscht Hochbetrieb. Kinder klettern den Holzturm empor und sausen jauchzend die Rutschbahn hinunter. Andere versuchen sich im Balancieren oder bauen im Sandkasten an ihren Burgen. Es wird geschaukelt, gelacht oder mit der Seilbahn durch die Luft geschwebt. Auf der langen Bankreihe am Spielplatzrand sitzen Väter und Grossmütter und beobachten ihre Kinder. Daneben geniessen einige Bewohnerinnen und Bewohner des benachbarten Alterszentrums die Sonne. Der Generationenspielplatz in Herisau ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. «Bei schönem Wetter können sich über den Tag verteilt hier schon mal zwischen 800 und 1000 Personen aufhalten», sagt Glen Aggeler. Er ist Präsident des Vereins Spielinsel, der den Spielplatz 2014 gegründet hat. Die Idee sei ursprünglich aus der politischen Mitte entstanden und habe sich mit Ergebnissen einer Zukunftswerkstatt, bei der zahlreiche Interessierte aus der Gemeinde teilnahmen, ergänzt. «Wir wollten einen Ort schaffen, der verschiedene Generationen verbindet», so der Vereinspräsident, der auch im Gemeinderat von Herisau sitzt. Der Standort erwies sich als ideal. Die Wiese, auf der sich der Spielplatz befindet, liegt zwischen dem Sportzentrum und dem Alterszentrum Heinrichsbad. Entsprechend wurde der Platz sowohl mit Spielgeräten als auch mit genügend Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten ausgestattet. Das Konzept hat sich bewährt: Während Kinder klettern und rutschen, nutzen ältere Menschen die Anlage, um zu verweilen oder sich ebenfalls zu bewegen. Pro Senectute organisiert regelmässig das Altersturnen auf dem «Kreckel», und auch die Aktivierungsgruppe aus dem Alterszentrum verlegt ihre Stunde häufig nach draussen. Ein zentrales Element des Spielplatzes ist der Bezug zur Region. Viele Spielgeräte greifen Sehenswürdigkeiten aus dem Appenzellerland auf. So wurde beispielsweise aus dem Holzturm der «Hohe Kasten», aus dem grossen Sandkasten der «Steinbruch Schachen» und aus der Seilbahn die «Säntis Schwebebahn». Aber auch die Höhlen des «Wildkirchli», der traditionelle Appenzeller Bauernhof sowie die Kreuzberge kommen vor. «So entsteht ein Stück Identität und Verbundenheit mit der Region.» Der Generationenspielplatz gilt als Erfolgsprojekt, auch über die Gemeinde hinaus. «Er ist zu einem eigentlichen Leuchtturm geworden», sagt Aggeler. Die Gemeinde spielt dabei eine unterstützende Rolle: Sie stellte das Baurecht zur Verfügung. Zudem reinigen Gemeindemitarbeitende noch heute täglich den Platz und geben Bescheid, wenn etwas kaputt ist. «Um die Reparaturen kümmern wir uns dann wieder selbst», so der Vereinspräsident. Dass solche Projekte für die Gemeinde einen Mehrwert schaffen, bestätigt auch Max Eugster, Gemeindepräsident von Herisau. «Der Generationenspielplatz ist für Herisau in zweierlei Hinsicht ein Gewinn», sagt er. «Er zeigt, dass private Initiativen das öffentliche Angebot sinnvoll ergänzen und zur Attraktivität unserer Wohngemeinde beitragen.» Gleichzeitig leiste der Ort mit seiner Lage zwischen Altersinstitution und Sportanlagen einen wichtigen Beitrag zum Zusammenleben der Generationen. «Das ist ein Ansatz, den wir als Gemeinde ebenfalls verfolgen, etwa mit der Aufwertung weiterer Quartierspielplätze», sagt Eugster. «So können Spielplätze zu Treffpunkten für Generationen werden.» «Bei schönem Wetter können sich über den Tag verteilt schon mal bis zu 1000 Personen hier aufhalten.» Glen Aggeler, Präsident des Vereins Spielinsel und Gemeinderat Mit dem Erfolg kommen aber auch neue Aufgaben. «Der Unterhalt ist aufwendiger geworden», sagt