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Aktive Filter: Kategorie: Institution Gemeinde Autor: Susanna Fricke-Michel Ausgabe: 3 | 2022 Alle Filter entfernen
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Wenn Angestellte für verschiedene Gemeinden arbeiten

Sumiswald übernimmt neu sämtliche Aufgaben der Verwaltung der benachbarten Gemeinde Affoltern im Emmental. Jüngst hat sich Lenk entschieden, eine private Treuhandfirma mit der Finanzverwaltung zu beauftragen. Die Gemeinde Meiringen war rund fünf Jahre mit der Bauverwaltung von Hasliberg beauftragt. Weil sie selbst unter dem Fachkräftemangel litt, wurden die entsprechenden Verträge gekündigt. Dieser personelle Engpass ist aber kein typisch bernisches Problem. Im Baselland erbringt die Gemeinde Arisdorf sämtliche Verwaltungstätigkeiten von Hersberg. Die Stadt St. Gallen übernimmt unter anderem einzelne Dienstleistungen in den Bereichen Zivilstandsamt, Steueramt, Feuerwehr und Informatik, wie Manfred Linke erklärt. Er ist der Stadtschreiber von St. Gallen und Präsident der Schweizerischen Konferenz der Stadt- und Gemeindeschreiberinnen und -schreiber. Dieser Verband hat sich noch nicht konkret mit dem Mangel an Fachkräften befasst; Manfred Linke weiss aber, dass auch die Ostschweiz dieses Problem hat. Bei kleineren Gemeinden seien oft «gemischtere» Pflichtenhefte von Mitarbeitenden anzutreffen. Das erschwere die Rekrutierung, weil dann jemand zum Beispiel auch Kenntnisse im Baurecht, Sozialwesen und Grundbuchwesen brauche. Die Übernahme von sämtlichen Aufgaben für andere Gemeinden löst aber laut Manfred Linke nicht alle Probleme: «Bei Kanzleien, zu deren Aufgaben zum Beispiel die Protokollierung der vertraulichen Exekutivsitzungen gehört, sehe ich das weniger als gangbaren Weg an. Da könnten sich Interessenkollisionen oder Datenschutzprobleme ergeben.» Auch Matthias Kunz, Präsident des Gemeindeschreiber- und Geschäftsführerverbands des Kantons Luzern, meldet: «Ein Mangel an Fachkräften ist in verschiedenen Branchen der Verwaltung, besonders bei Kaderstellen, ersichtlich. Der Mangel ist aber nicht überall ausgeprägt.» Besonders Stellen, die Verantwortung beinhalten würden, und Bereiche wie die Finanzen, die spezielle Kenntnisse erforderten, seien zunehmend schwierig zu besetzen. Da biete eine interkommunale Zusammenarbeit gute Chancen. «Eine vollamtliche Person wird aber nicht noch ein zusätzliches Pensum ausüben, und wer Teilzeit arbeitet, will in der Regel auch nicht noch ein zusätzliches Pensum übernehmen. Die Gemeinden müssen agil handeln», fordert Matthias Kunz. Wie in der Ostschweiz leiden auch in der Zentralschweiz ländliche Gemeinden mehr durch den Mangel an Fachkräften. Matthias Kunz führt das, wie Manfred Linke, auf das breite Fachwissen zurück, das eine Person haben müsse, und die Verantwortung, die sich auf weniger Schultern verteilt. «Trotz guter Ausbildung haben viele Respekt vor diesen Aufgaben.» Aber auch Agglomerationsgemeinden werden laut Kunz den Fachkräftemangel wegen des fehlenden Nachwuchses spüren. «Wichtig ist, dass die kaufmännische Lehre attraktiv bleibt. Man muss am Puls der Zeit bleiben. Gerade der Aspekt der Digitalisierung muss stark verfolgt werden», fordert der Präsident des Gemeindeschreiber- und Geschäftsführerverbands Kanton Luzern. Die Arbeitszeitmodelle müssten ebenfalls neu bedacht sowie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gefördert werden. Im Kanton Luzern wurde deshalb die Gemeindeschreiberausbildung zusammen mit der Hochschule Luzern neu modular ausgerichtet und somit attraktiver gemacht. «Wir müssen vermehrt die spannenden und abwechslungsreichen Jobs in der öffentlichen Verwaltung positiv kommunizieren», sagt Matthias Kunze, denn die Arbeit auf einer Gemeindeverwaltung sei alles andere als «verstaubt». Das versichert auch Peter Kindler beherzt. Er ist der Geschäftsführer von Koppigen und auch für die Verwaltungen der beiden politisch unabhängigen Gemeinden Alchenstorf und Willadingen verantwortlich. 