Magdalena Gasser mostra l’opzione di allarme analogico nella stazione dei pompieri.

Im Notfall werden die Bewohner via Lautsprecher gewarnt

22.11.2021
11 l 2021
  • Institution Gemeinde

Trotz modernster Technik im Alltag: Im Krisenfall wird in Guttannen noch immer von Mund zu Mund alarmiert. Auch, damit die Behörden sicher sein können, dass alle die Informationen mitbekommen haben.

Lawinen gehören in Guttannen zum Winter wie kalte Nasenspitzen. Auch dass die Ortschaft am Grimselpass wegen starken Schneefalls tagelang nicht über die Strasse erreichbar ist, ist für die Bewohnerinnen und Bewohner fast so normal wie stundenlange Stromunterbrüche, weil trotz allen Vorsichtsmassnahmen die Leitungen gelegentlich beschädigt werden. Ist die Lage ausserordentlich, werden besonders gefährdete Häuser evakuiert, die Türen des Lawinenbunkers geöffnet oder die Betroffenen in den «Bären» umgesiedelt.

Das Unwetter 2005 zeigte zudem, dass nicht nur in der kalten Jahreszeit Häuser von Naturgefahren bedroht werden. Damals, im August, büxte die Aare nach Murgängen aus und floss teilweise mitten durch das Dorf Guttannen. Auch etwas unterhalb, im Dorfteil Boden, richtete ein Murgang grosse Schäden an. Seither wird dieses Gefahrengebiet ständig überwacht. Vor allem, weil dort die Transitgasleitung Holland–Italien hindurchführt.

Hinzu kommen die grossen Staumauern der Kraftwerke Oberhasli AG. Auch sie könnten in einer ausserordentlichen Lage das malerische Dorf bedrohen. Dementsprechend kennt die Gemeinde diverse Krisen- und Rettungsszenarien.

Mit neuen und alten Mitteln

Überwacht werden die Gefahrengebiete mit den neusten Techniken. Auch die Alarmierung erfolgt digital mittels SMS und Apps, die Internetseite von Guttannen kann zudem einen Newsticker aufschalten und laufend informieren. Trotzdem hält Gemeindeschreiberin Magdalena Gasser einen Lautsprecher in der Hand, zeigt auf die Sirenen sowie einen Anschlagkasten: «Der Lautsprecher liegt bei uns im Feuerwehrmagazin. Ihn haben wir zum Glück schon sehr lange nicht mehr gebraucht.» Er komme nur im äussersten Notfall zum Einsatz, wenn die Lage ausserordentlich bedrohlich sei. So könne die Bevölkerung gruppenweise und nicht einzeln informiert werden. Denn die Warnungen und Informationen via Radio, Internet und Telefon funktionieren nicht, wenn deren Netzwerke und der Strom ausfallen.

In den Anschlagkästen, die in den Dorfteilen stehen, werden aktuelle Bulletins aufgehängt. Zu Beginn dieses Jahres verkündete der Gemeinderat etwa: «Das Institut für Schnee und Lawinenforschung (SLF) hat gestern Nachmittag die Warnstufe 4 für Lawinen ausgerufen. Somit gilt verbreitet ‹grosse Lawinengefahr›. Die Kantonsstrasse bleibt vorerst gesperrt. Die umliegenden Wege in Guttannen sind ebenfalls gesperrt. Wir bitten die Bevölkerung, sich nicht ausserhalb des Dorfes aufzuhalten. Vorerst werden keinen weiteren Massnahmen getroffen.»

Gegen die Angst

Eine weitere Massnahme wäre, gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner telefonisch zu bitten, ihre Häuser zu verlassen. «Gerade bei älteren Menschen, die ausserhalb einer Siedlung daheim sind, gehen wir aber persönlich vorbei», sagt Magdalena Gasser. Viele hätten noch kein Smartphone, könnten nicht über Apps und SMS alarmiert werden. Zudem habe die Gemeinde, die von Bund und Kanton für die Warnung und Evakuation beauftragt ist, so die beste Übersicht über die Lage. Die direkte Mund-zu-Mund-Information vor Ort wirke beruhigend und die betroffenen Mitbürgerinnen und Mitbürger erhielten ganz unkompliziert auch praktische Hilfe beim Packen und Verlassen ihrer Wohnungen.

Guttannen ist nicht hinter dem Wald

Magdalena Gasser ist in Guttannen aufgewachsen und später mit ihrer eigenen Familie wieder zurückgekehrt. Sie kann sich nicht erinnern, in ihrer Kindheit einst evakuiert worden zu sein. «Es war einfach klar, dass wir nicht zum Dorf raus durften, wenn uns das die Erwachsenen verboten haben.»

Aber was sagen Bewohner eigentlich zu dieser Art der Alarmierung und Information? Ist diese nicht gerade für Jüngere total verstaubt? «Eigentlich ist Guttannen, was die Technik angeht, relativ aufgeschlossen», sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. «Wir haben eine Whatsapp-Gruppe für Mitfahrgelegenheiten und sind sehr gut in den sozialen Medien vertreten.» Zudem gehörten Computer bereits seit Langem zum Schulmaterial, genau wie Bleistifte. Die Vorteile, in Guttannen zu leben, seien wesentlich grösser als die kurzfristigen Einschränkungen durch Naturgefahren, sagt die Mutter.

Wie jede andere Schweizer Gemeinde hat auch Guttannen Sirenen, mit denen lautstark alarmiert werden kann. Aber testen könne man nur die Sirenen, eine Notfallsituation wie Hochwasser wegen eines Dammbruchs lasse sich nicht üben wie ein Feueralarm, gibt Magdalena Gasser zu bedenken und fragt: «Können Sie die verschiedenen Sirenentöne für allgemeinen Alarm oder Hochwasser oder Strahlenalarm unterscheiden? Da hoffen wir alle, dass die digitale Kommunikation über Radio und Internet funktioniert.» Oder dass die Gemeinde sonst schnell Lautsprecher zur Hand hat.

 

Gemeinsam entscheiden und evakuieren

Im Fall einer massiven Lawinengefahr entscheidet die Sicherheitskommission mit Unterstützung des Gemeinderates Guttannen, wie akut die Lage ist. Der amtierende Gemeindepräsident ist zugleich der Lawinensachverständige sowie Präsident der Sicherheitskommission. Bei grossen erwarteten Schneemengen findet laut Gemeindeschreiberin Magdalena Gasser in der Regel eine Telefonkonferenz mit dem Kanton, dem Gemeindepräsidenten sowie dem Lawinensachverständigen der KWO und der Gemeinde Gadmen statt.

Bei Murganggefahr findet ebenfalls eine Telefonkonferenz zwischen den verschiedenen involvierten Parteien statt (Kanton, Oberingenieurkreis, Geologenbüro, Gemeinde). Eine allfällige Evakuation wird von der Sicherheitskommission angefordert und erfolgt über die Feuerwehr.