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Der Oberflächenabfluss fordert die Gemeinden

Oberflächenabfluss entsteht, wenn der Untergrund den Regen nicht mehr zu schlucken vermag. Er ist in der Schweiz aus Gefahrensicht hochrelevant: 62 Prozent aller Gebäude sind durch ihn grundsätzlich betroffen. Über die Hälfte aller Schaden bringenden Überschwemmungen sind auf den Oberflächenabfluss zurückzuführen. Vor diesem Hintergrund entwickelte das Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern ein digitales Werkzeug zur vertieften Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. Die Autoren fuhren nach Meiringen im Berner Oberland, einer naturgefahrenerprobten Gemeinde, um mehr über die kommunalen Herausforderungen durch den Oberflächenabfluss zu erfahren. Die Absicht war, im Gespräch – ausgehend von der allgemeinen Naturgefahrensituation – allmählich zum Oberflächenabfluss vorzustossen. Gleichzeitig galt es, abzuklären, ob und wie die beiden in letzter Zeit entwickelten Werkzeuge zum Oberflächenabfluss (siehe Box) eine Gemeinde unterstützen. Der Oberflächenabfluss stand aber sofort im Mittelpunkt des Gesprächs mit dem Gemeindepräsidenten Daniel Studer, dem Gemeinderat Beat Kohler und dem Abteilungsleiter Infrastruktur Thomas Fuchs. Und dies auf eine überraschende Art und Weise: Zunehmende Oberflächenabflüsse seien für die Problematik der ansteigenden Grundwasserstände in der Talebene verantwortlich, hiess es vonseiten der Gemeinde. Vor einigen Jahren stellte man ausserdem fest, dass der Oberflächenabfluss aus den an die Siedlung angrenzenden Hängen massgeblich zum ARA-Zufluss beiträgt, was zu erheblichen Mehrkosten führte. Zur Verbesserung wurden Massnahmen im Rahmen der Generellen Entwässerungsplanung (GEP) umgesetzt, mehrere Versickerungsbecken geschaffen und Oberflächen entsiegelt, sodass Meiringen nun bereits über eine Basisinfrastruktur zum Schutz vor Oberflächenabfluss verfügt. Die Gefährdungskarte Oberflächenabfluss (siehe Abbildung) und das Werkzeug «Schadenpotenzial Oberflächenabfluss» der Universität Bern sind gesamtschweizerisch verfügbar beziehungsweise einsetzbar. Wie kann Meiringen nun von diesen Instrumenten profitieren? Aus dem Gespräch ergaben sich vier wesentliche Aspekte. Erstens inspirieren die Werkzeuge ganz allgemein zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Oberflächenabfluss. Zweitens ergänzt die Gefährdungskarte Oberflächenabfluss die Beurteilung der Gemeindeverantwortlichen mit einer zweiten Sicht und reichert das lokale Wissen mit zusätzlichen Informationen an (zum Beispiel Fliesstiefen). Drittens gibt das Werkzeug «Schadenpotenzial Oberflächenabfluss» dieser Gefahr bei der Siedlungsplanung eine Stimme. In Meiringen sind 51 Prozent der freien Bauzonenflächen durch Oberflächenabfluss gefährdet, was im Sinne der Gefahrenprävention bei der Überbauungsplanung unbedingt mitzuberücksichtigen ist. Viertens unterstützen Karte und Werkzeug die Verantwortlichen bei der Sensibilisierung für den Oberflächenabfluss und liefern Argumente, bei Baugesuchen wo nötig Objektschutzmassnahmen zu fordern. Im Vergleich zur Hochwassergefahr fehlt beim Oberflächenabfluss (noch) ein entsprechendes verbindliches raumplanerisches Instrument. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die räumlichen Gefahrenbereiche der beiden Prozesse oftmals überlagern. So sind in Meiringen 38 Prozent der Gebäude in der gelben Gefahrenzone auch vom Oberflächenabfluss betroffen. Müsste man nicht gerade auf diese Gebiete ein spezielles Augenmerk legen und dort Objektschutzmassnahmen besonders fördern und fordern? Das Gespräch zum Oberflächenabfluss weitete sich zu einer gesamtheitlichen Sicht aller Naturgefahren aus, die gerade mit den infolge der Klimaerwärmung immer grösser werdenden Niederschlagsintensitäten dringend notwendig ist. Für Daniel Studer und seine Kollegen ist deshalb klar: Die integrale Risikobetrachtung bleibt eine Daueraufgabe. Die Gefährdungskarte Oberflächenabfluss, das Werkzeug «Schadenpotenzial Oberflächenabfluss» und weitere am Mobiliar Lab entwickelte Tools unterstützen die Gemeinden dabei. Rouven Sturny, Rolf Weingartner

