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Aktive Filter: Kategorie: Raumplanung und Verkehr Autor: Nadja Sutter Ausgabe: 3 | 2024 Alle Filter entfernen
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Aus einer Industriebrache entsteht ein neues Quartier

Die Attisholz Cellulose AG war einst einer der grössten Arbeitgeber der Region Solothurn: 1881 gegründet, beschäftigte die Fabrik in ihrer Blütezeit bis zu 1000 Angestellte. «Als der Betrieb 2008 eingestellt wurde, war dies ein grosser Schlag für die Gemeinde und die Region», erinnert sich Sandra Morstein, Gemeindepräsidentin der Standortgemeinde Riedholz (SO). Rund 400 Angestellte verloren ihre Arbeit. Für den Kanton Solothurn und die Gemeinde war klar: Diese grösste Industriebrache des Kantons ist von strategischer Bedeutung. 2016 wurde das Nordareal an das Immobilienunternehmen Halter AG verkauft, das die rund 500 000 Quadratmeter grosse Brache bis 2045 in ein neues Quartier mit rund 1400 Wohnungen und mehr als 1000 Arbeitsplätzen verwandeln will. Bereits 2018 öffnete die Halter AG einen Teil des Attisholz-Areals für die Bevölkerung. Zahlreiche Zwischennutzungen verleihen ihm jetzt Farbe: Street-Art-Kunst, zwei Bistros, ein Spielplatz, eine grosse Eventhalle und eine Outdoorarena sowie weitere Räumlichkeiten, die gemietet werden können. Rund 400 Veranstaltungen finden pro Jahr statt. Dazu brauchte es einiges an Arbeit. «Bis 2016 war das Gelände unberührt. Alle Maschinen und Wertstoffe waren verkauft worden, zurück blieben die leeren Industriehallen», erzählt Sandra Morstein. Yanis Hofstetter, Projektleiter Entwicklung bei der Halter AG, ergänzt: «Wir wollten bewusste Interventionen tätigen, um das Areal nach mehr als 100 Jahren hinter verschlossenen Türen schrittweise für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und somit ein erstes Lebensgefühl entstehen zu lassen.» Die Bevölkerung von Riedholz schätze das neue Kultur- und Restaurationsangebot an der Aare, sagt die Gemeindepräsidentin Sandra Morstein. In einer kleinen Gemeinde von knapp 2300 Einwohnerinnen und Einwohnern sei eine solche Infrastruktur nicht selbstverständlich. «Gleichzeitig erhöht die Zugänglichkeit die Akzeptanz für die weitere Entwicklung des Areals. Die Bevölkerung kann sehen, was entsteht.» Als die Teilrevision des Leitbilds 2017 der Gemeindeversammlung vorgelegt wurde, wurde es einstimmig angenommen. Bei der öffentlichen Auflage gab es gerade einmal drei Einsprachen, die in Verhandlungen gelöst werden konnten. «Die kontinuierliche Information und der Einbezug der Bevölkerung waren im Planungsprozess zentral.» «Die kontinuierliche Information und der Einbezug der Bevölkerung waren im Planungsprozess zentral.» Sandra Morstein, Gemeindepräsidentin Riedholz (SO) Dass das Attisholz-Areal bisher eine Erfolgsgeschichte ist, schreiben Morstein und Hofstetter auch der guten Zusammenarbeit zwischen der Halter AG, der Gemeinde und dem Kanton zu. «Wir tauschen uns regelmässig aus, kennen uns und setzen uns alle für eine optimale Entwicklung des Areals ein», sagt Yanis Hofstetter. Sandra Morstein ergänzt: «Wir haben uns am Anfang schon gefragt: Kommt das gut, eine so kleine Gemeinde und ein so grosser Investor?» Die Bedenken seien aber unbegründet gewesen, weil die Gemeinde Planungs- und Bewilligungsbehörde ist und die Zusammenarbeit von Anfang an sehr partnerschaftlich und transparent gewesen sei. Bereits zu Beginn wurden klare Rahmenbedingungen geschaffen. In einer Entwicklungsvereinbarung wurde festgehalten, welche Partei für die Planung, Erstellung und Übernahme der Infrastrukturanlagen wie Strassen und öffentliche Plätze zuständig ist, und auch der Planungsprozess zur Integration der Gemeindeanlagen wie Schule und Kita wurde festgelegt. «Dies gibt Sicherheit für alle Seiten», sagt Yanis Hofstetter. «Eine Frage für uns war zu Beginn, ob das Projekt für die Gemeinde tragbar ist», sagt Sandra Morstein. Die Gemeinde habe durch die Umzonung des Areals in eine Wohn- und Mischzone aber eine erhebliche Mehrwertabgabe erhalten. Diese ist zweckgebunden für die Entwicklung des Areals und wird zum Beispiel für den Bau von Schulinfrastruktur eingesetzt. «Die Entwicklungsvereinbarung gibt Sicherheit für alle Seiten.» Yanis Hofstetter, Projektleiter Entwicklung, Halter AG Ein Planungshorizont von mehr als 20 Jahren – das ist eine lange Zeit. Das Projekt ist in sieben bis acht Etappen aufgeteilt. «Das gibt uns die Flexibilität, Anpassungen vorzunehmen und zukunftsorientierte Denkansätze anzuwenden», sagt Yanis Hofstetter. «Die Gemeinde kann so entsprechend planen und schrittweise mitwachsen», ergänzt Sandra Morstein. 2025 sollen die Bauarbeiten für die ersten 280 Wohnungen beginnen, und 2027 werden die ersten Bewohnerinnen und Bewohner in das Attisholz-Areal einziehen. Nadja Sutter

