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Aktive Filter: Autor: Nadja Sutter Ausgabe: 10 | 2024 Alle Filter entfernen
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Erdbebensicherheit: Auch kleine Anpassungen können viel bewirken

Erdbeben haben ein enormes Schadenspotenzial und können ganze Regionen lahmlegen. Und das nicht nur im Ausland. Auch die Schweiz ist ein Erdbebenland. Beben mit einer Magnitude von bis zu 7 sind in der Schweiz möglich, sagt Sven Heunert, Fachexperte für Erdbeben beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Im kollektiven Gedächtnis ist das letzte grosse Beben von Siders 1946 nicht mehr besonders präsent. Die Naturgefahr Erdbeben ist selten – wenn sie aber eintritt, ist das Schadenspotenzial in der dicht bebauten Schweiz enorm. Das Strassen- und Schienennetz, die Strom- und Wasserversorgung – all das würde bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen, zusätzlich zu den zahlreichen beschädigten Gebäuden. Im Berggebiet kommt die Gefahr durch vom Beben ausgelöste Felsstürze, Hangrutschungen oder Lawinen hinzu. Sven Heunert erklärt: «Wenn in der Stadt Bern das Mattequartier überschwemmt wird, ist das schlimm. Die Feuerwehr ist aber an ihrem Stützpunkt nicht betroffen und kann sofort ausrücken und unterstützen.» Anders bei einem schweren Erdbeben: «Da muss man davon ausgehen, dass auch das Feuerwehrdepot in Mitleidenschaft gezogen wird und die Angehörigen der Feuerwehr vielleicht selbst in einer Notlage sind. Abgesehen davon, dass das Mobilfunknetz wahrscheinlich nicht mehr funktioniert.» Solche Szenarien machen Angst. Umso mehr, weil sich Erdbeben nicht voraussagen lassen und jederzeit eintreffen können. Dennoch nimmt die Erdbebensicherheit im öffentlichen Diskurs keinen grossen Raum ein, und auch in den Gemeinden haben andere Themen einen höheren Stellenwert. Sven Heunert weiss das aus eigener Erfahrung, präsidiert der Bauingenieur doch seit 2016 die bernische Gemeinde Thierachern. «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten.» Sven Heunert, Fachexperte Erdbeben Bafu, Gemeinderatspräsident Thierachern (BE) «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten», betont er. Als Beispiel nennt er das anstehende Sanierungsprojekt einer Schule in Thierachern: «Ich habe angeregt, im Rahmen der Sanierung die Erdbebensicherheit anzuschauen und wo nötig Massnahmen zu ergreifen.» Wenn im Rahmen einer Sanierung sowieso eine Baustelle eröffnet werde, liessen sich viele Synergien nutzen. Umso mehr, wenn die Überprüfung auf Erdbebensicherheit bereits ganz zu Beginn im Projekt mitgedacht werde. Daneben gibt es kostengünstige und einfache Massnahmen, die jede Gemeinde rasch umsetzen kann, wie zum Beispiel Regale in den Schulen an der Wand zu befestigen oder Notstromaggregate vor dem Kippen zu sichern. Für Neubauten wie auch für bestehende Bauten sind in der Schweiz die SIA-Baunormen einzuhalten, die auch Anforderungen an die Erdbebensicherheit festlegen. In diesem Zusammenhang muss ein Gebäude oder eine Anlage in eine der drei sogenannten Bauwerksklassen eingeteilt werden, die von der Bedeutung des Bauwerks abhängen und schliesslich den Standard vorgeben. Hier gelte es Bauherrschaften und Planende noch stärker zu sensibilisieren, sagt Sven Heunert. Den Gemeinden kommt zusätzlich eine wichtige Rolle in der Krisenbewältigung zu. «Bund, Kantone und Gemeinden haben grundsätzlich ein erprobtes Krisenmanagement und sind mit den Führungsstäben gut aufgestellt», hält Sven Heunert fest. In der Vorbereitung sollten Gemeinden auch da gewisse erdbebenspezifische Szenarien durchspielen und Massnahmen entsprechend anpassen. Fragen, die sich die Führungsstäbe der Gemeinden stellen sollten, sind zum Beispiel: Welche Rettungsrouten definieren wir? Wo ist der Notfalltreffpunkt für die Bevölkerung? Wie gehen wir mit einem länger andauernden Stromausfall oder Unterbruch des Trinkwassernetzes um? «Man muss sich bewusst sein, dass ein heftiges Erdbeben eine Krise auslösen kann, die mehrere Monate andauert», sagt der Experte. Darum mache es Sinn, die Notfallplanung in verschiedene Phasen aufzuteilen: Eine Frühphase, in der akute Notstände gelindert werden, eine Übergangsphase und eine Regenerationsphase, in der der Wiederaufbau ins Auge gefasst wird. Wer aber soll den Wiederaufbau finanzieren? Erdbebenschäden sind bei den obligatorischen Gebäudeversicherungen ausgeschlossen. Der Bund hat eine Vorlage für die Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben ausgearbeitet. Diese sieht vor, dass im Falle eines Erdbebens alle Gebäudebesitzenden maximal 0,7 Prozent der Gebäudeversicherungssumme abgeben. Dieser Betrag von maximal 22 Milliarden Franken soll für den Wiederaufbau eingesetzt werden. Auch die Gemeinden müssten als Gebäudeeigentümerinnen diesen Betrag abgeben – würden im Schadensfall aber auch profitieren und müssten den Wiederaufbau nicht aus der eigenen Kasse berappen. Der Bundesrat hat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) beauftragt, bis Ende 2024 unter Berücksichtigung der Vernehmlassungsergebnisse eine Botschaft zur Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben zu erarbeiten. Diese wird anschliessend im Parlament behandelt. Nadja Sutter

