Die Lernstuben sind einfach, aber funktionell eingerichtet.

Das Tessin hat eigene Lernstuben geschaffen

06.02.2024
1-2 l 2024

Im Tessin wurden mit der Unterstützung des Kantons niederschwellige Lerneinrichtungen geschaffen, die Grundkompetenzen im Umgang mit digitalen Medien vermitteln. Wir haben ein solches «Caffè APPrendo» in Lugano angeschaut.

Wie verfasse ich einen Lebenslauf oder ein Bewerbungsschreiben für eine Arbeitsstelle? Wie bereite ich mich auf ein Vorstellungsgespräch vor? Welche Informationen bietet ein Mietvertrag? Das sind einige der Fragen, die von Menschen gestellt werden, die es nicht gewohnt sind, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden, die Mühe haben, einen Onlinefragebogen auszufüllen oder juristisches Fachvokabular zu verstehen.

Genau für solche Personen wurden im Tessin drei Lerneinrichtungen geschaffen, sogenannte Lernstuben. Dort können sie lernen, einen Computer zu benutzen, Dokumente auszudrucken; sie können Zeitungen mit Stellenanzeigen konsultieren und auch einen Kaffee trinken. Vorbild dafür sind die Zürcher Lernstuben; im Tessin heisst die Initiative «Caffè APPrendo» und ist eine der Massnahmen des kantonalen Programms zur Förderung und Erhaltung der Grundkompetenzen von Erwachsenen (2021–2024), das vom kantonalen Erziehungsdepartement (DECS) gefördert wird.

Drei Lernstuben

Derzeit gibt es drei «Caffè APPrendo» im Tessin. In Mendrisio ist die Lernstube in der Bibliothek und im Kulturzentrum «La Filanda» untergebracht, in Bellinzona im Berufsberatungszentrum «Città dei mestieri della Svizzera italiana», in Lugano befindet sich der «Spazio lavoro e formazione» (Raum für Arbeit und Ausbildung) in Pregassona in einem städtischen Gebäude. «Dieses Angebot war für uns eine natürliche Weiterentwicklung unseres Dienstes LuganoNetwork», sagt die Verantwortliche Monica Aliprandi.

LuganoNetwork ist ein seit 2009 aktiver Arbeits- und Praktikumsvermittlungsdienst der Stadt, der Arbeitsuchenden hilft, mit Unternehmen, Organisationen und Verbänden in der Region in Kontakt zu treten. «Bei den Aktivitäten von LuganoNetwork haben wir festgestellt, dass einige unserer Nutzerinnen und Nutzer ein niedriges Bildungsniveau haben und Unterstützung bei der Arbeitssuche benötigen», meint Aliprandi. So entstand im August 2020 der «Spazio lavoro e formazione». Zwei Berater sind hier beschäftigt mit zusammen 180 Stellenprozenten.

Anmeldung nicht nötig

Die Räumlichkeiten von «Spazio lavoro e formazione» befinden sich im Erdgeschoss des Gebäudes, mit einem separaten Eingang von der Strasse aus. Die Einrichtung ist einfach und funktionell. In einer Ecke steht eine Kaffeemaschine, in einer anderen Ecke kann man Zeitungen lesen. Der Raum ist mit vier PC-Arbeitsplätzen ausgestattet, die an einen einzigen Drucker angeschlossen sind. Schreibtische, PCs und Drucker stehen all jenen zur Verfügung, die keinen eigenen Computer besitzen. Als wir eintreten, sind die beiden Berater des Zentrums in ein Gespräch mit den Nutzern vertieft, auf dem Tisch liegen ein Laptop und ein Handy.

