Die Gemeinde Val-de-Ruz ist Pionierin, wenn es um die nächtliche Abschaltung der öffentlichen Beleuchtung geht.

Feuer und Flamme für die nächtliche Dunkelheit

14.10.2022
10 | 2022

In der Diskussion um Energiesparmassnahmen steht die öffentliche Beleuchtung stark im Fokus. Im Kanton Neuenburg experimentiert die Fusionsgemeinde Val-de-Ruz seit 2019 mit der nächtlichen Abschaltung der Strassenlampen.

Die fünfzehn Orte der Gemeinde Val-de-Ruz, im Zentrum des Kantons Neuenburg gelegen, setzen schon seit einigen Jahren darauf, die öffentliche Beleuchtung nachts abzuschalten. Bisher waren die Lampen von Mitternacht bis 4.45 Uhr ausgeschaltet – diesen Winter soll die Dauer ausgedehnt werden, von 22 Uhr bis 6 Uhr, dies aufgrund der drohenden Strommangellage. Damit sind einige Landwirte, die ihr Vieh frühmorgens in den Stall bringen müssen, nicht ganz zufrieden. Doch grundsätzlich akzeptieren die rund 17'000 Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde die Massnahme, welche rund 80 Kilometer der öffentlichen Strassen umfasst. Eine Umfrage zeigt, dass 85 Prozent dafür sind. Dieses Jahr will die Gemeinde zudem auf die Weihnachtsbeleuchtung und die Beleuchtung öffentlicher Gebäude verzichten, wie sie kürzlich mitteilte.

Einsparungen von etwas weniger als vier Prozent

Zu Beginn waren einige Eltern besorgt um ihren Nachwuchs, denn der letzte Bus kommt kurz nach Mitternacht im Gemeindegebiet an. Doch dazu befragt, geben sich die jungen Leute gelassen: Mit dem Smartphone leuchten sie sich den Weg nach Hause. Das erzählt François Cuche, der für das Dossier zuständige Gemeinderat von Val-de-Ruz. Seine Gemeinde mit einer Fläche von 128 Quadratkilometern ist Pionierin, wenn es um die nächtliche Abschaltung der Beleuchtung geht. Begonnen hat die Initiative in Fontaines und dehnte sich danach auf die anderen Dörfer aus, bis sie zur Norm wurde. Rund 2100 Leuchtkörper werden hier jede Nacht abgeschaltet.

Und wie viel spart die Gemeinde dabei? François Cuche schätzt, dass es ungefähr 175'000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr sind, das entspricht weniger als vier Prozent der gesamten Elektrizität, welche die Gemeinde pro Jahr verbraucht. Die finanziellen Einsparungen belaufen sich auf rund 34'000 Franken pro Jahr. «Eine anekdotische Zahl, aber dennoch nicht zu vernachlässigen.»

Mit der Hilfe des Stromversorgers

Erste Bemühungen zum Stromsparen wurden bereits 2014 unternommen, als LED-Lampen eingesetzt wurden, um die Strassen und rund 60 Fussgängerstreifen zu beleuchten, erzählt François Cuche. «Dies dämpfte die Helligkeit bereits um 50 Prozent und war eine Gelegenheit, unsere alten Strassenlampen zu ersetzen.» Der Stromversorger in Val-de-Ruz, die Groupe E, spielte eine zentrale Rolle bei diesem Paradigmenwechsel. «Von Anfang an hat Groupe E uns unterstützt, um die technischen Probleme zu lösen.» Dennoch gab es einen Stolperstein: Die gesetzliche Verpflichtung, Fussgängerstreifen zu beleuchten. «Ich habe mich an die Kantonsregierung gewandt, um eine Ausnahmebewilligung zu erhalten, damit wir dies nicht strikt anwenden müssen», sagt François Cuche. Die Beleuchtung durch eine einzige Lampe pro Fussgängerstreifen wurde bewilligt für das Projekt. Zudem wurden Tempo-30-Zonen eingerichtet, wodurch einige Fussgängerstreifen aufgehoben wurden.

«Man schläft besser, wenn die Strassenlampen nicht ins Schlafzimmer leuchten.»

