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Siedlungsraum und Biodiversität neu denken: das Beispiel Ziefen

Ziefen (BL) ist ein Strasse-Bach-Zeilendorf und seit einiger Zeit im nationalen Inventar der geschützten Dorfkerne aufgeführt. Ein Betonwerk in Reigoldswil und der Pendlerverkehr eines benachbarten Pharmaunternehmens sorgen in Ziefen für viel Verkehr und Unmut. Hinzu kommt die Hochwasserproblematik im Zusammenhang mit der Hinteren Frenke, die mancherorts parallel zur Strasse durch das 1757-Seelen-Dorf verläuft. Als der Kanton 2021 sein Projekt zur Sanierung der Hauptstrasse ankündigte, nutzte dies die Gemeinde als Anlass, das Vorhaben grösser zu denken – zugunsten des Hochwasserschutzes sowie einer Zentrumsgestaltung mit sicheren Fussgängerwegen. Pascal Gysin, Landschaftsarchitekt und Inhaber der pg landschaften GmbH in Sissach (BL), wurde von der Gemeinde Ziefen mit der Co-Projektbegleitung wie auch mit einem Gestaltungsmandat für das Ortsbild beauftragt. An der Bafu-Fachtagung stellte der Planer das Projekt näher vor. «Das Strassenbauprojekt war die Initialzündung für weitere Vorhaben, die einen wesentlichen Einfluss auf das Zentrum von Ziefen haben werden. Wir nutzten diese Chance, um beim Kanton auf die Bedürfnisse der Gemeinde aufmerksam zu machen», erklärte Pascal Gysin. Neben dem Strassenbauprojekt und dem Hochwasserschutz ergab sich die Option eines Wohnbauprojekts für mehrere Generationen auf dem gemeindeeigenen Grundstück beim Werkhof, ebenfalls in der Dorfmitte gelegen. «Für die Gemeinde stand fest, dass die Dorfmitte neu gedacht werden muss», betonte Pascal Gysin. Eine Unterschriftenaktion, die mehr Verkehrssicherheit sowie einen besseren Hochwasserschutz forderte, bekräftigte diesen Ansatz. Drei Architekturbüros wurden daraufhin mit der Ausarbeitung eines Gestaltungs- und Planungskonzepts für das Zentrum von Ziefen beauftragt. Somit entwickelte sich die geplante Sanierung der Hauptstrasse laut Pascal Gysin zu einem integralen Projekt für eine neue Zentrumsgestaltung. Das selbstbewusste und fordernde Auftreten bis auf Regierungsratsebene habe sich gelohnt. Der Kanton erkannte offenbar die Notwendigkeit eines integralen Vorgehens. Für das weitere Vorgehen sassen alle beteiligten Stakeholder an einem Tisch: das kantonale Tiefbau- und Raumplanungsamt, der Heimatschutz und die Gemeinde. «Eine Gesprächs- und Planungskultur auf Augenhöhe war für uns der Schlüssel zum Erfolg», stellte Pascal Gysin rückblickend fest. «Eine Gesprächs- und Planungskultur auf Augenhöhe war für uns der Schlüssel zum Erfolg.» Pascal Gysin, Landschaftsarchitekt Der vier Jahre dauernde Diskussions- und Planungsprozess brachte eine Lösung hervor, bei der jede Fläche neu verhandelt wurde. So wird die Hauptstrasse nicht durchgehend verbreitert, sondern nur dort, wo es für das Ortsbild sinnvoll ist. Auf die Verlegung der Bushaltestelle im Dorfzentrum wird aufgrund des Widerstandes aus der Bevölkerung verzichtet. Die dafür aus Sicherheitsgründen zusätzlich gewünschten Fussgängerstreifen lassen sich nicht realisieren. Um die Hochwasserproblematik zu entschärfen und den Bachlauf als neue Grünzone in die Ortsbildgestaltung zu integrieren, soll der Bach an verschiedenen Orten verbreitert und renaturiert werden; ausserdem sollen die zahlreichen Brücken hochwassertauglich gemacht werden. «Dank dieses integralen Vorgehens wird Ziefen einen neuen Ort der Begegnung in der Ortsmitte erhalten», ergänzte Pascal Gysin. Aktuell sei das Vorprojekt für das Strassenbauvorhaben in Vorbereitung. Das Büro des Landschaftsarchitekten beschäftigt sich derzeit mit der Hochwasserproblematik von Ziefen. «Alleine, ohne den Einbezug aller Beteiligten, hätten wir dieses Ziel nicht erreicht», ist Pascal Gysin überzeugt. «Eine gute Zusammenarbeit ist selten der schnellste Weg, aber meist der nachhaltigste», sagte Carlo Scapozza, Vizedirektor Bafu, an der Tagung, bei der das Beispiel von Ziefen vorgestellt wurde. In seiner Begrüssungsrede plädierte er bei allen Projekten für einen integralen Ansatz zugunsten der Biodiversität. Wie eine Strategie für eine zukunftsfähige Stadt, die sich bis 2035 das Ziel netto null gesetzt hat, mit über 120 Beteiligten umgesetzt wird, erläuterte Christine Bai, Leiterin Grundlagen und Strategie im Tiefbauamt Zürich, in ihrem Referat. Michael Bont, Ingenieur der Grunder AG in Basel, forderte einen frühzeitigen Einbezug der Biodiversität in die Projektplanung. Weitere Informationen: www.ziefen.ch www.bafu.admin.ch/de/tagung-natur-landschaft-2026 Fabrice Müller

Winterdienst: digitale Helfer bei Glatteis und Schnee

Morgens um halb vier Uhr entscheidet es sich, ob Remo Graf und seine Kollegen vom Werkhof Berikon (AG) weiterschlafen können oder aufstehen müssen. Der Bauamtsleiter wird in aller Herrgottsfrühe von der Winterdienst-App informiert, ob die Friedlibergstrasse gefroren ist oder nicht. «Diese Strasse im Oberdorf liegt hinter dem Berg, ist stark befahren und erhält tagsüber nur wenig Sonnenstrahlen. Deshalb haben wir hier im Winter häufig Glatteis», erklärt Remo Graf. Vor zwei Jahren liess die Gemeinde Berikon an dieser Stelle eine Messstation mit zwei Bodensensoren errichten. Die Sensoren messen unter anderem die Wasserfilmdicke, die Bodentemperatur und den schon vorhandenen Salzgehalt. Ebenfalls zur Anlage gehören Fühler, die erhöht neben der Strasse montiert wurden. Sie registrieren die Lufttemperatur, die Luftfeuchtigkeit, den aktuellen Niederschlag, den Luftdruck sowie die Sichtweite. Alle sechs Minuten werden die Werte