Das Zentrum, das sich an die Einwohner der Stadt Lugano richtet, kann unangemeldet besucht werden und ist an Wochentagen zu festen Zeiten geöffnet. Die Nutzer können auch eine persönliche Beratung in Anspruch nehmen, für die ein Termin vereinbart werden muss. «Es ist eine grosse Genugtuung, Menschen, die  ihre Kompetenzen verbessern wollen, um in einem wettbewerbsorientierten und anspruchsvollen Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein, zu helfen, ihren Berufsweg zu finden», erklären Paola Leray und Stefano Vittone. Die beiden Berater führen auch halbtägige Kurse zu den verschiedensten Themen der Berufswelt durch. Einige Beispiele: «Grundlegende Informationstechnologie für die Arbeitssuche», «Von der Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden», «Wie präsentiere ich mich?».

Ein Workshop zum «Digitalen Bürger» mit zehn Halbtagen ist kostenpflichtig (150 Franken), alle anderen Kurse mit einer Höchstteilnehmerzahl von zehn Personen sind kostenlos. Ein Blick auf das Programm für die erste Hälfte des Jahres 2024 zeigt, dass die Stadt Lugano grossen Wert auf die Entwicklung der digitalen Kompetenzen ihrer Bürgerinnen und Bürger legt. «Dieses Ziel findet sich auch in den strategischen Leitlinien der Stadt wieder», betont Monica Aliprandi.

Beliebte Kurse

Es gibt immer wieder neue Interessenten für das Zentrum, und die Kurse sind sehr beliebt. Die meisten Nutzerinnen und Nutzer sind zwischen 39 und 55 Jahre alt. Im Jahr 2023 wurden 743 Beratungen durchgeführt, etwa 15 pro Woche, und 39 Schulungen mit insgesamt 258 Stunden abgehalten. Luganos «Caffè APPrendo» muss nicht viel Werbung machen, um bekannt zu werden. «Es gibt zwar Info-Flyer, aber die meisten Leute kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns», meint Monica Aliprandi.

«Spazio lavoro e formazione» ist eine Dienstleistung der Stadt Lugano, wird aber auch vom Kanton Tessin sowie von der Eidgenossenschaft über Beiträge zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen finanziert. Francesca Di Nardo, Inspektorin für Erwachsenenweiterbildung beim Amt für Weiterbildung und Innovation der Abteilung Berufsbildung des Tessiner Erziehungsdepartements (DECS), erklärt: «Unser Amt hat diese Lernstuben umgehend gefördert; sie sind Teil des kantonalen Programms zur Förderung und Erhaltung der Grundkompetenzen Erwachsener 2021–2024; dieses Programm zielt darauf ab, die Bildungsmassnahmen im Bereich der Grundkompetenzen Erwachsener zu stärken.» Die Lernstube von Lugano ist nach der «Città dei mestieri della Svizzera italiana» in Bellinzona und «La Filanda» in Mendrisio die jüngste Einrichtung im Tessin, die dem Konzept von «Caffè APPrendo» entspricht.

«Unser Amt hat diese Lernstuben umgehend gefördert; sie sind Teil des kantonalen Programms zur Förderung und Erhaltung der Grundkompetenzen Erwachsener 2021–2024.»

Francesca Di Nardo, Inspektorin für Erwachsenenweiterbildung beim Amt für Weiterbildung und Innovation des Kantons Tessin

Obwohl die drei Zentren nicht identisch sind, genügen sie gemeinsamen Kriterien. Sie bieten Unterstützung in einem einladenden und informellen Rahmen. Der Kanton hat Richtlinien («linee guida») für diese Art von Lernstuben ausgearbeitet. Dort heisst es unter anderem: «In den Caffè APPrendo werden strukturierte Kurse und Workshops angeboten, aber auch niederschwellige Angebote und informelle Momente, die die Zielgruppen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, in Hinsicht auf Weiterbildungsangebote sowie Aktivitäten des täglichen Lebens angemessen unterstützen.» Um einen geeigneten Kurs zu finden, gibt es eine Website (www.meglio-adesso.ch), aber auch eine telefonische Hotline (0800 47 47).

Gerhard Lob
Freier Mitarbeiter