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Erdbebensicherheit: Auch kleine Anpassungen können viel bewirken

Erdbeben haben ein enormes Schadenspotenzial und können ganze Regionen lahmlegen. Und das nicht nur im Ausland. Auch die Schweiz ist ein Erdbebenland. Beben mit einer Magnitude von bis zu 7 sind in der Schweiz möglich, sagt Sven Heunert, Fachexperte für Erdbeben beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Im kollektiven Gedächtnis ist das letzte grosse Beben von Siders 1946 nicht mehr besonders präsent. Die Naturgefahr Erdbeben ist selten – wenn sie aber eintritt, ist das Schadenspotenzial in der dicht bebauten Schweiz enorm. Das Strassen- und Schienennetz, die Strom- und Wasserversorgung – all das würde bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen, zusätzlich zu den zahlreichen beschädigten Gebäuden. Im Berggebiet kommt die Gefahr durch vom Beben ausgelöste Felsstürze, Hangrutschungen oder Lawinen hinzu. Sven Heunert erklärt: «Wenn in der Stadt Bern das Mattequartier überschwemmt wird, ist das schlimm. Die Feuerwehr ist aber an ihrem Stützpunkt nicht betroffen und kann sofort ausrücken und unterstützen.» Anders bei einem schweren Erdbeben: «Da muss man davon ausgehen, dass auch das Feuerwehrdepot in Mitleidenschaft gezogen wird und die Angehörigen der Feuerwehr vielleicht selbst in einer Notlage sind. Abgesehen davon, dass das Mobilfunknetz wahrscheinlich nicht mehr funktioniert.» Solche Szenarien machen Angst. Umso mehr, weil sich Erdbeben nicht voraussagen lassen und jederzeit eintreffen können. Dennoch nimmt die Erdbebensicherheit im öffentlichen Diskurs keinen grossen Raum ein, und auch in den Gemeinden haben andere Themen einen höheren Stellenwert. Sven Heunert weiss das aus eigener Erfahrung, präsidiert der Bauingenieur doch seit 2016 die bernische Gemeinde Thierachern. «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten.» Sven Heunert, Fachexperte Erdbeben Bafu, Gemeinderatspräsident Thierachern (BE) «Erdbebenschutz muss nicht sehr aufwendig oder teuer sein, wie das viele Gemeinden befürchten», betont er. Als Beispiel nennt er das anstehende Sanierungsprojekt einer Schule in Thierachern: «Ich habe angeregt, im Rahmen der Sanierung die Erdbebensicherheit anzuschauen und wo nötig Massnahmen zu ergreifen.» Wenn im Rahmen einer Sanierung sowieso eine Baustelle eröffnet werde, liessen sich viele Synergien nutzen. Umso mehr, wenn die Überprüfung auf Erdbebensicherheit bereits ganz zu Beginn im Projekt mitgedacht werde. Daneben gibt es kostengünstige und einfache Massnahmen, die jede Gemeinde rasch umsetzen kann, wie zum Beispiel Regale in den Schulen an der Wand zu befestigen oder Notstromaggregate vor dem Kippen zu sichern. Für Neubauten wie auch für bestehende Bauten sind in der Schweiz die SIA-Baunormen einzuhalten, die auch Anforderungen an die Erdbebensicherheit festlegen. In diesem Zusammenhang muss ein Gebäude oder eine Anlage in eine der drei sogenannten Bauwerksklassen eingeteilt werden, die von der Bedeutung des Bauwerks abhängen und schliesslich den Standard vorgeben. Hier gelte es Bauherrschaften und Planende noch stärker zu sensibilisieren, sagt Sven Heunert. Den Gemeinden kommt zusätzlich eine wichtige Rolle in der Krisenbewältigung zu. «Bund, Kantone und Gemeinden haben grundsätzlich ein erprobtes Krisenmanagement