Arealentwicklung: «Gemeinden brauchen eine klare Vorstellung»

Tatsächlich gibt es Gemeinden, welche die Arealentwicklung gezielt betreiben, und andere, die hier weniger aktiv sind. Nebst dem Know-how benötigt die Gemeinde ein klares Zielbild. Letztlich geht es bei der Arealentwicklung darum, das Gesicht der Zukunft zu gestalten. Die Gebäude, die wir heute planen und bauen, werden für die nächsten 50, 100, ja vielleicht 150 Jahre das Siedlungsbild prägen. Als Planungsbehörde kann man zwar viel lenken, ist die Gemeinde aber Grundeigentümerin, so hält sie die Fäden in der eigenen Hand. Als ich 2009 das Amt des Gemeindepräsidenten übernahm, hatte ich als Betriebsökonom zwar einen breiten Hintergrund, aber keine Erfahrung mit Arealentwicklung. Zum Glück konnte ich für die fachliche Unterstützung auf mein kompetentes Team und Experten zählen. Ich fand das Thema spannend und habe viel Zeit im Sinne von Learning by Doing investiert. Das und ein politischer Konsens, dass eine Entwicklung gewollt ist, waren die Grundvoraussetzungen für die Projekte im Oberdorf und Unterdorf von Steffisburg. Als ich mein Amt antrat, gab es sowohl im Ober- als auch im Unterdorf Bauland, das vor einer möglichen Entwicklung stand. Ich sah das als Chance, hier etwas für das Dorf bewegen zu können. Gleichzeitig war mir bewusst: Wenn zunächst das Unterdorf entwickelt werden würde, so würde Gewerbe und ganz allgemein Leben angezogen – auf Kosten des Oberdorfs. Uns war wichtig, ein Gleichgewicht zwischen beiden Ortsteilen zu schaffen, damit alle profitieren. Gemeinden müssen eine klare Vorstellung davon haben, was sie wollen. Sie sollten sich genau überlegen: Was ist das Beste für meine Gemeinde? Und die Planung danach ausrichten. Gemeindeverantwortliche können als Planungsbehörde durchaus selbstbewusst auftreten. Sinnvoll ist es, mit den relevanten Anspruchsgruppen (Grundeigentümer, Gemeinde und Ankernutzenden) eine Auslegeordnung zu machen und ein gemeinsames Zielbild verbindlich zu definieren. «Gemeindeverantwortliche können als Planungsbehörde durchaus selbstbewusst auftreten.» Jürg Marti, ehemaliger Gemeindepräsident von Steffisburg (BE) und Vorstandsmitglied SGV Sie sind zentral. In meiner Zeit als Gemeindepräsident habe ich gelernt, die Bevölkerung früh abzuholen und möglichst transparent zu informieren. Als Gemeinde sollte man sich genau überlegen, wen man wann wie informiert. Eher schlechte Erfahrungen habe ich damit gemacht, einzelne Gruppen, wie die Nachbarschaft, exklusiv zu informieren. Die Gefahr, dass Informationen dann doch an die Öffentlichkeit gelangen und in einem anderen Kontext als gewünscht, ist hoch. Mit Informationsveranstaltungen und partizipativen Prozessen erreicht man nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Steffisburg hat mehr als 16 000 Einwohnende, an Informationsveranstaltungen kommen jeweils zwischen 50 und 100 Personen. Reklamationen, dass nicht genug informiert wurde, sind da kaum zu vermeiden, auch wenn man als Gemeinde das Gefühl hat, dass man umfassend informiert hat. Besonders wenn die Bauarbeiten beginnen und abschätzbar wird, wie gross die Gebäude werden, gibt es oft kritische Stimmen. Entscheidend ist, dass die Gemeinde genau weiss, was sie will. Je präziser die Bestellung eines Projektes ist, desto besser. Es lohnt sich, Zeit in Machbarkeitsstudien zu investieren, um herauszufinden, was realisiert werden soll und kann. Gleichzeitig gilt es, die Stakeholder im Auge zu behalten: Wer ist involviert, wer entscheidet was, wer hat welche Interessen? Wenn lokales Gewerbe involviert ist, gilt es zudem die genauen Vorstellungen sowie die finanziellen Möglichkeiten realistisch zu prüfen. Nadja Sutter

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