Was tun, wenn die Fronten blockiert sind?

Die direkte Betroffenheit ist bei lokalpolitischen Themen sehr hoch. Der Schatten eines Neubaus fällt vielleicht in meinen Garten oder Tempo 30 verlangsamt meinen Arbeitsweg. Wir sind alle sehr vielfältig und haben unterschiedliche Sichtweisen dazu, in welchem Umfeld wir leben wollen. Auch die Funktionsweise der direkten Demokratie spielt eine Rolle. Die direkte Demokratie ist aufgrund der Abstimmungen stark auf ein Ja/Nein-Schema ausgerichtet, sie schafft Gewinner und Verlierer. Wenn 49 Prozent einen Entscheid stark ablehnen und sich nicht gehört fühlen, wirkt sich das auf die Lebensqualität der Gemeinde aus. Dabei wollen wir alle Meinungsvielfalt. Konflikte sind ein Zeichen für eine lebendige Demokratie. Die Frage ist, wie wir konstruktiv mit der Konfrontation umgehen können. Pro Futuris veröffentlicht bald eine Studie zur Polarisierung in der Schweiz, die diese Frage genau untersucht. Von Gemeindeverwaltungen hören wir, dass sie oft mit starker Polarisierung in der Bevölkerung konfrontiert sind. Wir beobachten auch, dass die Sensationslust und die Tendenz, in den Medien über negative Themen zu berichten, zu einer Lagerbildung beitragen. Man muss sich bewusst sein: Ein Grossteil der Konflikte entzündet sich nicht am eigentlichen Sachverhalt, sondern an dessen Wahrnehmung. «Konflikte sind ein Zeichen für eine lebendige Demokratie.» Lea Suter, Pro Futuris Stark polarisierende Themen und verhärtete Fronten blockieren das Vorankommen im betroffenen Bereich, was zu Frustration führt. In der Gemeindeverwaltung binden solche Konflikte grosse Ressourcen, die dann andernorts fehlen. Die Konflikte können sich auch auf andere Themen übertragen oder sogar zu einer Reduzierung der politischen Teilhabe führen, wenn das Vertrauen in die Behörden verloren geht. Und nicht zuletzt entsteht eine schlechte Stimmung im Ort. Auch der Ruf der Gemeinde kann leiden. Kurz: Heftige Konflikte können Gemeinden paralysieren und eine Gefahr für sie darstellen. Daten dazu kenne ich keine. Basierend auf den Vorgesprächen zu unserem Dialogprojekt kann ich jedoch sagen: Grössere Gemeinden verfügen in der Regel über mehr personelle Ressourcen und Fachspezialisten, um mit Konflikten umzugehen – was in der Natur der Sache liegt. Gleichzeitig bedeuten mehr Einwohnerinnen und Einwohner auch ein grösseres Konfliktpotenzial. In kleineren Gemeinden kennt man sich und hat mehr Berührungspunkte: Man sieht sich im Turnverein oder beim Elternabend in der Schule. Das kann deeskalierend wirken oder aber die Konfliktklärung erschweren. Wichtig ist es, einen Raum für Begegnung auf Augenhöhe zu schaffen, den betroffenen Menschen wirklich zuzuhören und Verständnis für ihre Meinung aufzubringen, weniger nach der Meinung und mehr nach dem Grund einer Meinung zu fragen. Das hat oft schon einen beeindruckenden Effekt und lässt die Probleme gleich kleiner erscheinen. Im Dialogprozess begegnen sich Befürworter und Gegner in einem Rahmen, der hilft, andere Sichtweisen zu verstehen und Spannungen abzubauen. Zuvor analysieren wir die Situation, schauen uns die Positionen und die Akteure an. Dann legen wir gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung fest, wie ein Dialog stattfinden kann: Wo und mit wem? Der Prozess ermöglicht eine Rückkehr von der Logik der Konfrontation in die Kooperation. Ziel ist es, dass blockierte Geschäfte und Projekte wieder vorankommen. Nadja Sutter

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