und sind mit den Führungsstäben gut aufgestellt», hält Sven Heunert fest. In der Vorbereitung sollten Gemeinden auch da gewisse erdbebenspezifische Szenarien durchspielen und Massnahmen entsprechend anpassen. Fragen, die sich die Führungsstäbe der Gemeinden stellen sollten, sind zum Beispiel: Welche Rettungsrouten definieren wir? Wo ist der Notfalltreffpunkt für die Bevölkerung? Wie gehen wir mit einem länger andauernden Stromausfall oder Unterbruch des Trinkwassernetzes um? «Man muss sich bewusst sein, dass ein heftiges Erdbeben eine Krise auslösen kann, die mehrere Monate andauert», sagt der Experte. Darum mache es Sinn, die Notfallplanung in verschiedene Phasen aufzuteilen: Eine Frühphase, in der akute Notstände gelindert werden, eine Übergangsphase und eine Regenerationsphase, in der der Wiederaufbau ins Auge gefasst wird. Wer aber soll den Wiederaufbau finanzieren? Erdbebenschäden sind bei den obligatorischen Gebäudeversicherungen ausgeschlossen. Der Bund hat eine Vorlage für die Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben ausgearbeitet. Diese sieht vor, dass im Falle eines Erdbebens alle Gebäudebesitzenden maximal 0,7 Prozent der Gebäudeversicherungssumme abgeben. Dieser Betrag von maximal 22 Milliarden Franken soll für den Wiederaufbau eingesetzt werden. Auch die Gemeinden müssten als Gebäudeeigentümerinnen diesen Betrag abgeben – würden im Schadensfall aber auch profitieren und müssten den Wiederaufbau nicht aus der eigenen Kasse berappen. Der Bundesrat hat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) beauftragt, bis Ende 2024 unter Berücksichtigung der Vernehmlassungsergebnisse eine Botschaft zur Finanzierung von Gebäudeschäden bei Erdbeben zu erarbeiten. Diese wird anschliessend im Parlament behandelt. Nadja Sutter

Ablenkmauer und Spaltkeil: Wie man im Urserntal Lawinen die Stirn bot

Danach befragt, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Urserntals einst vor Naturgefahren geschützt haben, sagt Thomas Brunner: «Sie haben ein Kreuz aufgestellt.» Ihr Glaube liess sie hoffen, so der Denkmalpfleger des Kantons Uri, dass Gott sie vor Unglück bewahrte. Allerdings wussten sie sich auch anders zu helfen: Einige Bauwerke, die schon vor und nach 1800 entstanden, zeugen davon, wie sie ihr Hab und Gut schützten. Diese Bauten sind an einem Sommertag im August das Ziel unseres Ausflugs. Thomas Brunner weiss, wo sie sich befinden, hat er doch in der angesehenen Reihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» den Band über das Obere Reusstal und Ursern beigesteuert. Der Kunsthistoriker setzt sich in Andermatt hinters Steuer seines Dienstwagens. Wir machen zuerst in Zumdorf halt, einem Weiler zwischen Hospental und Realp. Das älteste Gebäude ist das «Walserhaus». Auf dem gemauerten Sockel bilden liegende Holzbohlen die Aussenwände. Im Gegensatz zu den anderen Fassaden ist die Giebelwand talaufwärts gemauert. Die einst bloss in Holz ausgeführte Wand wurde in den 1850er-Jahren mit einer rund 40 Zentimeter dicken Natursteinmauer verstärkt – womöglich nach der Lawine von 1851, die zwei der vier Wohnhäuser im Weiler zerstörte. Noch heute sind Lawinen und Hochwasser die Naturkräfte, mit denen das Urserntal stets rechnet. Im Januar 1951 brachte eine Lawine in Andermatt am Fuss des Kirchbergs Tod und Zerstörung. Dies, obwohl man 1914 