Aggeler. Noch lasse sich vieles dank Sponsoren und freiwilligen Einsätzen auffangen. Im Frühling wird jeweils gemeinsam geputzt, und im Herbst werden Schäden repariert. Ein weiteres Thema, das ihn beschäftigt, ist der Umgang mit dem Platz. «Respekt ist nicht immer selbstverständlich», sagt Aggeler. Regeln müssten immer wieder erklärt werden, wie der Umgang mit den Spielgeräten oder das Rauchverbot. «Es ist ein öffentlicher Raum, aber kein beliebiger.» Trotzdem überwiegt für ihn das Positive. «Wir erleben hier alles: vom Kindergeburtstag bis zum Polterabend», sagt er. Der Platz ersetze zwar nicht den Wald als Spielstätte, «aber er ist eine wichtige Ergänzung». Gerade in einer wachsenden Gemeinde wie Herisau mit inzwischen über 16 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. «Wenn wir Menschen, egal welchen Alters, weg vom Smartphone und nach draussen bringen sowie Begegnungen ermöglichen, dann hat sich der Aufwand gelohnt.» Marion Loher

Wohnraum in Gonten: wenn die Statistik trügt

Gonten ist eine kleine Gemeinde im Kanton Appenzell Innerrhoden. 1470 Menschen leben hier, eingebettet in eine Landschaft aus sanften Hügeln, satten Wiesen und alten Bauernhöfen mit Blick auf den Säntis. Wer in Gonten eine Wohnung sucht, braucht Geduld. Denn gemäss Bundesamt für Statistik gibt es in der Gemeinde keine freie Wohnung. Seit mehreren Jahren liegt die Leerwohnungsziffer bei 0,0 Prozent. Trotzdem möchte der regierende Bezirkshauptmann Urban Fässler nicht von einer Wohnraumknappheit sprechen. «Es gibt noch freie Wohnungen bei uns», sagt er und erklärt, dass die Statistik nur jene Wohnungen erfasse, die seit weniger als zwei Jahren leer stehen und aktiv beworben werden. In Gonten wird Wohnraum jedoch kaum klassisch auf dem Markt angeboten – weder online noch über Inserate. «Bei uns läuft vieles über Beziehungen», sagt Fässler, der seit 2017 im Bezirksrat sitzt und die Gemeinde seit 2021 als Hauptmann führt. «Man kennt sich im Dorf und weiss, wo etwas frei wird.» Allerdings muss auch er einräumen: «Die Zahl der leer stehenden Wohnungen hat in den vergangenen Jahren stetig abgenommen.» Im Jahr 2022 waren es noch 22 Wohnungen, 2025 sind es gerade einmal zwei. Nicht berücksichtigt sind dabei Wohnungen und Bauernhäuser, die seit mehr als zwei Jahren leer stehen. Aufgrund der Vorgaben des Bundesamtes für Statistik werden diese als Zweitwohnungen aufgeführt, und davon gibt es in Gonten einige. 116 an der Zahl, meist traditionelle Bauernhäuser, die teilweise dem heutigen Wohnstandard nicht mehr entsprechen. Manche Gebäude werden sporadisch genutzt, andere stehen ganz leer. «Ein Umbau oder gar Neubau ist bei solchen Häusern oft schwierig», sagt der Bezirkshauptmann. «Das liegt an den gesetzlichen Grundlagen, etwa am Denkmalschutz oder an baurechtlichen Einschränkungen.» Viele dieser Liegenschaften liegen ausserhalb der Bauzone oder gelten als schützenswert, was Sanierungen teuer und aufwendig macht. «Richtige Zweitwohnungen im Sinne von Ferienwohnungen gibt es bei uns nur wenige.» Gebaut wurde in Gonten in den vergangenen Jahren in überschaubarem Rahmen. Zwischen 2019 und 2025 ist der Wohnungsbestand der Gemeinde um rund 30 Einheiten gewachsen. Neue Mehrfamilienhäuser, Umbauten und sanierte Altliegenschaften haben den Bestand leicht erhöht. Dieser wird in nächster Zeit weiter wachsen. Im Gebiet «Schwarzenberg» sind derzeit vier Doppeleinfamilienhäuser geplant, und auch im Dorfzentrum tut sich einiges. Der grösste Bau ist das kürzlich eröffnete Wellnesshotel. Gleichzeitig entstehen auf demselben Areal barrierefreie