François Cuche, Gemeinderat von Val-de-Ruz

Dynamische Beleuchtung

Eine dynamische Beleuchtung, die auf Fussgängerinnen und Fussgänger reagiert und automatisch an- und wieder ausgeht, wurde auf einigen Abschnitten in der Gemeinde ebenfalls eingeführt. So etwa im Dorf Chézard-Saint-Martin. Fontainemelon wird folgen. «Wir haben uns überlegt, dies auf dem gesamten Gemeindegebiet einzuführen. Aber die Rechnung dafür hätte rund eine halbe Million Franken betragen, deshalb haben wir darauf verzichtet. Allerdings soll die Massnahme miteinbezogen werden, wenn wir Strassen sanieren.»

Bereits im Jahr 2016 hat die Energiekommission der Gemeinde die Bevölkerung zu einem Informationsanlass über Lichtverschmutzung und die nächtliche Abschaltung der Beleuchtung eingeladen. Ein Jahr danach wurde in Fontaines ein «Fest der Nacht» organisiert, «um die nächtliche Abschaltung beliebt zu machen», wie François Cuche sagt. Danach wurde entschieden, die nächtliche Beleuchtung in Fontaines für vorerst sechs Monate einzustellen. «Dagegen gab es kaum Opposition», erinnert sich der Gemeinderat. Die Gemeinde befürchtete zunächst eine Zunahme der Kriminalität, was sich jedoch nicht bestätigt hat.

Autos fahren weniger schnell

Um die Fahrgewohnheiten in der Dunkelheit zu analysieren, wurden temporär Radare entlang der Strassen aufgestellt. «Wir konnten feststellen, dass die Leute im Schnitt rund 12 km/h langsamer durch unsere Dörfer fahren. Das ist ein echter Gewinn für die Strassensicherheit», sagt François Cuche. Eine Studie der Genfer Hochschule für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur (HEPIA) soll zudem bis zum nächsten Frühling zeigen, wie sich die nächtliche Dunkelheit auf Wildtiere wie Füchse, Luchse und Rehe auswirkt. «Das Wild hat wieder einen Weg von einem Wald im Süden zu einem anderen im Norden gefunden, einen Weg, der einst durch Lichtverschmutzung behindert wurde», erklärt Cuche. Die Konsequenz: Die Tiere haben mehr Bewegungsspielraum. Im Winter findet man sie nun häufiger in der Ebene auf Nahrungssuche. «Aber es gibt keinen Konflikt mit dem Wolf», versichert der Gemeinderat. Zudem hat sich auch der Schlaf der Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde verbessert. «Man schläft besser, wenn die Strassenlampen nicht ins Schlafzimmer leuchten.»

Gefragte Expertise

Um ihre Ziele zu erreichen, war die Gemeinde Val-de-Ruz auf sich allein gestellt. Der Kanton hat zwar seine Rolle beigetragen, indem er die Abweichung von den Normen für die Beleuchtung der Fussgängerstreifen ermöglich hat. Am Ende hat die Gemeinde 160'000 Franken ausgegeben für die Arbeiten an den Stromkästen und den Leuchtkörpern. Aber die Bemühungen zahlen sich aus. Bereits haben andere Gemeinden aus dem Tessin und der Waadt angeklopft, weil sie an der Erfahrung der Gemeinde im administrativen und im technischen Bereich interessiert sind.

Winter-Energiespar-Initiative des Bundes

Der Bund hat Ende August die Winter-Energiespar-Initiative lanciert. Sie soll Privatpersonen, aber auch Institutionen und Unternehmen motivieren, keine Energie zu verschwenden. Als Teil der Energiespar-Alliance anerkennt der Schweizerische Gemeindeverband die drohende Strommangellage als ernstes Problem und unterstützt die Anstrengungen zur Senkung des Energieverbrauchs. Die Energiespar-Alliance vereint Organisationen, welche die Bemühungen für die Versorgungssicherheit im Winter unterstützen, indem sie freiwillig Massnahmen ergreifen, um Energie effizienter und sparsamer zu nutzen.

Auch die Gemeinden sind gefordert. Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, in der die «Schweizer Gemeinde» Best-Practice-Beispiele von Gemeinden vorstellt, welche Initiativen ergriffen haben, um Energie zu sparen. Auch auf unserer Homepage sammeln wir gute Beispiele aus den Gemeinden, an denen sich andere orientieren können. Hat Ihre Gemeinde bereits ein eigenes Stromsparkonzept erarbeitet? Oder sich zu speziellen Massnahmen verpflichtet? Informieren Sie uns via verband@chgemeinden.ch, Betreff «Nicht verschwenden», und Ihre Gemeinde kann anderen Städten und Dörfern auf dieser Plattform ein Beispiel werden.

Alain Meyer
Übersetzung: Nadja Sutter