Excursions au glacier de Ferpècle dans le cadre du «mois du paysage dans le val d’Hérens».

Landschaften mit Wirkung auf  Gesundheit und Wohlbefinden

17.08.2021
7/8 l 2021
  • Energie und Umwelt

Ein angewandtes Forschungsprojekts, finanziert durch Bundesamt für Umwelt (BAFU) und entstanden in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne (UNIL), zeigt auf, welchen Stellenwert Landschaften von nationaler Bedeutung für das menschliche Wohlbefinden einnehmen.

Das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanzierte Forschungsprojekt «Landschaftsleistungen in Bundesinventaren der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN)» will helfen, wahrgenommene und nachgefragte Leistungen von Landschaften zu erkennen und Grundlagen für ihre verstärkte In-Wert-Setzung zu schaffen. Das Projekt untersucht beispielsweise Leistungen, die sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen auswirken, Identifikation und Verbundenheit fördern oder zur Standortattraktivität beitragen (Keller et al. 2019b). Im Austausch mit der Begleitgruppe, zusammengesetzt aus Vertreterinnen und Vertretern kantonaler Fachstellen, Gemeinden, NGOs, Landwirtschaft usw., und den Untersuchungsregionen hatte sich gezeigt, dass ein grosses Bedürfnis danach besteht, anhand konkreter Projekte den Ansatz der Landschaftsleistungen fassbar zu machen. Das Forschungsteam hat deshalb verschiedene Projekte in den Untersuchungsregionen unterstützt und ausgewertet – zwei Beispiele werden in diesem Beitrag gemeinsam vom Forschungsteam und den kantonalen Fachstellenleitern Natur und Landschaft vorgestellt.

Pyramiden von Euseigne (VS): Landschaften in der Schule entdecken

In Zusammenarbeit mit dem Cycle d’Orientation du Val d’Hérens konnte nur wenige Hundert Meter von den Pyramiden von Euseigne entfernt ein Projekt durchgeführt werden, das alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I des Tals einbezieht. Ziel war es, einen Dialog mit jungen Menschen sowie einen generationenübergreifenden Dialog über die Landschaft anzustossen, in der sie leben: was die Landschaft ihnen bringt, wie sie sich verändert hat und wie sie sich in Zukunft entwickeln könnte. Nach einer Präsentation vor Ort über den Ursprung und die Entwicklung der Pyramiden wurden diesem Projekt mit dem Namen «Impact paysager» zwischen September 2019 und Januar 2020 sechs Halbtage gewidmet. Die Schülerinnen und Schüler verteilten sich auf sechs Themenworkshops (Radio, Escape Room, Erosion und Geologie, Lokale Küche und Handwerkskunst, Nachhaltige Zukunft der Pyramiden, Märchen und Legenden). Bei der Themenauswahl wurden vorherige Überlegungen der Lehrkräfte berücksichtigt, um die Aktivitäten mit dem Westschweizer Lehrplan «Plan d’études romand» (PER) in Einklang zu bringen, insbesondere mit den Prinzipien der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Bei diesen Workshops lernten die Schülerinnen und Schüler die Landschaften ihres Tals kennen, erfuhren, wie diese mit wirtschaftlichen Aktivitäten (Handwerk, Landwirtschaft, Tourismus) in Zusammenhang stehen, und machten sich Gedanken über die Zukunft der Pyramiden von Euseigne. Für die Schule ging es auch darum, interdisziplinäre Fähigkeiten sowie Kooperationen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Tals zu fördern.