Wohnungen für über 50-Jährige sowie drei Häuser mit Serviced Appartements und Wohnungen. Von einem Bauboom kann aber keine Rede sein. Und das ist durchaus im Sinne der Gemeinde. «Wir wollen nicht gross wachsen, aber ein bisschen müssen wir schon», sagt Fässler. Es gehe darum, Schule und Geschäfte im Dorf am Leben zu erhalten. Die Primarschule stehe gut da und habe stabile Schülerzahlen. Für die Oberstufe wechseln die Jugendlichen dann nach Appenzell. Der Bezirkshauptmann ist sich bewusst, dass einige junge Leute für Ausbildung, Arbeit oder Studium wegziehen. «Viele von ihnen kommen aber später, wenn sie eine Familie gründen oder gegründet haben, wieder in die Heimat und finden in der Regel eine Wohnung, auch wenn diese selten auf Immobilienplattformen ausgeschrieben sind.» «Wir wollen nicht gross wachsen, aber ein bisschen müssen wir schon.» Urban Fässler, Bezirkshauptmann von Gonten (AI) Viel ändern dürfte sich in Gonten bezüglich der Wohnraumsituation in den nächsten Jahren nicht. Die Ortsplanrevision ist zwar im Gange und wird demnächst der Standeskommission zur Vorprüfung vorgelegt. Viel Spielraum hat die Gemeinde dabei aber nicht: Bauland ist kaum mehr vorhanden, und neue Einzonungen sind in den kommenden 15 Jahren nur nach konsequenter Mobilisierung der inneren Nutzungsreserven und dem Nachweis eines Bedarfs möglich. Im neuen Ortsplan werden einzelne Parzellen von Wohn- in Freihaltezonen umgewandelt, um Grünflächen zu erhalten. «Bisher sind wir mit unserer Boden- und Wohnpolitik gut gefahren», sagt der Bezirkshauptmann, «und wir konnten die Nachfrage nach Wohnraum mehrheitlich gut abdecken.» Aber sie seien auch nicht überrannt worden, fügt er augenzwinkernd an. Die Bevölkerung ist in den vergangenen acht Jahren leicht gewachsen – von 1440 auf 1470 Einwohnerinnen und Einwohner. Ein moderates Plus, das zeigt, dass Gonten lebendig bleibt. Marion Loher

Warten, mitfahren und Gutes für die Umwelt tun

Ein älteres Ehepaar steht vor dem Holzbänkli am Bahnhof in Nesslau und mustert es aufmerksam. Die beiden kommen aus der Bodenseeregion und sind nicht zum ersten Mal in der Gegend. Von der Mitfahraktion haben sie allerdings noch nie etwas gehört. Sie bezweifeln, ob jemand anhält, wenn sie sich aufs Bänkli setzen. Warum? «Vielleicht, weil wir nicht von hier sind», vermuten sie. Zeit, das Mitfahrbänkli auszuprobieren, hat das Ehepaar nicht. Es wartet auf den Zug, der die beiden zurück Richtung Bodensee bringt und der in wenigen Minuten einfahren wird. Ich kann die Skepsis der beiden verstehen. Es sind dieselben Gedanken, die mir auch durch den Kopf gehen, als ich mich zum nächsten Mitfahrbänkli aufmache. Es steht in der Untersteig, etwa zehn Minuten Fussmarsch vom Bahnhof Nesslau entfernt. Das erste Bänkli bei den Zuggleisen dient vor allem der Information. Das hat mir die Verantwortliche Patrizia Egloff bereits im Vorfeld gesagt. Die Plakette, die auf der Banklehne angebracht ist, zeigt die Strecke der Mitfahrgelegenheiten und die Orte, wo weitere Bänkli zu finden sind. Patrizia Egloff ist Präsidentin des Fördervereins Energietal Toggenburg, der das Mobilitätsprojekt initiiert und gemeinsam mit der Standortgemeinde im Frühling dieses Jahres umgesetzt hat. Das Prinzip ist einfach: Wer sich auf eines der vier Mitfahrbänkli beim Tennisplatz in der Untersteig, beim Restaurant Speer, in der Dergeten oder im Dorf Stein hinsetzt, möchte gerne mitgenommen werden. Und wer Lust auf eine Mitfahrerin oder einen Mitfahrer hat, hält einfach an. Eine Einschränkung gibt es: Kinder dürfen nur in Begleitung eines Erwachsenen