
Rechenzentrum als Chance und Herausforderung für Gemeinden
Ein hoher Stromverbrauch, aber auch viel nutzbare Abwärme: Rechenzentren sind ein wichtiger energiepolitischer Faktor. Eine neue Informationsseite von EnergieSchweiz unterstützt Gemeinden dabei, sich auf den Bau von Rechenzentren auf ihrem Gebiet vorzubereiten. Warum das wichtig ist, weiss kaum jemand so gut wie Roger Paillard. Der Gemeindepräsident von Beringen (SH) erzählt im Interview, wie ein geplantes Rechenzentrum in der Gemeinde für Diskussionen sorgte und welche Lösungen man fand.
Roger Paillard, wann kamen Sie erstmals mit dem geplanten Rechenzentrum in Berührung?
Roger Paillard: Ich habe 2020 zum ersten Mal davon gehört, als ich noch Gemeinderat war. Der damalige Gemeindepräsident hat uns bei einer Sitzung informiert, dass eine Firma auf einem seit Längerem brachliegenden Grundstück ein Rechenzentrum bauen will. Wir haben das damals so zur Kenntnis genommen und uns nicht gross Gedanken darüber gemacht.
Wissen Sie, weshalb sich die Betreiber für Beringen entschieden haben?
Ich gehe davon aus, dass die Verfügbarkeit eines geeigneten Grundstücks eine grosse Rolle gespielt hat. Zudem habe ich gehört, dass Beringen in der Nähe einer bedeutsamen Datenleitung quer durch Europa liegt. Die Schweiz ist ja aufgrund der hohen Sicherheit und der politischen Stabilität allgemein ein beliebter Standort für Rechenzentren.
Wie war die Haltung der Gemeinde Beringen zum Projekt?
Es handelte sich um einen privaten Grundstückskauf, daher konnten wir nur aus Sicht der Raumplanung beurteilen, ob das geplante Gebäude punkto äusserer Abmessungen zonenkonform ist. Das Projekt selbst musste vom Kanton geprüft und bewilligt werden. Nicht zuletzt wegen des enormen Jahresstrombedarfs des Rechenzentrums – er beträgt bis zu 75 Prozent des Gesamtstrombedarfs des Kantons – wurde das Projekt auch im Kantonsrat diskutiert. Der Kanton hat dann bezüglich der Effizienz des Rechenzentrums Vorgaben gemacht.
Der hohe Strombedarf ist auch in den Medien aufgegriffen worden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Uns war es wichtig, aktiv zum Projekt kommunizieren zu können. So haben wir zum Beispiel 2023 den jährlich stattfindenden Wirtschaftsapéro dem Projekt gewidmet. Weiter hat die SP-Ortspartei eine Podiumsdiskussion dazu durchgeführt. Nebst Vertretern von Gemeinde und Bauherrschaft waren dort auch der Kanton sowie Fachleute von Hochschulen präsent und konnten ihre Haltung darlegen. Wichtig war, dass sich die Bevölkerung informieren und ihre Bedenken äussern konnte.
Inwiefern erfordert das Rechenzentrum den Ausbau bestehender Infrastrukturen in den Bereichen Strom und Wasser?
Die Stromversorgung lief über den Verteilnetzbetreiber, da waren wir nicht direkt beteiligt. Es wurde auf jeden Fall ein neues Unterwerk beim Rechenzentrum gebaut. Der Wasserbedarf wurde zum Thema, als man bei der Überarbeitung des Kühlkonzepts deutlich mehr Wasser zur Kühlung eingerechnet hat. Dieses Volumen mussten wir genauer regeln. Wir haben zusammen mit dem Versorger SH Power einen Wasserliefervertrag mit dem Betreiber des Rechenzentrums abgeschlossen. Darin ist genau definiert, wie viel Wasser wir ans Rechenzentrum liefern können. Wird mehr Wasser benötigt, muss der Betreiber eine Strafzahlung leisten. Und: Die Versorgungssicherheit der Gemeinde hat stets Vorrang.
Was geschieht mit der Abwärme, die das Rechenzentrum durch das Kühlen der Server generiert?
Der Kanton hat eine Machbarkeitsstudie durchführen lassen, um zu prüfen, wie die Abwärme eingesetzt werden kann. Klar ist, dass wir in Beringen einen Teil davon für das lokale Fernwärmenetz verwenden wollen – schliesslich ist die Abwärme eine kostengünstige und umweltschonende Energiequelle. Allerdings bleiben immer noch beträchtliche Mengen übrig. Derzeit laufen Abklärungen, ob die Stadt Schaffhausen ebenfalls Abwärme beziehen kann. Immerhin hat der Betreiber in einer Absichtserklärung dargelegt, dass er die Abwärme kostenlos zur Verfügung stellen wird. Übrigens wurde die gesetzliche Grundlage im Mai 2025 durch die Annahme des neuen kantonalen Energiegesetzes dahingehend angepasst, dass derart grosse Energieverbraucher künftig nachweisen müssen, was sie mit der Abwärme machen.
«Grosse Energieverbraucher müssen im Kanton Schaffhausen künftig nachweisen, was sie mit der Abwärme machen.»
Welche Tipps haben Sie für andere Gemeinden, die ein Rechenzentrumsprojekt bearbeiten müssen?
Es hat sich gelohnt, positiv auf die Betreiber zuzugehen und ihr Projekt nicht zu verurteilen. Dann war es sehr wichtig, dass wir zugeben konnten, dass wir uns mit vielen Aspekten dieses Projekts nicht auskennen. Es war richtig, dass wir uns Unterstützung geholt haben und uns haben beraten lassen. Wichtig ist sicher auch, dass man rasch den Kanton ins Boot holt und allenfalls auch das Bundesamt für Energie.
Informationsseite und Webinare für Gemeinden und Kantone
Eine neue Seite auf energieschweiz.ch unterstützt Kantone und Gemeinden dabei, Herausforderungen und Chancen im Zusammenhang mit geplanten Rechenzentren zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Auf der Webseite finden sich die wichtigsten Planungsinstrumente, mit denen die öffentliche Hand zu energieeffizienten und umweltschonenden Rechenzentren beitragen kann, sowie Beispiele aus der Praxis.
Am 24. März 2026 finden Webinare auf Deutsch und Französisch statt, bei denen die Webseite vorgestellt wird und Fachpersonen für Fragen zur Verfügung stehen.