Vieles bleibt ungewiss – doch die verwüsteten Dörfer blicken nach vorne

Das Bündner Dorf Lostallo im Misox besteht aus den Weilern Lostallo, Sorte, Cabbiolo und Arabella – und aus rund 15 Bergbächen, die am 21. Juni allesamt Geröll ins Tal schieben, wie Gemeindepräsident Nicola Giudicetti erklärt. Fatal geht das Unwetter für den Weiler Sorte aus: Hier zerstören Geröll und Schutt drei Häuser komplett, andere werden bis in den zweiten Stock überschwemmt. Das Dorf beklagt drei Todesopfer; eine vermisste Person kann tags darauf gerettet werden. 45 Kilometer Luftlinie weiter westlich kommt es im Tessiner Maggiatal zu einer noch grösseren Katastrophe. In den Tälern Val Bavona und Val Lavizzara beschädigen Murgänge und Überschwemmungen über 100 Gebäude, ein guter Teil des kleinen Weilers Fontana im Val Bavona existiert nicht mehr. Acht Menschen sterben – «die Intensität, mit der das Geröll herunterkam, ist unvorstellbar», sagt Timo Cadlolo, Sekretär der Associazione dei Comuni valmaggesi (ASCOVAM). Auch im Walliser Dorf Saas-Grund schwellen die Bergbäche am 29. Juni nach starkem Regen weiter an. Nach Mitternacht tritt der Triftbach schliesslich über die Ufer und flutet das Dorf mit Geröll und Geschiebe. Die Infrastruktur des höher gelegenen, sich mehrheitlich in Gemeindebesitz befindlichen Skigebiets wird in Mitleidenschaft gezogen, während sich der Geröllkegel unten im Dorf bis zu fünf Meter hoch auftürmt, wie Gemeindepräsident Bruno Ruppen weiss. Auch hier werden Häuser und Hotels zum Teil schwer beschädigt; eine Person kommt ums Leben. «Die Intensität, mit der das Geröll herunterkam, ist unvorstellbar.» Timo Cadlolo, Sekretär Associazone dei Comuni valmaggesi Die drei Beispiele – es gäbe noch mehr – zeigen: Gegen eine entfesselte Naturgewalt hat der Mensch auch heute noch das Nachsehen. Auch, wenn die Schutzmassnahmen verschiedentlich durchaus gegriffen haben. In Lostallo etwa hat ein Schutzdamm den grössten Murgang erfolgreich am Dorf vorbeigeleitet. Andernfalls wären die teilweise mannshohen Felsen mit der gleichen Wucht wie im benachbarten Weiler Sorte durch das Dorf gepflügt. In Saas-Grund wiederum erwies sich der Geschiebesammler als deutlich zu klein: Derzeit vermag er rund 1000 Kubikmeter Geschiebe aufzunehmen; bereits vor dem Unglück war eine Vergrösserung auf 17 000 Kubikmeter geplant. «Nach jetzigem Erkenntnisstand kamen aber bis zu 70 000 Kubikmeter herunter. Wir müssen das Projekt also nochmals redimensionieren. Bis das realisiert ist, wird es voraussichtlich Ende des Jahrzehnts», sagt Gemeindepräsident Bruno Ruppen. «Bis der neue Geschiebesammler realisiert ist, wird es voraussichtlich Ende des Jahrzehnts.» Bruno Ruppen, Gemeindepräsident Saas-Grund (VS) Klar ist für alle: Bereits geplante Projekte sollen nicht zurückgestellt werden, auch wenn der Fokus nun zuerst auf Sicherungs- und Schutzmassnahmen sowie auf der Wiederherstellung von existenziellen Infrastrukturen wie der Wasserversorgung liegen muss. Die Gemeinden hoffen dabei auch auf die Unterstützung der Kantone, denn Schutzmassnahmen gegen den Klimawandel würden je länger, je dringender, wie ASCOVAM-Sekretär Timo Cadlolo in Erinnerung ruft. «Das gilt natürlich nicht nur für das Maggiatal. Das nächste Mal kann es woanders passieren.» Noch nicht klar bezifferbar sind derzeit die finanziellen Schäden, die die Unwetter angerichtet haben. Da die Feinräumung – zum Beispiel des Kulturlands – noch läuft und die Reparaturarbeiten teilweise Jahre in Anspruch nehmen werden, sind noch lange nicht alle Rechnungen bei den Gemeinden eingetroffen. Zudem ist oft noch unklar, was und wie viel die Versicherungen übernehmen, welche Massnahmen von Bund und Kanton übernommen werden und wie viel Institutionen wie fondssuisse oder die Glückskette beisteuern. Die Gemeinden haben auf ihren Websites deshalb Spendenkontos eingerichtet, wobei die dort eingehenden Gelder natürlich auch der betroffenen Bevölkerung zugutekommen. Im Maggiatal wiederum haben die Gemeinden die Kampagne «Ricostruiamo insieme la Bavona e la Lavizzara» ins Leben gerufen, für deren Erfolg man auf grosszügige Unterstützung aus den Schweizer Gemeinden hofft. Schliesslich ermutigen die Betroffenen explizit dazu, die betroffenen Regionen zu besuchen und so die Bevölkerung und die Wirtschaft zu unterstützen. «Das Leben muss weitergehen», sagt etwa Nicola Giudicetti. In Lostallo trifft das zumindest auf die Weiler Lostallo, Cabbiolo und Arabella zu. Die Einwohnerinnen und Einwohner von Sorte, die am rechten Flussufer gelebt haben, sind zum Zeitpunkt des Interviews Mitte September hingegen weiterhin evakuiert – wie und ob der Dorfteil jemals wieder bewohnt werden kann, ist noch unklar. «Das Leben muss weitergehen.» Nicola Giudicetti, Gemeindepräsident Lostallo (GR) Text: Fabio Pacozzi

