Im Winter in Graubünden, im Sommer im Tessin: Das Mitarbeiter-Sharing bietet eine Ganzjahresperspektive.

Saisonweise pendeln: Mitarbeiter-Sharing zwischen Graubünden und dem Tessin

21.03.2022
3 | 2022

Arbeitgeber in klassischen Winter- oder Sommerdestinationen haben vielfach Mühe, Mitarbeitende langfristig zu binden. 20 Betriebe aus Graubünden und dem Tessin haben deshalb den Verein Mitarbeiter-Sharing gegründet. Mit ihrem Stellenportal wollen sie Mitarbeitenden eine Perspektive über das ganze Jahr bieten.

Was bedeutet Sharing Economy vor dem Hintergrund der saisongeprägten Hotellerie und Gastronomie in der Schweiz? Können Ressourcen, in diesem Fall Mitarbeitende, die nur saisonal zum Einsatz kommen, vielleicht ganzjährig eingesetzt werden? In der Sharing Economy werden Dinge, die nicht ständig benötigt werden, geteilt. Wir teilen Autos, Wohnungen und vieles mehr – warum nicht auch Mitarbeitende? Mitarbeiter-Sharing knüpft genau hier an: Im kooperativen Austausch zwischen Betrieben wechseln die Mitarbeitenden von Graubünden ins Tessin und zurück, um die gegenläufigen Saisons der beiden Kantone zu nutzen. Und den Mitarbeitenden eine ganzjährige Perspektive zu bieten. Dieses Konzept ist aber nicht nur für die Tourismusbranche interessant.

In einer Studie der Fachhochschule Graubünden von 2020 wurden weitere Branchen bezüglich ihres Sharing-Potenzials analysiert. Dabei hat sich gezeigt, dass saisonale Schwankungen vor allem in den klassischen wetterabhängigen Branchen zu finden sind. Hierzu gehören die Baubranche, Land und Forstwirtschaft sowie Garten- und Landschaftsbau. Jedoch werden dort die Mitarbeitenden über alle Regionen der Schweiz annähernd zeitgleich benötigt, wodurch ein brancheninternes Sharing kaum möglich ist. Anders ist es in den Tourismusregionen, hier schwingen andere Branchen, wie Transport und Handel, mit der Saisonalität mit.

Die Studie zeigte aber auch, dass nicht nur Graubünden und das Tessin einen gegenläufigen Saisonverlauf haben. So verzeichnen die Kantone Bern, Wallis und Graubünden eine starke Wintersaison, hingegen die Kantone Tessin und Luzern einen starken Sommer. Dies bietet weitere Sharing-Möglichkeiten. Interviews mit betroffenen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern zeigten, dass die Idee des Sharings allgemein auf grosses Interesse stösst. Sie gaben jedoch zu bedenken, dass aufgrund des Fachkräftemangels in den wetterabhängigen Branchen ein extremer Konkurrenzdruck besteht. Weshalb Unternehmen häufig kreative Lösungen entwickeln, um wertvolle Mitarbeitende zu halten und ihnen eine Ganzjahresperspektive zu bieten, beispielsweise durch Jahresarbeitszeitmodelle oder selbst finanzierte Ausgleichszahlungen.

Ein Beispiel, wie branchenübergreifendes Mitarbeiter-Sharing in Winterdestinationen umgesetzt wird, bietet die Gemeinde Arosa. Hierzu Yvonne Altmann, Gemeindepräsidentin Arosa: «In Arosa wird schon lange die Idee des Mitarbeiter-Sharings umgesetzt, wenn auch unter einem anderen Namen. So stellen wir von der Gemeinde Mitarbeitende aus dem regionalen Baugewerbe für die Wintermonate ein. Diese kommen dann bei uns vor allem in der Schneeräumung bzw. dem Winterdienst zum Einsatz.» Sie ergänzt: «Dadurch erhalten die Mitarbeitenden einerseits eine Perspektive und Wertschätzung, anderseits müssen sie nicht stempeln gehen, und die Arbeitslosenversicherung wird entlastet.»