begonnen habe, am Kirchberg aufzuforsten. «13 Menschen verloren damals im Ortsteil Altkirch ihr Leben», sagt Jörg Martin. Mit dem Geschäftsführer von Andermatt sprach der Autor nach seinem Ausflug. Früher habe es mehr geschneit, auch sei der künstliche Schnee kompakter. Daher gebe es eher weniger Lawinen, sagt er. «In einem Lawinenwinter erfüllen die alten Schutzbauten aber noch ihren Zweck.» Kurz vor Realp lenkt Thomas Brunner das Auto auf einen linksufrigen Feldweg oberhalb der Furkareuss. Er geht zu Fuss voran zwischen gemähten Wiesen zur Kapelle Sankt Josef auf der Lieg von 1685. Sie steht im offenen Gelände, die Traufseiten stehen in der Falllinie des Hangs, der steil ansteigt bis zu den rund 3000 Meter hohen Gipfeln Blauberg und Müeterlishorn. Hangaufwärts sind Felsbrocken in der Wiese zu sehen. Der Baumeister der Kapelle hat sich denn auch einen besonderen Bau zu ihrem Schutz einfallen lassen: Ein massiver Spaltkeil aus Feldsteinen bildet an der Rückseite ein haushohes Bollwerk. Er soll Lawinen und Geröll aufhalten und links und rechts am Gotteshaus vorbeilenken. «Eine Lawine hat den Dachreiter der Kapelle bereits 1695 hinweggefegt», sagt Brunner. Um den Schutz zu verbessern, hat man den Spaltkeil nach einer Lawine 1975 um eine Schicht Quadersteine erweitert und nach einer weiteren Lawine 1999 ertüchtigt. Unser Weg führt von der Kapelle reussabwärts zum Weiler Steinbergen, wo eine massive Mauer in Trockenbauweise und ein Spaltkeil die Gebäude gegen den Hang abschirmen. Unfassbar viel Mühe muss es gekostet haben, mit blosser Muskelkraft die mannshohe und rund drei Meter dicke Mauer aufzuschichten. «Die Bauernfamilien haben ihre Wiesen regelmässig ‹geschönt›», sagt Brunner. «Steine und Felsbrocken, die die Lawinen mitbrachten, schleppten sie im Frühling zum Wiesenrand oder verwendeten sie für Schutzbauten.» «Felsbrocken, die die Lawinen mitbrachten, schleppten sie zum Wiesenrand oder verwendeten sie für Schutzbauten.» Thomas Brunner, Denkmalpfleger Kanton Uri Unsere letzte Station ist Realp, das letzte Dorf vor dem Furkapass. 1848 sei der nordwestlich gelegene Ortsteil abgebrannt und neu aufgebaut worden, erzählt der Urner Denkmalpfleger. Wir stehen dort in einer Gasse, die links und rechts von Häusern gesäumt ist. Hangaufwärts steht eine Reihe ehemaliger Ställe, unterhalb davon befinden sich Wohngebäude. Im Fall einer Lawine sollten die steinernen Ställe deren Wucht standhalten und so die Wohnhäuser vor der Zerstörung bewahren. Hier gehen städtebaulicher und architektonischer Schutz Hand in Hand. Zurück in Andermatt zeigt Thomas Brunner auf den Gurschenwald oberhalb des alten Dorfkerns. «Dieser Bannwald ist schon für 1397 nachgewiesen», sagt er. «Das Fällen von Bäumen war zum Schutz von Menschen und Gebäuden mit einem Bann belegt – es war unter Strafandrohung untersagt.» Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man in der Schweiz, an den steilen Talflanken wieder Schutzwälder anzupflanzen. Man knüpfte damit an Massnahmen an, die sich bereits im Mittelalter bewährt hatten. Auch im Urserntal: «Den Sankt-Anna-Wald bei Realp hat man in den 1870er-Jahren angepflanzt», sagt Brunner. Weitere Informationen zum Thema: Michèle Steiner: Vormoderne Lawinenschutzmassnahmen im Urserntal. Bern 2020 Lukas Kistler

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