aktualisiert und vor Ort in einer elektrischen Einheit gespeichert. Via App sind die Daten für die Werkhofmitarbeiter abrufbar. Je nach Wetterwerte löst das System drei Alarmtypen aus: Stufe drei beispielsweise bedeutet, dass die Strasse eisglatt ist und gesalzen werden muss. «Wir machen gute Erfahrungen mit diesem System. Es ist ein grosser Gewinn für uns, denn sonst müssten wir jeden Morgen früh Kontrollfahrten durchführen», sagt Remo Graf. Der Werkhofleiter würde einen Ausbau mit drei bis vier weiteren Stationen im Dorf begrüssen. Auch die Stadt Freiburg arbeitet seit 2019 bereits mit einem smarten Winterdienstsystem. Zwei Bushaltestellen im Schönbergquartier spielen dabei eine Schlüsselrolle: Dort wurden zwei Sensoren im Boden sowie zwei Videokameras installiert. Das System schlägt Alarm, wenn rutschige Strassenverhältnisse drohen. Über ihre Smartphones rufen die Verantwortlichen des Werkhofes die Messwerte der Sensoren ab. Für Marc-André Neuhaus, stellvertretenden Leiter des Strasseninspektorats, sind die Daten der Sensoren jedoch nur eine Entscheidungshilfe, wie er gegenüber der Zeitung «Freiburger Nachrichten» betonte. Die Daten allein bestimmen nicht, ob und wie viele Streufahrzeuge und Mitarbeitende in den Einsatz müssen. Ohne die Erfahrungswerte des Menschen gehe es nach wie vor nicht. «Dieses System ist ein grosser Gewinn für uns, denn sonst müssten wir jeden Morgen früh Kontrollfahrten durchführen.» Remo Graf, Werkhofleiter Berikon (AG) Das Potenzial für intelligente Systeme im Winterdienst sei gross, findet Clemens Baschung, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Kommunale Infrastruktur. Einige Gemeinden seien derzeit mit der Prüfung solcher Lösungen für den kommunalen Winterdienst beschäftigt. Vor allem Systeme für die Routenplanung, die Wettervorhersagen oder die Einsatzplanung seien für Städte und Gemeinden wertvoll – sofern das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimme. «Ob sich die Anschaffung eines solchen Systems lohnt, hängt unter anderem von der Grösse und Lage der Gemeinde ab. Zudem darf man nicht vergessen, dass die Winterdiensttage in der Schweiz eher abnehmend sind.» Trotzdem könnten digitale Helfer für den Winterdienst in manchen Gemeinden eine grosse Unterstützung bedeuten. Der sechste Winterdienstkongress, der möglicherweise Ende Mai 2024 stattfinden wird, beschäftigt sich unter anderem mit den Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung auf kommunaler Ebene. Als im Winter 2021 der sogenannte «Flockdown» manche Unterländer Werkhöfe stark forderte, zeigte sich, wie wichtig eine vernetzte Organisation des Winterdienstes ist, sei es in den Gemeinden oder auch auf kantonaler Ebene. Da Schneefall bekanntlich keinen Feierabend kennt, sind im Winter oft Überstunden und Nachtschichten nötig. Neben den Werkhofmitarbeitenden braucht es je nach Gemeinde auch private Unternehmen, die alle Schichten abdecken können. Hier ist eine gute Planung wichtig, um Doppelspurigkeiten oder Missverständnisse zu vermeiden. Auch der Einsatz der verschiedenen Fahrzeuge will koordiniert sein: Welches Fahrzeug kommt bei welcher Route zum Einsatz? Was für Material steht zur Verfügung? Was wird mit der Nachbargemeinde geteilt? Reicht das Streugut, ist der Nachschub aus den Rheinsalinen gesichert? Die Inver®-Winterdienst-App der ewp AG in Affoltern am Albis (ZH) etwa hilft bei der Priorisierung der räumenden Strassen und Trottoirs. Sie unterstützt die Gemeinden von der zeitlichen Berechnung der Routen bis zur Einsatzplanung der Fahrzeuge und Mitarbeitenden. Die Fachanwendung Winterdienst der Geoinfo Applications AG in Herisau (AR) erlaubt es den Gemeinden, Einsatzrouten und Routenabschnitte digital zu verwalten – für eine optimierte Einsatzplanung des Fahrzeugparks. Die kartenbasierte Anwendung ermöglicht den Werkhofmitarbeitenden die Darstellung der Räumungsrouten nach Unternehmer, Dringlichkeit oder Einsatzart mittels Farbe und Signatur. Dies verschafft ihnen einen Überblick über die geplanten Arbeiten. Wichtige Informationen zu den Routen wie Belagsart oder Routentyp können erfasst und die Einsatzart dokumentiert werden. «Dank diesem System wird der Winterdienst effizienter und kostensparender», sagt Accountmanager Christian Treml. Die Software sorge für Transparenz und Überblick der Winterdiensteinsätze. Ein weiterer Vorteil sei die Sicherung der Daten und Erfahrungen bei einem personellen Wechsel in der Werkhofleitung: «Dank dem, dass alle Daten digital in der Fachanwendung festgehalten und visualisiert sind, kann man sich schnell einen Überblick über die verschiedenen Prozesse im Winterdienst verschaffen», sagt Christian Treml. Technisch wäre es zudem möglich, die Trackingdaten eines jeden Fahrzeugs und Mitarbeiters zu erfassen. Die Geoportallösung sei für jede Gemeindegrösse geeignet, betont Christian Treml. Rund die Hälfte der Geoportalkunden seien Gemeinden zwischen 1000 und 3000 Einwohnern. Das Warnsystem, das die Werkhofmitarbeiter in Berikon bei Glatteis informiert, liefert übrigens auch im Sommer wertvolle Informationen, beispielsweise über Hitze und Wasser auf den Fahrbahnen, wie Arnaud Varé, Leiter Verkauf von Boschung Mecatronic AG in Payerne (VD), erklärt. Im Fall von intensiver Hitze kann die Bodentemperatur leicht über 50 Grad Celsius steigen. Dies ist für bestimmte Strassenbaumaterialien problematisch, weil sie dann zu schmelzen beginnen. Um die Wirkung solcher Prozesse zu reduzieren, kann man zum Beispiel das Tempolimit für den Verkehr reduzieren. Übermässiges Wasser auf der Strasse birgt bereits ab drei Millimetern Wasser das Risiko von Aquaplaning. Somit leisten die digitalen Helfer auch ausserhalb der kalten Monate einen wichtigen Beitrag für sichere Strassen. Fabrice Müller

