Christine Bouvard Marty, Gemeindepräsidentin von Schüpfheim (LU), hat den Schweizerischen Gemeindeverband in der Begleitgruppe des Bundesamts für Kultur (BAK) vertreten. Bouvard Marty präsidiert auch den Verband Musikschulen Schweiz. 

Städte und Gemeinden sind die Landschaftsarchitekten der Kultur

27.07.2021
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  • Soziales

Mit einer Beteiligung von 51 Prozent sind Städte und Gemeinden die grössten Kulturförderer der öffentlichen Hand. Nun zeigt eine Studie, welche Auswirkungen die Urbanisierung auf die Kulturförderung in der Schweiz hat. Ein Gespräch mit Christine Bouvard Marty, die für den Schweizerischen Gemeindeverband in der Begleitgruppe des Bundesamts für Kultur einsass.

Frau Bouvard Marty, was bedeutet Kultur für Sie persönlich?

Christine Bouvard Marty: Kultur ist, was wir sind. Sie trägt unsere Wurzeln, verkörpert unsere Identität und unsere Zukunftsträume. Künstlerische Angebote erschliessen mir die Geschichte unserer Gesellschaft und jene anderer Kulturkreise. Darüber hinaus laden sie mich ein, Dinge von ganz anderen, zuweilen unerwarteten Seiten zu betrachten, und sie fördern meine eigene Kreativität. In unserer schnelllebigen, hochtechnologisierten Gesellschaft bedeuten mir diese Angebote eine zunehmend wichtige Art der Begegnung von Mensch zu Mensch, über die Grenzen von Werten, Sprachen und Interessen hinweg.

Welche Rolle spielen Gemeinden für die Kultur in der Schweiz?

Christine Bouvard Marty: Städte und Gemeinden spielen eine zentrale Rolle. Die Schweizer Städte und Gemeinden sind gemäss der Kulturbotschaft des Bundes 2020 – 2024 mit einer Beteiligung von 51 Prozent die grössten Kulturförderer seitens der öffentlichen Hand. Diese Fördergrundlage ist für die meisten Kulturangebote lebenswichtig. Sie sichert den Zugang für ein breites Publikum zur Vielfalt an kulturellen Angeboten, sie sichert das unabhängige Schaffen von professionellen Künstlerinnen und Künsltern und die Aktivitäten der Laienkultur. In diesem Sinne sind Städte und Gemeinde so etwas wie die Landschaftsarchitekten der Kultur.

Die Gemeinden in der Schweiz sind enorm vielfältig, von urbanen, peripheren Regionen bis zum Berggebiet. Wie wirkt sich die Grösse oder die Lage einer Gemeinde das auf das kulturelle Angebot aus?

Christine Bouvard Marty: Grundsätzlich lässt sich schon eine Konzentration der kulturellen Angebote im städtischen Umfeld, sprich in grösseren Gemeinden, feststellen. Merkmale wie eine grössere Dichte, mehr professionelles und zeitgenössisches Kulturschaffen sowie eine entsprechend ausgebaute kulturelle Infrastruktur prägen dieses Bild. Im ländlichen Gebiet hingegen wird das kulturelle Leben stärker von kleineren Initiativen, von örtlichen Laienvereinen, der Volkskultur und von gelebten Traditionen getragen. Auf der Landschaft spielen ausserdem dezentrale, lokale oder regionale Kulturzentren eine zunehmend wichtige Rolle. Über ihr regelmässiges Programm findet dadurch nebst qualitativ hochstehenden Amateurangeboten auch professionelles Kulturschaffen in hoher Diversität den Weg in kleinere Gemeinden, im besonderen Masse auch in beliebte Tourismusorte.

Gibt es Kultursparten, die nur in einem bestimmten Gemeindetyp vorkommen?

Christine Bouvard Marty: Die Studienumfrage bei Kantonen, Städte und Gemeinden im Auftrag des Bundesamt für Kultur (BAK)  zeigt in der Stadt generell eine grössere Teilhabe beim Besuch von professionell gestalteten Kulturinstitutionen und -veranstaltungen. Auf der Landschaft steht die Teilhabe an eigenen kulturellen Aktivitäten mehr im Vordergrund. Kultursparten wie die Laienkultur, Volksfeste und lebendige Traditionen, Literatur/Lesungen/Bibliotheken oder Museen sind aber in allen Gemeindetypen ungefähr gleich stark verbreitet. In den ländlichen Zentrumsgemeinden, den peripheren Gemeinden oder den Berggebieten gestalten vorwiegend lokale Vereine und Ehrenamtliche das kulturelle Leben, womit eine grosse Vielfalt an Angeboten entsteht.

Die BAK-Studie ging der Frage nach, wie sich die fortschreitende Urbanisierung auf das kulturelle Angebot und die Kulturförderung in der Schweiz auswirkt. Sind Sie von den Resultaten der Studie überrascht?