mitfahren. Ich bin gespannt, ob mich jemand mitnimmt. In der Untersteig angekommen, setze ich mich auf das Bänkli, das zum Schutz vor Regen und Schnee sogar ein Dach hat. Ich warte. In den ersten fünf Minuten passiert nichts. Kein Auto fährt vorbei. Das könnte aber auch daran liegen, dass die Mittagszeit noch nicht ganz vorbei ist. Es ist ruhig, die Sonne scheint, und Motorengeräusche sind nur in der Ferne zu hören. Kurze Zeit später nimmt der Verkehr leicht zu. Doch niemand hält an. Stattdessen unterbricht ein Mann, der mit seinem Hund seine tägliche Runde dreht, seinen Spaziergang. «Warten Sie schon lange?», fragt er. «Etwa zehn Minuten», antworte ich, und er erzählt, dass er in der Nähe wohne und schon mehrmals jemanden mitgenommen habe. «Diese Mitfahrbänkli sind wirklich eine gute Sache. Man kommt mit Menschen in Kontakt und tut noch Gutes für die Umwelt.» Ich frage ihn, ob es lange dauern kann, bis jemand anhalte. «Ach was», winkt er ab. «Es hält bestimmt bald jemand», macht er mir Mut. Der Förderverein Energietal Toggenburg und die Gemeinde Nesslau erhoffen sich durch das Ride-and-Sharing-Projekt zum einen, die Weiler, die nicht an den öV angeschlossen sind, besser zu erschliessen. Zum anderen sollen die Bänkli einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Mobilität leisten. «Oft sind private Autos nur schlecht ausgelastet», sagt Patrizia Egloff. «Die meisten Fahrzeuge befördern nur eine Person. Mit den Mitfahrbänkli schaffen wir die Möglichkeit, diese Zahl zu erhöhen.» Ausserdem habe der motorisierte Privatverkehr generell viel Potenzial, die Energieeffizienz der Region zu steigern, ist die Präsidentin von Energietal Toggenburg überzeugt. Die Idee der Mitfahrbänkli stammt aus der Fokusgruppe «Nachhaltige Mobilität im Toggenburg». 2021 wurden im Rahmen dieser Gruppe verschiedene Partner aus der Region zusammengeführt und Mobilitätsangebote erarbeitet, die eine CO 2 -Reduktion im Verkehr ermöglichen. Die Mitfahrbänkli sind eines der ersten neuen Angebote, welche die nachhaltige Mobilität fördern sollen. Nur wenige Minuten nachdem der Spaziergänger und sein Hund hinter der Kurve verschwunden sind, nähert sich ein Auto. Es verlangsamt seine Fahrt und hält tatsächlich vor meinem Bänkli. Die Fahrerin dreht die Scheibe herunter und fragt: «Wollen Sie mitfahren?» «Gerne», rufe ich ihr zu, packe meine Tasche und steige hinten im Auto ein. Vroni Rutz und ihre Mitfahrerin Bethli Scherrer sind auf dem Weg in den hintersten Weiler von Nesslau, in die Dergeten. Und genau dorthin möchte ich auch. Für die beiden geht es danach weiter, sie wollen ins Fürggli wandern. Die beiden Frauen gehen oft miteinander in die Berge. Zu zweit mache es einfach mehr Spass als allein, sagen sie und lachen. Vroni Rutz hat schon mehrmals jemanden in ihrem Auto mitgenommen. Selbst habe sie auch schon auf einem der Bänkli gewartet. Auch sie ist begeistert vom Projekt. «Man lernt immer neue Menschen kennen, und das gefällt mir», sagt sie. Die Nesslauer Mitfahrbänkli sind ein Pilotversuch. Die Testphase dauert noch bis Ende Jahr, dann wird entschieden, wie es mit dem Projekt weitergeht. Patrizia Egloff ist optimistisch. Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien sehr positiv. So positiv, dass die Aktion mittlerweile auch im Obertoggenburg getestet wird. Entlang der Schwendistrasse gibt es die Mitfahrbänkli an drei Standorten – in Wildhaus, in der Schwendi und in Unterwasser. Die beiden Strecken sollen aber nicht die einzigen bleiben. Es laufen bereits Vorarbeiten für weitere Mitfahrmöglichkeiten, und zwar in der Gemeinde Ebnat-Kappel. Die Autofahrt in den Nesslauer Weiler Dergeten, wo ein weiteres Mitfahrbänkli steht, dauert rund zehn Minuten. Ich verabschiede mich von den beiden Frauen. Gerne wäre ich in der nahegelegenen Buurebeiz, die denselben Namen wie der Weiler trägt, eingekehrt. Doch die Beiz hatte an diesem Tag geschlossen. Den Weg zurück mache ich zu Fuss, mit dem Wissen, dass in Stein ein weiteres Mitfahrbänkli steht und – mit etwas Geduld – die nächste Mitfahrgelegenheit bestimmt kommt. Marion Loher