Farbkultur im Ortsbild: Zwischen Identität und Reizthema

Auf dem Dorfplatz von Küsnacht (ZH) begegnen sich das Weltliche und das Geistliche: zum einen der markant kolorierte Gasthof Ochsen mit seiner warmen, braunorangen Farbgebung; zum andern die traditionell weiss gestrichene Kirche. «Wir haben neben einigen farbigen Gebäuden auch viele weiss gestrichene Häuser, was typisch ist für Küsnacht», berichtet Daniel Dahinden, Leiter Hochbau und Planung. Damit die Kirche auch farblich im Dorf bleibe, solle gemäss einer Faustregel kein anderes Haus weisser sein als das Gotteshaus. Dies ist allerdings nicht die einzige Devise, die in der 15 000-Seelen-Gemeinde im Umgang mit Farben und Ortsbild gilt. Die ländlich geprägte Agglomerationsgemeinde am rechten Zürichseeufer verfügt über 16 verschiedene Ortsbilder und Quartiere, darunter auch ein historischer Kern. Unter der Leitung der Abteilung Hochbau und Planung mit den Mitgliedern des Fachbeirats Ortsbildschutz und Denkmalpflege sowie der Baukommission wurde 2022 in Zusammenarbeit mit dem Haus der Farbe, Institut für Gestaltung in Handwerk und Architektur, mit der Publikation «Farbkultur Küsnacht» ein Arbeits- und Kommunikationswerkzeug zu Farbe im Ortsbild entwickelt. «Als Behörde erlebten wir die Bewilligungspraxis im Umgang mit Farben und Materialien oft als unbefriedigend, auch wenn wir unsere Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen fällten», sagt Daniel Dahinden. Es fehlten jedoch ein Beratungsinstrument und ein Orientierungsrahmen für Farbentscheide, um dem Ortsbild wirksam und nachhaltig Sorge zu tragen. Das Haus der Farbe analysierte spezielle und typische Objekte und Ensembles, die als Referenzobjekte für die Kriterien von neuen Farbkonzepten dienen. Farbentscheide können sich somit an diesen beispielhaften Bauten und Situationen orientieren. «Farben sind identitätsstiftend, oftmals aber auch ein Reizthema», sagt Marcella Wenger-Di Gabriele, Co-Leiterin des Instituts des Hauses der Farbe in Zürich. Spätestens seit dem Aufkommen der Dispersionsfarben und ihrer beinahe grenzenlosen Farbvielfalt vor rund 50 Jahren ist der Umgang mit Farben anspruchsvoller geworden. Ein Bewusstsein für Farben sei ein wichtiger erster Schritt, die Farbkultur im Leitbild einer Gemeinde zu verankern. Ebenso entscheidend ist es gemäss Stefanie Wettstein, Leiterin des Hauses der Farbe, das eigene Ortsbild anzuschauen, so simpel es klingen mag. «Durch das Beobachten und Betrachten erkennt man die Eigenheiten und Farbidentitäten eines Ortes. Daraus lassen sich Referenzen und Regeln ableiten.» Als wertvoll bezeichnen die Farbexpertinnen ferner das objektive Sprechen und Diskutieren über Farben – sei es innerhalb der Behörde oder auch im Dialog mit den Hauseigentümerinnen und -eigentümern. «Schwammige Formulierungen wie das ‹harmonische Einfügen in die Umgebung› sind zu unkonkret und lassen sich juristisch anfechten», gibt Marcella Wenger-Di Gabriele zu bedenken. Deshalb biete das Haus der Farbe Hilfestellungen wie auch drei spezielle Tagesseminare zum Thema Farbkultur und Ortsbild an (siehe Infobox). Ziel sei es, den Behörden mehr Kompetenzen, sachliche Argumente und Werkzeuge mitzugeben. Zudem wolle man den Dialog zwischen Behörden und Bauherrschaft fördern. «Diese Gesprächskultur lässt sich nicht über Regeln lösen», betont Stefanie Wettstein. Auf welche Aspekte gilt es bei der Farbwahl im Ortsbild zu achten? Bei Renovationen drehe sich die Diskussion oft hauptsächlich um die Fassadenfarbe, erzählt Marcella Wenger-Di Gabriele, dabei komme dem Zusammenspiel aller Haupt- und Nebenfarben die entscheidende Rolle zu. «Kleine Details wie etwa die Farbe der Fensterläden, des Sockels oder des Dachhimmels sind oft für das Gesamtbild eines Gebäudes entscheidend. Es braucht zum Teil wenig, bis ein Gebäude aufgrund der Farbwahl plakativ und simpel wirkt.» Besonders bei Betriebsgebäuden kommt nicht selten die Farbe des Firmenlogos mit ins Spiel. Nicht immer sei eine solche Farbe, so Marcella Wenger-Di Gabriele, ideal für die Fassadengestaltung. «Hier braucht es ein geschicktes Argumentieren. Vielleicht bietet sich eine Lösung mit gezielten Akzenten in diesem Farbton an.» Für Farbkonzepte an historischen Gebäuden braucht es die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Die Farbwahl steht hier im Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses und seiner Umgebung. Doch was gilt für die Häuser am Rande eines historischen Zentrums? «Hier trifft man oft unsensible Farblösungen an», bedauert Marcella Wenger-Di Gabriele und empfiehlt, die Hauseigentümer zu unterstützen und lokale Handwerker als Vermittler mit ins Boot zu holen. Denn meist kennen sie die regionalen Eigenheiten am besten. Zu den grössten Fehlern, die im Umgang mit Farben gemacht werden, zähle der Behördenentscheid vom Bürotisch aus, findet Marcella Wenger-Di Gabriele. Ebenso fatal sei es aber auch, wenn die Behörden dem Ortsbild einen Farbplan vorschreiben und in der Folge die Stadt in eine Art Heididorf verwandeln. «Das Kolorit einer Stadt ist dann besonders schön, wenn es nicht als auf dem Schreibtisch entworfenes Gesamtkonzept daherkommt, sondern als gewachsenes Farbbild.» «Ein Richtig oder Falsch gibt es bei uns nicht. Diese Philosophie erhöht die Akzeptanz unserer Farbkultur in der Bevölkerung.» Daniel Dahinden, Leiter Hochbau und Planung, Küsnacht (ZH) Mit dem neuen Beratungswerkzeug «Farbkultur in Küsnacht» machen Daniel Dahinden und sein Team gute Erfahrungen. «Im Gegensatz zu früher verfügen wir nun über ein Werkzeug, das uns im Dialog mit der Bauherrschaft wertvolle Dienste leistet.» Es zeige die Vielfalt der Farbkultur im Dorf auf und diene so als Referenz. Auch wenn die Farbtöne sich stets an den umliegenden Gebäudefarben orientieren sollten, gebe es durchaus auch Freiheiten für gewagtere Farbgestaltungen, betont Daniel Dahinden. «Uns ist es wichtig, dass ein Konzept dahintersteckt und die Ideen nachvollziehbar sind. Ein Richtig oder Falsch gibt es bei uns nicht. Diese Philosophie erhöht die Akzeptanz unserer Farbkultur in der Bevölkerung.» Fabrice Müller