2006 wechselte der Berner aus der Privatwirtschaft als Leiter eines KMU in die Gemeindeverwaltung. Koppigen stellte ihn allerdings nicht als Gemeindeschreiber, sondern als Geschäftsführer ein. «Somit bin ich nur dem Gemeinderat Koppigen unterstellt, mit den Verantwortlichen der Bau- und der Finanzverwaltung spreche ich mich natürlich ab, aber die Entscheidungswege sind viel kürzer», sagt Peter Kindler. Den Ratsmitgliedern Alchenstorf und Willadingen steht er beratend zur Verfügung und ist dafür verantwortlich, dass die Aufgaben, mit denen die beiden Gemeinden Koppigen beauftragt haben, erfüllt werden. Sich immer wieder auf neue Ratsmitglieder und somit Vorgesetzte einstellen zu müssen, sei eine Herausforderung. sagt Peter Kindler. Genauso, wie jungen Berufsleuten die Aufgaben einer Gemeindeverwaltung so beizubringen, dass sie nach dem Abschluss nicht in die Privatwirtschaft wechseln. In Koppigen erhält jeweils eine frisch diplomierte Fachkraft die Möglichkeit, unter der Obhut der erfahrenen Kolleginnen und Kollegen alleine für Alchenstorf, das als schweizerisches Vogeldorf bekannt ist, zuständig zu sein. So sammeln solche Fachkräfte erste Erfahrungen als Gemeindeverwalterinnen bzw. -verwalter. Wenn sie nach einigen Jahren «flügge» sind, übernehmen die meisten von ihnen laut Peter Kindler denn auch eine entsprechende Kaderposition in einer Gemeindeverwaltung. Peter Kindler, der auch der Präsident des Vereins des Gemeindekaders Emmental (VGE) ist, zählt aber auch Schattenseiten auf, die den Mangel an Fachkräften erklären: «Viele Abendsitzungen, weil die Miliz-Ratsmitglieder und die Angehörigen der Kommissionen tagsüber arbeiten müssen; persönliche verbale Angriffe auf der Strasse, beim Einkaufen oder per Mail; immer wieder neue Gemeinderätinnen, Gemeinderäte einarbeiten und als Vorgesetzte zu erhalten, obwohl diese logischerweise teilweise über wenig entsprechendes Fachwissen in den laufenden Geschäftsdossiers verfügen.» Der Geschäftsführer von Koppigen fordert, dass in der Ausbildung seiner zukünftigen Arbeitskolleginnen und -kollegen die Personalführung einen grösseren Stellenwert erhält. «Wir müssen mit den Leuten reden: mit den Teammitgliedern, aber auch mit allen, die ein Anliegen haben oder denen wir erklären müssen, warum die Gemeinde ihre Wünsche nicht erfüllen kann», sagt Peter Kindler. Seit seinem Amtsantritt 2006 habe er alles im gemeinsamen Gespräch geregelt. Dabei habe geholfen, bei Amtsantritt nicht mehr der Jüngste zu sein. Peter Kindler kann es sich gut vorstellen, einer Person, die das erste Mal eine Kaderfunktion auf einer Gemeinde übernimmt, als Götti zur Seite zu stehen. Im Dorf Hasliberg, dessen Bauverwaltung Meiringen übernommen hat, zeichnet sich mittlerweile eine Lösung ab: Hasliberg hat eine Sachbearbeiterin zu 40 Prozent angestellt, die nun das Team der Gemeindeverwaltung unterstützt. Susanna Fricke-Michel

«Gemeinden müssen sich besser verkaufen»

«Ja, wir spüren einen Mangel, der sich je nach Region und Fachrichtung unterschiedlich stark akzentuiert. Es lässt sich aber klar sagen, dass es schwieriger geworden ist, Stellen mit adäquat ausgebildetem Personal zu besetzen.» Das antwortet Daniel Bichsel auf die Frage, wie gravierend der Mangel an Fachkräften im Kanton Bern ist. Bichsel ist Präsident des Verbands Bernischer Gemeinden (VBG) und zudem Gemeindepräsident von Zollikofen. Er stellt fest, dass sich der Mangel einerseits bei den Lehrstellenbesetzungen und andererseits bei den Kaderstellen auswirkt. «Beim Verwaltungspersonal ist die Besetzung in der Regel noch relativ problemlos möglich», sagt Daniel Bichsel. Bei den Fachrichtungen sei ein klarer Mangel im Baubereich spürbar, «gewisse Anzeichen deuten aktuell darauf hin, dass sich der Mangel auch im Bereich Finanzen verschärfen könnte». Das Problem betreffe alle Regionen, sagt Bichsel. Dezentral gelegene Standorte hätten aber sicher eher noch mehr Probleme. Denn in diesen Einzugsgebieten könnten schlicht und einfach nicht gleich viele Stellensuchende erreicht werden wie in den Zentren, und nicht jede Person sei bereit, für eine neue Stelle auch einen Wohnortswechsel in Kauf zu nehmen. Daniel Bichsel führt das Problem einerseits auf die demografische Entwicklung zurück. Geburtenstarke Jahrgänge kommen ins Pensionsalter, und eher geburtenschwache Jahrgänge können die frei werdenden Stellen nicht ausreichend abdecken. Andererseits sei es heute nicht mehr üblich, während der ganzen Berufskarriere