Im Herbst organisierte das Interdisziplinäre Zentrum für Gebirgsforschung (CIRM) der Universität Lausanne (UNIL) im Rahmen des 20-Jahre-Jubiläums des Europäischen Landschaftsübereinkommens im Val d’Hérens einen «Mois du paysage» (Monat für die Landschaft). Ziel war es, der Bevölkerung über verschiedene Wege zu vermitteln, wie wichtig es ist, qualitativ hochwertige Landschaften zu erhalten, wie sich der Charakter von Gebirgslandschaften verändert und welchen wichtigen Beitrag die Landschaften für die Gesellschaft leisten. In Zusammenarbeit mit den lokalen Akteurinnen und Akteuren und mit Unterstützung der kantonalen Fachstelle für Landschaftsschutz wurden in den fünf Talgemeinden verschiedene Veranstaltungen organisiert. Die Veranstaltungen fanden bei der Bevölkerung regen Anklang, insbesondere die Aktivitäten vor Ort. 

Hudelmoos (TG/SG): Drei Ziele im partizipativen Prozess

In diesem Gebiet konnten mit einem Projekt interessierte und engagierte Personen aus Politik, Landwirtschaft sowie Natur- und Landschaftsschutz zu einer Projektgruppe zusammengeführt werden. Diese lokal verankerte Projektgruppe formulierte folgende Ziele für das Gebiet: Wertschätzung der Bevölkerung für das ganze BLN-Gebiet steigern (nicht «nur» für das Naturschutzgebiet Hudelmoos); Kulturhistorisches Wissen über Torfabbau und Hochäcker sichern und vermitteln; Besucherlenkung und -information im Gebiet überarbeiten.

Zu den drei Zielen wurden verschiedene Projektideen diskutiert, zum Beispiel die Durchführung eines Fotowettbewerbs, die Erstellung einer Dokumentation der kulturhistorischen Nutzung, Porträts lokaler Persönlichkeiten oder die Überarbeitung der Besucherlenkung und -information im Gebiet. Diese Projektideen wurden priorisiert und im April 2019 an einem Informationsanlass lokalen Akteurinnen und Akteuren aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau vorgestellt. Die Diskussionen am Informationsanlass haben gezeigt, dass Befürchtungen bestehen, mit einigen der Projektideen zu viele (neue) Besuchende in das Gebiet zu locken: Die bestehende (Wege, Parkplätze, Grillplätze) bzw. fehlende Infrastruktur (keine WCs im Gebiet) kommt bereits jetzt an schönen Tagen an ihre Grenzen. Gleichzeitig stiess auf Interesse, die Wertschätzung der Bevölkerung für das Gebiet zu steigern, und man war sich weitgehend einig, dass die bestehende Besucherlenkung und -information überarbeitet werden soll.

Basierend auf den Rückmeldungen schrieb das Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau im Juni 2019 die Weiterentwicklung der Besucherlenkung und -information «Rund ums Hudelmoos (TG/SG)» aus. Ziel ist es, die Besonderheiten des Gebiets für die lokale Bevölkerung und interessierte Besuchende besser sicht- und lesbar zu machen und damit die Wertschätzung zu erhalten oder gar zu steigern. Erste Vorschläge einer Wegführung im gesamten BLN-Gebiet sowie Mittel und Gestaltung der Besucherinformation wurden im Januar 2020 im Projektteam präsentiert und diskutiert, im Juni 2020 fand ein Mitwirkungsanlass mit den lokalen Akteursgruppen statt. Im Oktober 2020 wurde das finale Konzept für die Besucherlenkung und -information vorgelegt. Dieses wird 2021 umgesetzt.

Erkenntnisse

Die Erkenntnisse aus dem Gesamtprojekt werden bis Sommer 2021 ausgewertet und sind laufend auf der Website www.landschaftsleistungen.ch einsehbar, ebenso wie weitere Praxisbeispiele. Folgende Schlüsse können bereits gezogen werden:

Der Einbezug lokal verankerter Personen funktioniert oft sehr gut. Es ist wichtig, gut verankerte Schlüsselpersonen zu finden und diese zu unterstützen. Wichtig ist zudem, das Wissen über «Landschaften» in den Regionen zu stärken und zu pflegen. Auch Grundlagen wie regionale Landschaftsziele oder Best-Practice-Beispiele aus anderen Regionen können die lokalen Prozesse unterstützen.

