Studierende tauschen sich mit den Dorfbewohnern von Matzendorf aus.

«Die Leute in der Gemeinde würden uns das so nicht erzählen»

18.06.2021
6 l 2021
  • Institution Gemeinde

Weil Ideen und Projekte, dievon aussen an eine Gemeinde herangetragen werden, meist nicht sehr nachhaltig wirken, gibt es «Participatory Learning and Action», kurz PLA. In Matzendorf (SO) hat die Methode Erfolg gebracht.

An einem Sonntagnachmittag Ende Juni 2019 kehrten junge Mitglieder des Turnvereins vom Eidgenössischen Turnfest nach Matzendorf (SO) heim; im gleichen Bus kam auch die Mehrheit der 17 Studierenden der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit im malerisch gelegenen Dorf an, ihrem temporären Arbeitsort für eine Woche. Schon im Bus, dann beim Umzug durchs Dorf und den bei Ansprachen auf dem Dorfplatz zur Feier der turnerischen Meriten wurde die eine oder andere Bekanntschaft geschlossen. Bis die letzten Studierenden weit nach Mitternacht ihr Matratzenlager in der Zivilschutzanlage fanden, hatten sich schon mehrere Freundschaften angebahnt – sie halten bis heute an.

Echtes Interesse an den Menschen

Als «Besuch von Freunden» beschreiben der Matzendorfer Gemeindepräsident Marcel Allemann und die Gemeinderätin Sara Liechti die Woche, in der die Studierenden unzählige Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Matzendorf geführt, an einer Gemeindeversammlung teilgenommen (die meisten waren zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Gemeindeversammlung), das Gewerbe, die Schulen, die Gemeindeverwaltung besucht und mit allen Menschen gesprochen haben, die ihnen begegnet sind.

Zum Abschluss der Woche haben die Studierenden ihre Erkenntnisse der Matzendorfer Bevölkerung präsentiert. Seither ist in Matzendorf einiges in Bewegung gekommen. Zwar haben die Ergebnisse der Studierenden den Gemeinderat kaum überrascht. Trotzdem sagt Gemeinderätin Sara Liechti: «Wir würden niemals zu diesen Aussagen kommen, die Leute würden uns das so nicht erzählen.» Der Gemeindepräsident Marcel Allemann ergänzt: «Die Studierenden haben sich wirklich für die Menschen hier interessiert. Sie sind mit allen respektvoll umgegangen und was sie erfahren haben, ist auch für sie sehr spannend. Die Woche war für alle eine Bereicherung, für den Gemeinderat, die Menschen in Matzendorf und für die Studierenden. Eine richtige Win-win-win-Situation.»

Machbares mit guter Wirkung

Konkret hat die Gemeinde in unterschiedlichen Bereichen die praktische Umsetzung von beanstandeten Punkten an die Hand genommen. So wurden die Öffnungszeiten der Grünabfuhr auf dem Entsorgungshof erweitert. Die Website der Gemeinde soll verbessert werden, und im Dorf wurde eine Infotafel eingerichtet. Für die Jugendlichen wurde eine Vereinbarung mit der Jugendarbeit des Naturparks Thal geschlossen. Eine Arbeitsgruppe ist daran, Lösungen für den zukünftigen Gemeindesaal zu erarbeiten.

Es sind auch die kleinen Sachen, durchaus Machbares und rasch Umsetzbares, die im Dorf eine gute Wirkung haben. Die Menschen in Matzendorf erinnern sich gerne an die PLA-Woche, sie sagen, das sei eine gute Geschichte für Matzendorf gewesen. Das gegenseitige Vertrauen in der Gemeinde wurde gestärkt.

 

Simone Gretler Heusser
Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

Ein Konzept aus der Entwicklungszusammenarbeit

Das Konzept von Participatory Learning and Action (PLA) kommt ursprünglich aus der Entwicklungszusammenarbeit. Dort hatte man festgestellt: Ideen und Projekte, die von aussen an eine Gemeinde herangetragen werden, sind meist nicht sehr nachhaltig. Sobald die externen Fachpersonen wieder weg sind, kommt auch das Projekt zum Stillstand. Denn die objektive Bedarfsanalyse deckt sich nicht unbedingt mit den Bedürfnissen in der Bevölkerung. Zudem beachten Aussenstehende ortsspezifische Allianzen und Konfliktfelder zu wenig, weil ihnen Kenntnisse zur Logik des Ortes fehlen.

Also hat man begonnen, die lokale Bevölkerung von Anfang her in Planungs- und Veränderungsprozesse einzubeziehen und ihre Befindlichkeiten abzufragen. Haben Bewohnerinnen und Bewohner einer Gemeinde nämlich die Chance, ihre Anliegen aktiv einzubringen, sind sie auch viel eher bereit, an den Verbesserungen mitzuarbeiten. Die Veränderungsprozesse sind so viel besser in der Gemeinde verankert. Die Erfahrung zeigt, dass auch kleine Massnahmen eine grosse Wirkung auf das Vertrauen und das Wohlbefinden in der Gemeinde erzielen können.

Die Vermittlung der partizipativen Methode PLA war schon immer Teil der Ausbildung am Departement Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Sie wurde jedoch nur im Klassenzimmer vermittelt, aber nicht in der Praxis erprobt. Ein Student fand, so eine Trockenübung sei doch ungenügend, und daraus ist eine Studienwoche entstanden, die seither an so unterschiedlichen Orten wie Zuchwil, Winterthur, Glarus-Süd, Frauenfeld, Bern, Adliswil und eben Matzendorf stattgefunden hat.

 

Wissenswertes zu PLA in Gemeinden

Eine interessierte Gemeinde muss Folgendes wissen:

- Die treibende Kraft in der Gemeinde ist der Gemeinderat. Sein Committment zur PLA ist zentral.