immer zu 100 Prozent berufstätig zu sein. Man gönne sich Auszeiten oder reduziere aus familiären Gründen das Pensum. Gemäss dem Präsidenten des VBG lässt sich die Situation mit Kooperationen unter den Gemeinden «sicher teilweise entschärfen». Die zu verrichtende Arbeit werde aber auch bei gemeinsamem Personal und Zusammenarbeitsformen letztlich nicht weniger, und für Kaderpersonal sei es auch nicht unbeschränkt möglich, sich mehreren Gemeinden gleichermassen zu widmen. Daniel Bichsel sagt darum: «Die Gemeinden sind gefordert, sich am Arbeitsmarkt als attraktive Arbeitgeberinnen besser zu verkaufen. Sie sind attraktive Arbeitgeberinnen mit einem vielseitigen Arbeitsgebiet, grossen Gestaltungsspielräumen und einer sinnvollen Tätigkeit zum Wohle der Gemeinschaft. Das sind Faktoren, die heute am Arbeitsmarkt mehr Gewicht haben als früher.» Der Berner weiss aber auch, dass es für Gemeinden ungewohnt ist, Werbung in eigener Sache zu machen. Im Unterschied zu privatwirtschaftlichen Betrieben verfügten diese Arbeitgeberinnen über keine Marketingabteilung. «Die Gemeinden können ihre Vorzüge als interessante und faire Arbeitgeberinnen durchaus noch selbstbewusster präsentieren», fordert Daniel Bichsel. Wird dieses Selbstbewusstsein zudem mit Humor gepaart und auf einem sozialen Netzwerk wie LinkedIn verbreitet, können Stelleninserate aus der öffentlichen Verwaltung regelrecht einschlagen. Diese Erfahrung macht gerade das Steueramt des Kantons Zürich: 500 Kandidatinnen und Kandidaten haben sich für die zwei Stellen in der Wertschriftenprüfung beworben. Unter dem Titel «Irgendetwas mit Zahlen …» folgt ein heiterer Beschrieb der Aufgaben – beim Steueramt geht es nicht nur um Mitarbeiterbeteiligungen, Erbschaften oder Teilbesteuerungen, sondern auch um «den Sinn des Lebens und vieles mehr» – und um Eigenschaften. Gesucht werden Personen, die ihre Steuern nicht hinterziehen, aber «keinesfalls Perfektionisten» sind («Sie würden am Arbeitsvolumen scheitern»). Vielmehr brauche es «eine motivierte Person, die über den trockenen Berufstitel hinwegblickt und den Alltag trotz komplexen Fällen (ca. 30 Prozent) und Routinetätigkeit (ca. 70 Prozent) humorvoll meistert». Und, ganz wichtig: Die künftige Kollegin, der künftige Kollege sollte «keinesfalls lauthals erwähnen, Ananas auf der Pizza zu mögen». Gefragt sind dafür besondere Talente wie Jonglieren, Breakdance «oder vielleicht Ihre Backkünste?». Wer diesen Kriterien entspricht, kann sich auf einen «bunte Haufen aus Visionären (Quereinsteiger/innen), Lebenskünstlern (ehemaligen Bankangestellten), jungen Wilden (Lehrabgänger/innen) und Heads of Everything (dipl. Steuerspezialisten)» freuen. Das Stelleninserat, entworfen von zwei kreativen Mitarbeitenden des Steueramts, erhielt zahlreiche «Likes» auf LinkedIn und begeisterte Kommentare. «Super Stellenanzeige, und das vom Staat. Hätte ich so nicht erwartet.» «Eine der besten Stellenanzeigen, die ich je gesehen habe! Grosses Kino!», schreibt die «Community». Auch beim Steueramt freut man sich über die sehr positiven Rückmeldungen, sowohl intern als auch extern. Bei den meisten Bewerbungen handle es sich um Erstbewerbungen. Ihren Preis hat die Kreativität trotzdem: Der Evaluationsprozess wird bei 500 Kandidaturen, von denen naturgemäss etliche den Anforderungen an die Stelle nicht entsprechen dürften, um einiges länger dauern als bei klassischen Inseraten. Sie seien jedoch zuversichtlich, geeignete Kandidatinnen oder Kandidaten finden zu können», so die Rückmeldung aus dem Steueramt. Zurück zum VBG: 2016 hat er gemeinsam mit dem Verband Bernisches Gemeindekader (BGK) eine Imagekampagne gestartet. Die Wirkung der Kampagne ist laut der Geschäftsführerin des BGK, Monika Gerber, noch nicht erhoben worden. Der damals entstandene Leitfaden sei online aber rund 24 000-mal angeklickt worden, wird sie in der «Berner Zeitung» zitiert. Daraus entstand der Ratgeber attraktive Arbeitgeberin Gemeinde . Er wird laufend aktualisiert. Neu enthält diese Seite nun auch eine Stellenbörse, deren Angebote laut Monika Gerber auch von grossen Suchmaschinen erfasst werden und so das Interesse von Quereinsteigern wecken. Susanna Fricke-Michel

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