Am Arlesheimer Dom wurden Arbeiten umgesetzt, um einen behindertengerechten Zugang zu garantieren.

Inklusion ist für Arlesheim kein Fremdwort

04.02.2023
1-2 l 2023

Die Gemeinde Arlesheim (BL) hat in den letzten Jahren besonders viel für die Gleichstellung von Behinderten getan und zahlreiche Barrieren abgebaut. Sie hat dafür den Move-Award 2022 erhalten.

In den 1990er-Jahren begann in der Schweiz eine intensive Auseinandersetzung mit der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Nachdem die USA ein weitreichendes Bürgerrechtsgesetz erlassen hatten, das jegliche Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen untersagt, setzten sich auch hier in der Schweiz immer mehr Organisationen und Personen für eine rechtliche Gleichstellung ein. Eine Revision der Bundesverfassung wurde zum Anlass genommen, um 1995 politische Vorstösse im Nationalrat und vier Jahre später eine Volksinitiative einzureichen. Daraus entstand das nationale Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG), das 2004 in Kraft trat.

Auch der UNO waren die neuen politischen Entwicklungen im Behindertenbereich nicht entgangen. 2006 verabschiedete sie eine entsprechende Konvention mit dem Namen «UNO-Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK)». Ab März 2007 konnte sie in New York unterzeichnet werden, was die Schweiz im April 2014 auch tat. Im März 2022 prüfte ein UNO-Ausschuss die Behindertengleichstellung in der Schweiz. Er kam zum Schluss, dass noch viele Lücken bestehen, und stellte der Schweiz ein schlechtes Zeugnis aus.

Stiftung Move prämiert beispielhafte Gemeinden und Städte

Seit mehr als 20 Jahren wird in der Schweiz an der Umsetzung der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Alle Kantone und Gemeinden setzen sich heute mit diesen Fragen auseinander. Um diese Bemühungen zu honorieren, hat die Stiftung Move beschlossen, ab 2020 den Move-Award an Städte und Gemeinden zu vergeben, die sich beispielhaft für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Im letzten Jahr wurde der dritte Move-Award verliehen. Er ging an die Gemeinde Arlesheim im Kanton Baselland. Arlesheim ist eine würdige Preisträgerin. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Anliegen von Menschen mit Behinderungen auf praktische Art und Weise umgesetzt werden können.

«Für Arlesheim war die Verleihung des Move-Awards einerseits eine Überraschung, andererseits aber auch eine grosse Ehre.»

Markus Eigenmann, Gemeindepräsident von Arlesheim

Wie sich die Gemeinde Arlesheim engagiert

Massnahmen für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen betreffen zahlreiche unterschiedliche Lebensbereiche wie Wohnen, Arbeit, Kultur, Strassenraum, Bauwesen, öffentlichen Verkehr, Schule usw. Dabei kommt es nicht darauf an, an einem Ort eine besonders gute Lösung zu präsentieren, sondern ein möglichst breites Engagement zu zeigen. Wichtig ist ein ganzheitliches Denken. Das trifft auf die Gemeinde Arlesheim besonders gut zu. Wie man an Ort und Stelle feststellen kann, engagiert sich die Gemeinde Arlesheim auf zahlreichen Gebieten der Gleichstellung. So gibt es viele hindernisfreie Gebäude, aber auch einen Strassenraum, der für junge und ältere Menschen mit Geheinschränkungen gut benutzbar ist. Das gilt auch für den Dorfkern und bei denkmalgeschützten Gebäuden wie dem Dom, wo es ja immer besonders schwierig ist und Kompromisse gesucht werden müssen. Ein stufenloser seitlicher Eingang mit besonderem Bodenbelag und automatischen Flügeltüren sorgt dafür, dass die Domkirche nun für alle zugänglich ist. Zudem installierte man eine induktive Höranlage für Besucher und Besucherinnen mit einer Hörbehinderung.

Ebenfalls setzt sich Arlesheim für einen behindertengerechten öV ein. Alle Tramstationen sind vorbildlich für Menschen mit Behinderungen ausgerüstet, und bei den Bushaltestellen folgen in den nächsten Jahren weitere Anpassungen. Auch behindertengerechte Parkplätze und WC-Anlagen findet man überall in der Gemeinde. Und das Schwimmbad im Dorf ist dank zwei Badeliften für Rollstuhlfahrende hindernisfrei benutzbar.

Gemeinde wird zur Galerie

Vorbildlich ist die Gemeinde Arlesheim aber auch bei der Inklusion im Kulturbereich. 2021 fand die Freiluftausstellung «Inklusiv Arlesheim» statt. Die Ausstellung, organisiert vom Wohnheim «Wydehöfli», machte das Dorf zur Galerie. Auf einem Rundgang durch die Gemeinde konnte man an 16 verschiedenen Standorten Kunstwerke und Installationen von Bewohnern und Bewohnerinnen des «Wydehöfli» besichtigen, die in Zusammenarbeit mit jungen Künstlerinnen und Künstlern aus der Region kreiert worden waren.

Weiter drückt sich das Engagement bei der Website der Gemeinde aus. Sie ist barrierefrei gestaltet. Und nicht zuletzt weist auch das Leitbild verschiedene Massnahmen auf, so unter anderem bei der Bildung, bei der Besetzung von Stellen in der Verwaltung und bei der Gestaltung des öffentlichen Raums.

«Eine grosse Ehre»

Die Gemeinde zeigte sich sehr erfreut über die Auszeichnung. «Für Arlesheim war die Verleihung des Move-Awards einerseits eine Überraschung, andererseits aber auch eine grosse Ehre. Damit werden die Bemühungen der Einwohnergemeinde, der Kirchgemeinden, der Transportunternehmen und weiterer Institutionen zugunsten der hindernisfreien Fortbewegung und Gleichstellung anerkannt und wertgeschätzt», fasste Gemeindepräsident Markus Eigenmann die Preisübergabe zusammen.

Neuer Leitfaden «Aktionspläne für Gemeinden und Städte»

Seit September 2022 hilft ein neuer Leitfaden Gemeinden und Städten bei der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes. Er füllt eine wichtige Lücke bei der Planung von Massnahmen. Mit den 50 Aktionen, die darin beschrieben sind, kann jede Gemeinde oder Stadt einen auf ihre Verhältnisse zugeschnittenen Aktionsplan entwickeln. Zudem enthält der Leitfaden eine Checkliste für Bestandsaufnahmen. Der neue Leitfaden ist online abrufbar.

Eric Bertels
Stiftungsratspräsident Stiftung Move