Interaktive Plattform mit Klimadaten für den Westen von Lausanne

Ouest lausannois ist eine Energie-Region des gleichnamigen Programms von «EnergieSchweiz für Gemeinden» , die interkommunale Aktivitäten durch Informationen, Netzwerkangebote, Werkzeuge und Subventionen fördert. Um die im interkommunalen Richtplan definierten Ziele für den Ouest lausannois und die acht dazugehörigen Gemeinden zu messen und auszuwerten, wurde eine interaktive Onlineplattform realisiert. Mithilfe von reproduzierbaren und aussagekräftigen Indikatoren werden Energieverbrauch und CO₂-Emissionen für jede Gemeinde sowie für das gesamte Gebiet transparent dargestellt und kommuniziert. So kann die jährliche Entwicklung verfolgt und überprüft werden, ob sich die Energie-Region an den Zielen der Energiewende auf kommunaler, kantonaler und auch auf Bundesebene orientiert. Zur Energie- und Klimaplattform der Energie-Region Ouest lausannois (auf Französisch) Weitere Informationen über das Programm Energie-Region von «EnergieSchweiz für Gemeinden» Vérène Gaillard

Gemeinden engagieren sich für naturnahe Gewässer

Die Goldach entspringt im Appenzellerland in der Nähe des Ruppenpasses auf einer Höhe von 1016 Metern. Sie fliesst durch tief eingegrabene Schluchten und Tobel bis zur Ortschaft Goldach (SG), wo sie in den Bodensee mündet. «Wir haben die Goldach bisher nicht bewusst als Naturperle wahrgenommen, sondern vielmehr als normalen Dorfbach», erzählt Paul König, Gemeindepräsident von Speicher (AR). Umso erstaunter seien er und seine Kolleginnen und Kollegen der angrenzenden Gemeinden gewesen, als der WWF den Bach als mögliche Gewässerperle bezeichnete und ihnen den Wert des bis anhin «unscheinbaren Gewässers» aufzeigte. «Wir haben die Goldach bisher nicht bewusst als Naturperle wahrgenommen, sondern vielmehr als normalen Dorfbach.» Paul König, Gemeindepräsident Speicher (AR) Am 15. Juni wurde der Abschnitt der Goldach zwischen Bädli Trogen und Achmüli, inklusive Zuflüsse, für fünf Jahre mit dem Label «Gewässerperle PLUS» zertifiziert. Somit ist der Bach mittlerweile das dritte Gewässer, das mit diesem Label geehrt wurde. Das vom Verein Gewässerperle vergebene Label zeichnet wertvolle Bäche und Flüsse und die Begeisterung der Menschen dahinter aus. Ziel ist es, das Engagement der lokalen Entscheidungsträger zu fördern, die Region aufzuwerten und die Naturschutzpolitik zu stärken. Auslöser für die Lancierung des Labels ist laut der Projektverantwortlichen Gabriele Aebli beim WWF die Tatsache, dass sich viele Gewässer in der Schweiz aktuell in einem schlechten Zustand befinden. Mit dem Label «Gewässerperle PLUS», das 2015 lanciert wurde, wolle man den Vollzug nicht per Gesetz vorschreiben, sondern Partner wie Gemeinden oder auch andere Organisationen freiwillig zum Mitmachen motivieren. 