Digitale Helfer in den eigenen vier Wänden erleichtern nicht nur den Alltag. Sie bieten auch Schutz im Alter und ermöglichen es den Betroffenen, zu Hause wohnen zu bleiben.

Länger selbständig zu Hause dank digitalen Hilfsmitteln

20.05.2021
5 | 2021

Der Anteil älterer Personen steigt in den meisten Gemeinden. Active and Assisted Living (AAL) sorgt dafür, dass diese länger in ihrer gewohnten Umgebung leben können und sich dabei wohl und sicher fühlen.

Ein breites Angebot für ältere Gemeindeeinwohner ist heute in der Politik Alltag. Das reicht von betreutem Wohnen über altersgerechte Wohnangebote bis zu Zusatzleistungen wie Spitex, Sozialberatung und Altersnachmittage. Geht es allerdings um digitale Helfer für die ältere Bevölkerung, tun sich die meisten Gemeinden noch schwer. Technikförderer sind bestenfalls die Altersheime. Dort sorgen Sensoren beispielsweise dafür, dass Pflegepersonal automatisch benachrichtigt wird, wenn sturzgefährdete Personen nachts aufstehen, oder smarte Armbänder informieren, wenn Demenzpatienten das Heim unbeaufsichtigt verlassen.

Meist auf Initiative der Angehörigen

Diese Digitalisierung hat aber bisher kaum den Weg von den Heimen in die Privathaushalte gefunden. Wer nach einer Übergangspflege wieder in den eigenen vier Wänden wohnt, kann meist die digitalen Helfer nicht mehr nutzen. Merkwürdigerweise ist es dagegen schon seit Jahren selbstverständlich, dass analoge Helfer wie Rollatoren, Krücken oder Aufstehhilfen durch gemeindenahe Organisationen zur Verfügung gestellt oder vermietet werden. Digitale Helfer werden betagten Gemeindemitgliedern bestenfalls von den Angehörigen eingerichtet. Dabei hilft wenig oftmals schon viel. So lassen sich beispielsweise moderne Smartphones so einrichten, dass sie bei Anruf ein Gespräch automatisch annehmen und den Lautsprecher aktivieren. Das erlöst die Älteren vor nervösem Herumtippen auf einem Touchdisplay.

Wenig Kosten und Aufwand verursachen auch Festnetztelefone mit Notruffunktion. Drückt die betagte Person auf einen Alarmknopf am Armband, werden automatisch mehrere Angehörige «abtelefoniert» und mit einer Sprachmitteilung informiert.

Dienen und betreuen

Active and Assisted Living (AAL) könnte aber viele andere wertvolle Dienste leisten. Sturzmatten erkennen beispielsweise, wenn jemand auf den Boden fällt und liegen bleibt. Bewegungssensoren schalten nicht nur das Licht ein und aus, sondern bemerken auch, wenn der übliche Tagesablauf ausbleibt. Smarte Armbänder können neben Puls auch Sauerstoffsättigung im Blut messen, medizinische Bänder sogar Blutdruck und -zucker kontrollieren.

Zusätzlich kann AAL auch einfach dienen: Rollläden automatisch hoch- und runterfahren, Beleuchtung und Heizung anpassen, Türen ver- und entriegeln.

Futuristisch sind erste Roboter anzusehen. Deren Funktion reicht in der Praxis von einer «helfenden Küchenhand» bis zu rollenden Gehilfen, die ein Glas Wasser bringen.

«Ruf die Spitex an!»

Eine grosse Rolle bei den digitalen Altershelfern spielt die Sprachsteuerung. Schon heute verstehen Millionen Fernseher in der Schweiz den Zuruf «Zeige mir die Tagesschau» und erlösen damit von der Fummelei auf einer Fernbedienung.

Mit Sprachhelfern von Amazon Alexa, Google Assist oder Apple Siri stehen ferner universelle Spracherkennungs- und -steuersysteme zur Verfügung, die Herstellergrenzen überwinden und Funktionen verschmelzen. Die Aufforderung «Okay Google, schalte das Licht im Wohnzimmer an» funktioniert sowohl via Handy als auch über einen irgendwo im Zimmer aufgestellten smarten Lautsprecher. Von wem die Lampe stammt, ist dabei egal.  «Lies mir die Nachrichten vor», oder «Ruf die Spitex an» sind weitere Szenarien, die in der Anwendung simpel und zuverlässig sind.

Das Einrichten solcher Systeme verlangt allerdings neben technischem Interesse auch ein Mass an Computer-Affinität, die vielen Betagten (noch) fehlt. Bestenfalls bringen Enkelkinder den nötigen digitalen Innovationsschub in die Altenwohnung.

Allerdings haben diese offenen, sprachgesteuerten und permanent lauschenden Systeme auch ihre Schattenseiten. Geht der Internetanschluss verloren, sind sie funktionslos. Ungeklärt sind ferner auch zahlreiche Fragen bezüglich Privatsphäre, Datenschutz und Datensicherheit.

Fördern und integrieren

Die öffentliche Hand und Institutionen tun allerdings gut daran, sich schon heute mit den Möglichkeiten von Active and Assisted Living zu befassen. Denn entsprechende Informations- und Hilfsangebote sind noch immer dünn gesät. Oft geht es auch nur einfach darum, bereit für die Zukunft zu sein. So lassen sich beispielsweise elektrische Fensterstoren bei Wohnungsneubauten für wenig zusätzliches Geld bereits für AAL fit machen, und sie funktionieren dennoch mit den üblichen Tastern. Installiert man stattdessen konventionelle Fensterstoren, ist ein nachträglicher Umbau kostspielig.

AAL verlangt ferner auch die Integration von Diensten. Smarte Türschlösser machen nur Sinn, wenn die Spitex-Mitarbeitenden damit auch umgehen können.

Auch wer sich mit der rasanten Digitalisierung der Gemeindeverwaltung befasst, ist gut beraten, die Schnittstellen zu AAL zu kennen. Nur so wird es vielleicht einmal möglich sein, dass ältere Gemeindemitglieder mit dem Zuruf «Bestelle mir das Seniorentaxi für morgen 9 Uhr» ihren Mobilitätswunsch äussern können.

Information und Mitwirkung

Vor allem im Bereich der Heimbetreuung hat sich bereits ein Angebot an herstellerneutralen Beratern etabliert. Ferner haben auch die Forschenden festgestellt, dass sich AAL nur in direkter Verbindung mit der Praxis weiterentwickeln lässt. So sucht beispielsweise das Institut für Altersforschung (IAF) an der Ostschweizer Fachhochschule auch die Mitarbeit von Institutionen. Das Institut ist am Aufbau eines AALivingLab@Home. Dort können in einer realitätsnahen Umgebung die technischen Lösungen verschiedener Hersteller ausprobiert werden.

Im nationalen Innovationsnetzwerk «Alter in der Gesellschaft» haben sich ferner mehrere Universitäten zusammengeschlossen und informieren auch über AAL.