Tourismusmagnete als raumplanerische Herausforderung

Wer weiss, wo die Gemeinde Wäldi liegt? Vielleicht ist das Conny-Land in Lipperswil ein Begriff? Der Freizeitpark im 300-Seelen-Dorf, das politisch zur Gemeinde Wäldi im Kanton Thurgau gehört, gilt seit Jahrzehnten als Ausflugsziel von regionaler und überregionaler Bedeutung. Was einmal mit einem Zelt und Delfinen im Jahr 1979 begonnen hat, hat sich zum grössten Freizeitpark der Schweiz unter der Leitung der Familie Gasser entwickelt. «Das Conny-Land ist ein wichtiger Tourismusbetrieb für den Kanton, die Region und die Gemeinde Wäldi und nicht mehr wegzudenken», sagt Gemeindepräsident Adrian König und fügt hinzu: «Als kleine Landgemeinde sind wir natürlich auch etwas stolz darauf, dass der grösste Freizeitpark der Schweiz in unserer Gemeinde liegt.» Mit 60 bis 70 Angestellten während der Saison ist der Freizeitpark ein für die Gemeinde wichtiger Arbeitgeber. Doch nicht nur die Gemeinde selbst profitiert laut Adrian König vom Conny-Land, auch viele Zulieferer aus der Region arbeiten mit dem Park zusammen. Da das Conny-Land ein hohes Investitionsvolumen aufweist, profitieren zudem Unternehmen aus der Baubranche davon. «Generell bleibt die Wertschöpfung in der Region», stellt Adrian König fest. Als Freizeitpark ist das Conny-Land darauf angewiesen, seinen Gästen immer wieder neue Attraktionen zu bieten. Seit dem Wegfall der Delfine im Jahr 2012 ist der Park um eine wichtige Hauptattraktion ärmer. Der Park versucht laut Adrian König, dies mit neuen Bahnen zu kompensieren. Diese brauchen jedoch Platz und stellen den Raumplanungsprozess vor gewisse Herausforderungen. Ebenfalls neue Lösungen sind im Bereich Verkehr gefragt. Das Conny-Land ist verkehrstechnisch gut erschlossen und ab der Autobahn über die Kantonsstrasse in sieben Minuten erreichbar. An Spitzentagen halten sich bis zu 2500 Gäste im Conny-Land auf. Vor allem im Frühjahr bei schöner Witterung und an Feiertagen kann es laut Adrian König schon vorkommen, dass die vorhandenen Parkplätze nicht ausreichen und entlang von Quartierstrassen parkiert werden muss. Dank den Tourismusbetrieben in der Region wurde das ÖV-Angebot mit neuen Postautoverbindungen ausgebaut. Trotzdem fahren viele Gäste mit dem Privatauto ins Conny-Land, so Adrian König . Gespräche mit dem Kanton für eine Erweiterung des Parks mit Parkplätzen haben bereits stattgefunden, ebenso existieren Ideen für die Verbesserung der Verkehrssicherheit im Bereich Conny-Land und Golfplatz, Lipperswil. «Um den Besuchern weiterhin eine attraktive Erlebniswelt bieten und gegen die ausländischen Parks bestehen zu können, soll dem Conny-Land eine Erweiterungsmöglichkeit gegeben werden», findet Adrian König. Eine Parkerweiterung sei allerdings nur möglich, wenn Flächen aus dem kantonalen Kontingent für Spezialbauten zur Verfügung gestellt werden; dafür braucht es die Zustimmung und die Bereitschaft des Kantons. Eine Umwandlung der bestehenden Landwirtschafts- in Freizeitzonen ist an strenge Bedingungen geknüpft und verlangt nach einem raumplanerischen Gesamtkonzept, wie Adrian König erläutert. «Als Gemeinde stehen wir hinter dem Conny-Land und unterstützen den Betrieb, so gut wir können», sagt der Gemeindepräsident, der von seinem Büro aus das Conny-Land im Blickfeld hat. Aufgrund der Grösse des Betriebs stehen er und die Gemeindeverwaltung mit diesem meist etwas mehr in Kontakt als mit anderen Firmen. In Bau- oder speziellen Anlassgesuche sei der ganze Gemeinderat involviert. «Die kurzen Wege wie auch die unkomplizierte Kommunikation sind wichtige Bedingungen für die gute Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde und dem Conny-Land», erklärt Adrian König. Auch zu den Anwohnern pflege der Park einen regelmässigen Austausch und Kontakt. Alle zwei bis drei Jahre werden die Anwohner und Gemeinderäte zu einem Treffen eingeladen, während diesem die Parkverantwortlichen neue Projekte vorstellen. Auch in der Gemeinde Eschenbach (SG), wo sich ein Freizeitpark mit Seilpark, Rodelbahn, Streichelzoo, Übernachtungsmöglichkeiten sowie das kleine Skigebiet der Sportbahnen Atzmännig AG befindet, wird bewusst ein offener und permanenter Dialog zwischen den Parkverantwortlichen und den Behörden gepflegt, wie Gemeindepräsident Cornel Aerne sagt. Für viele touristische Anliegen agiert der «Verein Goldingertal Eschenbach» als Schnittstelle zwischen dem Atzmännig, den weiteren lokalen Anbietern und der Gemeinde. Die örtliche Tourismusorganisation vernetzt und koordiniert die touristischen, landwirtschaftlichen und kulturellen Anliegen in der ganzen Gemeinde Eschenbach und den benachbarten Gebieten. Zugleich fördert sie die Vermarktung von einheimischen Produkten und Freizeitangeboten unter einem einheitlichen