Die Akzeptanz in der Bevölkerung fehlt

In der Gemeinde Bonaduz im Kanton Graubünden gibt es seit 15 Jahren einen Durchgangsplatz für Schweizer Fahrende. Dieser befindet sich etwas ausserhalb der knapp 2800-Seelen-Gemeinde, nahe der Autobahn. Die fahrenden Jenischen und Sinti legen hier gerne einen Zwischenhalt ein: Es gibt grosszügige Standplätze für die Wohnwagen, Strom, Wasser und sanitäre Anlagen. Zudem ist die Akzeptanz seitens der Gemeinde und der Bevölkerung vorhanden. «Wir hatten in all den Jahren nie Probleme mit dem Platz und den Fahrenden», sagt Gemeindepräsidentin Elita Florin-Caluori. Ähnlich tönt es in Zillis-Reischen, knapp 20 Kilometer südlich von Bonaduz. Hier, am Ausgang der Viamala-Schlucht, führt die Radgenossenschaft der Landstrasse – die Dachorganisation der Schweizer Fahrenden – seit sechs Jahren den Campingplatz Rania. Er ist ein Stand- und Durchgangsplatz für Jenische und Sinti sowie ein Übernachtungsort für Tagestouristen. «Die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Fahrenden klappt sehr gut», sagt Gemeindeschreiber Andi Danuser. Die anfängliche Skepsis seitens der Gemeinde sei nach den Gesprächen mit den Beteiligten schnell verflogen. «Beide Seiten haben ein grosses Interesse an einem guten Einvernehmen.» Bonaduz und Zillis-Reischen gehören zu den fünf Gemeinden in Graubünden, die Fahrenden einen Platz zur Verfügung stellen. Die beiden sind ein Musterbeispiel dafür, wie ein gutes Miteinander von Kanton, Gemeinden und Fahrenden funktionieren kann. Damit haben sie das geschafft, was in anderen Teilen der Schweiz, insbesondere in der Ostschweiz, grosse Mühe macht. Gemäss dem neuesten Bericht der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende zählt beispielsweise der Kanton Thurgau aktuell drei, über den Sommer zugängliche Durchgangsplätze, die aber entweder provisorisch sind oder deren Infrastruktur eingeschränkt ist. Im Nachbarkanton St. Gallen gibt es vier Standplätze – sie dienen den Fahrenden als Winterquartier –, aber keine Durchgangsplätze. Der Kanton hat bereits vor 16 Jahren ein Konzept mit möglichen Durchgangsplätzen rund um die Zentren St. Gallen, Wil, Rapperswil, Sargans, St. Margrethen und Buchs erarbeitet. Bislang wurde kein einziger gebaut. In Thal und Gossau scheiterten 2014 bzw. 2016 entsprechende Vorlagen an der Urne. Obwohl der Kanton daraufhin seine Strategie änderte und es mit provisorischen Testbetrieben versuchte, blieben die Gemeinden wenig offen. 2019 lehnte der Thaler Gemeinderat ein erneutes Gesuch ab, und in Vilters-Wangs fehlte es am Einvernehmen mit der Standortgemeinde. Gegen den Entscheid aus Thal wehrt sich die Radgenossenschaft der Landstrasse. Sie rekurrierte zunächst beim Kanton, dann beim Verwaltungsgericht. Beide Male blitzte sie ab. Doch sie kämpft weiter für einen provisorischen Durchgangsplatz in Thal – und zwar vor Bundesgericht. Noch ist kein Entscheid gefallen. «Wenn nötig, gehen wir bis vor internationale Gerichte», sagt Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse. «Die Gemeinden sind den Grund- und Menschenrechten verpflichtet. Das heisst, auch einer anerkannten Minderheit wie den Jenischen und Sinti in der Schweiz müssen sie das Recht gewähren, ihre traditionelle Lebensweise fortzusetzen.» Etwa 30 000 Jenische und Sinti leben zurzeit in der Schweiz. Zehn Prozent von ihnen pflegen ihren reisenden Lebensstil. Dafür benötigen sie temporäre Halteplätze in den Sommermonaten und Standplätze, die ihnen vor allem im Winter als fester Wohnsitz dienen. 