Prozesse der In-Wert-Setzung der Landschaft sollten sich an den Schutzzielen orientieren, aber möglichst ergebnisoffen angegangen werden. Die begleiteten Projekte haben gezeigt, dass die hoheitlichen Ziele (z. B. eines BLN) wichtig sind, dass es aber auch Flexibilität und Offenheit für unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse braucht. Im Austausch mit lokalen Akteurinnen und Akteuren sollen konkrete Projektideen gemeinsam entwickelt werden. Es braucht ein klares Signal an die lokalen Personen, dass eine partnerschaftliche Auseinandersetzung über die Landschaftsleistungen gewünscht und gefördert wird.

Ausblick

Im Val d’Hérens werden das CIRM und der Dienst für die Vermittlung von Wissenschaft der UNIL 2021 und 2022 ein Projekt durchführen, das partizipative Wissenschaft und Wissenschaftsvermittlung miteinander kombiniert. Es trägt den Titel «Hérens, 1940–2040» und soll der Bevölkerung und der Wissenschaft ein besseres Verständnis dafür verschaffen, was es bedeutet, vor dem Hintergrund des Klimawandels in einer Bergregion zu leben. Mithilfe eines Systems zur Datenerfassung, durch das die Lebensrealität der Bevölkerung gewürdigt und geteilt werden kann, soll die transdisziplinäre Forschung im Tal intensiviert werden.

Im Gebiet rund ums Hudelmoos wird neben der konkreten Umsetzung der Besucherlenkung und -information insbesondere die Frage einer möglichen Trägerschaft sehr interessant sein. Zurzeit besteht keine Körperschaft, der Gebietsbetreuer des Kantons Thurgau ist primär für das Naturschutzgebiet Hudelmoos zuständig und arbeitet eng mit den Landbesitzenden zusammen. Die drei politischen Gemeinden im Gebiet sowie das zuständige Amt des Kantons St. Gallen werden vom Leiter der Fachstelle Natur und Landschaft des Kantons Thurgau jeweils über die geplanten Schritte informiert bzw. um Rückmeldungen gebeten. Es ist zurzeit offen, ob allenfalls ein Verein, eine regionale Arbeitsgruppe oder eine überregionale Kommission eingesetzt werden könnte, um zukünftige Aktivitäten im Gebiet (z. B. Unterhalt, Schulung und Weiterbildung) zu koordinieren. Die Erkenntnisse aus diesem Prozess werden auch für andere Gebiete relevant sein.

Roger Keller
Quelle: N+L Inside (1), Magazin der Konferenz der Beauftragten für Natur- und Landschaftsschutz (KBNL) 
Geographisches Institut der Universität Zürich, Projektleitung, Ko-Autorinnen und -Autoren:  Norman Backhaus, Universität Zürich, Geographisches Institut, Abteilung Space, Nature and Society; Mélanie Clivaz und Emmanuel Reynard, Université de Lausanne, Institut de géographie et durabilité / Centre interdisciplinaire de recherche sur la montagne; Matthias Künzler, Kanton Thurgau, Amt für Raumentwicklung; ann Clavien, Canton du Valais, Service des forêts, des cours d'eau et du paysage

Informationen:

Referenzen: Keller, Roger; Clivaz, Mélanie; Backhaus, Norman; Reynard, Emmanuel (2019a). Wertschätzung für Landschaftsleistungen steigern: Erkenntnisse eines Forschungsprojekts. N+L Inside, (1):25–29.

Keller, Roger; Clivaz, Mélanie; Backhaus, Norman; Reynard, Emmanuel (2019b): Landschaftsleistungen in Landschaften von nationaler Bedeutung. Forschungsbericht mit Handlungsempfehlungen für Bund, Kantone, Gemeinden, NGOs und Bewirtschaftende. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU. Zürich, Lausanne, Universität Zürich, Geographisches Institut / Université de Lausanne, Institut de géographie et durabilité (auch auf Französisch).