2021 wurde mit dem Gewässer Beverin im Oberengadin das erste Projekt mit dem Label ausgezeichnet. «Jedes Gewässer, das in einem natürlichen Umfeld fliesst oder revitalisiert wurde und mindestens zwei Kilometer lang ist, kommt für eine Nomination infrage», erklärt Gabriele Aebli. Wichtig sei, dass der Bach oder Fluss im definierten Abschnitt frei von Verbauungen und Wasserkraftwerken ist, die Wasserqualität gut ist und keine Geschiebe- oder Wasserentnahmen vorgenommen werden. Potenzielle Gewässerperlen-Kandidaten werden anhand einer Datenanalyse des WWF identifiziert. Eine promiente, gewässeraffine Jury unter dem Vorsitz von Christa Rigozzi wählt jedes Jahr zehn Gewässer aus und nominiert sie für die Zertifizierung. Die Gemeinden entscheiden dann, ob sie zusammen mit dem WWF in den Zertifizierungsprozess einsteigen möchten. Aktuell befinden sich laut Gabriele Aebli sieben Gewässer im Zertifizierungsprozess. Ein vom WWF beauftragtes Umweltingenieurbüro prüft dann im Detail, ob das nominierte Gewässer alle fachlichen Zertifizierungskriterien erfüllt. Parallel dazu entsteht in einem partizipativen Prozess ein Entwicklungsplan für fünf Jahre. «Oft übernimmt eine Gemeinde hier den Lead», sagt die Projektleiterin des WWF. Im Rahmen von einer Informationsveranstaltung und ein bis zwei Workshops werden alle Interessierten und Beteiligten eingeladen, sich am Projekt zu beteiligen und die Massnahmen des Entwicklungsplans mitzugestalten. Fachdossier und Entwicklungsplan zusammen ergeben dann das Antragsdossier für die Zertifizierung, das ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat prüft. Die Gemeinden spielen bei der Initiierung und Umsetzung der Zertifizierung eine wichtige Rolle. Sie kümmern sich vielerorts um die Böschungspflege von Gewässern, bekämpfen Littering im öffentlichen Raum und realisieren Renaturalisierungsprojekte. Das Projekt sei, so Gabriele Aebli, für die Natur wie auch für die Gemeinde ein Gewinn. «Es stärkt die Biodiversität vor Ort und somit die Attraktivität und Identität einer Gemeinde.» Weil der zertifizierte Abschnitt der Goldach durch die vier Gemeinden Rehetobel (AR), Speicher (AR), Trogen (AR) und Wald (AR) fliesst, wurde ein grenzüberschreitender Verein als Trägerschaft für das Projekt ins Leben gerufen. Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang sei der Unterhalt des Bachufers durch die verschiedenen Anstösser und Waldbewirtschafter. «Solche Massnahmen beruhen auf Freiwilligkeit», betont Gemeindepräsident Paul König und nennt eine Bachputzete, das Verfassen eines Verhaltensknigge für den Aufenthalt am Fluss oder auch die Sensibilisierung in der Schule als Massnahmen zugunsten der Goldach. Der Zustand des Gewässers darf sich während der Zertifizierung nicht verschlechtern. Zudem sollte die Bevölkerung regelmässig für Themen wie Biodiversität, Littering oder auch Neophyten sensibilisiert werden. Je nach Situation seien, so Gabriele Aebli, auch bauliche Massnahmen nötig, um den natürlichen Zustand des Gewässers wiederherzustellen. Die vier Gemeinden an der Goldach bereiten sich zurzeit auf die Rezertifizierung 2029 vor. Ausserdem strebe man, so Paul König, eine Erweiterung des Streckenverlaufs unter Einbezug der Seitenbäche bis hin zur Quelle für die Zertifizierung an. Das Gewässerperle-Projekt dauert bis 2026 und soll eventuell um drei weitere Jahre verlängert werden. Informationen: www.gewaesserperleplus.ch Fabrice Müller