«In Arosa stellen wir von der Gemeinde Mitarbeitende aus dem regionalen Baugewerbe für die Wintermonate ein.»

Yvonne Altmann, Gemeindepräsidentin von Arosa (GR)

Mitarbeiter-Sharing für Saisonbetriebe

Die Idee Mitarbeiter-Sharing überzeugt. Im Jahr 2016 gründeten 20 führende Hotelbetriebe aus Graubünden und dem Tessin unter Leitung der Fachhochschule Graubünden (ehemals HTW Chur) den Verein. Dies erfolgte mit der Unterstützung der Sektionen Tessin und Graubünden von HotellerieSuisse sowie von GastroGraubünden. Auf der eigens entwickelten Online-Plattform www.jobs2share.ch konnten die Betriebe ihre Saisonstellen inserieren und Mitarbeitende sich ihre Jobpakete schnüren. Die Plattform stand schweizweit allen Hotel- und Gastronomiebetrieben sowie Unternehmen aus anderen Branchen mit saisonalen Schwankungen für die Platzierung von Saisonstellen offen. Über eine Schnittstelle zum Job-Room konnten zudem meldepflichtige Stellen direkt über www.jobs2share.ch bei den RAV gemeldet werden.

Der Verein hat dabei drei Ziele miteinander verknüpft: Mittels Kooperation Mitarbeitenden eine Ganzjahresperspektive zu bieten, dadurch Mitarbeitende langfristig an die Betriebe zu binden und zudem die Arbeitslosenkassen zu entlasten, die im Tessin jährlich hohe Summen für die Überbrückung der Wintermonate aufbringen müssen. So wurde zusätzlich im Rahmen eines dreijährigen SECO-Pilotversuchs von 2019 bis 2021 getestet, ob Mitarbeiter-Sharing hilft, die ALV-Leistungen in den Wintermonaten im Tessin zu reduzieren. Dabei hat sich gezeigt, dass Mitarbeiter-Sharing aktiv gelebt wird. Jährlich pendelt eine Vielzahl von Mitarbeitenden zwischen Graubünden und dem Tessin. Allerdings konnte unter den Rahmenbedingungen des Pilotversuchs die Entlastung der Arbeitslosenkassen nicht nachgewiesen werden.

Die Idee lebt weiter

Um das Arbeitsmodell des Mitarbeiter-Sharings zukünftig zu etablieren, wird 2022 der Verein in eine Gruppe zum Erfahrungsaustausch (ERFA-Gruppe) bei HotellerieSuisse überführt, damit auch weiterhin in enger Kooperation Mitarbeitende zwischen saisonal geprägten Betrieben ausgetauscht und Ganzjahresperspektiven geschaffen werden. Zudem sollen durch die Förderung von Mitarbeitenden, beispielsweise durch gezielte Weiterbildungsangebote und den Lernendenaustausch, Saisonstellen attraktiver gemacht und dem Bedürfnis nach einer abwechslungsreichen Tätigkeit mit gleichzeitigen beruflichen Perspektiven entsprochen werden. Ziel ist es, den Mitarbeiter-Sharing-Ansatz mit einer breiten Zusammenarbeit in die Zukunft zu tragen und so einen Beitrag zur Linderung des Fachkräftemangels zu leisten. Claudia Züllig-Landolt, Präsidentin des Vereins Mitarbeiter-Sharing, sagt: «Als Vereinspräsidentin bin ich dankbar, dass wir mit HotellerieSuisse einen neuen Partner für das Projekt Mitarbeiter-Sharing gefunden haben, denn für den gesamten Vorstand war die Idee des Mitarbeiter-Sharings eine grosse Herzensangelegenheit.»

«Als Präsidentin des Vereins Mitarbeiter-Sharing bin ich dankbar, dass wir mit HotellerieSuisse einen neuen Partner für das Projekt Mitarbeiter-Sharing gefunden haben.»

Claudia Züllig-Landolt, Präsidentin des Vereins Mitarbeiter-Sharing

 

Katrin Schillo
Projektleiterin
Verein Mitarbeiter-Sharing, Fachhochschule Graubünden