Christine Bouvard Marty: Die Studie bestätigt auf nationaler Ebene, was in der Alltagspraxis festzustellen ist.

Welche Befunde der Studie werten Sie als positiv, welche machen Ihnen eher Sorgen?

Christine Bouvard Marty: Erfreulich ist, dass sowohl auf Gemeindeebene wie auf kantonaler Ebene dem Bereich Kultur im weitesten Sinn eine hohe Bedeutung zugesprochen wird. Vielerorts wird die Vielfalt des kulturellen Lebens als wichtige Dimension für die Standortentwicklung erkannt und gefördert. Städte und Gemeinden wollen alle Bevölkerungsschichten ansprechen und lokale Kulturangebote schaffen, die sowohl dem Bedürfnis nach Vereinsleben, Laienkultur, gelebten Traditionen wie auch nach zeitgenössischem und professionellem Kulturschaffen Rechnung tragen. Dies ist ein verbindliches Bekenntnis zur Kultur und zur kulturellen Teilhabe der Bevölkerung.

Die unterschiedliche Wahrnehmung der Ausrichtung der kantonalen Förderung seitens der kantonalen Kulturbeauftragten und der Gemeinden, insbesondere der Gemeinden im ländlichen Raum und im Berggebiet, verdient jedoch nähere Aufmerksamkeit. Denn im Zusammenhang mit einer Gesellschaft im Wandel – sprich mit dem fortschreitenden Trend zur Urbanisierung – ist dem Angebot auf der Landschaft ein besonderes Augenmerk zu widmen. Die Studie zeigt, dass die Städte und Gemeinden schwerpunktmässig sehr stark vom Bestehenden vor Ort ausgehen und entsprechend eher unterstützen und bewahren. Dennoch fallen Innovationen nicht auf taube Ohren. Allerdings sind die Anforderungen an die Qualität der kulturellen Angebote gestiegen. Sie erfordern professionelle Führung, entsprechende Kooperationen sowie moderne bauliche Infrastrukturen für eine zukunftsorientierte Entwicklung. Die dafür nötigen Fördermittel könnten für ländliche Gemeinden und Berggemeinden eine grosse Herausforderung werden, die kaum ohne ein gutes Zusammenspiel der Ebenen Kanton – Gemeinden zu bewältigen sein wird.

Im ländlichen Raum, zu dem auch Ihre Gemeinde Schüpfheim gehört, spielen gemäss der Studie lokale Vereine und Initiativen von Ehrenamtlichen eine tragende Rolle. Ist diese Abhängigkeit vom Engagement Einzelner ein Risiko für den Fortbestand des kulturellen Angebots?

Christine Bouvard Marty: Das Vereinsleben ist im starken Wandel begriffen, denn auch hier sind die Ansprüche gewachsen. Einerseits werden immer professionellere Strukturen vorausgesetzt, andererseits stellt sich die Suche nach Vorstandsmitgliedern als immer kniffligere Aufgabe dar. Vielerorts ist es selbst schwierig geworden, den Mitgliedernachwuchs zu sichern. Vereine und Gemeinden stehen vor der grossen Herausforderung, neue Formen zu finden, von Anpassungen in der Aufgabenteilung über Kooperationen unter den Gemeinden bis zu neuen Organisationsformen.  Die Schaffung oder die Weiterentwicklung von professionell geführten regionalen Kulturzentren dürfte eine stimulierende Rolle spielen auf der Landschaft. Dort kommen Leute mit ähnlichen Interessen zusammen, die womöglich auch bereit sind, sich der Weiterentwicklung des kulturellen Lebens anzunehmen.

Die Identifizierung der Menschen mit der eigenen Gemeinde ist rückläufig, auch weil viele ausserhalb ihres Wohnorts arbeiten. Welche Folgen hat das für die Kultur?

Christine Bouvard Marty: Die Teilnahme am kulturellen Leben am Wohnort ist im ländlichen Gebiet insgesamt als hoch einzustufen, zumindest bei uns. Dies weil die Angebote vielfältig und in hoher Qualität sind. Oft hatgerade das Kriterium «klein, aber fein und im familiären Rahmen» besondere Anziehungskraft.

Die Studie nennt als grosse Herausforderung das starke Wachstum der Agglomerationen und die steigende Mobilität der Bevölkerung. Sind die ländlichen Gemeinden die Verliererinnen dieser Entwicklung?