Logo und engagiert sich dafür, dass die Synergien aus dem Tourismus bestmöglich genutzt werden. Als Kompetenzzentrum für Tourismus entwickelt der Verein – in Absprache mit dem Gemeinderat – Konzepte zur Schaffung neuer Angebote und Strategien für eine nachhaltige touristische Entwicklung. Dieses Engagement ist laut Cornel Aerne in einer Leistungsvereinbarung zwischen dem Verein und der Gemeinde geregelt. «Die Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde, dem Verein Goldingertal und der Sportbahnen Atzmännig AG funktioniert einwandfrei und sehr konstruktiv», bestätigt der Gemeindepräsident. Darüber hinaus ergeben sich aus der Geschäftstätigkeit der Sportbahnen Atzmännig AG auch weitere direkte Schnittpunkte zur Gemeinde – etwa, wenn der Betrieb für das weitere Wachstum Baubewilligungen einholen muss oder wenn es darum geht, die Zufahrt für den Individual- und den öffentlichen Verkehr zu regeln. «Dabei gibt der gesetzliche Rahmen den Spielraum vor und der Freizeitpark ist allen anderen Unternehmen im Gemeindegebiet gleichgestellt», sagt Cornel Aerne. Die Gemeinde sei grundsätzlich an erfolgreichen und gesunden Unternehmen interessiert. Der Atzmännig habe als Freizeitpark eine Strahlkraft, die weit über die Gemeinde hinausgehe. «Das vielseitige Angebot steigert die Standortattraktivität Eschbachs, zugleich prägt das gut geführte Unternehmen indirekt das Image der Gemeinde», freut sich Cornel Aerne. Weiter biete der Freizeitpark rund 25 fixe Arbeitsplätze, die zu einem Grossteil durch Einwohnerinnen und Einwohner aus der Gemeinde Eschbach belegt sind. Hinzu kommen über hundert flexible Anstellungen, die Landwirten aus dem Goldingertal ganzjährig einen attraktiven Nebenerwerb ermöglichen. Das lokale Gewerbe profitiere zudem von den zahlreichen Tages- und Übernachtungsgästen. Manchmal wird der Innovationsdrang der Sportbahnen Atzmännig laut Cornel Aerne durch gesetzliche Auflagen gebremst, die sich vor allem ausserhalb der Bauzone ergeben. Das gesamte Areal der Sportbahnen Atzmännig AG teilt sich auf in Intensiverholungszone, Tourismus und Freizeit Camping, Wohn- und Gewerbezone, Wald wie auch Freihaltezone für Sport und Freizeit. «Durch die positive wirtschaftliche Entwicklung und den im Grundsatz erfreulichen Innovationsdrang des Unternehmens gilt es immer wieder, nach Möglichkeiten zu suchen, um den Wachstumsbedarf der Organisation mit den raumplanerischen Vorgaben und den Bedürfnissen der Bevölkerung in Einklang zu bringen», sagt der Gemeindepräsident und nennt den Campingplatz, der sich seit über 40 Jahren auf dem Areal der Sportbahnen befindet, als Beispiel: Der Campingplatz liege gemäss Natur- und Massnahmengefahrenkarte im roten Gefahrenbereich. «Hier müssen wir in den nächsten Monaten gemeinsam nach möglichen Lösungen zur Entschärfung suchen.» Die Vorarbeiten seien aktuell durch entsprechende Ingenieurkonzeptionsarbeiten in die Wege geleitet worden. Der Atzmännig bringt ein höheres Verkehrsaufkommen und eine verstärkte Nutzung der öffentlichen Infrastruktur mit sich. Dies hat laut Cornel Aerne einen Einfluss auf die Lebensqualität der Einwohnerinnen und Einwohner wie auch auf die Natur. Ein regelmässiger Austausch soll die Weichen für einen nachhaltigen und verträglichen Tourismus stellen. Auch wenn das Atzmännig-Gebiet gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen ist, reist ein Grossteil der Besucherinnen und Besucher mit dem eigenen Auto an. Der zunehmende Mehrverkehr – insbesondere an sonnigen Wochenenden – ist für die Bevölkerung an dieser Verkehrsachse laut Cornel Aerne eine gewisse Belastung. Die Thematik soll im Rahmen einer überarbeitenden Tourismusstrategie angegangen werden. Seit wenigen Wochen bewirtschaftet die Atzmännig AG ihre zahlreichen Parkplätze auf dem Gelände. «Es besteht eine leise Hoffnung, dass einige Gäste aus diesem Grund auf das attraktive Busangebot umsteigen werden», sagt Cornel Aerne. Allerdings werde der Freizeitpark auch in Zukunft peripher liegen, und der motorisierte Individualverkehr dürfte somit weiterhin ein Thema bleiben. Neben einer Erhöhung der Besucherströme arbeiten Gemeinde und Parkverantwortliche an einer neuen Tourismusstrategie, in der das Bike-Angebot, der Ausbau des Wanderwegnetzes und die Schaffung neuer Themenwege demnächst konkretisiert werden. Für die Stadt Luzern ist das Verkehrshaus einer der wichtigsten Magnete, der jedes Jahr knapp eine Million Besucherinnen und Besucher anziehen. «Das Verkehrshaus mit seiner schweizweiten Ausstrahlung bringt unserer Stadt wie auch dem Kanton eine hohe Wertschöpfung auf verschiedenen Ebenen», bestätigt Letizia A. Ineichen, Leiterin Kultur und Sport der Stadt Luzern, die Bedeutung des Verkehrshauses. Dieses wird – neben dem Lucerne Festival, dem Luzerner Theater, dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Kunstmuseum Luzern – jährlich mit einem namhaften Subventionsbeitrag unterstützt. Regelmässig stehen die Behörden, darunter auch der Stadtrat, in Kontakt mit der Direktion des Verkehrshauses. Zwischen den Stadtbehörden und dem Verkehrshaus gibt es – so Letizia A. Ineichen – zahlreiche Schnittstellen zwischen Kultur, Sport, Raumplanung, Immobilien und Mobilität. Zudem verfügt das Verkehrshaus über ein Baurecht der Stadt Luzern. Vor allem die Verkehrs- und Raumplanung beschäftigen die Direktion des Verkehrshauses und die Behörden intensiv. «Aufgrund der Lage und der Ausrichtung des Verkehrshauses braucht es massgeschneiderte Rahmenbedingungen für nachhaltige und flexible Lösungen etwa in den