Einfache Massnahme mit grosser Wirkung: In Biberstein (AG) konnte eine Brache inmitten des Dorfes zu einem richtigen Dorfplatz umgestaltet werden. Im Bild die Totholzstämme, die als Klettermöglichkeit für die Kleinen dienen.

Ein Schneeballsystem, das der Biodiversität zugutekommt

17.08.2021
7/8 l 2021
  • Energie und Umwelt

«Natur findet Stadt» hat den ersten Binding Preis für Biodiversität gewonnen. Einer der Schlüssel zum Erfolg: Es ist ein Verbundprojekt, in dem die öffentliche Hand und Private gemeinsam agieren.

Das Projekt «Natur findet Stadt» des Naturama Aargau hat im Juni als eines unter 74 eingereichten Projekten den erstmals ausgeschriebenen und mit 100 000 Franken dotierten Binding Preis für Biodiversität gewonnen. Das Grundprinzip von «Natur findet Stadt» ist deshalb so erfolgreich, weil es in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Projektbeteiligten ein Schneeballsystem im positiven Sinne angestossen hat und so laufend neue Akteurinnen und Akteure für die Biodiversität gewinnt. Mit partizipativ erarbeiteten Aufwertungen von öffentlichen Flächen übernimmt eine Gemeinde jeweils eine Vorbildfunktion. Gartenbaubetriebe und private Gartenbesitzerinnen und -besitzer schliessen sich an, von Fachleuten beraten und von attraktiven Kommunikationsmassnahmen animiert. Bei der Umsetzung arbeiten Experten und Praktiker Hand in Hand. Sensenmähkurse, Standaktionen oder Arbeitseinsätze für Schulen und Interessierte laden ein zur Entdeckung und Förderung der Natur vor der Haustür.

Vorbild statt Verbot

Den Gemeinden kommt dabei eine Pionierrolle zu. Die Grundidee, eine öffentliche Fläche als Vorbild für die Bevölkerung umzugestalten, ist der Kern des Projekts – beim Spaziergang durchs Dorf sehen die Bewohnerinnen und Bewohner die Wirkung einfacher Massnahmen. Dass es dazu nicht viel braucht, zeigt ein Beispiel aus Biberstein. Hier konnte eine Brache inmitten des Dorfes zu einem richtigen Dorfplatz umgestaltet werden: Eine Hecke trennt den Parkplatz ab, die Totholzstämme dienen als Klettermöglichkeit für die Kleinen, eine Sitzbank lädt zum Verweilen und Bestaunen der Blumenwiese ein – ganz nach dem Motto «Lieber ein Vorbild sein, als Verbote zu sprechen», wie Thomas Häuptli, Gemeinderat von Biberstein, sagt. Der Kanton übernimmt die Kosten für einen Informationsanlass für Zuständige innerhalb der Gemeinde und erste Beratungen bei der Aufwertung einer öffentlichen Fläche durch Fachleute. Das Naturama stellt Ideen- und Checklisten für Garten- und Balkonbesitzerinnen und -besitzer bereit sowie Vorlagen für Schilder, die auf der Naturfläche aufgestellt werden können, und für weitere Kommunikationsmassnahmen.

45 000 Quadratmeter mehr für die Naturvielfalt

So konnten seit 2015 im öffentlichen Raum insgesamt rund 65 zusätzliche Flächen für die Biodiversität gewonnen werden. Darüber hinaus haben über 250 Privatpersonen in ihren Gärten und auf Balkonen Ideen aus dem Projekt umgesetzt, und laufend werden es mehr. Die neuen Naturflächen, insgesamt 45 000 Quadratmeter, umfassen vielfältige Lebensräume und Nutzungen. Von aufgewerteten Strassenbegleitflächen und Stadtparks bis hin zu entsiegelten Parkplätzen ist alles zu finden. Erhebungen auf einzelnen aufgewerteten Flächen belegen, dass auf kleinem Raum über 120 verschiedene Arten vorkommen können.

Gemeinsam stark

Wesentlicher Faktor für den Erfolg von «Natur findet Stadt» ist seine Konzeption als Verbundprojekt, in dem die öffentliche Hand und Private gemeinsam agieren. Zusammen mit dem Naturama Aargau werden folgende am Projekt beteiligte Institutionen ausgezeichnet: die Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons Aargau, die Stadt Baden als Initiantin sowie die Städte Zofingen, Aarau und Mellingen, die Gemeinden Wohlen, Küttigen, Rothrist, Biberstein, Obersiggenthal, Muri und Niederlenz, der Jurapark Aargau sowie die Kampagnenforum GmbH. Auch die lokalen Natur- und Vogelschutzvereine, verschiedene Gärtnereien sowie Private sind am Erfolg von «Natur findet Stadt» beteiligt. Weitere Gemeinden aus dem Kanton Aargau können am Projekt mitwirken, seitens der Stiftung Pusch ist geplant, Elemente aus dem Projekt künftig schweizweit anzubieten.

Das beste von 74 schweizweit eingereichten Projekten

Mit der Ausschreibung des Wettbewerbs wurden innovative Projekte im Siedlungsraum mit Vorbildcharakter gesucht. Bis zur Eingabefrist Ende Januar 2021 wurden 74 Projekte aus der ganzen Schweiz eingereicht. In einem mehrstufigen Prozess wählte die Jury unter dem Vorsitz des Weltbiodiversitätsrats-Mitglieds Prof. Dr. Markus Fischer das Preisträgerprojekt aus. Die eingegebenen Projekte wurden als Katalog guter Beispiele für Biodiversitätsförderung im Siedlungsgebiet auf einer gemeinsamen Datenbank der Binding Stiftung mit «Mission B» veröffentlicht – ein spannender Fundus an Ideen für die Förderung der Naturvielfalt im Siedlungsraum (Zugang via www.preis-biodiversitaet.ch).

Jan Schudel
Bereichsleiter Umwelt und Soziales
Sophie und Karl Binding Stiftung

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