- Die Gemeinde respektive der Gemeinderat geben die Fragestellung sowie die Zielgruppen vor.

- Idealerweise setzt der Gemeinderat dazu eine Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern von Vereinen, Schulen, Gewerbe und weiteren Akteuren in der Gemeinde ein.

- Die PLA ist eine Studienwoche für die Studierenden; sie findet in der KW 26 statt und dauert normalerweise von Sonntagabend bis Freitagmittag.

- Während der Studienwoche kommt die Gemeinde für die Verpflegung und eine einfache Übernachtungsmöglichkeit für die Studierenden auf und stellt ihnen einen Arbeitsraum zur Verfügung.

- Die Studierendengruppe umfasst maximal 20 Studierende mit vorbestehenden Erfahrungen in der Interviewführung.

- Die PLA der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit umfasst neben der Durchführung eine Vorbereitungsphase und eine Nachbereitung; alle diese Phasen werden von den verantwortlichen Dozierenden der Hochschule begleitet.

- Zur Vorbereitung gehören der Aufbau einer Arbeitsgruppe in der Gemeinde, die Planung und Koordination möglicher Interviews sowie die Vorstellung der Gemeinde an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

- Zur Nachbereitung gehört der Entscheid, wie die Ergebnisse der PLA weiter umgesetzt werden können.

- Die Abschlusspräsentation der PLA-Woche bildet den Bericht für die Gemeinde. Gegen Bezahlung kann die Gemeinde einen detaillierten Abschlussbericht von der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit beziehen.

«Eine Art Kundenbefragung für die Gemeinde, ein Röntgenbild»

Marcel Allemann (Gemeindepräsident) und Sara Liechti (Gemeinderätin) nehmen im folgenden Gespräch Stellung zum Prozess der PLA-Woche aus Sicht der Gemeinde Matzendorf.

Was war Ihre Motivation, sich für eine PLA-Woche in Matzendorf zu interessieren?

Marcel Allemann: Im Rahmen meines EMBA-Studiums am Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern hörte ich über einen Dozenten erstmals von der PLA-Woche des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Die Idee begeisterte mich, und als eine Mitarbeiterin des Naturparks Thal berichtete, sie habe während ihrem Studium an der Hochschule Luzern bei einer PLA mitgemacht, war meine Entscheidung schnell gefällt. Ich sehe die PLA als eine Art Kundenbefragung, der Gemeinderat fragt die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, wie es ihnen geht, ob wir in der Gemeinde und im Gemeinderat gut unterwegs sind.

Sara Liechti: Auch ich war schnell überzeugt. In einer Firma macht man Standortbestimmungen. Ich sehe die PLA als etwas Ähnliches: eine Art Röntgenbild, mit dem die Gemeinde von Aussenstehenden auf ihre Stärken und Schwächen hin durchleuchtet wird.

Gab es im Vorfeld auch kritische Stimmen?

Allemann: Der Gemeinderat war eigentlich schnell überzeugt, die eine oder andere kritische Stimme gab es vielleicht schon, auch in der Gemeindeverwaltung. Wir haben dann ja in der Woche bei den Studierenden einzelne Ansprechpersonen bestimmt, jemand war für Fragen rund ums Essen zuständig, jemand für die Unterkunft und so weiter. Diese «single points of contact» haben Ruhe gebracht, und alle konnten sich gut damit arrangieren.

Liechti: Eine Standortbestimmung durch eine Beratungsfirma kommt schnell viel teurer zu stehen als eine solche Woche, ausserdem wurde der Löwenanteil der Vorbereitungsarbeit durch eine Arbeitsgruppe aus hauptsächlich Freiwilligen geleistet.

Was hat die PLA-Woche für Matzendorf gebracht?

Allemann: Ich finde die ganze Anlage wirklich eine grosse Chance für alle Beteiligten. Schon als ich im Vorfeld nach Luzern reiste, um den Studierenden die Gemeinde Matzendorf vorzustellen, wusste ich, das kommt gut. Diese Haltung, dieses Interesse, die Begegnung auf Augenhöhe, das sind grosse Qualitäten dieses Vorgehens.

Liechti: Diese Woche hat, zusammen mit der Vor- und Nachbereitung, machbare Änderungsideen gebracht und den Zusammenhalt und das Vertrauen im Dorf gestärkt. Dabei war auch zentral, dass sich alle Matzendorferinnen und Matzendorfer beteiligen durften.

Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein anders machen würden?

Allemann: Wir würden alles wieder genau gleich machen.

Liechti: Wir haben im Vorfeld viel in die Arbeitsgruppe investiert, welche die Fragen erarbeitet hat und die Interviews organisiert und koordiniert hat. Das hat sich bewährt. Ein wichtiger Punkt war auch die Medienarbeit. Es gab während und nach der Woche mehrere Radio- und Zeitungsberichte. Das hat die Gemeinde sichtbar gemacht. Wir haben gemerkt, man interessiert sich für uns.

Welchen Rat würden Sie einer Gemeinde geben, die sich überlegt, eine PLA durchzuführen?

Allemann: Diese Woche brachte unglaubliche Power nach Matzendorf. Wir haben eine Managementberatung auf dem Silbertablett erhalten. Aber es ist noch viel mehr: Es ist der Prozess, es sind die sozialen Kontakte, die das Dorf weiterbringen. Und die werden in einer solchen Aktion ungemein gestärkt. Daran hat das Team der Hochschule grossen Anteil, die Vor- und Nachbereitung für die Gemeinde durch die Dozierenden, aber auch die sozial kompetenten Studierenden. Das alles zusammen gab für mich einen nachhaltigen «Wow-Effekt».