Journalist und KI-Experte Reto Vogt rät allen Gemeinden, sich mit der künstlichen Intelligenz zu beschäftigen.

«Jede Gemeinde sollte sich mit KI beschäftigen»

11.02.2026
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Künstliche Intelligenz ist gefühlt überall. Auch Anwendungen für Gemeinden sind auf dem Markt. Doch wo ist es für eine Gemeinde sinnvoll, KI einzusetzen? Und wann kann der Einsatz sogar gefährlich sein? Antworten liefert KI-Experte Reto Vogt. Er erklärt, weshalb sich alle Gemeinden mit dem Thema auseinandersetzen sollten – aber KI nicht um jeden Preis einsetzen sollten.

Reto Vogt, Sie referieren in Kursen für Gemeindeangestellte zum Thema KI. Wie erleben Sie die Haltung der Gemeinden?

Die meisten Gemeinden sind in dieser Frage noch nicht besonders weit. Das gilt gerade für kleinere Gemeinden mit wenig Ressourcen. Aktiver sind die grossen Städte, etwa Zürich.

Nehmen wir das Beispiel einer kleinen Gemeinde. Die Gemeindeschreiberin ist digital nicht besonders versiert, aber der Lernende hat sie auf das Thema KI aufmerksam gemacht. Ist es für sie sinnvoll, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Jede Gemeinde sollte sich mit dem Thema KI beschäftigen – ob sie diese dann auch einsetzt, ist eine andere Frage. Im Beispiel dieser Gemeinde würde ich empfehlen, dass die Gemeindeschreiberin mit ihrem Team eine Weiterbildung zum Thema besucht. Es ist zentral, dass auch kleine Gemeinden versuchen, KI zu verstehen. Nur wer die Risiken und Gefahren kennt, kann die Chancen der Technologie nutzen.

Was sind denn die Chancen der KI für Gemeinden?

Die KI kann zum Beispiel in der Kommunikation mit der Bevölkerung unterstützen. Sie kann helfen, Texte besser und verständlicher zu formulieren, zum Beispiel Beiträge für die Website, Informationsschreiben oder Medienmitteilungen.

Was kann die KI nicht?

Die KI kann keine Verantwortung übernehmen. Man kann sie als Hilfsmittel einsetzen, muss die Resultate jedoch immer überprüfen. Die Kontrolle muss beim Menschen bleiben, denn die Haftung dafür bleibt es auch.

Was sind die Risiken beim Einsatz in Gemeinden?

Beim Datenschutz müssen Gemeinden besonders vorsichtig sein – Personendaten, die sie verwalten, gehören der Bevölkerung. Wer Daten in eine KI einspeist, macht sie zumindest theoretisch öffentlich. Diese können bei Suchanfragen anderer Personen wieder auftauchen oder bei Google indexiert werden. Personendaten müssen immer anonymisiert werden, und sensible Dokumente dürfen auf keinen Fall in KI-Tools hochgeladen werden.

«Nur wer die Risiken und Gefahren kennt, kann die Chancen der künstlichen Intelligenz nutzen.»

Reto Vogt, Journalist und KI-Experte

Braucht jede Gemeinde Richtlinien zum Umgang mit KI?

Ich halte das für sinnvoll. Mit Richtlinien allein ist es aber nicht getan. Die Mitarbeitenden müssen die Regeln gut kennen und für die Risiken sensibilisiert werden. Wenn das Thema KI in der Gemeindeverwaltung nicht angesprochen wird, besteht die Gefahr, dass Mitarbeitende private KI-Tools auf eigene Faust nutzen und sorglos mit Personendaten umgehen.

Welche KI-Tools können für Gemeinden sinnvoll sein?

Wie bereits angesprochen, können KI-Programme helfen, Texte besser zu schreiben. Auch KI-Chatbots auf der Gemeindewebsite können bei der Kommunikation mit der Bevölkerung helfen. Diese kann über die Chatbots Informationen in verschiedenen Sprachen konsultieren.

Was sollte bei solchen KI-Chatbots beachtet werden?

Idealerweise können diese nur auf von der Gemeinde vorgegebene Daten zugreifen und nicht das ganze Internet durchsuchen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die KI frei erfundene Informationen wiedergibt. Das schadet dem Image der Gemeinde und wirkt nicht vertrauenswürdig. Auf welche Informationen ein Chatbot zugreift, kann man übrigens einfach testen, indem man ihm eine Frage stellt, die nichts mit der Gemeinde zu tun hat, und zum Beispiel ein Rezept für einen Schoggikuchen verlangt.

Wenn eine Gemeinde KI-Tools zum Texten oder zur Generierung von Bildern nutzt, muss das ausgewiesen werden?

Es gibt keine offiziellen Regeln. Ich halte es so: Wenn ein ganzer Text von einem KI-Tool erstellt oder ein Bild von KI generiert wird, dann muss das gekennzeichnet werden. Wenn KI aber als Hilfsmittel eingesetzt wird, um einen bestehenden Text zu verbessern, muss das nicht deklariert werden. Ich empfehle, die Haltung der Gemeinde zum Umgang mit KI auf der Website zu veröffentlichen.

Was würden Sie Gemeinden raten, die sich überlegen, ein KI-Tool anzuschaffen?

Gegenüber Anbietern von KI-Tools sollten Gemeinden zunächst kritisch sein und die richtigen Fragen stellen: Wo werden die Daten verarbeitet, in der Schweiz oder im Ausland? Was ist der Mehrwert des Tools? Welches Sprachmodell steckt dahinter, und wie unterscheidet es sich beispielsweise von ChatGPT? Gibt es Referenzen von anderen Gemeinden? Zudem nie einen Mehrjahresvertrag abschliessen, sondern zunächst eine Testphase von etwa sechs Monaten durchführen. Generell möchte ich Gemeinden raten, sich gut zu überlegen, ob die KI wirklich das richtige Tool für die Aufgabe ist oder ob es andere Möglichkeiten gibt. Ich stelle fest, dass KI nun oft eingesetzt wird, weil man Angst hat, «etwas zu verpassen». KI kann hilfreich sein, falsch angewendet sind die Risiken jedoch sehr hoch.

Reto Vogt wird zum Thema KI in Gemeindeverwaltungen am 18. März im Rahmen der vom SGV und dem MAZ organisierten Tagung für Gemeindekommunikation referieren. Die Tagung ist ausgebucht.

Zur Person

Reto Vogt ist ein Schweizer Journalist mit Schwerpunkt auf Technologie und Digitalisierung und seit Oktober 2024 Studienleiter für digitale Medien und künstliche Intelligenz am MAZ in Luzern, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Journalismus und Kommunikation. Zuvor war er Chefredaktor bei inside-it.ch und hat umfangreiche Erfahrung in verschiedenen Medienhäusern gesammelt.

Nadja Sutter
«Schweizer Gemeinde»
Chefredaktorin