Michael Pachoud: der Förster, der Naturgefahren im Blick hat

Der Kanton Freiburg setzt auf Naturgefahrenberater, die meist Förster wie Michael Pachoud sind, um Naturgefahren wie Erdrutsche, Steinschläge und Überschwemmungen zu überwachen und präventive Massnahmen zu ergreifen. Pachoud betreut die Gemeinden Charmey, Crésuz und Châtel-sur-Montsalvens mit 4500 Einwohnerinnen und Einwohnern und kümmert sich um die Pflege von 3000 Hektar Wald, verteilt auf eine Höhe von 900 bis 2000 Metern über Meer. Als im Herbst 2023 der Jaunbach über die Ufer trat, war Pachoud vor Ort und koordinierte gemeinsam mit Feuerwehr und Behörden die Krisenbewältigung. Obwohl er keine Entscheidungsmacht hat, ist er das Bindeglied zwischen Gemeindebehörden und Einsatzkräften und empfiehlt Massnahmen. In Jahren mit Extremereignissen überschreitet er die vom Kanton vorgesehenen 42 Arbeitsstunden für die Naturgefahrenberatung deutlich. Mit dem Klimawandel könnte der Bedarf für seine Arbeit gerade in den Bergregionen weiter steigen. Alain Meyer

Konzept Schwammstadt: Starkregen, Hitze und Trockenheit vorbeugen

Zunehmende Verdichtung und intensivere Nutzung des Lebensraums führen vielerorts zu zusätzlicher Versiegelung von Flächen. Asphalt, Beton, Stahl und Glas heizen Strassen und Gebäude im Sommer auf. Regenwasser, das auf Dächern, Plätzen und Verkehrswegen anfällt, wird oft abgeleitet. Weil es nicht im Boden und in Pflanzen zwischengespeichert werden kann, fehlt es an heissen Tagen. Bei Starkregen im Überfluss anfallender Niederschlag kann nicht versickern, überlastet die Kanalisation und verschärft im Endeffekt das Überschwemmungsrisiko. Wenn Wasser bei starkem Regen nicht unmittelbar versickern kann, fliesst es als Oberflächenabfluss auf dem Boden ab und gelangt über Wiesen und Strassen ins Siedlungsgebiet, wo es in tief liegende Gebäudeöffnungen eindringen und massive Schäden verursachen kann. Oberflächenabfluss ist für rund die Hälfte aller Überschwemmungsschäden verantwortlich. Wichtig ist eine Umgebungsgestaltung, die Oberflächenabfluss gezielt um Gebäude herumleitet und Versickerungsflächen bietet. Regenwasser kann auf begrünten Flachdächern, in Gärten und auf unversiegelten Plätzen versickern. Zudem lässt es sich fassen und zur Bewässerung oder als Betriebswasser nutzen. Wird Regenwasser als Grundelement bei der Planung berücksichtigt, können bei Starkregen der Eintrag in die Kanalisation und das Risiko eines Rückstaus reduziert werden. Ein Blick auf das Konzept der Schwammstadt lohnt