Blick vom Veloweg hinunter auf den neuen Bahnhofplatz von Bulle (FR).

Bulle: von einem Bahnhof zu einem «Hub de vie»

04.09.2023
9 l 2023

Ein umgestaltetes Bahnhofquartier wird Bulles (FR) neuer Siedlungsschwerpunkt. Und ein anschauliches Beispiel für koordinierte Wegnetzentwicklung im Sinne der Planungshilfe Verkehrsdrehscheiben des Verbands öffentlicher Verkehr.

Die Agglomeration Bulle (FR) erlebte jahrzehntelang starkes wirtschaftliches und demografisches Wachstum – eines der höchsten der Schweiz. Ein solcher Boom ist herausfordernd für alle öffentlichen Räume und Infrastrukturen, auch für die Bahninfrastruktur. So stellten die Transports publics fribourgeois (TPF) als Infrastrukturbetreiber Anfang der 2010er-Jahre fest, dass der erst 20 Jahre zuvor ausgebaute Bahnhof bereits in absehbarer Zeit an seine Kapazitätsgrenzen stossen wird. Hinzu kam, dass gewisse Umsteigewege lang und für die Menschen wenig einladend waren. Darüber hinaus verunmöglichte die Kurvenlage, den Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) zu entsprechen.

Angesichts der knappen Platzverhältnisse um den Bahnhof herum sowie der gestiegenen Anforderungen an Bahninfrastruktur und Wegnetze schlugen die TPF vor, den Bahnhof um mehrere Hundert Meter nach Westen zu verlegen: mit grossen Auswirkungen auf die Entwicklung und das Leben in der Stadt, deren Schwerpunkt sich verlagern würde – dargestellt auf Abbildung 1.

Alle Akteure müssen Verantwortung übernehmen

Das Beispiel zeigt, dass Vorhaben einzelner Akteure mit räumlichen Veränderungen in und an Bahnhöfen oder Verkehrsdrehscheiben (auch ohne Bahnanschluss) meist auch andere Akteure betreffen – und ebenso die lokale Bevölkerung. Dies gilt nicht nur für verhältnismässig grossräumige Entwicklungen wie in Bulle, sondern letztlich für alle, auch kleinräumige, Anpassungen in und um Verkehrsdrehscheiben. Da in der Schweiz kein einzelner Akteur die Gesamtverantwortung für eine bestimmte Verkehrsdrehscheibe als räumliches System trägt, liegt es an allen Akteuren, Mitverantwortung zu übernehmen und untereinander für Koordination zu sorgen.

In Bulle tat man genau dies: Die TPF koordinierten sich mit der Stadt und weiteren lokalen Akteuren, vor allem Grundeigentümern. Zusammen formulierten sie Anforderungen an geplante Angebote, an die Integration der Verkehrsdrehscheibe in die bestehende und geplante Bebauung sowie an die Erreichbarkeit aller Verkehrsmittel aus allen Richtungen. Ein besonderer Fokus richtete sich dabei auf den Fuss- und Veloverkehr im Bahnhofquartier – denn: ohne passende Feinerschliessungen keine Nutzenden.

Die lokalen Akteure initiierten eine Testplanung für die Bahnhofumgebung, um Anliegen der Bevölkerung aufzunehmen und um gleichzeitig ihre partikularen und gemeinsamen Interessen rund um das neue Bahnhofquartier zu koordinieren. Die multifunktionale Nutzung bestimmter Flächen und Räume ermöglichte eine bedarfsgerechte und nutzerfreundliche Vernetzung der verschiedenen Angebote im Bahnhofquartier.

Verkehrsdrehscheibe auf zwei Ebenen

Das (vorläufige) Ergebnis ist eine Verkehrsdrehscheibe auf zwei Ebenen. Dank einer breiten Unterführung verbunden zu einem zusammenhängenden Ganzen. Sie erschliesst den Menschen sowohl Perrons als auch Fuss- und Velowege, macht den Bahnhof durchgängiger und führt die Nutzenden direkt zum Bahnhofplatz.

Auf Abbildung 2 blickt man vom Veloweg (Ebene der Perrons) hinunter auf den neuen Bahnhofplatz: einen öffentlichen Ort für Aufenthalt, Austausch und Begegnung mit Geschäften und Mobilitätsangeboten. Nebenan befinden sich Haltestellen der Stadtbusse, eine Velostation mit Zugang zum Veloweg, Taxis und Sharing-Fahrzeuge sowie ein Hotel, ein Café-Restaurant und mehrere Geschäfte. Ein Untergeschoss bietet öffentliche und private Parkierungsmöglichkeiten. Aus einem Bahnhof entwickelten die Akteure einen veritablen «Hub de vie»!

Das Vorgehen in Bulle veranschaulicht einen Grundsatz für das Handeln der Akteure, dem die Planungshilfe Verkehrsdrehscheiben entscheidende Bedeutung beimisst: Angebote und Wegnetze für Menschen und Personenflüsse gezielt, koordiniert und kontinuierlich zu planen – mit Blick auf alle Funktionen.

Abbildung 3 zeigt schematisch, wie die Akteure gemeinsam Varianten für Verortungen von Angeboten visualisieren können. Denn die Lage der Angebote (dargestellt durch Icons mit der erforderlichen Fläche) beeinflusst das Fusswegnetz: sowohl die Wege zwischen den Mobilitätsangeboten (rot) als auch die Zugänge aus dem Siedlungsgebiet (blau). Weitere, für Variantendiskussionen empfehlenswerte Visualisierungen sind Illustrationen aus der Perspektive der Nutzenden – etwa auf Basis von Customer Journeys.

Dieses Vorgehen kann für alle Zeithorizonte angewendet werden: von der Ausgangslage über die Bauphasen und Umsetzungsetappen bis hin zum Zielzustand. Es fördert und fordert kontinuierliche Koordination. Mehr noch: Es zielt auf eigentliche Co-Kreation, die anstrebt, alle Funktionen, Interessen und Anliegen wahrzunehmen, Veränderungen zu antizipieren und frühzeitig angemessene und zukunftsfähige Lösungen zu finden. Damit aus Bahnhöfen attraktive Verkehrsdrehscheiben und menschenfreundliche «Hubs de vie» werden.

Genau dies sind die Kernthemen der Planungshilfe Verkehrsdrehscheiben des Verbands öffentlicher Verkehr: Sie erläutert praxiserprobte Grundlagen, Handlungsansätze und Methoden (Band 1) und illustriert diese mit Beispielen (Band 2).

Jérémy Bochud
Ingenieur Planung
TPF Trafic
Christine Haag
Publikumsanlagen
SBB Infrastruktur
Beat Hürzeler
Publikumsanlagen
SBB Infrastruktur