Das Doppelleben eines Stadtpräsidenten

02.02.2026
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Stadtpräsident zu sein, heisst, ständig zwischen sehr unterschiedlichen Welten zu pendeln.

Auf einer Seite ist da die Bürgernähe: täglich den Einwohnerinnen und Einwohnern zuhören und ihre konkreten Bedürfnisse wahrnehmen. Das Gesicht der Autorität und der von anderen getroffenen Entscheidungen zu sein. Da gibt es die Probleme des Boccia-Clubs und des lauten Kanaldeckels, die einem erzählt werden, wenn man zwischen einem Arbeitstermin und der Sitzung im Rathaus einkaufen geht.

Auf der anderen Seite gibt es Anlässe, die einen auf eine grössere, vielleicht sogar internationale Bühne katapultieren. Wenn man Glück hat – so wie ich –, wird man wenige Monate vor dem Hundert-Jahr-Jubiläum der Verträge von Locarno (einem Abkommen, das ein Jahrzehnt des Friedens und der Zusammenarbeit in Europa garantierte) Stadtpräsident von Locarno. Und so findet man sich in der Locarno Suite im Foreign, Commonwealth & Development Office in London wieder, wo man vor der Aussenministerin des Vereinigten Königreichs eine Rede hält! In diesem Zusammenhang bedeutete Stadtpräsident von Locarno zu sein, ein Stück europäischer Geschichte mitzubringen und an den Wert des Dialogs, des Friedens und der kollektiven Verantwortung zu erinnern. Wenn man hingegen Pech hat, wird man von einer Tragödie heimgesucht, und die Welt blickt deshalb auf einen. Ob man nun verantwortlich ist oder nicht, ändert nichts daran, dass man sich der Situation stellen und sie bewältigen muss.

Ich bin mir immer mehr bewusst, dass diese Rolle grosse Verantwortung, aber auch grosse Vielseitigkeit mit sich bringt: in der Region verwurzelt zu bleiben, ohne die Welt um sich herum zu vergessen, und dies im steten Bewusstsein, dass die Tage eines Stadtpräsidenten nie einem einheitlichen Ablauf folgen, sondern durch ständige Zwischenfälle unterbrochen werden. In diesem Sinne: Viel Glück!

Nicola Pini
Stadtpräsident von Locarno
Übersetzung: Nadja Sutter