2003 schützte das Bundesgericht in einem Urteil ihre traditionelle Lebensweise und ihr Recht auf angemessene Halteplätze, und manche Kantone führen die Plätze mittlerweile zumindest in ihren Richtplänen auf. Trotzdem hat sich die Situation der Fahrenden in der Schweiz in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Vielerorts herrscht ein grosser Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen, wie es im Bericht der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende heisst. «Es sind vor allem die Kommunen, die sich sperren», sagt Wottreng, «und zwar immer auch in Vorwegnahme einer vermeintlichen Volksmeinung.» Der Mangel an Plätzen hat negative Auswirkungen auf die Kultur der Fahrenden: Er erschwert ihnen, ihre traditionelle Lebensweise auszuüben. Schweizweit fehlen etwa 30 Stand- und 40 Durchgangsplätze, mindestens 6 davon im Kanton St. Gallen. Wie in anderen Teilen der Schweiz ist auch in St. Gallen der Kanton für die Planung und den Bau der Durchgangsplätze zuständig, betrieben werden sie von den Gemeinden. Bislang waren die kantonalen Behörden wenig erfolgreich. «Der Fokus wurde in den vergangenen Jahren wohl zu stark auf die planerischen, baulichen und betrieblichen Aspekte gerichtet und zu wenig darauf, hinreichend über die Situation dieser nationalen Minderheiten zu informieren», sagt Alex Biber, der im kantonalen Bau- und Umweltdepartement für die Fahrenden verantwortlich ist. Eine entsprechende Fachstelle einzurichten, wie es beispielsweise die Kantone Aargau oder Zürich kennen, hält er momentan aber nicht für nötig. «Wir können in unserem Amt die grundlegenden Themen der Durchgangsplätze gut selbst bearbeiten», sagt er. Zudem kümmere sich die Fachstelle im Aargau unter anderem um die Betreuung der Platzbetreiber und die Sanierung von bestehenden Plätzen. «Mangels fehlender Durchgangsplätze stellen sich diese Fragen bei uns derzeit nicht.» Aus Sicht des Kantons fehlt es der Politik, den Gemeinden und der Bevölkerung am Bewusstsein für die Situation der Schweizer Fahrenden. «Die Aufgabe, einen geeigneten Platz zu finden und zu realisieren, wäre aus raumplanerischer Sicht keine allzu schwierige Aufgabe», sagt Biber. Die St. Galler Regierung hat sich in ihrer Schwerpunktplanung 2021 bis 2031 unter anderem das Ziel gesetzt, die Chancengerechtigkeit sicherzustellen und dabei den interkulturellen Dialog zu fördern. Aktuell wird die Bildung einer Fachgruppe geprüft, deren Aufgabe es wäre, über die Situation dieser nationalen Minderheiten zu informieren. Willi Wottreng würde es begrüssen, wenn der Kanton den Dialog mit den Gemeinden und der Bevölkerung intensiviert, bleibt aber skeptisch. «Wir machen seit über 40 Jahren nichts anderes als Kommunikation mit den Behörden. Passiert ist nicht viel», sagt er und fordert, dass den Worten jetzt endlich auch Taten folgen. Umso mehr freut ihn die langjährige Zusammenarbeit mit den Gemeinden Bonaduz und Zillis-Reischen. «Sie sind ein schönes Beispiel dafür, dass ein Zusammenleben zwischen Fahrenden und Dorfbevölkerung gut funktioniert.» Marion Loher

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