Bereichen Verkehr, Lärmbelastung oder auch bei baulichen Veränderungen», sagt Letizia A. Ineichen. Derzeit sind die Behörden daran, eine Sonderzone für das Verkehrshaus zu erarbeiten, weil die Jugendherberge neu in das Verkehrshaus verlegt werden soll. Verkehrsmässig ist das Verkehrshaus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bestens angebunden. Besonders an Wochenenden kann es vorkommen, dass die Parkkapazitäten nicht ausreichen, wie Letizia A. Ineichen berichtet. «Eine Erweiterung der Parkplätze ist in den Gesprächen mit der Stadt immer wieder ein Thema.» Auf politischer Ebene ist die Entlastung der Hauptachse entlang des Seebeckens vom Verkehrshaus in die Stadt immer wieder Thema politischer Vorstösse. In den kommenden Jahren steht die Sanierung der Schienenhallen 2 und 3 und somit eine längere Bauphase auf dem Programm. «Bei diesem Projekt werden die Stadtbehörden vor allem in den Bereichen Bau und Raumplanung involviert sein», sagt Letizia A. Ineichen. Informationen : www.connyland.ch, www.atzmaennig.ch , www.verkehrshaus.ch Fabrice Müller

Abenteuer Schulweg statt Elterntaxis

«Sagt mal, wer von euch hat den weitesten Schulweg?» In Windeseile schnellen viele Hände in die Höhe. Manuelas Weg zur Schule sei etwa einen Kilometer lang, erzählt sie. Dominik braucht zehn Minuten, kommt aber am liebsten mit dem Velo oder Trotti. Saambavi sei ebenfalls zehn Minuten unterwegs, betont sie, allerdings zu Fuss. Die Klasse 1/2c von Sheila Kehrli von der Primarschule in Roggwil im Kanton Bern sitzt im Kreis vor der Wandtafel. Sie sind Feuer und Flamme, über ihre Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Schulweg zu berichten. Mia schwärmt von der regelmässigen Begegnung mit einem Hund, den sie streicheln kann. Auch Niklas freut sich über die tierischen Begegnungen, genauer gesagt mit der Katze Jacky. Manuela wie auch viele andere ihrer Klasse schätzen es, zusammen mit anderen Kindern den Schulweg zu gehen und dabei Spass zu haben. Zurzeit nimmt die Klasse im Unterricht die Schnecken durch. Was liegt näher, als auf dem Schulweg nach Schnecken Ausschau zu halten? Wenn es um Schulwege geht, hat die Klasse von Sheila Kehrli sozusagen die Nase vorn. Sie landete zusammen mit der Schule von Seelisberg im Kanton Uri und der Schule von Männedorf im Kanton Zürich auf dem Podest der Aktionswochen «walk to school» des VCS. Kinder, aber auch Eltern und Lehrkräfte werden durch diese Aktion dazu animiert, sich mit den Themen Verkehrssicherheit und Schulweg auseinanderzusetzen. Ziel ist es, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler permanent mit eigener Muskelkraft in den Kindergarten beziehungsweise zur Schule gehen – ohne Elterntaxis. Bei den Aktionswochen, die zwischen den Sommer- und Herbstferien vorgesehen sind, gehen die Schulkinder vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse während zwei Wochen selbstständig zu Fuss zur Schule. Wenn es um Schulwege geht, hat die Klasse von Sheila Kehrli sozusagen die Nase vorn. Sie landete zusammen mit der Schule von Seelisberg im Kanton Uri und der Schule von Männedorf im Kanton Zürich auf dem Podest der Aktionswochen «walk to school» des VCS. Kinder, aber auch Eltern und Lehrkräfte werden durch diese Aktion dazu animiert, sich mit den Themen Verkehrssicherheit und Schulweg auseinanderzusetzen. Ziel ist es, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler permanent mit eigener Muskelkraft in den Kindergarten beziehungsweise zur Schule gehen – ohne Elterntaxis. In den Aktionswochen, die zwischen den Sommer- und Herbstferien vorgesehen sind, gehen die Schulkinder vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse während zweier Wochen selbstständig zu Fuss zur Schule. Sie können Punkte sammeln und tolle Preise gewinnen. Jede angemeldete Lehrperson erhält im Vorfeld für ihre Klasse ein Starterpaket mit Informationen und Materialien für den Unterricht. Zudem können die Klassen kreativ sein: Sheila Kehrli und ihre Klasse haben einen Herbstbummel im Wald durchgeführt und ein Spiel zum Thema Schulweg entwickelt. Sheila Kehrli hat sich für eine Teilnahme an dieser Aktion entschieden, weil sie immer wieder beobachtet hat, wie viele Kinder von ihren Eltern zur Schule gefahren wurden. Seit zehn Jahren bereits lanciert der VCS jährlich die Aktion «walk to school». Doch warum braucht es sie überhaupt? «Der Schulweg ist für Kinder ein wichtiger Lern- und Erlebnisort», betont die Kampagnenverantwortliche Nadja Mühlemann, «die Kinder üben dort das richtige Verkehrsverhalten, schliessen Freundschaften und bewegen sich regelmässig an der frischen Luft.» Leider gilt das nicht für alle Kinder: «Die Elterntaxi-Problematik ist heute aktueller denn je», bestätigt Nadja Mühlemann. Auffällig sei, dass die Gemeinden sehr unterschiedlich davon betroffen seien. Während in einigen Gemeinden regelmässig ein hohes Aufkommen an Elterntaxis rund um die Kindergarten- und Schulstandorte zu verzeichnen ist, kennen andere Gemeinden das Phänomen so gut wie gar nicht. Ausserdem stellt Nadja Mühlemann einen Unterschied zwischen den Sprachregionen fest: «In der Deutschschweiz sind Elterntaxis gemäss unseren Beobachtungen weniger häufig als in der Romandie und im Tessin.» «Die Gründe für solche Bring- und Holfahrten sind aus unserer Sicht sehr vielfältig», sagt die Kampagnenleiterin des VCS und zählt Sicherheitsbedenken, lange oder schwierige Schulwege, soziale beziehungsweise kulturelle Aspekte, das Wetter und Zeitmanagement als mögliche Einflussfaktoren auf. In Roggwil wohnen