sich. Klimaanpassung, Naturgefahrenprävention, Biodiversität und Lebensqualität werden mit dem Konzept der Schwammstadt unter einen Hut gebracht. Urbane Räume sollen ähnlich einem Schwamm möglichst viel Wasser aufnehmen und zwischenspeichern können. Das Wasser steht während Trockenperioden für die Pflanzen zur Verfügung. Naturnahe, wasserdurchlässige Oberflächen mit Bewuchs speichern zudem weniger Wärme als die versiegelten Flächen und tragen über Verdunstung und Schattenwurf zu einer Abkühlung der Umgebungsluft bei. Der Effekt gleicht einer «natürlichen Klimaanlage» und dient der Bekämpfung von Hitzeinseln. Die gezielte Versickerung des Regenwassers reduziert bei Starkregen gleichzeitig den Oberflächenabfluss. Neubauprojekte werden bereits heute mit Schwammstadt-Elementen geplant. So auch die Überbauung Parco Casarico in der Nähe des Laghetto di Muzzano in der Region Lugano. Die Überbauung wurde mit vielen Elementen der Schwammstadt geplant, die sich positiv auf die Regenwasserbewirtschaftung auswirken. Neben privaten Bereichen, die nur für Bewohnerinnen und Bewohner zugänglich sind, gibt es auch einen öffentlichen Quartierpark. Bereits zu Beginn des Projekts wurde die Landschaft in die Planung mit einbezogen, und ökologische Strategien wurden berücksichtigt. Es wurde grossen Wert auf ein umfassendes Regenwassermanagement gelegt. Um das anfallende Regenwasser auf den Bodenflächen zurückzuhalten, gibt es verschiedene Elemente, in denen es gespeichert werden kann. In das Hauptrückhaltebecken kann das Wasser eingeleitet werden. Zudem sind mehrere Regengärten angelegt worden. Das Wasser kann entweder im gesamten Park unterirdisch versickern oder lokal im Hauptwasserbecken in der Mitte des Parks verdunsten. Bei der Bepflanzung wurden klimaangepasste und hitzeresistente Pflanzenarten verwendet. Den Bäumen wurde ausreichend Bodenvolumen für die Wurzelentwicklung zur Verfügung gestellt. Um die Versickerung und den Wurzelraum zu fördern, wurde die gesamte Infrastruktur unter den Wegen und Mauern verlegt. Das Projekt reduziert den städtischen Hitzeinseleffekt auf ein Minimum. Die meisten Oberflächen wurden mit durchlässigen Materialien versehen. Das Wasser wird durch verschiedene Elemente im Boden und auf den Dächern zurückgehalten, was neben der üppigen Vegetation und den vielen offenen Wasserflächen die Verdunstung fördert. Dies senkt die Umgebungstemperatur und entlastet die Kanalisation. Die natürliche und aktive Umgebung bietet zudem eine hohe Lebensqualität. Lukas Weibel

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