Christine Bouvard Marty: Das Publikum ist mobiler, informierter; es lässt sich von persönlichen Interessen, auserwählten Künstlerinnen und Künstlern, Lektüren, Kritiken usw. leiten, ohne sich von Distanzen beeinflussen zu lassen. Damit ist das Publikum auch vielseitiger und unabhängiger geworden. Heute ein Besuch in der Oper in der nächsten Stadt, morgen ein Landschaftstheater oder eine Freilichtausstellung in der Natur, das ist heute selbstverständlicher.  Möglich ist dies auch dank der gewachsenen Vielfalt der Angebote. Ausschlaggebend ist oft der Erlebnischarakter und besonders die Qualität eines Angebotes. Sicher ist es in ländlichen Gemeinden schwieriger, dem Anspruch auf  Vielfalt und Professionalität nachzukommen. Gefährdeter scheinen jedoch die stadtnahen Gemeinden: Dort ist das vielfältige Angebot so nah, dass das lokale Kulturleben sehr wohl unter Druck gerät. Doch ob Landschaft, Agglomeration oder Stadt, für alle ist es zunehmend schwerer, sich auf ein Stammpublikum zu verlassen.

Wie wichtig ist eine gute Verkehrsanbindung für das kulturelle Leben in einer Gemeinde?

Christine Bouvard Marty: Gerade im ländlichen Gebiet ist die Verkehrsanbindung essenziell, insbesondere auch im Bereich des öffentlichen Verkehrs.

Wie wichtig ist Geld für das kulturelle Angebot einer Gemeinde oder einer Region?

Christine Bouvard Marty: Kulturelle Projekte können kaum selbsttragend verwirklicht werden, ausserdem bedürfen sie guter baulicher Infrastrukturen, um umgesetzt zu werden. In diesem Sinne erfüllt die öffentliche Hand eine wesentliche Aufgabe, indem sie für die Infrastruktur aufkommt und sich entsprechend dem lokalen, regionalen oder in Partnerschaft mit den kantonalen Kulturfördersystem an der Projektfinanzierung beteiligt.

Sind die Mittel in der Schweiz gerecht verteilt?

 Christine Bouvard Marty: Das kann ich nicht beurteilen.

Was braucht es sonst noch zur Förderung von Kultur? Konzepte, Leitbilder, Gesetze?

Christine Bouvard Marty:  Vielerorts sind gerade solche Instrumente in Kraft gesetzt worden oder in Erarbeitung. Damit wird die kulturelle Förderung reflektiert und zukunftsorientiert verankert, Sie unterstützen die Entwicklung ganzheitlicher Konzepte für lebendige Kulturangebote in Stadt und Land, die zum Beispiel eine umfassende Zusammenarbeit zwischen den Kantonen und den Gemeinden berücksichtigen.

Welche Bedeutung haben die Kantone für das kulturelle Angebot in Gemeinden?

Christine Bouvard Marty: Die Herausforderungen, die eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung von kulturellen Angeboten, die alle Bevölkerungsschichten ansprechen und das lokale Kulturleben fördern, mit sich bringen, sind nur in enger Kooperation zwischen den Kantonen und Kommunen zu meistern. Ein vertiefter Dialog zwischen der kantonalen und kommunalen Kulturförderung könnte helfen, die Förderaufgaben den Bedürfnissen entsprechend zu klären und gut aufeinander abzustimmen. Ergänzend zu Projektförderung wäre für viele sicher auch das Wissen der kantonalen Kulturverantwortlichen für Konzeptarbeiten und Ähnliches in den Gemeinden willkommen. Wir haben nicht immer die nötigen Ressourcen oder die Fachkenntnisse vor Ort.

Macht Kulturförderung an den Kantonsgrenzen Halt? Braucht es mehr Regionalisierung?

Christine Bouvard Marty:  Gerade Kulturangebote wirken verbindend unter den Menschen.  Einige Kantone arbeiten mit innerkantonalen Funktionsräumen und stärken das regionale und lokale Kulturleben über entsprechende Zentren. Wenn auch bereits in einigen Regionen und Kantonen interkantonale Kooperationen im Kulturbereich bestehen, so liegt hier noch viel Potentzal für die Verbindung unserer Lebensräume. Solche grenzübergreifende Räume könnten gerade sinnvoller Weise das kulturelle Angebot auf der Landschaft weiter entwickeln und bereichern.   

Die Studie des Bundesamts für Kultur und das Engeagement des Schweizerischen Gemeindeverbands

Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat zur Beantwortung des Postulats von Ständerat Hans Stöckli (19.3707) eine Studie über den «Einfluss der Urbanisierung in der Schweiz auf die Kulturförderung» in Auftrag gegeben. Im Zentrum der Studie steht die Frage, welchen Beitrag die Kulturförderung leisten kann, um den Austausch zwischen dem städtischen und ländlichen Raum bzw. zwischen verschiedenen Funktionalräumen zu verbessern und die kulturelle Vielfalt in der Schweiz zu bewahren. Der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) hat sich dafür stark gemacht, dass auch die Sicht der kommunalen Ebene abgebildet wird. Diese ist in Form von rund 30 Interviews in die Studie eingeflossen.

Christine Bouvard Marty ist Gemeindepräsidentin von Schüpfheim (LU) und präsidiert den Vorstand des Verbandes Musikschulen Schweiz. Sie hat den SGV in der vom BAK gebildeten Arbeitsgruppe vertreten.

Die Studie ist auf der Website des BAK einsehbar.