einige Kinder laut Sheila Kehrli weit ausserhalb des Dorfzentrums. Dies sei ein Grund, weshalb sie von den Eltern zur Schule chauffiert werden. Andere steigen in einer Aussenstation in den Zug ein und fahren ins Zentrum. «Wir haben auch schon angeregt, dass die Eltern, die weit ausserhalb des Dorfes wohnen, die Kinder nur ein Stück weit ins Dorf fahren und sie den Rest zur Schule zu Fuss zurücklegen lassen», erzählt die Lehrerin. Dies werde jetzt immer häufiger umgesetzt. «Gemeinden können ebenfalls einen wertvollen Beitrag leisten, um die Schulwege sicherer zu machen», ist Nadja Mühlemann überzeugt. Der VCS arbeitet im Rahmen der «VCS Mobilitätskonzepte Schule» mit den Gemeinden zusammen, um die Schulwegsicherheit nachhaltig zu erhöhen. «Ziel dieses Angebots ist, die bestehende Infrastruktur der Gemeinde aus Sicht der Kinder zu analysieren und entsprechend anzupassen.» Für die Aktion «walk to school» werden jeweils im Frühling alle Schulen, Bildungs- und Gesundheitsämter sowie die Pädagogischen Hochschulen mit Informationen bedient. Auch hier können die Gemeinden zusammen mit den Schulen den Anstoss für eine Teilnahme geben. Aufgrund ihrer Nähe zur Bevölkerung beziehungsweise zu den Eltern könnten die Gemeinden und Schulen den direkten Kontakt zu den Eltern suchen, sie zum Thema Schulwegsicherheit sensibilisieren und mehr über die Beweggründe für Elterntaxis erfahren. Welche Erfahrungen macht der VCS mit der Aktion «walk to school»? Laut Nadja Mühlemann steigt das Interesse an der Aktion stetig. 2019 nahmen fast 10 000 Kinder teil. Im vergangenen Jahr gingen die Zahlen hingegen Corona-bedingt etwas zurück. «Für dieses Jahr konnten wir bereits wieder mehr Anmeldungen verzeichnen», freut sich die VCS-Vertreterin. Sie wünscht sich allerdings noch mehr Teilnehmende aus den ländlichen Kantonen. «Ich bin überzeugt, dass die Aktionen durchaus ihre Wirkung zeigen und die Kinder es schätzen, ihren Schulweg zu Fuss zurückzulegen.» In Roggwil hat die Aktion ein positives Echo ausgelöst, wie Sheila Kehrli berichtet. «Dass wir auf dem Podest gelandet sind, hatte sicher eine gewisse Signalwirkung. Viele Eltern von Kindern aus meiner Klasse haben die Bedeutung dieser Aktion erkannt und schicken ihre Kinder bewusst zu Fuss in die Schule.» Für eine nachhaltige Wirkung brauche es eine regelmässige Aufklärung der Eltern und Kinder. Sheila Kehrli schlägt zudem vor, den Elternrat ins Boot zu holen. Nadja Mühlemann plädiert für eine repetitive Sensibilisierung aller involvierten Interessengruppen. Informationen: www.verkehrsclub.ch www.schulwege.ch www.schule-roggwil.ch Fabrice Müller

Schöne Ortseingänge: Der erste Eindruck zählt

An Aufmerksamkeit und Medienpräsenz mangelt es Brienz/Brinzauls (GR) im Grunde genommen nicht. Das 130-Seelen-Dorf gehört zur Gemeinde Albula/Alvra und hat in den letzten Monaten vor allem wegen des starken Hangrutsches und eines befürchteten Bergsturzes national für Schlagzeilen gesorgt. Dabei hat das Dorf, auf einer Sonnenterrasse im Albulatal auf 1100 Metern über Meer gelegen, auch anderes zu bieten – zum Beispiel die schönen Dorfeingänge. Im Zusammenhang mit dem Kulturkonzept, aus dem unter anderem ein Kulturweg entstanden ist, erhielt Brienz/Brinzauls zwei Skulpturen am Dorfeingang. Diese wurden durch den einheimischen Metallkünstler Roman Platz aus Alvaneu erstellt. «Wir machten uns damals grundsätzlich Gedanken darüber, wie wir unser Dorf verschönern könnten», erzählt der ehemalige Gemeindepräsident Rico Liesch. Dabei sei man auf die Idee gekommen, die Dorfeingänge speziell zu gestalten. «Viele Dörfer stellen irgendetwas an ihren Eingängen auf. Wir wollten etwas, das den Leuten in Erinnerung bleibt.» In Zusammenarbeit mit Roman Platz entstand die Idee einer Skulptur aus Stahl und Holz. Die Skulptur setzt sich aus drei typischen Elementen zusammen, die das Dorf widerspiegeln: der restaurierten Burgruine Belfort, der Sonne – die Gemeinde erhielt 1991 als erste der Schweiz den Schweizer Solarpreis – und schliesslich den Baumstämmen, die das Dorf vor Bergrutschen schützen. Bevor Roman Platz mit der Umsetzung starten konnte, musste die Bevölkerung dem Kredit an der Gemeindeversammlung zustimmen. Ausserdem benötigte das Vorhaben laut Rico Liesch die Bewilligung vom Amt für Raumentwicklung und vom kantonalen Tiefbauamt, da die Skulpturen ausserhalb der Bauzone und an der Kantonsstrasse liegen. «Es braucht einen entsprechenden Abstand vom Strassenrand, damit genügend Platz für die Schneeräumungsfahrzeuge und LKWs vorhanden ist», erklärt Rico Liesch. Die 2 Meter hohe und 1 Meter 40 breite Skulptur schmückt seit 2013 die beiden Dorfeingänge von Brienz. Wie der ehemalige Gemeindepräsident erklärt, haben die Skulpturen nur positive Reaktionen ausgelöst. «Sie schaffen für die Einheimischen eine Identifikation mit dem Dorf und sorgen gleichzeitig für einen gewissen Wow-Effekt.» Davon profitiert übrigens auch die Partnergemeinde Brienz im Kanton Bern: Sie erhielt ein Miniaturmodell dieser Skulptur als Geschenk überreicht. Keine Skulpturen, dafür eine harmonische Einbettung in die umliegenden Weinberge und Jurahügel mit Hecken und Obstbäumen. So präsentieren sich die Dorfeingänge von Schinznach-Dorf wie auch von Oberflachs, das seit Januar 2014 zu Schinznach-Dorf gehört. Laut Christine Neff, Geschäftsleiterin des Juraparks Aargau, besitzt Schinznach-Dorf einen der schönsten Dorfeingänge der Schweiz. Beide Orte sind stark vom Rebbau geprägt. Als Mitglieder seit zehn Jahren des Juraparks Aargau wird zudem grosser Wert auf die Vernetzung von Ökonomie und Ökologie gelegt. Davon zeugen zum Beispiel die sanierten Trockensteinmauern rund um das Schloss Kasteln und am Rebhang. Die Weinbautradition geht laut Gemeindeammann Urs Leuthard bereits auf das 17. Jahrhundert zurück. Mit insgesamt 50 Hektaren besitzen Schinznach-Dorf und Oberflachs das grösste Rebbaugebiet im Kanton Aargau. Neben einer Weinbaugenossenschaft sind acht selbstständige Kelterer in der Gemeinde aktiv. Das Ortsbild gilt als national schützenswert. Die historischen Gebäude entlang der Dorfstrasse sind als Strassenzeile denkmalgeschützt. Nur alle vier Jahre putzt sich das Dorf an seinen Ortseingängen ganz besonders heraus: Anlässlich des traditionellen Jugendfestes werden grosse Bögen aufgestellt und mit Tannenästen, Blumen und Bildern geschmückt – je nach Motto des Jugendfests. Gelangt man von Chall her zum Dorfeingang, treibt der «Mattegumper» in Röschenz (BL) sein Unwesen. Zumindest sorgt er für eine gewisse Aufmerksamkeit bei all jenen, die an ihm vorbeifahren oder -gehen. Der «Mattegumper» ist ein Grashüpfer und gleichzeitig der Übername für die Röschenzer. Laut Gemeindepräsident Holger Wahl wurden sie so genannt, weil die Bauern des Dorfes früher in den umliegenden Gemeinden Land dazupachteten und so wie eben die «Mattegumper» sehr beweglich sein mussten, um die weit auseinander liegenden Felder zu bewirtschaften. Davon hat sich der einheimische Künstler Daniel Weber inspirieren lassen, als er von der Gemeinde den Auftrag erhielt, eine Skulptur für den Dorfeingang zu kreieren. Entstanden ist eine Grashüpferskulptur aus Stein und Stahl, die zum Schmunzeln einlädt. Aber auch die anderen zwei Dorfeingänge wurden verschönert. «Zusammen mit einigen Einwohnern entstand die Idee, unsere Gemeinde, die ja je einen Anschluss Richtung Laufen, Kleinlützel und Metzerlen hat, an diesen Eingängen aufzuwerten», berichtet Holger Wahl. Dabei wollte man nicht einfach nur ein Willkommensschild aufstellen, sondern den Charakter des Dorfes abbilden. «Da Röschenz ein altes Steinhauerdorf ist, sollten Steinhauer aus dem Dorf insgesamt drei Skulpturen gestalten.» Alle drei Röschenzer Künstler hatten bei ihren Ideen freie Hand. Neben dem «Mattegumper» von Daniel Weber schuf Stefan Schnell, dessen Firma in Nenzlingen daheim ist, eine Skulptur aus Naturstein und Stahl. Sie stellt mit den symbolisch dargestellten Blättern und Bäumen den Bezug zur Natur und zum Wald her. In der Nacht wird diese Stehle beleuchtet. Die dafür benötigte Stromleitung wurde laut Holger Wahl letztes Jahr im Rahmen der Erneuerung der Kantonsstrasse gelegt. Die Gebrüder Thomann Natursteinwerke in Liesberg schliesslich entschieden sich für eine Skulptur aus Kalkstein, die gleichzeitig Elemente aus dem Gemeindewappen übernimmt – die Rose und die Welle des Baches Lützel – als auch den Sonnenhügel symbolisiert. Dieses Kunstwerk steht am Dorfeingang, wenn man von Kleinlützel her kommt. Alle drei Skulpturen wurden am Banntag am 30. Mai 2018 mit einem grossen Fest eingeweiht. Über 200 Personen nahmen daran teil. Die Skulpturen stossen auf positive Resonanz: «Wir haben dieses Projekt vor allem für unsere Einwohner umgesetzt. Die Skulpturen sollen ein ‹Heimkommen› ermöglichen und die Identifikation mit unserem schönen Dorf stärken», ergänzt Holger Wahl. Beim Ortseingang von Appenzell, dem Innerrhoder Kantonshauptort, erregen gleich zwei Installationen die Aufmerksamkeit der Passanten. Es soll sogar Leute geben, die reisen eigens für diese Kunstwerke nach Appenzell, wie Guido Buob, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus AI, berichtet. Doch worum handelt es sich denn? Der international bekannte Appenzeller Künstler Roman Signer, ein wichtiges Aushängeschild für die ganze Region, realisierte für den Bezirk Appenzell nahe des Hauses, in dem er aufwuchs, zwei Werke, die für Bewegung sorgen. Da wäre zum einen die sich im Boden drehende Scheibe auf dem Adlerplatz, am Eingang der Hauptgasse und Fussgängerzone gelegen. Die Scheibe mit einem Durchmesser von drei Metern dreht sich in drei Minuten einmal um sich selbst. Wer will, kann sich auf die Scheibe stellen und dabei den Blick 360 Grad wandern lassen: von der historisch-farbigen Hauptgasse hinüber zur Burgruine Clanx, zum augenfälligen Bergpaar Kamor und Hoher Kasten zurück ins Dorfzentrum. Im Rahmen von Ortsführungen werden auf der Drehscheibe Apéros durchgeführt. Weil auch Autos oder Lastwagen zeitweise über die Drehscheibe fahren, muss sie aufgrund der Gewichtsbelastung hin und wieder repariert werden, wie Guido Buob sagt. Das zweite Kunstwerk von Roman Signer bewegt sich ebenfalls und bringt zudem noch das Wasser mit ins Spiel. Genauer gesagt geht es hier um einen Metalltisch direkt am Ufer der Sitter, aus dessen vorderen Beinen alle drei bis vier Minuten ein Wasserstrahl herausschiesst. Durch den hohen Druck des Wassers hebt sich der Tisch in einem Winkel von 45 Grad, und das Wasser spritzt in einem schönen Bogen in die Sitter. Dieses Spektakel kann vom Strassenrand aus mitverfolgt werden. «Beide Kunstwerke sind zu Magneten geworden und sprechen insbesondere ein kunstaffines Publikum an», beobachtet Guido Buob. Dass sich das Appenzellerland mit zeitgenössischer Kunst präsentiere, sei jedoch eher untypisch und als Nische zu betrachten. Denn normalerweise stehen Tradition und Brauchtum im Zentrum der Appenzeller Kultur. Informationen: www.albula-alvra.ch www.schinznach.ch www.roeschenz.ch www.appenzell.ch Fabrice Müller

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